American Church – vom preußischen Hurra-Patriotismus zur Multikulti-Kirchengemeinde

105px-Dennewitz_Denkmal_Buelow

Etwas groß geraten: Das Bülow-Denkmal in Dennewitz

Von HU-Gastbloggerin Nina

Klick. Momentaufnahme. Dennewitz, 1813. Vor 200 Jahren irgendwo in der brandenburgischen Sandwüste. Preußen und Franzosen liefern sich eine erbitterte Schlacht. Als der Pulverdampf sich lichtet, bleiben 30.000 Tote auf dem Schlachtfeld liegen…

IMG_1055

Diesen Anblick kennen jetzt auch die Tatort-Fans: Die American Church in Schöneberg

Klick. Momentaufnahme. Berlin, 2015. Die U-Bahn ächzt bedrohlich in der sogenannten ‚Pastorenkurve‘ und erreicht dann den U-Bahnhof Bülowstraße. Dabei stößt sie fast gegen eine ziegelrote Backsteinkirche. Aus dem Fenster der U-Bahn kann ich das Transparent lesen, das an der Kirche angebracht ist: ‚Sunday worship in English at 11am‘. Hm?

Das ist ja seltsam. Eine amerikanische Gemeinde. Wieso hier?

IMG_1058

Mittendrin und doch abgeschnitten: Die Kirche auf ihrer Verkehrsinsel

Die Kirche, die der Zug dann doch nicht rammt, ist die Lutherkirche auf dem Schöneberger Dennewitzplatz. Da steht sie seit gut 100 Jahren – umspült von Autos auf einer Verkehrsinsel. Seit 13 Jahren ist dort die American Church eingezogen; wie ein Einsiedlerkrebs hat sie sich das alte Ziegelgehäuse angeeignet. Der trutzige Gründerzeitbau bietet der quirligen Gemeinde Schutz und Obdach. Eine gelungene Symbiose? „Wir haben die Lutherische  2002 von der evangelischen Zwölf-Apostel-Gemeinde gekauft. Wir sind sehr froh, an diesem Standort zu sein, aber so ein altes Gebäude verursacht auch viele Kosten…mal leckt es durchs Dach, mal klemmt ein Fenster, irgendwas ist eigentlich immer!“ erklärt Stephan Kienberger, der Pastor der amerikanischen Gemeinde.

Häuser sind wie Bäume, sie überdauern ihre Bewohner und künden von früheren Zeiten. ‚If these walls could talk…‘, denke ich oft. Tun sie aber nicht. Was würde die Lutherkirche erzählen? Sie würde erzählen, dass Kaiser Willem Zwo daselbst sie einst eingeweiht habe – 1894 war das – in vollem Ornat mit wehendem Federbüschel auf der Pickelhaube. Die Kirche gerät ins Schwärmen: ‚Wat hammse alle jejubelt…und dazu diese herrliche Marschmusik…!‘

Tja. Das ist lange her…

Leider sind inzwischen 100 Jahren vergangen. Deutschland hat zwei Weltkriege angezettelt, die Berlin fast dem Erdboden gleich gemacht haben. Die Lutherkirche war einst Teil einer städtebaulichen Ost-West-Achse durch die ganze Stadt. Alle Straßen der Umgebung sind nach preußischen Generälen benannt, das Viertel ist durchtränkt von preußischer Militärherrlichkeit und Säbelgerassel.

IMG_1053

Im Gospelchor singen viele Nationen (meist) harmonisch miteinander

Der Dennewitzplatz, auf dem die Lutherkirche steht, erinnert an die Schlacht von Dennewitz, als die Preußen Napoleons Armee vernichtend schlugen. Reverend Stephan Kienberger ist sich des historischen Spannungsfeldes sehr wohl bewußt. „Ich habe selbst deutsche Wurzeln, mein Großvater kam aus Franken. Als Amerikaner sehe ich viele Dinge mit anderen Augen. Amerika bot den Quäkern eine neue Heimat. Sie hatten Europa aus religiösen Gründen auf der ‚Mayflower‘ verlassen. Toleranz hat bei uns eine lange Tradition. Deshalb sind in Amerika die Kirchen auch frei, da darf keiner reinreden!“ Wo Kirche und Staat hier in Berlin eine unheilige Allianz eingingen, um andere Nationen am ‚deutschen Wesen‘ genesen zu lassen, steht er jetzt einer buntgemischten Gemeinde vor. „Unsere Organistin ist Indonesierin, unsere Sekretärin wuchs in Kamerun auf, die Leiterin des Gospelchors kommt aus Ghana, die Gemeindemitglieder kommen aus 30 Nationen. Wo so viele Kulturen aufeinandertreffen, bleiben Missverständnisse nicht aus. Aber wir sind es gewohnt, auf den anderen zu hören und Brücken zueinander zu bauen.“

IMG_1035

Für Bibelfeste: Der ungläubige Thomas (erkennt mans ’s?)

