Wer sind die Aramäer der Potsdamer Straße 94?

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien und das Volk der christlichen Aramäer.

von HU-Gastbloggerin Dafni Ragousa

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien in der Potsdamerstraße 94

In der Potsdamerstraße 94 taucht vor mir eine große weiße Kirche auf, mit der Aufschrift „Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien“. Ich bin sofort verwirrt, denn das kommt mir sehr widersprüchlich vor. Syrien, ein arabischer Staat;  Antiochien, die heutige türkische Stadt Antakya, und Christentum? Was könnte der Zusammenhang sein? Ich entscheide mich mit dem Pfarrer der Gemeinde zu treffen um mehr herauszufinden.

Antiochien ist der alte Name der türkischen Stadt Antakya, die sich an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei befindet, im sogenannten Kleinasien. Es war die frühere und seit Jahrhunderten Hauptstadt Syriens, wurde aber nach dem ersten Weltkrieg von dem Türkischen Staat übernommen. In Antiochien wurden die Anhänger von Jesus Christus zum ersten Mal Christen genannt.

Heutzutage wohnen in Antakya vorwiegend türkische Muslime. Die Christen machen nur noch 0,2 % der Bevölkerung aus. Eine dieser christlichen Minderheiten sind die Syrisch-Orthodoxen. Ihre Sprache, syrisch-aramäisch, war die Sprache im antiken Syrien; die Sprache, die Jesus Christus gesprochen hat.

Der Gottesdienst

In der westlichen Diaspora wohnen sie überwiegend in Deutschland und in Schweden. Sie kamen nach Deutschland als Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren. Momentan gibt es in Deutschland etwa 40 bis 60.000 syrisch-orthodoxe Christen. 500 Familien von ihnen wohnen in Berlin. Viele Kinder sind hier geboren und beherrschen die deutsche Sprache besser als ihre eigene Muttersprache. Man fragt sich deswegen, ob eine Übersetzung des Gottesdienstes ins Deutsche, der eigentlich noch in der aramäisch-syrischen Sprache stattfindet, sinnvoll wäre.

Denn ein Gläubiger findet nur dann einen vollkommenen Zugang zu den Gebeten und Liedern, wenn er die Sprache beherrscht. Es ist deswegen wichtig eine Lösung dieser Problematik zu finden, weil die Syrisch-Orthodoxe Kirche nun weithin zu einer Kirche in fremden Ländern geworden ist. Und das ist darauf zurückzuführen, dass sie in ihrem historischen Herkunftsland an ihrer Religionsfreiheit gehindert sind.

Syrische Christen und Muslime sind zwar die längste Zeit Nachbarn gewesen. Es gibt allerdings ziemlich viele Probleme, denn die Situation der christlichen Minderheiten in der heutigen Türkei ist sehr unsicher. Religions- und Sprachunterricht ist dort verboten. Die Aramäische Sprache dürfen sie nicht sprechen und alle müssen als türkische Staatsbürger die Türkische Sprache lernen. Wegen der Gewalt trauen sie sich ferner nicht öffentlich das christliche Kreuz um den Hals zu tragen.

In Syrien dagegen sind diese Christen frei ihre religiöse Tradition auszuüben. Die Mehrheit der Syrer besteht zwar aus Muslimen, sogenannte Sunniten, und die Christen bilden nur eine Minderheit von ungefähr 2 Millionen. Die Regierung besteht jedoch aus muslimischen Alewiten, die sehr freundliche Beziehungen zu den syrischen Christen haben. Deswegen ist es den Aramäern dort erlaubt, aramäisch auch in der Schule zu lernen. Die Hauptsprache Syriens bleibt jedoch arabisch, denn es ist ein arabischer Staat.

Das Patriarchat in Damaskus

Die Syrisch-Orthodoxen sind „Monophysiten“, oder besser gesagt „Miaphysiten“ (aus dem griechischen Wort „monos“ oder „mia“, dass „einziger“ heißt). Sie nehmen an, dass Jesus Christus Gott und Mensch gewesen sei, im Unterschied zu den griechisch-orthodoxen, die diese zwei Naturen nicht als vermischt ansehen und wobei keine dominanter als die andere ist. Das hat im Jahre 451 n.Chr. zu einer Kirchentrennung im Vorderen Orient geführt, die zur Existenz einer selbständigen Syrisch-Orthodoxen Kirche neben der „griechisch-orthodoxen Kirche“ geführt hat. Für jede dieser Kirchen gibt es zwar ein eigenes Patriarchat. Hier werden die Bezeichnungen jedoch nicht wirklich getrennt, denn der Patriarch der „Syrer“ (gemeint sowohl griechisch-orthodoxe als auch syrisch-orthodoxe), Ignatius Zakka, der seinen Sitz nunmehr in Damaskus hat, trägt die Amtsbezeichnung „Syrisch-Orthodoxer Patriarch von Antiochien und des ganzen Osten“.

Hier in Deutschland fühlen sie sich frei und freuen sie sich darüber, dass sie einen Ort gefunden haben, wo sie ihre Religion ohne Angst ausüben können. Mittlerweile wird der Verein „Syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien in Berlin e.V.“ von vier Gemeinden in Berlin getragen (Tiergarten-Süd, Wedding, Charlottenburg und Neukölln). Hier in Berlin hält sich die Gemeinde dadurch zusammen, dass sie einen Frauenverein, ein Mädchenchor, einen Fußballverein gegründet hat und 3- bis 4-mal in der Woche Aramäischkurse anbietet.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei dem Pfarrer der Gemeinde, Herrn Murat Üzel, und dem Theologen Dr. A. Mustakis für das freundliche und anregende Gespräch bedanken.

Weitersagen! Danke.
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3 Antworten zu “Wer sind die Aramäer der Potsdamer Straße 94?

  1. barbara menke-ahlvers

    guten tag! ich habe eine freundin in hamburg ,die im aramäischen sender (suryoyo sat einen bericht gesehen ,wo der pfarrer aus berlin gesprochen hat. sie rief mich an und berichtete davon. ich würde mich sehr über eine antwort von ihnen freuen.lg.auch im namen meiner freundin,sie ist praktizierende kirchengängerin. mit freundlichen grüssen barbara

  2. Danke, ich bin auch ein Aramäer aus Hamburg.

  3. Franziska Beckmann

    https://www.youtube.com/watch?v=Wc01No3LV70
    Mauro Biglino hat ihre aramäische Bibel übersetzt und es kommen neue Sichtweisen in das Verstehen der Bibel.
    Vielleicht wäre es schön ihn in ihre Gemeinde einzuladen !
    Ich habe es durch einenFreund vom ihm erfahren !…und ich bewudere
    seine neune Einsichten.
    Es würde mich freuen zu wissen, was sie von der Arbeit des Mauro Biglino
    halten ?…ich finde seine Ubersetzungsarbeit sensationell.

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