“von dort bis hier” – Zeitgenössische KünstlerInnen von der afrikanischen Diaspora in Deutschland stellen aus

Yassine Balbzioui zeichnet und malt wo er geht und steht. Schon immer. In Casablanca, Bordeaux, Berkeley, Paris, Dakar, und Berlin. Es ist eine natürliche Handlung für ihn, wie Aus- und Einatmen. So ist er in permanentem Austausch mit dem Raum, der ihn umgibt. „Ich brauche Raum und den gibt es in Berlin, so wie in Marokko“ sagt er. „Hier kann ich atmen. Es gibt hier freien wilden Raum. Ich habe hier auch schon viele Füchse gehesen. Für mich ist es wichtig, diese Art von Freiheit in einer Stadt zu finden.“

Am 26. Januar eröffnet Yassine Balbziouis Ausstellung „PARADE“ in der GALERIE LISTROS. Sie ist der Auftakt der Ausstellungsreihe „von dort bis hier – Künstlerische Reflexionen translokaler Autobiografien“. Hier setzen sich bis April 2013 elf KünstlerInnen aus der afrikanischen Diaspora mit ihrer biographischen Herkunft künstlerisch auseinander und führen einen Diskurs über ihre persönlichen Erfahrungen und Prägungen in zwei Kulturen.

Vernissage: Yassine Balbzioui PARADE
Donnerstag, den 26. Januar, 19 Uhr
GALERIE LISTROS
Kurfürstenstrasse 33, 10785 Berlin

 

Mit dabei sind zum einen KünstlerInnen wie El Loko, Mansour Ciss, Manuela Sambo, David Amaechi Dibiah und Ivor Sias, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Zum anderen beteiligen sich KünstlerInnen, die erst in den vergangenen Jahren Deutschland als Lebensort gewählt haben wie Christophe Ndabananiye, Engdaget Legesse oder Dalila Dalléas Bouzar. Auch der Aspekt, in der zweiten Generation zwar afrikanische Wurzeln zu haben jedoch in Deutschland aufgewachsen zu sein, wird mit der Präsentation von Werken des Afro-Deutschen Künstlers Ransome Stanley berücksichtigt.

Die Biografie jedes Menschen ist prägender Bestandteil seiner Existenz. Individuelle zwischenmenschliche Begegnungen und Erfahrungen sowie kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten definieren seine Persönlichkeit und Sicht auf die Welt. Insbesondere KünstlerInnen schöpfen in ihrem kreativen Schaffensprozess häufig aus den eigenen biografischen Erlebnissen.

So zeigt Christophe Ndabananiye unter anderem „schlafende Menschen“, eine Serie von Zeichnungen. „Ich habe sehr viele Menschen so liegen sehen, tot, und ich wünschte, sie würden schlafen,“ sagt Christophe Ndabananiye. „Ich setze mich mit Vergangenem oder Gegenwärtigem auseinander und halte dies mittels unterschiedlicher künstlerischer Medien fest.“

Für einige KünstlerInnen eröffnet die Außenperspektive auf ihre afrikanische Heimat einen Raum der Untersuchungen und Entdeckungen, der von Neu- oder Deplatzierung geprägt ist.

„In meiner Arbeit als Künstler habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren verschiedene Einflüsse aufgesaugt und verarbeitet, nach dem gesucht, was meine Bilder zu dem Besten von mir selbst macht,“ erklärt Engdaget Legesse sein Konzept der „Empty Spaces“. „Ich habe meine alten Bilder übermalt. Es sind neue „leere Räume“ auf den alten Leinwänden entstanden.“

Nicht immer verweisen die Arbeiten der teilnehmenden KünstlerInnen offensichtlich auf Motive afrikanischer Kulturen oder kommentieren sozio-politische Begebenheiten auf dem Kontinent. In „von dort bis hier“ geht es vielmehr um die Art und Weise, wie der persönliche Lebensweg zwischen verschiedenen Kulturen die Arbeit der KünstlerInnen prägt, was die jeweiligen KünstlerInnen ausmacht. Ihr individuelle Werdegang ist dabei eine Leitlinie.

So stellen Manuela Sambo und Daniel Sambo-Richter in ihrer Ausstellung „Magnetfeld“ ihre künstlerischen Positionen gegenüber. Durch die langjährige Auseinandersetzung mit der Arbeit des jeweils anderen, sieht das Künstlerpaar Gemeinsamkeiten, die auf den ersten Blick für den Außenstehenden nicht deutlich sind. Damit geht es in ihrer Ausstellung auch um einen starken und fast intimen Dialog der Kulturen mit den Mittel der Kunst, der Malerei.

Mit der Ausstellungsserie „von dort bis hie“ erweitert die GALERIE LISTROS ihr Konzept, das seit der Gründung 2003 zu einem Perspektivwechsel auf das gängige Afrikabild einlädt. Themenbezogene Schwerpunkte wählend arbeitete sie bisher hauptsächlich mit nicht-afrikanischen KünstlerInnen in Deutschland, die sich mit afrikanischen Themen auseinandersetzen. Eine wichtige Frage hierbei war immer wieder: „Wie schafft es Kunst, eine gesellschaftliche Realität durch unterschiedliche Strategien zu reflektieren?“

Diese Frage beschäftig auch einige der Diaspora KünstlerInnen. In „Think Traces“ bezieht sich David Amaechi Dibiah auf das Prinzip der „Zero Spiral“ von den Mathematiker Lere O Shankunle und will die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Handelns und Regierens aufzeigen. Nicht nur in Afrika sondern weltweit.

„Themen wie Unterdrückung, Ignoranz, Identität, Religion, Umweltmanagement dürfen und sollten keine Problemfelder mehr sein. Völkerwanderungen, die in der Geschichte der Menschheit schon immer stattgefunden haben, müssen positiv gesehen werden, denn sie sind eine Chance zur Weiterentwicklung,“ betont David Dibiah. “Was wäre denn zum Beispiel Berlin heute ohne die Sueben namens Semnonen, ohne die slawischen Stämme, die sich damals hier niedergelassen haben?“

 

PALLASSEUM PORTRAITS

EIN FOTOGRAFISCHES AUSSTELLUNGSPROJEKT VON NORMAN BEHRENDT, OLE JENSSEN, CAROLIN MEYER, TOBI MORAWSKI UND SZILVIA SZTANKOVITS

20.—29. Januar 2012

Offizielle Eröffnung mit Stadträtin Sibyll Klotz:
20. Januar, 17 Uhr
am Pallasseum, Treffpunkt vor dem VorOrtBüro des QMs, Pallasstraße 5
Vernissage: 20. Januar, 19 Uhr
Galerie Walden - Potsdamer Strasse 91 – 10785 Berlin

Zeitgleich wird eine Auswahl großformatiger Porträts direkt am Pallasseum an Der Galerie über der Pallasstraße im öffentlichen Raum zu sehen sein.

Mit Gastautor Daniel Klemm (Pressemitteilung)

Ähnlich anderen großen Wohnungsbauprojekten wie etwa die ‚Cité Radieuse’ in Marseille, das ‚Edifício Copan’ in São Paolo oder das ‚Barbican’ in London ist das sogenannte ‚Pallasseum’ in Berlin-Schöneberg ein Ort, dessen architektonische Form und Konzeption dem Zusammenleben der dort lebenden Menschen außergewöhnliche Rahmenbedingungen bietet. In dem in den späten 1970ern von Jürgen Sawade errichteten Gebäudekomplex, der mitunter als sozialer Brennpunkt in die Schlagzeilen geriet, treffen ca. 2.000 Menschen zahlreicher Kulturen, Religionen und sozialer Schichten auf engstem Raum aufeinander, wobei eine bunte Mischung unterschiedlicher Lebensentwürfe und –vorstellungen ihren Platz finden.

