Category Archives: Essen und Trinken

Wie das Händeschütteln mit meinem Bauern zu einem Erlebnisparcour für meinen Gaumen wurde

Im Abgang kommt der Zimt wunderbar heraus“, höre ich mich sagen. Solch einen Satz habe ich noch nie gesagt. Ich hab mir aber auch noch nie Zimt-Honig neugierig an den Gaumen geklebt, ihn dann minituös auf der Zunge zergehen lassen, um anschließend über das Erlebte zu (fach)simpeln. Und noch ein kleines Löffelchen: Honig mit Vanille, Honig mit getränkten Rosenblättern und und und. „Ich nehme dann,“ sage ich irgendwann und zögere die Entscheidung noch sekundenweise heraus. „Das geht jetzt nicht,“ gibt André von der Imkerei an der Probstheide lächelnd zurück.

Ich bin nicht entsetzt. Irgendwie bin ich froh! Ich könnte mich jetzt gar nicht entscheiden, mein Beutel wäre zu klein, weil sich meine „ich will alles-Kaufhaltung“ nicht nur über die Honiggläser, sonder auch über die weiß-rot gestreifte Rote Beete, das mehlbestäubte Bauernbrot, den Rohkostaufstrich, und das reizvolles Chili-Chutney stülpt auf den Nachbartischen stülpt.

Im Hinterhof der Bülowstraße 6 sind vier Biertische aufgebaut. Dahinter meine Bauern, denen ich flyergemäß die Hand geben kann. In der Kochschule MICHIKOCHT im Squarehaus findet der Auftrakt zu der Food-Assembly in unserem Kiez statt.

Foodassembly ist ein gemeinnütziges Projekt aus Frankreich, welches regionale Bauern und Endverbraucher zusammenbringt, ohne den Zwischenhandel,“  hatte mir Michi geschrieben. „Der Kunde bestellt online Ware und kann sie dann bei mir in der Bülowstraße 6 jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr abholen. Das Besondere an dem Konzept ist, dass der Erzeuger oder Bauer persönlich vor Ort ist um dem Kunden die Ware zugeben. Somit entsteht eine enge Beziehung zwischen Bauer und Kunde. Des weiteren ist bei diesem Model die Gewinnmarge für den Bauern größer und er muss auch nur die Artikel mitbringen, die bestellt werden. Somit werden also Ressourcen und Lebensmittel geschont.“

Ich hab mir noch nie Gemüsekisten kommen lassen, bin in keiner Food-Coop, die Idee vom Kochhaus finde ich unausprobiert cool, vom Ökomarkt in der Lützowstrasse bin ich als Kiezbürgerin begeistert. „Komm vorbei, lerne unsere Erzeuger kennen und nutze die Gelegenheit, um besser zu essen und nebenbei auch noch die regionale Landwirtschaft zu unterstützen,“ zielte der Bauern-Flyer direkt in mein Gute-Mensch-Sein-Gewissen.

Sehr unterhaltsam und informativ ist es dann gewesen. Und meine Neugierde lässt meine Geschmacksnerven koppheister schießen. Nachdem ich nach meinem Chutney-Versuch wieder atmen kann, erfahre ich von Michael Maria Ziffels, dass die Jolakia 2014 als weltweit schärfste Chile preisgekrönt war.

Der Brotstand bringt mich zum Lachen. „Endorphina“ als Name für eine Bäckerei gefällt mir sehr gut, denn diese Quelle der Endorphinausschüttung kenne ich nur zu gut.

Über Rohkostaufstrich hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Sollten die Synergien wirklich so stark sein, wie tk sagt, so dass das Vitamin Cs der Zitrone im Felii Aufstrich von frulee wirklich die Wirkung des Magnesium der ebenfalls enthaltenen Banane turbomäßig ankurbelt? Ich nehme das mal so hin – schmecken tun sie auf jeden Fall.

Zwei Tage später durchstöbere ich die Food Assembly Webseite und wieder läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Also gebe ich meine Bestellung auf und trage mir den Termin im Kalender ein: Erste Verteilung am 28. August zwischen 17 und 19 Uhr in der Bülowstraße 6. Einige meiner Bauern möchte ich schon gerne wieder treffen.

 

 

Auf eine frische Minz-Limo ins „Cafe Eule“

Von HU-Gastbloggerin Marleen

Der Frühling steckt in den Startlöchern und was gibt es da Schöneres als die ersten Sonnenstrahlen in den zahlreichen Parks und Gärten Berlins zu genießen. Ein ganz besonders schönes Sonnenplätzchen ist das „Café Eule“  im Westteil des Parks am Gleisdreieck.

eule1.2Etwas versteckt, abseits der asphaltierten Wege, befindet sich der zum Café umgebaute Container, aus dem heraus die Betreiberin Kristiana Elig und ihre Mitarbeiter täglich herrlich leckeren italienischen Kaffee sowie zahlreiche hausgemachte Leckereien verkaufen. Continue reading

Neueröffnung Maître Vite

Von HU-Gastbloggerin Senta

„Sie sind ja hier. Hallo, schön Sie zu sehen. Das ist ja klasse, Sie hier zu sehen. So geht das jetzt schon den ganzen Morgen,“ sagt Moni und strahlt. „So viele Potsdamerianer waren schon hier. Sie freuen sich sehr, dass das Maître Vite wieder einen Laden hat. Und ich freue mich, dass ich weiterhin an der Potsdamer dabei bin.

