Hände weg von den Pferden, Stadtrat Klüger?

Elena und Micha stehen vor den Rossebändigern im Kleistpark und lachen. Vor dem kulinarischen Genuss bei Berlin Homemade Icecream will ich meinen Gästen aus Moskau ein wenig Lokalgeschichte nahe bringen. Zudem diese ja auch mit ihrer Geschichte zu tun hat, dem Zar und so.

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Schon mal Menschen so richtig herzhaft über die Rossebändiger lachen sehen?

Elena und Micha schauen auf die kyrillische Inschrift, sie schauen auf die Skulptur und sie lachen. Dann tut Micha das, was er sehr oft tut. Er zückt sein Smartphone, klick, klick, blätter blätter. Derweil erklärt mir Elena, sie hätten in Wien erst vor ein paar Tagen diese Rossebändiger gesehen. Na und in Sankt Petersburg sei eine ganze Brücke voll mit diesen Skulpturen. Und nun hier auch. Doch das sei nicht verwunderlich, denn der Zar hätte die Rossebändiger laufend verschenkt und für die Brücke wieder neue produzieren lassen.

Diese Information lässt mich ein wenig aufatmen. Vielleicht kann ja Stadtrat Daniel Krüger mal in Sankt Petersburg anfragen und so seine im Juli veröffentlichten Pläne umsetzen.

Zu viele Pferde stiften Verwirrung?
Daniel Krüger (CDU) ist Bezirksbaustadtrat UND verantwortlicher Schatzmeister der Gesellschaft Berliner Schloss. Diese wiederum fordert in einer Petition seit Juli 2015 die Rückführung der Rossebändiger aus dem Heinrich-von-Kleist-Park an ihren historischen Standort bis 2019. Historischer Standort heißt in diesem Fall Berliner Stadtschloss.

Berlin; Rossebändiger; Plastik vor dem Berliner Schloss 1933

Berlin; Rossebändiger; Plastik vor dem Berliner Schloss 1933 Quelle:

Als dies dann 1950 gesprengt wurde, weil es den sozialistischen Zeitgeist in Ost-Berlin störte, sprangen die demokratischen Geschichtsbewahrer in West-Berlin in die Bresche und retteten die Rossebändiger in den Kleist-Park. Nun wiederum sollen sie die kunsthistorische Bedeutung des wieder aufzubauenden Stadtschlosses/Humboldforum retten, „Die Rossebändiger führen ein trostloses Dasein im Kleistpark von Berlin“, befinden Stadtrat Krüger und seine MitstreiterInnen.

GEHTs NOCH?
Die Tempelhofer SPD ist empört und fordert die CDU und den Stadtrat auf, den Kleist-Park aufzuwerten statt auszuplündern. Christoph Götz, Stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion Tempelhof-Schöneberg spricht klare Töne: „Die Gesellschaft Berliner Schloss will auf Kosten unseres Bezirks ihr preußisches Disneyland rund um das Humboldtforum komplettieren. Das kann nicht angehen. Wenn die Gesellschaft Dekoration für das Schloss benötigt, sollte sie sich um zeitgemäße Künstler bemühen statt im Heinrich-von-Kleist-Park zu plündern und Geschichte zu klittern ……. Statt sich um eine Entwicklung des Kleist-Parks zu bemühen, beteiligt sich der Verantwortliche nun an dessen Plünderung. Krüger schadet dem Bezirk.“

Grüner Fleck als Verschiebestätte
Nun geht es ja auf diesem Gelände schon seit einiger Zeit recht hin-und-her zu. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es dort eine Grünfläche, die 1718 erstmals „Botanischer Garten“ genannt wurde. Doch ein regulärer Botanischer Garten war er erst ab 1801, in dem auch Adelbert von Chamisso um 1820 in einem wunderbaren und vor allem artenträchtigen Gewächshaus arbeitete. Damals war alles im grünen Bereich.

Dann wurde die Potsdamer Straße im Eiltempo bebaut, der Botanische Garten passte nicht mehr in diese Stadtplanung und wurde kurzer Hand zwischen 1899 und 1910 nach Dahlem verlegt. Ungefähr zur gleichen Zeit platzte das Kammergericht ( jetzt das gelbe Eingangsgebäude am jüdischen Museum) aus allen Nähten. Ein größerer Bau musste her und, Zapperlot, da gibt’s doch einen Freifläche an der Potsdamer Straße. Und als es Wertheim am Alexanderplatz zu eng wurde und die Kolonaden weg mussten? Genialer Schachzug. Passt doch gut zusammen. Kolonaden abbauen und rein in den Park. Das war eine Meisterleistung, gegen die der Umzug der zwei Rossebändiger natürlich läppisch wirkt.

Die Schöneberger nahmen es wie es kam. Und am 21. November 1911 bekam das Ensemble anlässlich des 100. Todestages von Heinrich von Kleist auch noch seinen Namen, der aber allen zu lang ist, deshalb nennen ihn alle Kleist-Park.

Fact-checking aus Moskau oder machen Sie’s wie der Zar, Herr Krüger!
Nun sind Elena und Micha keine Geschichtenerzähler, Elena ist, zum Beispiel, (Musik)wissenschaftlerin. Deshalb wollten sie der ganzen Sache noch mal auf den Grund zu gehen. Vor kurzem erhielt ich viele Bildern und Elena schrieb, dass sich alles doch ein wenig anderes, wenn auch hübsch verquicklich zugetragen hätte.