Gleichzeitig hat sich in den vielen Jahren ein Nachbarschaftsfeeling entwickelt, dass die StudentInnen Ole, Tobias, Norman, Szilvia und Carolin von der Fachhochschule Potsdam nicht erwartet hatten, als sie sich im Wintersemester 2010/11 die Potsdamer Straße als Lehrobjekt auserkoren. Dennoch bemerkten sie sehr schnell, dass im Pallasseum Nachbarschaft groß geschrieben wird. „Wir waren extrem überrascht über die Offenheit der Leute,“ sagt Norman. „Manche haben uns gleich nach Hause eingeladen. Es ist einfach großartig, dass sie uns so viel Vertrauen geben.“

Deshalb kamen sie im Frühsommer 2011 zurück und widmeten sich den Bewohnern des ‚Pallasseums’ . Im Kaffee Klatsch und auf dem Parkhausdach bauten sie ein Fotostudio auf. Die Möglichkeit, sich professionell ablichten zu lassen sprach sich durch Mundpropaganda sehr schnell herum und bald waren die jungen Fotograf/innen überall bekannt. Wenn sie dann mal nicht so viel zu tun hatten, standen sie im Hof und redeten mit den Pallasseumbewohner/innen. Wie man es unter Nachbar/innen halt so tut.

Letzendlich fertigten sie hunderte von Porträts an. Darauf sind Frauen, Männer und Kinder aus allen Altersklassen und Kulturkreisen zu sehen, die im Gebäude leben und arbeiten. Es entstand eine einzigartige Sammlung von Porträts, welche annähernd die bunte Vielfalt der dort lebenden Menschen verdeutlicht.

Eine Auswahl dieser Arbeiten ist in der Ausstellung ‚Pallasseum Portraits’ zu sehen. Sie zeigt einen charakteristischen Querschnitt der Menschen, welche diesen besonderen Ort in Berlin prägen. Im Unterschied zum alltäglichen Nebeneinander, bei dem Nationalität, Religiosität, äußeres Erscheinungsbild und politische Ausrichtungen weiterhin als wesentliche Bestimmungs- und Abgrenzungsmerkmale im Zusammenleben der Bewohner angewendet werden, stellen die Fotografien mit ihrer einheitlichen Ästhetik die Porträtierten auf ein und dieselbe Ebene. Durch diese Betrachtungsweise nivellieren sich zunächst die vordergründigen Unterschiede und geben jeder/jedem Einzelnen die gleichberechtigte Aufmerksamkeit, die ihr/ihm zusteht.

Mit ihrem Projekt haben die Fotografen ein nahezu umfassendes Abbild der aktuellen Bewohnerschaft des ‚Pallasseums’ geschaffen und geben so Einblick in die internen Strukturen des Wohnkomplexes. Es ist damit die Dokumentation der modellhaften Durchmischung von Wohnquartieren, eines sozialen Experiments, welches trotz seiner potentiell problematischen Implikationen aufgrund des Engagements seiner Bewohner mehr oder minder zu funktionieren scheint. Das ‚Pallasseum’ ist somit ein Ort des Nebeneinanders, welches zwar nicht immer reibungslos verläuft, bei dem sich jedoch zeigt, dass sich die beteiligten Kulturen miteinander arrangieren können. Das Projekt selbst hat mit seinem kommunikativen Ansatz zu diesem Miteinander beigetragen und Berührungsängste der Bewohner – sowohl untereinander als auch mit dem Medium der Fotografie – abgebaut.

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Fotografengruppe

” Das Projekt wurde gefördert mit Mitteln aus dem Programm Soziale Stadt, Quartiersmanagement Schöneberger Norden und der Pallasseum Wohnbauten KG. “

Fühlen sich alle Leute in Berlin auch so wohl, wie ich?

Polen an der Kurfürstenstraße

von HU-Gastbloggerin Kristina Lapickaja

Wenn man durch die Kurfürstenstraße läuft, sieht man verschiedene Leute da und stellt sich sogar viele Fragen. Eine der Fragen, die ich mir sogar gestellt habe, war:
- Fühlen sich alle Leute in Berlin auch so wohl, wie ich?
Sofort habe ich erfahren, dass an dieser Straße sich eine besonders große Seele den Polen steckt. Da in meinem Land, in Litauen, es auch viele Polen gibt, dachte ich mir, dass die Geschichte, Kultur und das Leben den Polen hier in Berlin und in Litauen für mich besonders interessant und wichtig ist. So fange ich zu recherchieren an.
Ich fing mit den Daten und Fakten an. Für mich war besonders interessant, ob in Litauen wirklich so viele Polen wohnen, wie es immer gesagt wurde. Meine Recherheergebnisse zeigten, dass in Litauen, stand 2011 , 3.225.246 Menschen wohnen und aus allen Leuten, 205.000 sind Polen. Das ist ein bisschen mehr als 6,3% der Population des Litauens. Im Jahr 1959 waren in Litauen sogar 8,5% der litauische Bevölkerung die Polen. Die meisten Polen wohnen in Vilnius, in der Hauptstadt des Litauens, so dass im Jahr 2001 waren in Vilnius schon 25,4% Polen von die ganze Population der Stadt. Ich dachte nie, dass es so viele Polen in Litauen wohnen, deswegen will ich jetzt noch mehr über die ganze polnische Geschichte und Kultur erfahren.

Demnächst habe ich über die Polen in Berlin recherchiert. In Berlin sind 3.471.756 Leute und erstes, was mich überrascht hat, dass das sind mehrere Leute als in das ganze Litauen! Bald habe ich erfahren, dass fast 200.000 Menschen mit polnischen Wurzeln in Berlin leben. Das sind fast so viele Leute, wie auch in meinem Land.

Bald habe ich die Polonia-Berlin Seite gefunden. Das ist eine Internet-Seite, wo es die ganze Information gibt, was und wo in Berlin stattfindet. Sie ist leider auf Polnisch, aber sieht so interessant aus, dass ich auch langsam die polnische Sprache lernen wollen werde.

Ich habe weiter über die polnische Kultur recherchiert und habe die Internet-Seite von der polnische Kultur in Berlin gefunden. Vom 9. September bis zum 9. Oktober findet in Berlin “Polonia Viva” an der Kurfürstenstraße 137 statt. Das sind die Kulturtage, wo jeder die Kultur den Polen besser kennenlernen kann und wo verschiedene polnische Künstler seine Talente zeigen.

