Architektonischer Spaziergang: Mikrokosmos Pohlstraße

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Winterkurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität

Von HU-Gastbloggerin Bettina

Bis vor kurzem kannte ich diese Gegend nur vom Hörensagen, aber das Career Center-Seminar brachte mich hierher – so bin ich also eher zufällig hier gelandet und bilde mir meine subjektive Meinung. Die Pohlstraße, die vom Gleisdreieckgelände bis zum Möbel-Hübner-Turm reicht, ist einer der Mikrokosmen, die zum Potse-Kiez gehören. Leider muss man sagen, daß die Potsdamer Straße selbst in weiten Teilen einfach nur dem Auge wehtut, abgesehen von einzelnen Altbauperlen und gelungenen Neubauten, die sich unaufdringlich in die vorhandene Bausubstanz einfügen – wie der ehemaligen Malschule für Frauen mit ihren zauberhaften Höfen als Beispiel für erstere und dem Hutatelier von Fiona Benett für letztere.

Ehrlich gesagt kann ich mich an das Gebäude, in dessen Erdgeschoß die Kreationen der Modistin dargeboten werden und in dem sie herself bei der Gestaltung von Hüten zu beobachten ist, nicht erinnern – was dafür spricht, daß es sich hierbei um ein neutrales und chamäleonhaft angepasstes Gebäude handelt. Ansonsten reiht sich streckenweise Bausünde an Bausünde, älteren und jüngeren Datums, nicht nur das Auge des architektonisch interessierten Betrachters beleidigend. Viele Köche durften im städtebaulichen Brei der Potsdamer Straße rühren, was ihr nicht zum Vorteil gereichte – dieses Schicksal teilt sie allerdings mit vielen anderen Straßen. Neubauten mit Sichtbetonästhetik und schwachen Gaudí-Reminiszenzen sind da noch harmlosere Beispiele von Verschlimmbesserung des Stadtbildes.

2014_3_Pohlstr._Sichtbeton I_kl

Abtauchen in den Mikrokosmos

Biegen wir jedoch von der Hauptstraße in die Pohlstraße ein, die wiederum einen für sich interessanten architektonischen Querschnitt bietet und eine der angenehmeren Seitenstraßen der Potse ist. Ich habe vor, die Pohlstraße entlangzuspazieren und auf mich wirken zu lassen. An ihrem westlichen Ende beginnt die Pohlstraße mit einer Sackgasse, die zum Parkplatz des Möbel-Hübner-Hochhauses und zur Kluckstraße offen ist. Hier befindet sich ein kleiner Platz mit Mäuerchen und Bänken zum Sitzen, den man sich in der wärmeren Jahreszeit sehr belebt vorstellen kann.

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2014_3_Pohlstr._Klinkerhaus + Nachbarhäuser_kl

Kiez komplett

Es ist größtenteils eine Wohnstraße, sehr ruhig und kaum befahren, mit Kiosk, Kitas und Cafés. Allein fünf Galerien kann man zählen. Altbauten wechseln sich mit verhältnismäßig gut eingepassten Neubauten ab. Links neben der Nr. 70 (oben auf dem Foto) wurde eine Baulücke mit einem Ziegelfassadenneubau gefüllt, der definitiv modern wirkt, aber trotzdem die Altbauoptik mit Erker und großen Fenstern aufgreift. Glücklicherweise wurde hier nicht versucht, profitable sieben Etagen statt fünfen zwischen Erdboden und Traufkante zu quetschen. Hinter einem schnörkeligen, versperrten Torgitter öffnet sich der baumbestandene Kirchhof der Katholisch-Apostolischen Gemeinde, die ganz offensichtlich eine „geschlossene Gesellschaft“ ist.

2014_3_Pohlstr_Kirchhof_Torgitter_kl

2014_3_Pohlstraße_alter Balkon_kl

Kunst am Bau – Baukunst – keine Kunst

Man kommt, sieht und assoziiert. Neben dem zuvor erwähnten Ziegelfassadenneubau steht ein zwar noch erträgliches, aber weit weniger originelles Gebäude. An der Erdgeschosswand desselben hängt eine Holzskulptur, die wohl unter die Kategorie „Kunst am Bau“ fallen soll. Aber hier, wie überhaupt, stellt sich einfach wieder mal die Frage: Was will uns der Autor damit sagen? Mich erinnert die handwerklich nicht besonders ausgefeilte Figur an den ähnlich misslungenen Treibholzjesus in der Martinskirche Hellern, in der ich zahlreiche Sonntage meiner Kindheit und Jugend verschwenden musste. Kleine bauliche und erbauliche Details, die sich meist an den Altbauten finden, springen mir immer wieder ins Auge und ich muss sagen, dass die CAD-generierten Neubauten dieser Tage nur selten ähnlich gelungene i-Tüpfelchen  aufweisen.

