Weg isser – der Tagesspiegel

Leere Hülle - nach dem Umzug

Seit Monaten, ja fast Jahren, sprach man an der Potse über den dräuenden Wegzug des Tagesspiegels. Warum tut der das, was wird dann sein?

Schließlich geschah der Umzug dann an historischem Datum – 3. Oktober 2009 – vor nunmehr zwei Wochen. Es gab eine Sonderausgabe, die die Angelegenheit mythisch bis melancholisch zelebrierte.

Einige Tage später fand ich auf Facebook den Eintrag einer Medienkollegin an der Potsdamer Straße: „redaktion tagesspiegel ist weg. weggezogen aus der potsdamer strasse. Wohin?“

Sollte es tatsächlich Menschen geben, die dieses Ereignis nicht minituös beobachtet hatten? Eine nicht-repräsentative Kurzumfrage „Wie ist es an der Potsdamer 10 Tage danach“ ergab folgende Reaktionen in den Geschäften rechts und links des legendären Gebäudes.

„Nein, wir merken keinen Unterschied. Wir sind noch da, das ist die Hauptsache.“ – „Wir vermissen Sie, denn es waren angenehme Menschen.“ – „Manche kommen noch immer, um ihre Medikamente zu holen“ – „Wir haben ihnen angeboten, die Blumensträuße auch an den Askanischen Platz zu liefern“ – „Wie, er ist weg?“

So und so also. Wie die Haltung des Tagesspiegels selbst. Nachzulesen in dem Artikel „Ein Platz in der Geschichte“ der  Sonderausgabe. Dieser schaute sehr pathetisch vor zum neuen Standort am Askanischen Platz: „…dieser Umzug ist etwas anderes: Der Tagesspiegel gehört zu Berlin wie das Brandenburger Tor. Und die historische Mitte reflektiert europäische und deutsche Geschichte in all ihren großartigen und bedrückenden Facetten wie kaum eine andere Metropole.“ Und erleichtert zurück zur Potsdamer Straße:  „Wie das geteilte Berlin, so strahlte dieses Haus etwas Provisorisches aus. Mit seiner für Berlin so gar nicht typischen Fassade schien es irgendwie einen Übergang zu verkörpern.“

Und so schienen auch viele RedakteurInnen fünfzig Jahre halbbeinig woanders gewesen zu sein. Hatten nie den Versuch unternommen, die raue Seele der Potse zu ergründen. In Gesprächen entpuppten sie sich als erstaunlich schlecht informiert über ihr jahrelanges Arbeitsumfeld.

Anders Rüdiger Schaper in seiner lesenswerten Liebeserklärung „Lust und Verlust“ „Drei Sätze zur Potsdamer Straße, im Folgenden kurz und liebevoll nur Potse genannt. Erstens: Nach bald dreißig Jahren werde ich sie nicht vermissen. Zweitens: Sie fehlt mir schon jetzt. Drittens: Es gibt Menschen und Dinge, von denen kommt man sein Leben lang nicht los. Wahrscheinlich gehört die Potse dazu.“

Der Geschichts-Platz-Artikel hingegen endet: „Der Tagesspiegel, die einzige Abonnement-Zeitung Berlins mit seit Jahren steigender Auflage, in der alten neuen Mitte Berlins – wir sind angekommen!“

Na dann. Ein Adieu von der Potse!

Weitersagen! Danke.
Facebook
Twitter
LinkedIn
RSS
SHARE

4 Antworten zu “Weg isser – der Tagesspiegel

  1. Hallo Regine,
    vielen Dank fürs Nochmal-Darüber-Bloggen, das ging jetzt ja doch sehr schnell. Schade, es war (jedenfalls nach meinen Interviews) ein wichtiger Identifikationspunkt für die Straße. Aber vielleicht: wer braucht den Tagesspiegel, wenn jetzt die Kunst kommt ; ) ?
    Dieses Historisch-Mitte-Erguss war auch nicht gezeichnet, oder? (War es „Die Redaktion“?)
    Grüße von Eva

  2. Hallo Eva,

    doch der Tagesspiegel war ein Identifikationspunkt, doch war m.E. und meiner Erfahrung nach das Engagement für die Straße in den letzten Jahren nicht sehr hoch.

    Und wenn du noch mehr über dieses „historisch-mitte“ lesen wills, folge einfach dem Link, den ich an die Überschrift gesetzt habe. Ja, da ist noch mehr! Und gezeichnet war es nicht.
    Zumindest nicht online,
    Gruss, Regine

  3. Ich merke gerade das ich diesen Blog deutlich öfter lesen sollte- da kommt man echt auf Ideen.

  4. auf was für Ideen kommen Sie denn?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.