Überhaupt geht es in der American Church etwas anders zu als in deutschen Kirchengemeinden. Wer das sonore Gebrummel eines protestantischen Gottesdienstes satt hat, sollte mal einen Sonntag den ’service‘ der American Church besuchen. Origami-Kraniche schweben durchs Kirchenschiff, durch die bunten Kirchenfenster des Berliner Künstlers Alfred Kothe fällt verklärtes Licht und der Reverend zelebriert einen mitreißenden Gottesdienst. Ich merke schnell, dass die American Church für ihre Gemeindemitglieder nicht nur eine spirituelle, sondern auch eine ganz weltliche Heimat bedeutet. Da werden Grußkarten für Kranke unterschieben, Lebensmittel an sozial Schwache verteilt, die Kinder in der Sonntagsschule betreut, ein Selfie-Wettbewerb ausgeschrieben, Blumenspenden für den Osteraltar gesammelt und eine Palmsonntagsprozession durch die ‚hood‘ organisiert, angeführt vom Gospelchor.

IMG_1038

Werkstatt der Wunder: Fische und Brot vermehren sich

IMG_1033

Der Teufel? Nein, eher ein Wolf…

Und überhaupt: dieses quirlige  Gemeindeleben ist deutschen Christen eher fremd. Ich habe jedenfalls noch nie zu Pilates & Prayer geturnt oder beim Potluck exotische Rezepte ausprobiert. Oder sollte ich mal zur Ladies Night gehen? Die herzliche Atmosphäre ist ansteckend. Zu Beginn des Gottesdienstes schüttele ich viele Hände, minestens vier ‚greeters‘ säumen meinen Weg. Ich komme mir fast vor wie auf einem Stehempfang. Hier aus vollem Herzen gejauchzt und frohlockt. Und ich denke: „Ja, diese Unbefangenheit haben wir Deutschen durch unsere Geschichte gründlich eingebüßt. Das Gejubel hat dieses Volk schon mehr als ein Mal in Teufels Küche gebracht.“ An diesem strahlenden Frühlingstag freue ich mich an der ungewohnten Heiterkeit dieses Gottesdienstes.

„Braucht jemand eine Uhr?“ Ein Mann hält dem Reverend eine Küchenuhr unter die Nase. Seine senfgelbe Jacke ist schon ziemlich abgewetzt und sein Gesicht ist mörtelfarben. Er gehört zur Laib & Seele-Gruppe, die jeden Freitag Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Auch er scheint aus der Zeit gefallen. „Er ist einer der Gründe, weshalb ich nach Berlin gekommen bin. Mich interessieren die unkonventionellen Charaktere, die Berlin und die amerikanische Gemeinde geprägt haben.“ Dafür hat er seine wohlgeordnete Gemeinde in Norwegen aufgegeben. „Hier in Berlin gab es bereits 1919 eine Pastorin, eine Frau, die in der amerikanischen Gemeinde predigte!“ Solche Persönlichkeiten faszinieren ihn. Er sagt: „Hier in der Potsdamer Straße und ganz Berlin blühte in den Zwanziger Jahren die Vielfalt. Der Krieg hat diese Entwicklung unterbrochen. Ich möchte an die Tradition der Vielfalt und der Verständigung anknüpfen.“ Wenn es nach ihm ginge, hieße die American Church auch schon International Church. „Das trifft es besser.“ Dieser (heilige) Geist der Offenheit trägt ganz sicher zum wiedererstarkenden Berliner Lebensgefühl einer pulsierenden, weltoffenen Stadt bei.  ‚Halleluja!‘.

Weitersagen! Danke.
Facebook
Twitter
LinkedIn
RSS
SHARE

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.