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Inhaber Dennis Pieczarka nickt bestätigend. „Seitdem die Schilder hier an den Fenster waren, habe ich immer wieder E-Mails und Nachrichten erhalten von Leuten, die wissen wollten, wann wir denn nun endlich aufmachen,“ sagt er. „Das ist schon sehr ermutigend.“ Continue reading

Train Cocktailbar

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Train Cocktailbar am Kleistpark

Von HU-Gastbloggerin Izabella

Sehr spontan treffe ich Ali Dogan, den Inhaber des Train, für mein Interview. Unkompliziert verläuft auch unser Gespräch, das im hinteren, nachträglich angebauten, Raum des bekannten S-Bahn Waggons stattfindet. Auf den ersten Blick kann man den Anbau nicht erkennen und so stehen viele Gäste zunächst staunend im Eingang. Konsequent rot präsentiert sich die Bar und so herrscht eine sehr warme, fast sinnliche Stimmung. Die Decke ist mit einer goldenen Knisterfolie ausgekleidet und die Lichter brechen sich hundertfach darin. Der hintere Bereich ist mit einem Zelt erweitert worden, im Winter sorgen Heizpilze für die kuscheligen Temperaturen. Continue reading

Diskussionen als Selbstzweck

Von HU-Gastbloggerin Marleen

Vorbei unter den Schienen der S-Bahn, biege ich in die MansteinstraßeSAM_4005 ein, eine kleine, eher unauffällige Seitenstraße der Yorckstraße. Hier fällt mir zuallererst ein großes, hell erleuchtetes Werbeschild mit der Aufschrift „Weinhandlung“ auf, welches sich über die gesamte Ladenfront der Mansteinstraße 4 erstreckt. Erst auf den zweiten Blick entdecke ich das Café Manstein4 unter der Reklame. An der Bartheke des gemütlichen Cafés im Kaffeehaus-Stil empfängt mich Inhaber Michael Heermant und wir kommen sofort in ein freundliches Gespräch..

Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert hat eine ganz besondere Geschichte, wie mir Micha erzählt. Damals beherbergte es eine Schnaps- und Likörbrennerei mit angrenzender Weinhandlung. Die Likörfabrik und Kneipe Leydicke ist geblieben. Die Weinhandlung ist erst einem Künstleratelier gewichen und nach mühevoller Renovierungsarbeit entstand 2011 dieses gemütliches „Wohnzimmer“ für den Kiez. Einzig das große Werbeschild über dem Café erinnert noch an vergangene Zeiten und ist ein fester Bestandteil der denkmalgeschützten Fassade. Allerdings unterscheiden sich beide Läden vom Konzept ganz klar voneinander, wie Micha betont – nicht einmal die hausgebrannten Spirituosen des Nachbarns werden bei ihm ausgeschenkt.

Das Konzept des Ladens ist absolut einzigartig in Berlin und ich hake genauer nach. Micha erzählt mir, wie aus der Idee ein Diskussionsforum für Menschen zu schaffen das heutige Café Manstein4 entstanden ist. Zuvor traf man sich zu Diskussionsrunden privat in den Wohnungen von Freunden, doch da wurde das anschließende Aufräumen schnell lästig. Also werden nun die Räumlichkeiten des Cafés als Forum allabendlicher Diskussionsrunden und Lesungen genutzt. Und der Erfolg gibt Micha recht, wie ich im weiteren Verlauf unseres Gespräches erfahren werde.

Ursprünglich kommt Micha aus der Finanzwirtschaft, in der er nebenbei auch weiterhin arbeitet. Denn er habe den Laden im Jahre 2014 nicht als „Umsatzmaschine“ übernommen, sondern im Vordergrund stehe die Verbesserung der humanistischen Bildung, wie er mir versichert. Man solle verschiedene Erkenntnismethoden erlernen, um selbständig zu einer neuen Erkenntnis zu gelangen. Genau etwas, wonach man heutzutage an der Uni vergeblich suche, wie Micha sagt.

Hierfür sei eine lockere und entspannte Atmosphäre äußerst wichtig – ganz ohne Hierarchien, ohne Fixpunkte. Das gemeinsame Diskussionsziel sei nicht, andere von seiner eigenen Meinung überzeugen zu wollen, sondern sich gemeinsam zu begegnen, um zusammen vielleicht etwas klüger zu werden. Die Produkte, die aus einem solchen Diskussionsabend hervorgehen sollen sind bestenfalls Offenheit und die Irritation des Anderen. So spricht Micha auch von der „Diskussion als Selbstzweck“, denn alle sind Veranstalter, die den Abend gestalten und zusammen etwas produzieren – gemeinsam zu einer Erkenntnis zu gelangen.

