Ein ornithologischer Spaziergang entlang der Potsdamer Straße

Die Potsdamerstraße, die B1, ist eine der Hauptverkehrsstraßen von Berlin. Sie ist Tag und Nacht stark befahren und Menschen strömen über die Bürgersteige. Das Licht der Straßenlaternen und Leuchtreklamen erleuchten die Straße ständig. Man denkt bei diesen Eigenschaften nicht an einen Ort, an dem es möglich ist Natur zu entdecken.

Doch 225 Bäume stehen unmittelbar an der Potsdamer Straße, unzählige Weitere befinden sich in unmittelbarer Nähe. Begrünte Mittelstreifen und Innenhöfe, sowie umliegende Grünflächen bilden den ständigen Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten.

Der Spaziergang beginnt am Potsdamer Platz. Bereits im S-Bahnhof wird man vom deutlichen Tschilpen der Haussperlinge begrüßt. Touristen zeigen größtes Erstaunen darüber, dass diese kleinen Vögel, auch im Untergrund unterwegs sind. Die zutraulichen Tiere scheinen regelrecht vor den Kameras zu posieren und erweichen das Herz der Touristen derart, dass Brotstücken und Pommes als Futter angeboten werden. Beides kein geeignetes Futter. Kleine weiße Kotkügelchen auf den Rolltreppen der S-Bahn verraten, dass die Spatzen hier regelmäßig zu Gast sind.

EIn Spatz in Berlin

Auf dem Potsdamer Platz zwischen den Menschenmassen laufen einzelne Straßentauben. Sie picken hier nach Essensresten. Bis Ende 2016 gab es auf einem der Hochhäuser einen betreuten Taubenschlag, in dem artgerechtes Futter und Nistplätze angeboten wurden. Dort hat man die Eier gegen Attrappen ausgetauscht und so den Taubenbestand reguliert.

Auf einem Gebäudevorsprung sitzen zwei Nebelkrähen und beobachten das Geschehen auf der Straße genaustens. Berlins häufigster Rabenvogel ist etwas scheu und hält immer einen gewissen Abstand zum Menschen. Als für einen kurzen Augenblick, die Bushaltestelle menschenleer war, springt eine der Krähen herab und fliegt mit einem Brötchenrest davon.

Zwischen Potsdamer Platz und dem Landwehrkanals liegt das Kulturforum, eine vergleichsweise offene Landschaft. Die 1850 gepflanzte Kaiserplatane ist der mächtigste Baum auf diesem Areal. Ihre ausladende Krone ist Lebensraum von Ringeltauben, den größeren Verwandten der Straßentauben. Ihr dumpfes Gurren ist aktuell dort zu hören und erste Äste für den Nestbau werden zusammengetragen. Auf den offenen Wiesen picken Stare nach Samen und Insekten. Eigentlich sind Stare Zugvögel, doch in Städten wie Berlin finden diese Vögel auch im Winter zuverlässig Futter. Zwischen den vereinzelt gepflanzten Sträuchern huschen Amseln hin und her.

Amselmännchen auf Futtersuche

Der Landwehrkanal unterquert die Potsdamer Straße, gesäumt von Büschen und Bäumen. Wer hier etwas verweilt, wird mit Leichtigkeit Stockenten und Höckerschwäne beobachten können, auf der ständigen Suche nach Wasserpflanzen.

Auf der Höhe der Pohlstraße dominieren Linden das Straßenbild. Im Sommer  bilden sie gemeinsam mit Robinien ein dichtes Blätterdach über die Potsdamer Straße. Hier jagen zwei Elstern in den Baumkronen. Mit ihrem lauten Krächzen haben sie einen Kleiber erschreckt. Für diese Vogelart ganz typisch hängt er mit dem Kopf nach unten am Baumstamm und erst als ein LKW über die Straße poltert widmet sich der Vogel wieder der Nahrungssuche. Er sucht die Rinde nach Insekten ab.

Ein Taubenpaar landet auf dem Gehweg und trinkt zügig aus einer Wasserpfütze, bevor ein Spaziergänger mit Hund sie verscheucht.

Das Viadukt der U2 kreuzt die Potsdamer Straße. Auf einem Vorsprung sieht man einen männlichen Spatz emsig nach einem Weibchen rufen, nur etwas weiter deuten große Mengen Vogelkot an, dass hier Tauben ihren Schlafplatz haben und im Sommer bestimmt sogar brüten, dazu eignet sich die Stahlkonstruktion der U-Bahn bestens. Über Leuchtreklamen wird auch im Winter gebrütet. Die genügsamen Tiere wissen die Wärme der Leuchtstoffröhren zu schätzen und verstecken sich hinter den befestigten Spikes zur Taubenabwehr.

Straßentaube

Auf unserem Weg in Richtung Pallasstraße werden wir von Kohlmeisen im Geäst der Linden begleitet und Nebelkrähen machen sich über die Essensreste weggeworfener Döner her und unterbrechen ihr Festmahl, wenn man sie zulange beobachtet und fliegen mit Fleischstücken davon.

Ecke Pallasstraße herrscht nicht nur Aufregung auf der Straße. Am Himmel zieht lautes Krächzen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Ein Gruppe Krähen jagen einen Angreifer und vermeintlichen Nahrungskonkurrenten davon. Ein Turmfalke hat es gewagt auf Jagd zu gehen und wird nun verscheucht. Turmfalken erlegen in Berlin nur selten Nebelkrähen, sie sind vielmehr an Mäuse und Spatzen interessiert, dennoch muss er verscheucht werden. Jetzt wo der schnelle und wenige Greifvogel abgelenkt ist, kann sich ein Rotkehlchen offen auf einer Satellitenschüssel zeigen und ein Liedchen trällern und auch die Kohlmeisen verlassen ihre Deckung und huschen in eine nahe Efeuhecke.

Am Ende der Potsdamerstraße liegt der Kleistpark. Dieser Park war einst Standort vom Botanischen Garten Berlin, bevor dieser 1899 nach Berlin-Lichterfelde zog. In alten Platanen sieht man Eichhörnchen und ein Buntspecht hämmert lautstark. Zu Fuße großer Bäume hört man das beschäftigte Rascheln von Amseln, die Laub wenden und Kleingetier suchen. Blau- und Kohlmeisen jagen sich durch die feinen Zweige von Büschen.  Im Sommer singen hier Nachtigallen und Rotkehlchen im Wettstreit mit Amseln und Buchfinken.  Dieser Ort  der ruhige Kontrast zum lauten und überfüllten Potsdamer Platz.

Dieser Beitrag wurde von Alice verfasst.
Sie studiert Gartenbauwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Hobby-Ornithologin.

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3 Antworten zu “Ein ornithologischer Spaziergang entlang der Potsdamer Straße

  1. Danke, sehr schön.
    Wir wohnen 3 Straßen weiter und haben ein Eichelhähernest unterm Dach, wo nun schon mindestens das dritte Jahr in Folge ein Paar das Nest ausbaut. Letztes Jahr haben sie erfolgreich 5 Junge großgezogen…

    • Sehr schön! Wussten Sie schon, dass Eichelhäher die Rufe anderer Vögel imitieren können z.B. den Ruf eines Mäusebussards?

  2. Adelheid Pohlmann

    Ja den Eichelhäher kennen wir auch, er macht keine schönen Geräusche. Seit ein paar Wochen hörte ich öfters einen Specht hämmern und dachte, das kann nicht sein… Heute habe ich ihn auf unserer ‚ Hauslinde“ gesehen: einen Buntspecht. Und der erste Mauersegler ist auch seit Freitag da!!

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