Imbiss

Um mehr über die polnische Kultur zu erfahren dachte ich mir, dass ich den polnischen Imbiss an der Kurfürstenstraße besuchen muss. So habe ich noch mich an die Reise durch Polen erinnert. Als ich und meine Eltern in Polen waren, besuchten wir das polnische Restaurant. Da ich was richtig polnisches probieren wollte, habe ich die Suppe, die Flaki, oder eventuell Flaczki heißt, bestellt. Das ist die meist leicht gebundene Suppe aus Kutteln, die einen sehr guten Geschmack hat, deswegen stand  ich an einen wunderschönem Morgen auf und nachdem ich fertig war, ging ich aus meinem Zuhause direkt zu dem U-Bahn. Nach 15 Minuten und einem Umstieg  war ich schon im U-Bahnhof Kurfürstenstraße und ging die Treppen hoch, zur Kurfürstenstraße. Erst habe ich den Imbiss nicht gemerkt, aber die gelbe Farbe von das Wagen lasste mal sich schnell erkennen. Als ich zum Wagen kam, habe ich gesehen, das der Imbiss leider zu war und ist erst ab 10.00 geöffnet.

Nach einige Sekunden sah ich eine kommende Frau, die auch da irgendwas bestellen wollte, aber Sie merkte sofort auch, dass der Imbiss zu ist. Ich fragte Sie, ob Sie sich da oft was polnisches kauft, Sie antwortete sofort, dass Sie die polnische Küche oft mit Ihrer Familie genießt und wollte heute sich irgendwas an dem Tag vor der Arbeit kaufen. So ging ich die Kurfürstenstraße weiter gerade aus.

VOX-Möbelhaus

Wenn man durch die Kurfürstenstraße weiter geht, sieht man rechts die Genthinerstraße. Und wenn man weiter durch die Genthinerstraße geht, sieht man links den VOX-Möbelhaus, der auch polnisch ist.

Stanisław Dróżdż

Da ich da früh war, war das Möbelhaus auch zu, aber durch das Fenster konnte man sich die schöne Möbel anschauen. Auf dem Fenster habe ich einen Plakat über die Ausstellung von dem polnischen Künstler Stanisław Dróżdż gemerkt. Die Ausstellung findet vom 14. September bis 25. November in die Guardini Galerie statt.

Danach, um die Antwort auf meine Hauptfrage zu kriegen, habe ich dem vorsitzenden des Polnischen Kongresses, Wieslaw Lewicki, die Fragen gestellt. Meine allererste Frage, auf der Antwort ich gespannt war, war ob sich heutzutage viele junge Leute für seine polnische Würzeln interessieren und ob auch viele zu den polnischen Veranstaltungen kommen. Die Antwort auf die Frage hat mich sehr gefreut, da Herr Lewicki antwortete:

- Aus meiner Erfahrung Junge Leute polnischer Abstammung kommen gerne zu Veranstaltungen und haben Interesse über eigene Herkunft mehr wissen.

Meine nächste Frage war:

– Wie fühlen Sie sich in Deutschland? Würden Sie jetzt, wenn es möglich wäre, nach Polen zurückkommen?

Da habe ich auch eine strikte Antwort gekriegt:

- Deutschland ist für die eine neue Heimat geworden und durch europäische Vereinigung Polen ist gesehen als zweite Heimat. Sie denken dann nicht mehr über einen Rückert. Vielleicht im Falle einen Job zu bekommen wird es dann überlegt, wobei internationale Projekte sind interessant.

Danach habe ich mich hundertprozentig überzeugt, dass alle Polen
sich in Deutschland auch genau so wohl fühlen, wie ich – Sie besuchen die deutsche und auch die polnische Schulen, Universitäten, Sie interessieren sich sowohl auch für die polnische Kultur, Sie haben sich da fest bewohnt und sie genießen einfach das Leben.

Poetische Potse – Teil 4 und Ende – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU
Fortsetzung vom 1. Oktober 2011

In allen Farben schillern wir die belebte Potsdamer Straße in südliche Gefilde hinunter, zwar nicht bis Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, aber doch bis zur Ecke Kurfürstenstraße. Nicht nur Joseph Roth, sondern auch unser zeitversetzter Audio-Guide Walter Benjamin emigriert zu düster weltkriegerischer Zeit nach Frankreich, nachdem er seine Kindheit in Berlin-Tiergarten verbringt. Am Magdeburger Platz wird er in die Welt geworfen und zieht nach einem Jahr – bis etwa zu seinem siebten Lebensjahr – in die Kurfürstenstraße 154. Angekommen am Hort seiner kostbaren Kindheit benötigen wir ja die Kopfhörer nicht mehr, setzen sie ab, und fast ist es so, als hörten wir weiter eine Stimme zu uns über erste erotische Erfahrungen oder das unvergleichliche Flair der umliegenden Treppenhäuser sprechen. Schweift der Blick nach rechterhand sieht man sie wieder stehen; hochbehackte Frauen osteuropäischer Herkunft. Auch der mittlerweile in die Adoleszenz gekommene Benjamin kann, libidinös erweckt, der geschlechtlichen Versuchung nicht widerstehen: „Stunden konnte es dauern, bis es dahin kam, auf offener Straße eine Hure anzusprechen. Das Grauen, das ich dabei fühlte, war das gleiche, mit dem mich ein Automat erfüllt hätte, den in Betrieb zu setzen, es an einer Frage genug gewesen wäre. Und so warf ich denn meine Stimme durch den Schlitz. Dann sauste das Blut in meinen Ohren und ich war nicht fähig, die Worte, die da vor mir aus dem stark geschminkten Munde fielen, aufzulesen. Ich lief davon, um in der gleichen Nacht – wie häufig noch –
den tollkühnen Versuch zu wiederholen. Wenn ich dann, manchesmal schon gegen Morgen, in einer Toreinfahrt innehielt, hatte ich mich in die asphaltenen Bänder der Straße hoffnungslos verstrickt, und die saubersten Hände waren es nicht, die mich freimachten.“

Noch kurz heften wir den Hausgeistigen ans Klingelbrett – wäre es nicht reizvoll in einer Welt ohne Argwohn das Anheften eines Familienbildes an den Klingelschildern zur Regel werden zu lassen? Wie unendlich spannungsvoll, persönlich, und über-raschungsfreudig wäre dies wohl? Natürlich ist die Welt, wie sie ist, aber solange man noch träumen darf, ist auch nichts verloren.
Die Spannung von Faktizität und Utopie ist auch der inhaltliche Dreh- und Angelpunkt der Poesie Nelly Sachs’: Nun endet also unser Labyrinthengang mit einer Nobelpreisträgerin, der sich eigens ein nach ihr benannter Park gewidmet hat, den man fußläufig von Walter Benjamin straßenabwärts rechts liegen findet. Abendsonne, Wasserreflexionen, Vogelgeschrei vom Zoo herüber, Lärm aus den unter der U1-Trasse befindlichen „Akademischen Bierhallen“, wo vor hundert Jahren der Berliner Bär steppte, und die sich nunmehr in ein tristes Wohnhaus verformt haben. Und dieses Etablissement am Ende der Straße des Benjamin, dem die Universität die Habilitation nicht anerkennen wollte, denken wir. Dies ist wohl der Preis dafür, dass sie ihn einhundert Jahre später mit Vorliebe zitiert.
Nelly Sachs – eine Dame mit schwarzer Haube und schönen Augen – können wir im Parke allerdings nirgendwo erspähen. Lediglich einen Stein mit ihrer Namensgravur sitzt gemütlich auf der Wiese. Ein Mann hastet an uns vorüber zur nahegelegenen Bahnstation hin, erblickt unsere suchenden Köpfe und ruft uns, rückwärts vorwärts laufend, zu: „Wenn sie Nelly Sachs suchen – die ist in Schweden. Ich fahre sie heute besuchen…“ Schöne Grüße! – irgendwie kommt uns der Mann bekannt vor; seine hohe, eindringliche Stimme und sein stechschwarzes Augenpaar erinnern an Paul Celan.
Mit buchstäblich einem der letzten Flüge entgeht Nelly dem sicheren Fall ins Grab, als sie mit ihrer Mutter 1940 nach Stockholm flieht, und dem bereits ausgestellten Deportations-Befehl nicht Folge leistet. Nationalschriftstellerin Selma Lagerlöf hatte es der fünfzehnjährigen Nelly angetan, ein jahrelanger Briefwechsel und eine zentrale geographische Veränderung der Lebenslinie nehmen ihren Lauf. Ihren unbekannten Geliebten muss sie in Deutschland zurücklassen und ihn dem Sterben im Konzentrationslager überantworten. Es ist bezeichnend für den Charakter Nelly Sachs, dass die akribisch detektive Forschung es nicht vermocht hat, den Namen ihres „toten Bräutigams“, aus dessen Tod ihre „ganze Dichtung erwachsen ist“, zu ermitteln, denn das mystische Nicht-Sagen, Aussparen und Verschweigen gehört ganz fest zu ihrem Wer, welches hier an die Negative Theologie gemahnt. „Aus dem Schweigen“ erstehe die Kraft, die der Schöpfung und sämtlichen Lebenslinien ihren Lauf gibt. „Im Park Spazierengehen – /die Eingeweihten/ nur vom Stimmband des Blitzes aufgeklärt/ an den Kreuzwegen das unbeschriebene Pergament/ der Schöpfung einatmend/ wo Gott wie ein fremder Saft im Blute/ seine Herrlichkeit anzeigt.“