Brückengeländer in Berlin

Am Anfang November 1841 waren auf der Anitschkow Brücke die Geländer und die Granitsockel für die Statuen bestimmt. Die Einzäunung war nach den Zeichnungen des deutschen Architekten Karls Shinkelja geschaffen. Genau solche Zeichnung früher (in 1822-1824 Jahren) war für den Bau der Geländer der Schloßbrücke in Berlin verwendet.“

Brückengeländert in St. Petersburg – ja mit Rossebändiger.

Die Rossebändiger hätte der Bildhauer-Tiermaler Pjotr Karlovich Klodt (1805-1867) gerne auf der Uferstraße der Newa beim Admiralitätsboulevard gesehen. Doch für die Anlegestellen waren Löwen und Vasen bestimmt. Und so kamen sie 1841 auf die Anitschkow Brücke, zwei in Bronze ausgeführt auf die westliche, zwei Gipskopien in Bronzeton bemalt auf die östliche Seite. 

Grad mal so zu erkennen, nicht wahr?

Die Gipskopien sollten möglichst schnell durch Bronzefiguren ersetzt werden. „Nach einem Jahr hatte von Klodt die Bronzenkopien der Reitgruppen hergestellt,“ schreibt Elena. „Als die Bronzenskulpturen zur Anlage schon fertig waren, haben sie sie 1842 auf den Hinweis von Nikolajs I an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV geschenkt. Als die Antwortgeste hat der preußische Monarch Sankt Petersburg zwei Standbilder des Ruhmes in 1845 geschenkt, die auf dem Konnogvardejsky Boulevard festgestellt haben.“

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Rossebändiger – hier wie da

Denn die Gipsskulpturen erwiesen sich als nicht sehr haltbar. Neue Bronzenskulpturen für die Anitschkow Brücke wurden am 9. Oktober 1843 aufgestellt, doch dann im April 1846 an den König Siziliens Фердинанду II verschenkt, die Gipsfiguren wieder aus dem Lager geholt und von Klodt erhielt einen neuen Auftrag. Doch er hatte keine Lust mehr, ständig die gleichen Kopien anzufertigen.

Ist das noch zeitgemäß?
Statt dessen entwickelte von Klodt das Sujet „die Eroberung des Pferdes vom Menschen“, so dass auf der Brücke in St. Petersburg heute nun vier verschiedene Pferde stehen.

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Da geht es ab! Und wer gewinnt?

 

Elena empfiehlt, sie nacheinander zu betrachten und auf der westlichen Seite zu beginnen. Die Skulptur dort stellt „den Bändiger mit dem Seil in den Händen“ dar. Die zweite Statue auf der östlichen Seite zeigt „die verstärkte Dynamik des Kampfes. Der Mensch ist vom Pferd versetzt, das auf die Freiheit fast ausgerissen wurde.“ In der dritten Gruppe sinke die Dramatik allmählich, und die vierte zeige den Bändiger, der neben dem Pferd ruhig schreitet,der jedoch gebissen worden ist. „Der Prozess die Zähmung des Pferdes wird symbolisiert, und die Pferde der dritten und vierten Gruppe sind in einem sehr viel fortgeschritteneren Stadium gezähmt als in den ersten beiden.“

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Lauf, Pferdchen, lauf

Tierische Unterwerfung in Schöneberg oder reiten lassen?

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Rossebändiger gingen bereits 2008 auf die Reise

Es ist ja nun nicht so, dass wir kunsthistorisch beflissenen Projekten in dieser Stadt, die Rossebändiger nicht mal ausleihen. 

Sie waren ja 2008 schon mal im Martin-Gropius-Bau und all das, plus das Thema der Ausstellung war so faszinierend und brachte die beiden Skulpturen den BerlinerInnen wieder so richtig nahe. „Nach über 60 Jahren im Laubversteck feiern sie nun eine triumphale Rückkehr,“ jubelte der Spiegel. 

Doch nun geht es um „immer“. Und die Rossebändiger sind nicht die einzigen Sachen, die Gesellschaft Berliner Schloss e.V. zum Humboldtforum holen will . „Das Berliner Schloss entsteht im Innern als moderner funktionaler Zweckbau ohne jegliche Erinnerung an seine kunsthistorisch bedeutenden Räume. Im Äußeren werden weder Neptunbrunnen noch Rossebändiger oder andere Denkmäler an ihren historischen Ort zurückgeführt,“ schreiben sie als Erklärung. „Wir fordern die Wiederherstellung des Rittersaals über dem Portal V und des Schweizersaals mit Gigantentreppenhaus im Portal VI bis 2019. Wir fordern die Rückführung des Neptunbrunnens und der Rossebändiger vor das Schloss bis 2019.“

Nur damit ihr Bescheid wisst, wenn ihr demnächst Stadt Krüger mit dem Petitionsblock trefft.

12 Wien

P.S. Das in Wien sind übrigens andere Pferde. Sie haben eine viel ruhigere Geschichte.

Weitersagen! Danke.
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