2014_3_Pohlstr._Holzfigur schräg_kl

2014_3_Pohlstr._Altbau_Blumenziegel_kl

Die Maske fällt

Ab der Kreuzung ändert sich das Gesicht der Pohlstraße. Rechts ziehen sich neue Wohnhäuser hin, die unverständlicherweise mit alten, scheinbar gusseisernen Säulen verziert sind. Ein größeres fabrikähnliches Eckgebäude mit blind wirkender Fassade nimmt einigen Raum ein. Es ist mir nicht gelungen, zweifelsfrei herauszufinden, was sich dort befindet. Das Gebäude wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Wohngegend, was wird hier wohl unter Verschluss gehalten? – Nur wenige schöne Altbaufassaden unterbrechen die Häuserfronten auf beiden Straßenseiten. Ein Stück der ummantelten S-Bahnstrecke zerschneidet eine freiere Fläche, in den Räumen darunter befinden sich Künstlerateliers und Jugendtreffs. Gegenüber fristet ein kümmerlicher Fußballplatz sein Leben, aber vielleicht nicht mehr lange.

2014_3_Pohlstr._Neubau m. alter Säule_kl

Altbewährte Leuchtkörper

Ein Relikt des vergangenen Jahrhunderts sind die Gaslaternen, ihres Zeichens gefährdete Kulturgüter. Diese Leuchtkörper mit weichem, gelblichem Licht sind noch in erstaunlich hoher Anzahl vorhanden, jedoch vom Abbau bedroht. Hier ist noch eine ganze Straße mit ihnen ausgestattet, und ganz offensichtlich sind sie voll funktionsfähig. Von diesem Hängelampentyp aus den 1900er Jahren gibt es in Berlin noch etwa 3600 Exemplare.

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Auflösung im Chaos 

Zum Ende der Pohlstraße hin wird es chaotisch, die Straßenzüge scheinen sich aufzulösen, denn sie geht hier nach links direkt in ein Neubaugebiet,  nach vorne und rechts ins Gleisdreieckgelände über. Viele der Gebäudeblocks sind noch im Bau befindlich, moderne Miet- und Eigentumswohnungen entstehen hier und zwacken dem Gleisdreieckgelände ein weiteres Stück ab. Hier befindet sich auch die sagenhafte Stelle, an der die S-Bahn plötzlich in einem Haus verschwindet, dieses durchtunnelt und dann steil abwärts in einer ummauerten Bahn wieder unter die Erde geleitet wird. Während ich am Anfang der Pohlstraße bei näherem Hinsehen doch angenehm überrascht war, fühle ich an ihrem Ende eine gewisse Tristesse, und deshalb gehe ich die Straße einfach noch mal zurück.

2014_3_Pohlstr._S-Bahn Haustunnel_kl

Alle Fotos © Bettina W., Berlin 2014.

2 Antworten zu “Architektonischer Spaziergang: Mikrokosmos Pohlstraße

  1. Ein schöner Artikel, sachlich, kritisch und auch gut beobachtet geschrieben, man spürt, dass sich hier jemand Zeit gelassen hat für eine Strasse, Eindrücke und Ansätze davon,was dahinter sein mag .. reicht, um neugierig zu werden!

  2. Eine interessante Spaziergangsbeschreibung der Pohlstraße.
    Mich verwundert nur immer wieder, dass das Bild vieler häufig ist, dass der Altbau immer die „Perlen“ sind und Neubauten als schwierige Bebauungsstrukturen gedeutet wird. Auch die offensichtlich negative Beschreibung des Ostteils der Pohlstraße ist von mir nicht nachvollziehbar. Vor allem die Ecke Pohlstraße/ Körnerstraße bietet mit zwei Brachflächen absolutes Potenzial. Auch die interessante Nutzung des U-Bahndurchzogenen Quartiers – einzigartig!
    Die Potsdamerstaße in ihrer Vielschichtigkeit und überlagernden Zeitgeschichten ist wichtig für die Stadt und ihre raue Seite ist ein Alleinstellungsmerkmal und tut meiner Meinung nicht weh im Auge.

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