Auch diesen Gott durften wir heute schließlich noch kennenlernen, umrankt von letzten Abendstrahlen, die perlweinerne Flasche grundlos immer von neuem mit rauschhafter Poesie leerend. Flankiert von allen Köpfen, Lasker-Schüler, Wedekind, Arno und Joseph Roth, die heute über unseren Weg rollten, setzen wir uns freigeistig in Richtung Nelly Sachs’ Geburtshaus in der Maaßenstraße in Bewegung, und fast ist es so, als hörte man sie allesamt Wörter biegen, als hörte man zwanzig Radiosendungen gleichzeitig. Mal spielt sich die eine Stimme in den Vordergrund, bald eine andere, teils singen sie Duett. Am Nollendorfplatz sehen wir wieder die Kinder mit den Schulmappen rennen „Hier ist aus einem Kellerlokal einmal ein Betrunkener  auf die Kinder zugetorkelt und hat sie gestreichelt und dann plötzlich geschlagen, ein weinig weiter, auf dem Platz schon, ist gerade neben ihnen eine Frau zusammengebrochen, eigentlich in sich zusammengesunken, kreideweiß, knochenlos und die rasch herbeigeeilten Erwachsenen haben die Köpfe geschüttelt, haben Hunger, nichts als Hunger gemurmelt und nach der Polizei gerufen.“
Wir können die Kinder nicht mehr weit verfolgen, denn „hier biegen sie schon in die Kleiststraße und rennen wieder, aber mit aufmerksam nach links gewendeten Köpfen, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem die rote U-Bahn aus der Tiefe auftaucht oder sich vom hohen Damm in die Tiefe hinabstürtzt, der Station Wittenbergplatz zu.“ Die in sich zusammensinkende Frau und die zahllosen sich vor dem Bahnhofsgebäude verlebenden Obdachlosen haben den eben noch in seiner vollen luziden Größe vor unserem inneren Auge oszillierenden mystischen Gott binnen Sekunden aus unserem Bewusstsein gedrängt, und eine andere Stimmkurve schallt mehr und mehr angesichts des grauen omnipräsenten Unglücks durch unsere angefüllten Köpfe – die Georg Heyms, die den Tauben Gehör und den Stummen Rede schenken möchte. Ganz einhellig stimmen wir zu und ein, in das Stimmengeflecht, das sich wie von fern gesteuert auf unsere Stimmbänder überträgt, und wir unwillkürlich zu Mitpoeten werden, die Ganzheit unseres momentanen und geistigen Gesichtsfeldes zu Worten gerinnen lassend, klagt auch der andere Gott, oder seine tiefschwarze Seite ihr Recht ein: „dort flattern und schwingen sie/ mit müdem und doch so nervösem/ flügelschlag und warten dass ihnen/ die zwölfteste stunde schlägt –/ die tauben vom nollendorfplatz/ laut dröhnend lachend sitzt er/ hoch oben auf seinem thronigen/ turm umrauscht von schwarzen/ günstlingen krähend verkünden/ sie sein credo – gott der stadt/ taubstumm unterwerfen sich alle/ tauben seinem richtspruch, sie die/ immer untergeben sind stimmlos/ vergebens hausen sie unter eisernen/ unterführungen und ducken/ geworfenheitig unter gottes/ führung ihr haupt/“

Die Wellen der Stimmenflut interferieren, das Knäuel umspannt uns in Lebenslinien und Stimmfetzen wie einen Kokon, auf der obersten Schallwelle wellenritten wir noch bis ganz in den Moment selbststimmig mit, die Stimmenflut zieht wie ein Gewitter weiter ins Nirgendwo, verhallenderweise setzt sie sich wie ein Tee-Satz in unsere sandbänkenen Köpfe ab und wir, – wir kehren unterdes gedankenversunken Heym.
unter Verwendung von „Literarisches Berlin“ Michael Bienert, Verlag Jena1800.
Ende

Wer sind die Aramäer der Potsdamerstraße 94?

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien und das Volk der christlichen Aramäer.

von HU-Gastbloggerin Dafni Ragousa

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien in der Potsdamerstraße 94

In der Potsdamerstraße 94 taucht vor mir eine große weiße Kirche auf, mit der Aufschrift „Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien“. Ich bin sofort verwirrt, denn das kommt mir sehr widersprüchlich vor. Syrien, ein arabischer Staat;  Antiochien, die heutige türkische Stadt Antakya, und Christentum? Was könnte der Zusammenhang sein? Ich entscheide mich mit dem Pfarrer der Gemeinde zu treffen um mehr herauszufinden.

Antiochien ist der alte Name der türkischen Stadt Antakya, die sich an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei befindet, im sogenannten Kleinasien. Es war die frühere und seit Jahrhunderten Hauptstadt Syriens, wurde aber nach dem ersten Weltkrieg von dem Türkischen Staat übernommen. In Antiochien wurden die Anhänger von Jesus Christus zum ersten Mal Christen genannt. 

 

Heutzutage wohnen in Antakya vorwiegend türkische Muslime. Die Christen machen nur noch 0,2 % der Bevölkerung aus. Eine dieser christlichen Minderheiten sind die Syrisch-Orthodoxen. Ihre Sprache, syrisch-aramäisch, war die Sprache im antiken Syrien; die Sprache, die Jesus Christus gesprochen hat.

Der Gottesdienst

In der westlichen Diaspora wohnen sie überwiegend in Deutschland und in Schweden. Sie kamen nach Deutschland als Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren. Momentan gibt es in Deutschland etwa 40 bis 60.000 syrisch-orthodoxe Christen. 500 Familien von ihnen wohnen in Berlin. Viele Kinder sind hier geboren und beherrschen die deutsche Sprache besser als ihre eigene Muttersprache. Man fragt sich deswegen, ob eine Übersetzung des Gottesdienstes ins Deutsche, der eigentlich noch in der aramäisch-syrischen Sprache stattfindet, sinnvoll wäre.

