Von Kletterbohnen, Brandenburger Törchen und Nachbarschaft

Der Regen dieser Tage tut ihnen richtig gut. Sie, die seit Mitte Mai bereits ranken, sprießen und blühen, bekommen einen neuen Schub. Sie werden so dicht, dass ihre Hilfskonstruktionen kaum mehr zu sehen sind. Von daher ist der Regen dieser Tage nicht so sehr zu bedauern von den Nachbarn.

„Ich steh hier grad vor meinem Haus in meinem Kiez und wir bauen hier was,“ gab ein Jugendlicher seinen Freunden kürzlich als telefonische Erklärung, warum er sie nicht treffen konnte. Derweil saß die ältere Generation bei einem Glas Tee auf einer Bank saß und ein Mädchen machte ihre ersten Erfahrungen mit Säge und Hammer. „Wir stellen hier gemeinsam etwas her, das gehört uns allen und ist sogar für mehrere Generationen,“ sagte Thomas Herzog, als er sich eine kurze Pause gönnt. „Das ist eine gute Art, sich kennen zu lernen. Ich gehe inzwischen hier in der Straße zum Friseur, da treffe ich die Leute dann wieder.“

Foto: Hans-Jörg Bahrs, K&K, Schöneberger Morgen

Die Szene war zu beobachten in der Katzlerstraße, wo das erste von insgesamt neuen Toren im Kulmer Kiez entstand. Die Idee stammt von der/dem KünstlerIn Sofia Camargo und Thomas E.J.Klasen, die vor einigen Jahren auch die Steinmetzstraße in der dunklen Jahreszeit in ein nachbarschaftliches Lichtermeer verwandelten. Mit von der Partie ist auch Streetworkerin und Künstlerin Hella Pergande.

Gespeist wird ihr Projekt von einer Beobacthung der Naturwissenschaftler Peter Tompkins und Christopher Bird: Russische Forscher entdeckten, dass eine Pflanze, die Wasser enthält, irgendwie imstande ist, dieses mit einer durstigen Nachbarpflanze zu teilen. In einem Forschungsinstitut wurde einem Getreidehalm, der in einen Glasbehälter gepflanzt worden war, mehrere Wochen kein Wasser gegeben. Dennoch ging er nicht ein. Er blieb so frisch wie die anderen Getreidehalme, die unter normalen Bedingungen in seiner Nähe wuchsen. So die Autoren in dem Buch „Das geheime Leben der Pflanzen“.

In den letzten Jahren sind im Kulmer Kiez, der entlang der Yorckstraße von den Yorckbrücken bis zur Potsdamer Straße reicht, bereits Netzwerke wie die AiF Bautzener Straße und die Anwohnerinnen und Anwohner rund um den Alten St. Matthäus Kirchhof entstanden, die sich beide um eine kiezgerechte Anbindung und Gestaltung des neu entstehenden Gleisdreieckparks und seiner umliegenden Flächen bemühen. Weiterhin hat sich im Kiez eine Gruppe vom Regionalen Regenbogenschutzkreis gegen Homophobie und Rassismus gegründet.

Dazu die ProjektleiterInnen: Wie die Menschen auch zur Natur gehören, können wir dieses Beispiel [des Getreidehalms]als Inspirationsquelle nehmen und ein friedliches Zusammenleben in unserem unmittelbaren Lebensumfeld fördern.

Gleichmacherei gibt es dabei nicht. Und so sind die Grünen Tore so individuell wie die Ideen der Nachbarschaften, die sie gemeinsam konzipieren, planen und auch bauen.

Foto Hans -Jörg Bahrs, K&K, Schöneberger Morgen

Das zweite Tor steht in der neuen Steinmetzstraße und trägt den Spitznamen „Kleines Brandenburger Törchen“. Die Pferdchen traben inzwischen durch den dichten Kräuterwald. Hier hatten die Jugendlichen vom Fresh 30 bereits ihre eigenen Klettergerüste mit Architekten gemeinsam geplant, gebaut und gestrichen. Das Törchen ist nun eine weitere Gestaltung ihres Spielraumes.

In der Mansteinstraße hingegen, gab die Umsicht der NachbarInnen eine unbenutzte Werbesäule frei. Nun klettern Bohnen von oben nach unten und von unten nach oben.

Eine Begegnung, die sich um 90 Grad verdreht in der gemeinsam Arbeit der AnwohnerInnen rechts und links der Mansteinstraße spiegelt. Die I-Tüpfelchen-Idee kam von den ex-Besetzern aus der Manstein 7. Die Mietnachbarn von gegenüber halfen, eine große Schüssel auf die 5-Meter hohe Säule zu hieven und diese mit Hopfen und Wein zu bepflanzen.

Nun stehen die ProjektleiterIn vor dem bisher kompliziertesten Projekt: die Errichtung eines Halb-Ballons – manchen sagen auch Ei – an der Ecke Katzler / Yorckstraße. Wer den zugigen Platz hinter dem U7-Ausgang kennt, kann ihm kaum etwas abgewinnen. Die Jugendlichen aus dem Treff 62 haben hier Gelegenheit, sich hier in guter Biosphäre-Manier einen Raum zu schaffen. 5 Meter im Grundmesser, 2 Meter in der Höhe. Aus Eisenmanier, flexibel, ungefährlich, bewachsen mit Schilf.

„Ganz unkompliziert“, sagt Sofia Camargo. Das Tiefbauamt sieht das etwas anders. Doch denken wir noch mal an den Regen von heute: Steter Tropfen höhlt den Stein. Was uns wiederum zu den bereits zitierten Naturwissenschaftlern führt: „Irgendwie muss Wasser von den gesunden Pflanzen zu dem „Gefangenen“ im Glasgefäß übertragen worden sein. „Wie das geschehen konnte, davon hatten die Wissenschaftler keine Ahnung.“


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Eine Antwort zu “Von Kletterbohnen, Brandenburger Törchen und Nachbarschaft

  1. Danke für den Kommentar und auch den Hinweis auf die Doku. Ich stell den link hier mal rein. http://dasdokuarchive.freeforums.org/die-garten-von-new-york-t3279.html

    Außerdem ist es wunderbar, dass du auch andere auf unseren „Besteckkasten“ aufmerksam machst. Danke auch dafür. Und hoffentlich bis sehr sehr bald wieder.

    liebe Grüße, Regine

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