Von Empfang auf Sendung – weltweit erste Satellitenschüssel-Galerie

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Anfang Juni bestaunten die AnwohnerInnen im Schöneberger Norden die Eröffnung einer Galerie der besonderen Art, die von nun an das Pallasseum ziert. Die Wohnanlage aus den 70er Jahre, die mehr als 2.000 Menschen Wohnraum bietet, überspannt die Straße und ist dicht bestückt mit Satellitenschüsseln, denn nur so sind die Fernsehstationen aus mehr als 30 Nationen zu sehen.

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Nun ist von Sendung auf Empfang umgeschaltet: „Von Innen nach Außen“ heißt das Projekt von Daniel Knipping . Ich traf ihn für ein Interview im Schöneberger Morgen, der Zeitung des Quartiersmanagements Schöneberger Norden.

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Daniel Knipping ist Kunsttherapeut und freischaffender Künstler, lebt in Lindau und arbeitet in Deutschland und der Schweiz. Seine Materialien sind Fotografie, Holz und Stein. Sein Anliegen ist es, innere Prozesse darzustellen. So entstand auch die Idee der Satellitenschüssel-Galerie.

„Vor vier Jahren sah ich in Österreich zufällig ein kleines Migrantenwohnheim, ganz abseits am Rande einer Stadt,“ erzählt Knipping. „Dort lebten Asylbewerber und sie hatten gar keine Chance anzukommen. Es hat mich geärgert und ich habe mit ihnen gesprochen. Das Haus war gespickt mit Schüsseln und mir kam der Gedanke, dass man das Heim sichtbar machen müsste, indem man die Schüsseln für eine künstlerische Botschaft nutzt.“

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Zu realisieren war die Idee an der Stelle nicht und Jahre später entdeckte Knipping bei einem Berlin-Besuch das Pallasseum. Das Quartiersmanagement Schöneberger Morgen, die Pallasseum Wohnbauten KG und der Stadtteilverein Schöneberg Nord waren spontan begeistert für seine Idee und bereit, den Weg hier in Schöneberg Nord mit ihm zu gehen.

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Die Idee hat Knipping natürlich gemäß dem neuen Umfeld modifiziert. Denn die Menschen hier sind schon lange im Kiez angekommen, manche wohnen bereits seit mehreren Generationen im Pallasseum.

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„Es geht um Kommunikation, Integration, Identität und darum, dass verschiedene Kulturen etwas zusammen schaffen. Und es ist ein Umkehrverfahren,“ sagt Knipping. „Meine Idee ist es, an der Stelle, wo Informationen in eine Wohnung hineinkommen, den Prozess umzudrehen. Die Menschen, die dort leben, können etwas von innen nach außen senden. Jede Familie kann ihre eigene Botschaft in einem Bild darstellen. Eventuell ergibt alles zusammen eine Gesamtbotschaft. Dann ist der Betrachter ist in seiner Wahrnehmung gefordert. Ich bin gespannt auf die Botschaft, die erkannt wird.“

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Mit ihren langjährigen Kontakten zu BewohnerInnen des Hauses halfen MitarbeiterInnen des Stadtteilvereins – Knipping beschreibt sie dankbar als seine „Wohnungstüröffner“ – bei der Kontaktaufnahme. Mit seiner Fähigkeit zuzuhören, empathisch auf Menschen einzugehen, gewann Knipping sie dann auf Sendung zu gehen und ihre Satellitenschüsseln als Botschaftsträger zu verwenden. Fast 80 erklärten sich bereit mitzumachen.

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„Manchmal habe ich auch nur Gespräche zwischen Tür und Angel geführt,“ erinnert er sich an die Kontaktaufnahmen. „Doch letztendlich mussten mich alle in ihre Wohnung lassen, damit ich die Schüsseln ganz genau ausmessen kann. Nach anfänglicher Skepsis ist mir sehr viel Gastfreundschaft entgegen gekommen. Ich habe sehr viel Chai getrunken, Gebäck bekommen.“

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Familienalben wurden durchblättert, Erinnerungen aufgefrischt, Gespräche geführt. Dann entschied sich jede Familie für ein Bild.

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Als er den Ordner mit den ausgewählten Motiven durchblättert, erinnert Knipping sich immer wieder neu an die Situationen. Er klingt bei vielem angerührt von den Geschichten und der Offenheit, auf die er traf.
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Viele wollen auf den Bildern ihre Verbindung zur Heimat zeigen, Erfahrungen mitteilen, Erlebnisse, Kinder, Sehenswürdigkeiten. Bei einer Familie ist er zugegen, als Essen zubereitet wird und so entsteht ein Bild mit den geöffneten Händen. Es gibt ein Bild von einem lachenden Mann, der bereits verstorben und so doch weiterhin präsent ist. Andere wollen nur etwas Dekoratives zeigen.

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Nach der Auswahl bearbeitet Knipping jedes Bild, damit sie der Vergrößerung von 9 x 13 cm auf 103 x 97 cm standhalten. Dann werden sie auf PVC-Bannerstoff gedruckt. Der Stoff hat mehrere Vorteile, ist reißfest und gibt die Fotos in einer hohen Abbildungsqualität wieder. Das Fernsehbild wird durch die Folie nicht beeinträchtigt. Dann werden sie wie bei einer Trommel über die Satellitenschüssel gespannt und mit Haken und Gummiseil festgezogen.

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Doch werden denn die Betrachter alle Botschaften verstehen? „Das wichtigste ist die Botschaft, die die Familien aussenden wollen und sie werden nicht immer alle verstanden werden,“ sagt Knipping. „Doch wenn die Schüsseln hängen, kann wieder Kommunikation entstehen. Nachbarn können sich über ihre Fotos unterhalten, wenn sie wollen. Austausch ist auch Teil der Kunst.“

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Es ist das erste Projekt weltweit, was in einer gemeinschaftlichen, künstlerischen Aktion solch eine Galerie hat entstehen lassen. Auf seiner Webseite verspricht Knipping, das Projekt weiter zu entwickeln. Also: auf Sendung bleiben.

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