Achilles Orthopädie Schuhtechnik – „die letzte Bastion“

Artikel von Gastbloggerin Anne geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 „Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ am Career Center der Humboldt Universität

Vom Adidas-Sneaker-Nachbau bis zum Diabetikerschuh stellt die Achilles Orthopädie Schuhtechnik in der Kluckstraße eigentlich fast alles her, solange es vom Patienten benötigt oder gewünscht wird. Es wird nur auf Bestellung und nur auf Maß angefertigt. Dabei hat das Geschäft den Spagat zwischen traditioneller Handwerkskunst und modernster 3D-Technik zu meistern.

Die Anfänge des Ladens führen weit zurück bis in die Nachkriegszeit. Zunächst befand sich das Geschäft in der Augsburger Straße. Nach einem kriegsbedingten Umzug ist es seit den 50er Jahren in einem denkmalgeschützten Haus, das im Jahr 1872 erbaut wurde, in der Kluckstraße ansässig. Diese Lage wurde allerdings später problematisch für den Laden. Als Durchgangsstraße bot die Kluckstraße zunächst reichlich Laufkundschaft, aber um die Prostitution zu unterbinden, wurde eine künstliche Sackgasse zwischen Pohlstraße und Kluckstraße errichtet.

Arbeitsüberlastung trotz inzwischen etwas unvorteilhaft gewordener Lage in der Kluckstraße

Für Volkmar Dornick, der erst im Frühjahr 2011 die Geschäftsführung übernahm, ist sein Laden daher „die letzte Bastion in einer toten Straße“. Durch die Lage hat der Laden eine Sonderstellung in der Gegend inne und damit auch keinerlei Konkurrenz zu befürchten. Allerdings kann er schon lange nicht mehr mit Laufkundschaft im eigentlichen Sinne rechnen. „Wir versuchen uns daher mit Qualität zu etablieren. Damit gehört man schon zu der aussterbenden Gattung – und wir werden oft belächelt.“ Auf der anderen Seite kommt es durchaus auch vor, dass eine Kundin oder ein Kunde extra aus Hamburg anreist, um ihre oder seine Wunsch-Schuhe bei Achilles anfertigen zu lassen.

Werkstatt

Als Volkmar Dornick das Geschäft übernahm, war die Kunstszene der Gegend oder die dadurch stattfindende Aufwertung des Kiezes nicht von großer Bedeutung für ihn. Er schätzt den Kiez zwar als sehr bunt, aber lange noch nicht so alternativ wie man denken mag, ein. Vielmehr war die Arbeit des Vorbesitzers ausschlaggebend für ihn. Im Gespräch mit ihm habe ich den Gedanken, dass er seine Arbeit wirklich lieben muss, denn er erzählt mir von seiner 70 bis 80h-Woche. Trotz vier weiteren Mitarbeitern und zwei Halbtagskräften ist er ziemlich überlastet und Bürokratie sowie Organisatorisches nehmen viel Zeit ein. Er zeigt auf seine zwei Smartphones, ohne die sein Arbeitsalltag auch in dieser Branche kaum noch zu bewältigen wäre.

Skurrile und außergewöhnliche Schuhe wie nirgends sonst

Der Vorbesitzer Klaus Achilles war insbesondere für seine bunten, skurrilen Kreationen bekannt. „Das Skurrile war sein Markenzeichen“, erklärt Volkmar Dornick. Und so kam es nicht selten vor, dass Klaus Achilles eine Anfertigung mehrmals erledigen musste, denn nicht jeder bzw. jede war offen für seine eigenwilligen Kreationen. Mehr als 24 Jahre war Klaus Achilles der Geschäftsführer des Ladens und lebte zeitweise sogar in einer Wohnung hinter den Werkstatträumen. Auch heute noch zeugt die immense Auswahl an Leder in den unterschiedlichsten Farben und extravagantesten Mustern im Keller des Geschäfts von seiner Kunstfertigkeit.

Mehr als „nur“ Schuhe

Die Patienten kommen mit einem manchmal mehr, manchmal weniger schwerwiegenden Problem zu Volkmar Dornick. Oder er kommt eben zu ihnen, denn Hausbesuche stehen für ihn im Arbeitsalltag ebenso an der Tagesordnung. „Bei Hausbesuchen dringt man auch in die Privatsphäre der Personen ein und man lernt sehr viel von ihnen kennen. Teilweise ist es richtig finster.“ Die Beratung seiner Patienten steht für Dornick an oberster Stelle. Er erklärt, dass seine Arbeit bei vielen Patienten über das bloße Anfertigen von Schuhwerk hinausgeht und man häufig fast schon eine psychologische Betreuung leisten muss.

Von außen ist das Besondere an diesem Laden vielleicht nicht sofort auf den ersten Blick zu sehen. Mir wird bei meinem Besuch jedoch schnell klar, wie viel Akribie und Kreativität eigentlich in der Arbeit steckt, die in diesem Laden Tag für Tag ausgeführt wird. Der Laden in der Kluckstraße trägt viel an alter Tradition, aber auch an Individualität in sich. Es bleibt der Achilles Orthopädie Schuhtechnik zu wünschen, dass der Laden sich viele weitere Jahre als letzte Bastion in dieser Gegend halten kann – oder vielleicht gar nicht mehr die letzte Bastion sein muss.

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