Dadurch dass an jedem Wochentag ein bestimmter Themenbereich behandelt wird, sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Ganz entspannt beginnt die Woche mit Methoden zum Thema „Feldenkrais“ – erst theoretisch und danach „werden dann auch mal die Gymnastikmatten im Café ausgerollt und es wird etwas geturnt“. Am Dienstag geht es dann weiter rund um das Thema „Philosophie“. Der „Politische Salon“ und die „Debattierlounge“ wechseln sich mittwochs im zweiwöchentlichen Rhythmus ab. Einzig an diesem Tag werden Experten eingeladen, die über bestimmte Themen referieren. Doch an allen anderen Tagen wird gezielt auf eine „Frontalbeschallung“ verzichtet, vielmehr sollen alle Diskussionsteilnehmer gemeinsam entscheiden, wie der Abend gestaltet wird. Der Donnerstag Abend steht unter dem Motto der „Kapitalwirtschaft“ und am Freitags beschließt „Logik und Argumentation“ das Wochenprogramm. Und wer am Wochenende das Tanzbein schwingen möchte, bekommt am Samstag Abend reichlich Gelegenheit dazu. Beim „Tanztee“ werden Standart- und Lateinamerikanischen Tänze aufs Parkett gelegt. Das Wochenende lässt sich dann gut ab Sonntag Nachmittag rund um das Thema Liebe und Partnerschaft in „Die Beziehungskiste“ im Café Manstein4 ausklingen.

Doch damit nicht genug- das Café bietet auch Raum für wechselnde Kunstausstellungen. Aktuell sind die „Kaltnadelradierungen“ von Eberhard Franke zu bewundern. Ab April werden dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn, „Vespa“-Fotos zu sehen sein. Ich frage, ob bei der Kunstauswahl ein besonderer thematischer Schwerpunkt festgelegt sei. Doch auch hierbei, ebenso wie bei allen allabendlichen Veranstaltungen, sei der Rahmen völlig frei. Wichtig sei nur, betont Micha, dass fundamentalistischen Strömungen kein Forum geboten werde.

Die Nachfrage nach Diskussions- oder Leseabenden ist mittlerweile so gestiegen, dass derzeit meist zwei Veranstaltungen pro Abend stattfinden. Und es kommen auch Leute weit über die Nachbarschaft hinaus regelmäßig zum Diskutieren hierher. Und das obwohl auf Werbung komplett verzichtet wird. Die meisten Gäste, fast nur Stammgäste, finden durch die Mundpropaganda in den Laden. „So wie wir beim Essen darauf achten, dieses ohne Zusatzstoffe zuzubereiten, genauso tun wir es bei den Diskussionen auch“, sagt Micha.

Selbst Größen aus Politik und Wirtschaft sind immer häufiger Gäste des Manstein4. Neulich waren sogar die Geschäftsführerin der Parlamentarischen Linke und der Nigerianische Botschafter aus Frankfurt zu Gast. Das nächste angestrebte Ziel ist die Eröffnung eines zweiten Ladens. So richtig spruchreif ist das allerdings noch nicht, denn erstmal sollen alle Tage noch weiter mit Veranstaltungen gefüllt werden.

Und auch das leibliche Wohl kommt natürlich nicht zu kurz. So reicht das Speise- und Getränkeangebot von italienischen Kaffeespezialitäten über Kuchen bis hin zu Suppen und einfachen Gerichten. Bei allen Produkten wird besonders auf die Qualität Wert gelegt, wie mir Micha versichert. So werde mit regionalen Zulieferern gearbeitet und weitestgehend der Biostandard eingehalten. Und das alles zu einem äußerst erschwinglichen Preis – ab 1€ pro Gericht. Denn der gemeinsame Diskussionsgedanke stehe im Fokus und die Teilnahme daran solle auch sozialschwächeren Menschen ermöglicht werden, wie Micha mir erklärt.

Darüber hinaus können die Räumlichkeiten des Cafés auch für private Feierlichkeiten aller Art gemietet werden.

Wer jetzt neugierig geworden ist sollte unbedingt mal im Café Manstein4 vorbeischauen. Zu finden in der Mansteinstraße 4, nahe des S- und U-Bahnhofs Yorckstraße. Öffnungszeiten sind Montag-Samstag ab 12:00Uhr, Sonntag ab 13:00Uhr und weiter Informationen gibt es unter Tel: 030 – 54 46 49 86.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Winterkurses 2015 “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen”des Career Center der Humboldt Universität

Seit 268 Minuten neu eröffnet – BIOSFERA

Donnerstag, 15. Januar, 2015, 12.28 Uhr
Elzbieta und Halil Bekmez haben dieses innere Lächeln von Menschen, die einen neuen, guten Weg einschlagen. Okay, ein bisschen müde wirken sie auch; kein Wunder. Denn vor gerade mal vier Stunden haben sie ihren Laden eröffnet.

BIOSEFRA – Naturkostladen Cafe&Bistro – