Ist offline Videos ausleihen Schnee von gestern? – Wie die Berliner Videotheken aussterben

Von HU-Gastblogger Sebastian

Filme gucken. Ein Hobby für viele. Wie wirkt sich die wachsende Bequemlichkeit Filme bei Onlineanbietern zu schauen statt offline auf die Verleiher aus?

VOM GEFÜHL DES AUSLEIHENS

Es ist dieses besondere Gefühl: Ich betrete die Räumlichkeit, als erstes leuchten und reflektieren mir die prall gefüllten Regale durch all ihre bunten Hüllen und Covers entgegen. Davor kündigt bereits ein Plakat, hinter dem Schaufenster, die neu erscheinenden Filme für den aktuellen Monat an. Die Vorfreude wird geschürt, nebenbei plane ich im Kopf bereits Woche für Woche die einzelnen Filmabende.

Ein Rückzugsort

Schon seit ein paar Jahren (genaues Jahr unbekannt) ist die Videothek für mich eine willkommene Abwechslung zum stressigen Alltag geworden. Fast wie ein Rückzugsort, wenn ich das Stichwort Entschleunigung betrachte: Ein Ritual, sich einmal die Woche (m)einen Film auszuleihen und (mit Freunden) zu gucken.

Es ist dieses besondere Gefühl, wenn du alle Verkäufer/-innen kennst, sie dir freudig entgegenlächeln und deinen Besuch schätzen. Denn offline kennt man sich eben noch persönlich. Zu meinem Besuch gehört natürlich auch ein regelmäßiger Meinungsaustausch über neue Filme, Filmklassiker und allem was dazugehört.

Von Empfehlungen und Freunden

Bei all dieser Vertrautheit, können Empfehlungen gegeben werden, die nicht wie in einer Online-Videothek auf einem Algorithmus basieren, der einfach nur deine bisher angesehenen Filme analysiert. Also zückst du die laminierte Ausleihkarte, die vor jeder einzelnen Filmhülle steht und gehst damit zum Tresen.

Ein anderer Teil dieses besonderen Gefühls ist es, wenn du mit deinem besten Freund dorthin gehst und die Hälfte der Zeit damit verbringst, dich überhaupt auf einen Film festzulegen. Schlimmstenfalls kennt nämlich der eine schon die eine Hälfte und der andere die andere Hälfte der Filme. Auch hier wirkt der Mensch hinterm Tresen oft vermittelnd, indem er wilde Wortgefechte erst schlichtet und dann den richtigen Film vorschlägt, den noch keiner von beiden gesehen hat.

Der Gang zum Thresen

Es ist eben dieses besondere Gefühl, wenn du wie ein kleines Kind an der Theke stehst, die Kunden- und Ausleihkarte stolz überreichst und der Verkäufer parallel zu einem weiteren Dialog mit dir den entsprechenden Film raussucht, um die leere Filmhülle mit Inhalt zu füllen.

Das Ende naht?!

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2017. Schritt für Schritt haben sich schon einige Videotheken aus dem Geschäft verabschiedet. Die für mich schönen Zeiten, wie oben beschrieben, scheinen vorbei …
Zeit für mich, der ganzen einmal Sache auf den Grund zu gehen!
Zunächst vergleiche ich Offline- mit Online-Angeboten:

Die Konkurrenz

Bei den schier unzähligen Online-Anbietern wie Netflix, Amazon Prime, Sky (HD), Maxdome, um nur einige zu nennen, ist es Gang und Gäbe, gemütlich vom heimischen Sofa aus per Tastendruck die Qual der Wahl zu haben. Dabei schlagen klassische Filmmedien, in diesem Falle die Bluray, diese Anbieter in punkto Qualität um Längen!

Hat den Kampf schon 2014 verloren: World of Video in der Bülowstr. 101

Preisstruktur

Umso erstaunlicher und unverständlicher, dass Online-Leihangebote aktuell fast dreimal teuer sind (Zum Vergleich: Videothek ein Film 1€/Geschäftstag VS Vodafone Select 4,99€/3 Geschäftstage). Abgesehen davon, dass es oft, wie im Beispiel genannt, keine Option auf „weniger“ gibt und Dinge mitbezahlt werden müssen, die nicht unbedingt gebraucht werden. Zum Beispiel, wenn ich einen Film online drei Tage ausleihen muss, obwohl ich nur einmal an einem Tag gucken möchte. Warum 5€ für drei Tage zahlen, wenn ich nur einen Tag brauche bzw. maximal zwei, wenn ich zu faul bin und ihn erst am Folgetag zurückbringe.

Schon immer haben die Videotheken auch die normale Bequemlichkeit der Personen miteingerechnet und die Preise entsprechend human gestaltet. Fast jeder weiß, dass sich die Wenigsten nach einem gemütlichen Filmabend danach noch einmal aufrappeln, um den Film am gleichen Geschäftstag zurückzubringen.
Online hingegen, liest sich das bei Amazon Video so: „Sie haben 30 Tage, um ein geliehenes Video zu starten und dann 48 Stunden, um es anzusehen.“

Wie das Geschäft läuft

Ich verabredete mich für ein paar Interviewfragen zum einen mit den Mitarbeitern aus der heimischen Videothek, die zum Zeitpunkt des Artikelschreibens in zwei Tagen am 29.03.17. mit einem Räumungsverkauf schließt und zum anderen mit Mitarbeitern in der noch geöffneten Filiale in Schöneberg (Martin-Luther-Straße 34), die beide der gleichen Kette „Video World“ angehören.
Im persönlichen Gespräch erfahre ich zunächst, dass wahrscheinlich auf kurz oder lange Sicht entweder alle Filialen bis 2018 schließen oder auf höchstens zwei Filialen minimiert werden.
Die genauen Ursachen dafür sind auch den Mitarbeitern unbekannt. Geschäftlich scheint es gut zu laufen. Ich vermute für mich persönlich, dass vielleicht die Gewinnspanne zu niedrig ist, wenn am Ende der Umsatz – Ladenmiete – Personalkosten betrachtet wird.

Angebotsvergleich

Vom Filmangebot her, können die Videotheken nur teilweise nicht mehr mithalten. Von den neuesten Filmen ausgehend, sind die Videotheken klar im Vorteil! Neue Filme erscheinen oft Wochen vorher exklusiv vor Handel und Online-Anbietern zum Ausleihen. Woran es langfristig mangeln wird, ist die begrenzte Lagerfläche. Einige Filialen betrifft das mehr oder weniger, aber mit immer weiter zunehmender Filmanzahl, werden nicht alle Filme den Weg ins ewige Archiv finden oder nach Jahren aus selbigen aussortiert werden müssen.
Hier haben die Online-Anbieter durch den Ausbau von Servern eindeutig den langfristigen Vorteil, dass sie Filme für solange verfügbar machen können, wie sie selbst existieren. Aktuell arbeiten sie aber immer noch daran, weitere ältere Filme in die sogenannte „Cinemathek“ aufzunehmen, um sie zu komplettieren.

Filiale an der Prinzenallee: Bald Vergangenheit

Trend verschlafen?!

„Man habe den Online-Trend verschlafen“ heißt es durchgängig. Was das allerdings genau heißt, weiß niemand so recht. Ich frage nach: „Wie hätte man dem Online-Trend denn besser entgegenwirken können?“, woraufhin meistens eher Stillschweigen herrschte.

Eine vermeintliche Lösung gab es schon einmal bei manchen Anbietern: Das (Rück)Versenden der Videos per Post. Einfach den Film in den beim Ausleihen mitgelieferten Postumschlag in den nächstgelegenen Briefkasten werfen. Manchmal brachten die Anbieter auch einfach direkt Briefkästen an der Filiale außen an, damit die Kunden auch außerhalb der Öffnungszeiten die Filme zurückgeben können.

Doch das wurde scheinbar nie so richtig angenommen. Die Kosten durch die Postsendung wurden höher, der Verwaltungsaufwand ebenso.
Dass die Briefkästen noch heute ungenutzt im Lager meiner Filiale rumstehen und auf ihren Einsatz warten, verdeutlicht das Scheitern, dem Online-Trend auf diese Art und Weise entgegenzuwirken.

Kurzfazit

Am Ende bleibt mir nur übrig festzustellen, dass es für die Mitarbeiter und mich unbekannte Ursachen-Wirkungen gibt, die sich scheinbar außerhalb unserer Wahrnehmung befinden.
Vielleicht war es auch einfach an der Zeit. Der Name Videothek ist an sich ja schon ein altbackener, schließlich werden Videos schon lange nicht mehr angeboten, seit dem Durchbruch der DVD, die wiederum auch schon vom Nachfolgeformat Blu-Ray langsam abgelöst wird. Vielleicht ist die Bequemlichkeit wichtiger, von der Couch aus Filme auszuleihen, als das nostalgische Gefühl, ein echtes Medium in der Hand zu halten?
Vielleicht ist Videos offline ausleihen auch einfach nicht mehr hip genug?!

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität.

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