Denn ein Gläubiger findet nur dann einen vollkommenen Zugang zu den Gebeten und Liedern, wenn er die Sprache beherrscht. Es ist deswegen wichtig eine Lösung dieser Problematik zu finden, weil die Syrisch-Orthodoxe Kirche nun weithin zu einer Kirche in fremden Ländern geworden ist. Und das ist darauf zurückzuführen, dass sie in ihrem historischen Herkunftsland an ihrer Religionsfreiheit gehindert sind.

Syrische Christen und Muslime sind zwar die längste Zeit Nachbarn gewesen. Es gibt allerdings ziemlich viele Probleme, denn die Situation der christlichen Minderheiten in der heutigen Türkei ist sehr unsicher. Religions- und Sprachunterricht ist dort verboten. Die Aramäische Sprache dürfen sie nicht sprechen und alle müssen als türkische Staatsbürger die Türkische Sprache lernen. Wegen der Gewalt trauen sie sich ferner nicht öffentlich das christliche Kreuz um den Hals zu tragen.

In Syrien dagegen sind diese Christen frei ihre religiöse Tradition auszuüben. Die Mehrheit der Syrer besteht zwar aus Muslimen, sogenannte Sunniten, und die Christen bilden nur eine Minderheit von ungefähr 2 Millionen. Die Regierung besteht jedoch aus muslimischen Alewiten, die sehr freundliche Beziehungen zu den syrischen Christen haben. Deswegen ist es den Aramäern dort erlaubt, aramäisch auch in der Schule zu lernen. Die Hauptsprache Syriens bleibt jedoch arabisch, denn es ist ein arabischer Staat.

Das Patriarchat in Damaskus

Die Syrisch-Orthodoxen sind „Monophysiten“, oder besser gesagt „Miaphysiten“ (aus dem griechischen Wort „monos“ oder „mia“, dass „einziger“ heißt). Sie nehmen an, dass Jesus Christus Gott und Mensch gewesen sei, im Unterschied zu den griechisch-orthodoxen, die diese zwei Naturen nicht als vermischt ansehen und wobei keine dominanter als die andere ist. Das hat im Jahre 451 n.Chr. zu einer Kirchentrennung im Vorderen Orient geführt, die zur Existenz einer selbständigen Syrisch-Orthodoxen Kirche neben der „griechisch-orthodoxen Kirche“ geführt hat. Für jede dieser Kirchen gibt es zwar ein eigenes Patriarchat. Hier werden die Bezeichnungen jedoch nicht wirklich getrennt, denn der Patriarch der „Syrer“ (gemeint sowohl griechisch-orthodoxe als auch syrisch-orthodoxe), Ignatius Zakka, der seinen Sitz nunmehr in Damaskus hat, trägt die Amtsbezeichnung „Syrisch-Orthodoxer Patriarch von Antiochien und des ganzen Osten“.

Hier in Deutschland fühlen sie sich frei und freuen sie sich darüber, dass sie einen Ort gefunden haben, wo sie ihre Religion ohne Angst ausüben können. Mittlerweile wird der Verein „Syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien in Berlin e.V.“ von vier Gemeinden in Berlin getragen (Tiergarten-Süd, Wedding, Charlottenburg und Neukölln). Hier in Berlin hält sich die Gemeinde dadurch zusammen, dass sie einen Frauenverein, ein Mädchenchor, einen Fußballverein gegründet hat und 3- bis 4-mal in der Woche Aramäischkurse anbietet.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei dem Pfarrer der Gemeinde, Herrn Murat Üzel, und dem Theologen Dr. A. Mustakis für das freundliche und anregende Gespräch bedanken.

Die Potse im Schatten der Heiligen

Über den Bilderzyklus „Nine Saints of Ethiopia“ von Robert Weber in der GALERIE LISTROS

Von HU-Gastbloggerin Maria Buro-Witzik

Schaut man aus dem Fenster der GALERIE LISTROS dorthin, wo die Kurfürstenstraße sich mit der Potsdamer trifft, versteht man vielleicht, was der Philosoph Emil M. Cioran meint, wenn er in seinem Werk Im Schatten der Heiligen von „Gelegenheitswelt“ spricht. Alle paar Meter wartet die Gelegenheit, seinen Herzenswünschen nachzugeben: billiges Essen ohne Ende, billige Textilien, billiger Sex, Kaffee in Pappbechern und andere Mittel, um die Sehnsüchte eine Seelenetage tiefer nicht laut werden zu lassen.

Heim- oder Fernweh – Zeitdruck oder Nutzlosigkeit – Angst vor dem Altern – Beziehungskrisen, wer kennt das nicht? All diese Probleme beschert uns unsere Menschenwelt, weil sie gegliedert ist in Zeiten und Räume. Die Heiligen sind dieser begrenzten Gelegenheitswelt entschwebt, haben ihr Leben lange vor uns vollendet. Trotzdem senden sie uns eine Botschaft aus ihrer Heiligenwelt: Weiten wir unseren egozentrischen Blick auf die Schicksale anderer Menschen, scheinen unsere Schwierigkeiten oft lächerlich und gleich viel erträglicher.

Gemälde "San Antonio"

"San Antonio" weicht der neuen Ausstellung in der Galerie LISTROS

Den Blick weiten kann die Kunst, und genau das geschieht hier oben in der Galerie zu Ausstellungszeiten. Jetzt in der Zeit zwischen zwei Ausstellungen steht das Bildnis des Hl. Antonius, welcher als Begründer des christlichen Mönchtums gilt, allerdings dort, wo er sich zu Lebzeiten am wohlsten gefühlt hat: abseits allen Trubels in einer stillen Ecke. „Was ist das?“, wundere ich mich als bekennende Kunst-Nichtversteherin. „Das ist ungegenständliche Malerei“, erklärt mir dessen Schöpfer Robert Weber, Cioran-Verehrer und Künstler mit sakraler Thematik, trocken.

Moderne Kunst trifft Traditionsbewusstsein

Während einer Künstlerreise durch Äthiopien setzt Weber den Neun Heiligen des Landes ein künstlerisches Denkmal. Auf Initiative der LISTROS Galerie treffen deutsche und äthiopische Künstler zusammen, lassen sich auf einander ein. So nimmt sich Weber vor, sein Kunstwerk nur mithilfe der Dinge, die sich im Land auftreiben lassen, zu kreieren.

Gemälde "Glaube, Liebe, Hoffnung"

"Glaube, Liebe, Hoffnung" mit aufgeklebter Bibelseite ganz unten

Auf zwölf Weißbleche, die in ihrer Heimat eigentlich zum Hüttenbau bestimmt waren, malt er mit stinkenden chinesischen Industrie-Lackfarben die neun äthiopischen Kirchenväter. Der Offenheit und Neugier der deutschen Künstler steht das Traditionsbewusstsein der äthiopischen Studenten gegenüber. „Für ein Bild zu den christlichen Tugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung”, sagt Robert Weber, “habe ich die Seite mit der Bibelstelle aus einer Bibel ausgerissen, aufgeklebt und mit Farbe überkippt. Da waren unsere äthiopischen Begleiter entsetzt.“

Die Heiligen lassen sich verewigen

Gleich einem Wunder kam das Thema zu Weber, nämlich in Gestalt Abba Gabriels: Noch vor dem Morgengrauen saß der Klostervorsteher eines Tages vor ihrem Reisebus. Gegen die Regel des äthiopischen Fahrers, keine Fremden zu transportieren, nimmt die deutsche Künstlergruppe den heiligen Mann in ihren Bus auf. Als Dank führt der Mönch die interessierten Besucher in einige Klöster ein.

Abba Gabriel

Abba Gabriel

Zur Verwunderung der Deutschen werden hier hunderte Jahre alte Kodizes zur täglichen Bibellektüre genutzt, während sie in Europa schon längst in den großen Museen als Zeuge einer frommeren Welt herumlägen. Überhaupt scheint der Gottesglaube hier noch ursprünglicher zu sein. „Im Heimatkloster von Abba Gabriel befindet sich in einer Felsenhöhle das Grab des legendären Königs Yemrehana Krestos aus dem 11. Jh. Dieses soll man dreimal betend umrunden, dann zeigt Christus dir den Weg, haben die Mönche erzählt. Das habe ich gemacht“, erzählt Weber. Daraufhin ist im Foyer der Addi Abeba University of Fine Arts and Design sein Bilderzyklus „Nine Saints of Ethiopia“ entstanden.

Gelbe Wolltücher sind bis heute das typische Attribut des im Land weit verbreiteten Mönchstums. Abba, Vater, werden die Heiligen genannt. Einer Gewissensentscheidung wegen müssen sie im 6. Jh. die Heimat verlassen, verbrüdern sich in Ägypten und kommen mit der berühmten Pachomiusregel hierher. Trennen sich wieder und gründen überall im Land Klöster, die man heute noch besuchen kann. Auf den fruchtbaren Inseln des Tanasees stehend, in Lalibela und überall im Norden des Landes in Felsen eingehauen setzen sie ein Zeichen der Beständigkeit in einer Gelegenheitswelt.

Die Heiligen erreichen die Hauptstadt

Nun stehen sie hier oben an der Berliner Kurfürstenstraße, die Neun Heiligen Äthiopiens. Erzählen jedem, der Augen zum Von-sich-selbst-wegblicken hat, ihre Geschichte. Schade, dass man die Blechtafeln von dort unten nicht sieht. Die Heiligenbilder sollten in der Gelegenheitswelt da unten Gelegenheit zum Wirken bekommen, mit der Sonne im Rücken ihren Schatten runter werfen. Die herkömmlichen Bilder unten auf der Straße lenken den Blick auf das, was man gerade nicht hat – aber haben sollte. Diese abstrakte Kunst kann analog zur Funktion der Heiligen den Blick ihres Betrachters weiten auf das, was man gerade nicht ist – aber werden kann.

Heiligkeit ist die Genialität des Herzens“, meint Cioran. Die Kraft, die im Herzen entsteht, ist aber die Liebe.

Flinke Finger statt fiese Fäuste. Musik an der Allegro-Grundschule

von HU-Gastbloggerin Katarina Wagner

Musik macht Kinder selbstbewusst. Musik macht Kinder schlau. Musik macht Kinder sozial kompetent. Das sind die oft angeführten Ergebnisse von diversen Studien zur Auswirkung von Musikerziehung. Allerdings kann es doch etwas anstrengend für ein Kind sein, wenn es eigentlich mehr Lust hätte, frei zu spielen. Umso besser erscheint also die Idee, Musikunterricht in den Schulen auszubauen, wo die Kinder miteinander, im Klassenverband oder im Schulorchester musizieren können und das Ganze dann auch vorstellen können.

Das passiert in der Allegro-Grundschule in der Lützowstraße. In deren Aula sitze ich bei einer Infoveranstaltung. Übrigens eine sehr schöne, große Aula. Farbig bemalte, hohe Wände, großen Fenstern und auf der Bühne und auf Tischen sehe ich Überbleibsel der vergangenen Leseprojektwoche: Die Kinder haben Wörterschatzkisten und Köpfe aus Pappmaché mit Worthaaren gebastelt.

Die Schule ist im August 2010 aus der Fusion der Grips Grundschule mit der Fritzlar-Homberg-Grundschule entstanden. Die erste brachte das Leseprofil mit und die zweite die Musikbetonung.  Deswegen gibt es in dem riesigen Schulgebäude eine Bibliothek, in jedem Klassenzimmer Leseecken und viele Musikräume für die AG´s und den regulären Musikunterricht.

Musik! Kostenlos und für alle

Die Musikbetonung bringt allerdings keine Kosten für die Eltern mit sich, ein großer Vorteil gegenüber Privatunterricht. Der Instrumentalunterricht, das Spielen in einer Ensemblegruppe und das Ausleihen der Instrumente sind an der Allegro-Grundschule kostenlos. So hat jedes Kind die Möglichkeit Musik und Instrumente kennen und spielen zu lernen, gemeinsam zu üben und stolz aufzuführen und zwar unabhängig vom Geldbeutel oder Förderinteresse der Eltern, von Befähigung und Herkunft.

Miteinander und voneinander lernen

Und die Kinder kommen, typisch für den Kiez, aus Familien mit allen möglichen Nationalitäten und Migrationshintergründen. Das ist auch bei der Infoveranstaltung ein großes Thema. Manche Eltern befürchten wegen dadurch entstehender Konflikte ein schlechteres Lernklima an der Schule. Allerdings sind sich alle anwesenden Lehrer_innen einig, dass die Vielfalt an der Schule doch vor allem etwas Schönes ist.

Die Konrektorin Frau Varbelow zählt ungefähr 24 Nationalitäten auf der Schule, von denen aber eigentlich zurzeit keine überwiege. Die Kinder lernen nicht nur miteinander, sondern auch voneinander. Zum Beispiel bei den Ländertagen, an denen jedes Kind „sein“ Land und typische Musik und Gerichte vorstellt. Sie lernen also, andere (aus anderen Ländern und Kulturen und auch Kinder mit Behinderungen) zu akzeptieren und auch mit Konflikten umzugehen. So etwas könnte eine einzige Familie ja gar nicht leisten.

Flinke Finger statt fiese Fäuste

Gewaltprävention ist auch eines der Ziele des gemeinsamen Musizierens und all den anderen oft künstlerischen Projekten, bei denen die Schüler_innen lernen sich auszudrücken und zusammen zu arbeiten. Man kann natürlich nicht sagen, ob es ohne die Musikförderung an der Schule mehr Konflikte gäbe, allerdings sei hier auch keine übermäßige Aggressivität oder Ähnliches zu beobachten.

Ralph Braun, Leiter des Musikprofils, meint: „Unser subjektiver Eindruck ist, dass wir weniger Ausgrenzung haben. Schüler, die durch schlechte Leistungen im normalen Unterricht nicht akzeptiert wären, können durchaus durch eine Solostimme bei einer Aufführung mit dem Orchester unheimliche Anerkennung bekommen. Es gibt immer mal wieder Kommentare von Kollegen: ´Das ist ja toll, hätte ich nie gedacht, dass er so etwas kann, der ist ja wie ausgetauscht, da bin ich ja vollkommen beeindruckt.´

Der Musiklehrer erinnert sich: „Ich war erst einige Tage an der Schule und sah die Proben zu „Florian auf der Wolke“ und war so beeindruckt, dass mir fast die Tränen in den Augen vor Rührung standen. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, was mit Schülern in diesem Alter möglich ist. Damit stand für mich der Entschluss fest, dass ich an dieser Schule bleiben möchte, so lange es irgend geht.”

Vom Klassenzimmer in die Philharmonie

Schon ab dem ersten Schuljahr werden alle Kinder in die Grundlagen der Musik eingeführt. Erstmal in die Rhythmik. Trommeln und so schwierig aussprechbare Sachen wie Xylophone. Dann kommt die Flöte im zweiten Schuljahr und dann, je nach Belieben, zum Beispiel die Geige oder die Gitarre. In der 4. Klasse kann noch dazu Schlagzeug gelernt werden, auch sehr beliebt.

„Es ist ja auch schön wenn die Kinder sehen, wie sie heranwachsen, wenn sie nicht mehr die Flöte brauchen, sondern schon Geige spielen können und das dann auch zeigen können. Das gibt ihnen schon viel Selbstbewusstsein, wenn sie dann auf der Bühne hochgejubelt werden. Vor allem die Schlagzeuger, das sind immer die Coolsten.“, erzählt Katrin Gödelitz, Lehrerin an der Schule, lächelnd.

Und die Kinder haben oft Möglichkeit, zu zeigen, was sie drauf haben, jedes Jahr gibt es die musischen Tage, bei denen jede Musik-AG und auch Klassenorchester auftreten. Manche Gruppen treten noch häufiger auf, z.B. bei Einschulungsfeiern, Schulkonzerten und –festen. Das Schulorchester hatte in den letzten Jahren sogar öffentliche Auftritte im ICC, im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, im Olympiastadion und im Roten Rathaus.

Frau Gödelitz bemerkt, dass die Musikbetonung der Schule in dem Sinne ja auch Elternbildung sei. „Viele der Eltern waren ja zum Beispiel noch nie in der Philharmonie und trauen sich ja dort auch gar nicht rein. Die Eltern werden also auch an klassische Musik herangeführt und haben mal Gelegenheit in ein Konzerthaus zu gehen.“

Es ist also tatsächlich eine Schule für alle: für Kinder jeglicher Herkunft und Befähigung und sogar die Eltern können noch was lernen

Das Geheimnis der Winterfeldtstraße

Von HU-Gastbloggerin Maria Buro-Witzik

Auf der Verkehrsinsel inmitten der Potsdamer Straße stehe ich und blicke dem Eingang der Winterfeldtstraße entgegen. Das grüne Ampelmännchen macht Pause als wolle die Straße ihre Geheimnisse keinem der in Scharen durch den Kiez strömenden Touristen preisgeben. Tatsächlich beginnt die Straße als reine Wohnstraße mit Dienstleistern und Spätkaufs, südlich schmucke Altbauten, nördlich eher Neubauten. Der schwarze Asphalt scheint zwei Milieus säuberlich voneinander zu scheiden.Es begrüßt mich Marias Änderungsschneiderei. Zwei gemütliche Damen sitzen darin und machen ihrem Versprechen am Schaufenster „Kürzen, weiten, längen, engen“ alle Ehre. Dass ich hier eine nähende Namensvetterin habe, macht mir die Straße sympathisch und der Spaziergang kann beginnen. Eine Muslima überholt mich, während ich noch den ratternden Nähmaschinen zuschaue. Auf der anderen Straßenseite vertreibt „Kalinka“ europäische Waren, die BIG-Partei wirbt mit Multikulti-Toleranz.

Tolerant scheint diese Straße zu sein und so hat ein ausgedienter Drucker auf dem Fußweg ebenso Daseinsberechtigung wie das verlassene Paar schwarzer Lederschuhe ein paar hundert Meter weiter, gegenüber ein zerfetzter Bürostuhl, dann und wann die Blümchen der Gartenguirilla unter den historischen Gaslaternen, einmal ergänzt um eine Krähen-Tränke. Die kleinen Bänke vor den Läden wirken eher dekorierend als nützlich, winzige Türen führen in dunkle Souterrain-Läden. Auf der Straße tümmelt sich um die Mittagszeit niemand. Zwei der wenigen Wirtschaften stehen zum Verkauf, der weltweit erste Japanimbiss hält sich irgendwie über Wasser. All das wird ohne Anteilnahme erduldet.

Die Straße macht ihrem Namensgeber alle Ehre: Winterfeldt ist ein ruhiger Geselle alter preußischer Schule. Toleranz, Ehre und Moral. Das geht ihm über alles und so bezahlt er die Hinrichtungskosten für den besten Freund Friedrichs des Großen, damit dessen Eltern die Gebühren nicht in Rechnung gestellt werden müssen.

Gastronomie am Winterfeldplatz

Das Straßenbild ändert sich erst in der Nähe des belebten Winterfeldtplatzes. Cafés und Restaurants an jeder Ecke. Und wir entdecken endlich das Geheimnis der Winterfeldtstraße: Die Fassade kann täuschen. So muss es beim Inder Amrit sein, denn es sind fast alle Plätze besetzt. Dabei soll er laut bluenoteberlin nur ein einmaliges Erlebnis wert sein. Auch hoffe ich es wirklich für die angeblich so berühmte Cocktailbar Green Door. Eine Getränkekarte preist Cocktails von € 8,50 aufwärts an, das Schaufenster des schäbigen Hauses wird von zwei sich an ihren Geschlechtsteilen beschnuppernden Hunden geziert. Wenn die Bar in der Dunkelheit ihre grüne Pforte öffnet, ist das hoffentlich eher anziehend als peinlich.

Schaufenster der Cocktailbar "Green Door"

Wir kehren im mittelmäßig besuchten Eckstein zum Mittagstisch ein, denn ich erinnere mich, wie Gott einmal zum Propheten Jesaja sagte:„Siehe, ich gründe einen Stein in Zion, einen kostbaren Eckstein. Wer auf ihn vertraut, wird nicht ängstlich eilen“ (Jes 28,16). Tatsächlich lohnt es sich, nicht ängstlich weitergeeilt zu sein, denn von hier hat man einen herrlichen Blick auf den Platz und in den westlichen Teil der Straße hinein.

Eingewachsene Fahrräder gehören zum Straßenbild.

Martin aus Karlsruhe stellt fest, dass es hier zum guten Ton zu gehören scheint, wenn man als Hausgemeinschaft an mindestens einem Baum vor dem Wohnhaus ein verrostetes Fahrrad angekettet und gegebenenfalls von Grünzeug umwachsen lassen hat.

Schon ein Stück vom Winterfeldtplatz entfernt wird es wieder ruhiger. Es gibt Antiquariate, die Ölmühle, in der frisches Olivenöl gepresst wird, Goldschmieden, sanierte Altbauten, heruntergekommene Neubauten. Eine schwarze „Pussy Cat“ mit Vorliebe für Käsestückchen und Putenherzen wird vermisst.

Schicke Fassaden – trügt der Schein?

Meiner Begleiterin fallen die in regelmäßigen Abstanden aufgestellten Dixi-Toiletten unterschiedlichster Art auf. Vielleicht sind die Altbauten doch nicht so saniert wie gedacht? Wir erklimmen die schicke Marmortreppe der Nummer 51. Nach dem Erdgeschoss führt eine schäbige Holztreppe in die Obergeschosse, ein uraltes geöffnetes Hoffenster offenbart einen der berühmten Berliner Schrottberge im Innenhof. So trügt der Schein. Und so ruft die Straße selbst immer wieder dazu auf, Vorurteile zu überprüfen, hinter die Fassade zu blicken und den Zauber der Andersartigkeit zu entdecken.

Portrait über Maria Buro-Witzik

Von HU-Gastblogger Leonie Kathmann

Das Portrait ist entstanden im Rahmen des Sommerkurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen”des Career Center der Humboldt Universität.

Orgel spielend und singend in einer schönen alten Kirche, so sieht sich die Theologie-Studentin in naher oder ferner Zukunft. Als Pfarrerin möchte Maria Buro-Witzik den Vorurteilen über die Kirche und Gott, denen sie in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt häufig begegnet ist, entgegentreten. „Ich möchte die Menschen davon überzeugen, dass der Glaube etwas Persönliches ist.“ Mit einem leichten Schmunzeln im Gesicht fügt sie hinzu: „Außerdem habe ich Latein gelernt, dass will ich nun auch anwenden.“

Die Gelegenheit dazu bekommt die sympathische und Ruhe ausstrahlende Frau in ihrem Studium, das hauptsächlich aus Geschichte besteht, mehr als genug. Zeit um in die Kirche zu gehen, findet die junge Mutter im Moment zu ihrem Bedauern kaum. „Auch sonntags nicht. Mit zwei Kindern ist das schwierig. Leider wird kein Kindergottesdienst angeboten.“ Überhaupt empfindet Maria, wenn sie mit ihren Kindern unterwegs ist, das Zentrum Berlins als stressig. „Steigt man am Ostkreuz aus, sind da nur Treppen, kein Fahrstuhl. Dann steht man dort mit dem Kinderwagen und ist auf fremde Hilfe angewiesen.“

Ruhe und Natur findet sie deswegen im etwas abgelegenen Schöneweide, wo sie mit ihrer Familie lebt. „Dort hat man die Grünflächen noch für sich und tummelt sich nicht mit etlichen anderen Leuten.“ Ist die Studentin allerdings alleine unterwegs, dann inspiriert sie das Getümmel auf den Straßen der Hauptstadt: „Aus den Menschenmassen ziehe ich Energie.“ Über ihre vielen interessanten Begegnungen mit verschiedenen Menschen schreibt Maria gerne. Aus diesem Grund und der Überzeugung, dass Pfarrer auch das Internet nutzen sollten um beispielsweise ihre Predigten nach dem Gottesdienst online zu stellen, verschlägt es sie in den Online-Journalismus Kurs.

Wenn sie doch wenigstens Matrosenanzüge tragen würden!

Von HU-Gastblogger Florian

“Doch Froben hat den Schimmel kaum bestiegen, So reißt, entsendet aus der Feldredoute, Ihn schon ein Mordblei, Roß und Reuter, nieder. In Staub sinkt er, ein Opfer seiner Treue, Und keinen Laut vernahm man mehr von ihm.”

Mit diesen Worten beschreibt Heinrich von Kleist den Tod von Emanuel Froben in der Schlacht von Fellbelin, in der Preußen das Joch der schwedischen Besatzung abschütteln konnte.

Froben tauschte in dieser Schlacht sein Pferd gegen den auffälligen Schimmel des Kurfürsten, um so den Gegner zu verwirren. Prompt wird der junge Stallmeister dann auch an Stelle des Kurfürsten erschossen, damit dieser unterdessen die Schlacht gewinnen kann. Diese Heldentat für Kaiser, Volk und Vaterland hatte Froben bereits seinen Platz in preußischen Schulbüchern gesichert.  Es sollte aber noch weitere 200 Jahre und einige weitere Kriege dauern, bis ihm die volle Anerkennung für sein Opfertod zu Teil wurde. Denn im Jahre 1871 wurde die neuerbaute Parallelstraße der Potsdamerstraße ihm zu Ehren benannt. Der legendäre Emanuel Froben, Sinnbild preußischer Pflichterfüllung und Tugendhaftigkeit, ist damit also Namensgeber jener Straße,  die heute von Freiern aus ganz Berlin für ihren Transsexuellen-Strich geschätzt wird.

Als die Straße 1871 im Zuge der Stadterweiterung gegründet wurde, war das aber noch anders. Das erste Haus in der Frobenstraße macht dann auch gleich einen sehr gründerzeitlichen Eindruck, zwei schöne Ausfluchten, hohe Decken und alles vor kurzem renoviert. Bei dem angrenzenden Haus sind die französischen Kriegsreparationen auch gut angelegt worden, allerdings ist es heute in einem recht knalligem Rot gestrichen, wie das in einigen Bezirken Berlins gerne mit Gründerzeitbauten gemacht wird. Die Gegend rundherum ist angenehm ruhig – wenig Verkehr, einige Passanten und eine Traube spielender Kinder –was vor allem dem auffällt, der von der Potsdamerstraße kommt.  Von dem Altersheim gegenüber inspizieren ältere Damen die Passanten misstrauisch, bevor sie  sich wieder ihrer Gartenlaube zuwenden. Das Gebäude gegenüber reißt mich dann aber kurzfristig aus meinen Kaiserzeitphantasien heraus: Ein grauer Nachkriegsklotz, der ein Stockwerke mehr als die Gründerzeitbauten hat obwohl er deutlich niedriger ist.

Beim Überqueren der Bülow Straße (die weiter stadtauswärts übrigens zur Kleiststraße wird) darf man sich dann wieder wie 1871 fühlen. Nicht unbedingt wegen der Baustruktur der Straße, sondern wegen ihrer schieren Größe, das passt irgendwie besser zu der Zeit (vor allem als es die U1 noch nicht gab.) Die Straße ist also feierlich zum Sedanstag geschmückt, Soldaten mit Pickelhauben ziehen vorüber, dahinter die Kappelle, die „Heil dir im Siegerkranz“ und die „Wacht am Rhein“ spielt.

Hat man die Bülowstraße aber überquert, ist das Schwelgen im alten Preußen selbst mit der größten Einbildungskraft nicht mehr möglich. Den Anfang macht ein sozialer Wohnungsbau-Komplex, der sich von der Frobenstraße sicher 70m in die Bülowstraße hineinerstreckt. Gegenüber sind zwar Erker angebracht, aber ganz moderne. Unter diesen befindet sich das „Stehcafe Froben“, in dem es wie in den meisten 24h-Imbissen in U-Bahn-Nähe schmeckt, das scheint wohl genormt zu sein. Die einzige Reminszenz an das alte Preußen sind die in Fraktur geschriebenen Straßenschilder, manche von ihnen sogar an Jugendstil-Ständern befestigt. Während ich an auffällig vielen Kleinwägen, Golfs, Corsas, Fiestas vorbeigehe, stechen mir die üppigen Weinblätter am Ende der Frobenstraße ins Auge. Beim Näherkommen wundere ich mich über die quadratische Ausrichtung der Blätter, bis ich endlich begreife, dass sich unter den Weinblättern ein Gebäude, nämlich das Jugenzentrum „Villa Schöneberg“, versteckt. Während ich davor stehe, strömen Kinder aus der KiTa heraus. Wenn sie doch wenigstens Matrosenanzüge tragen würden!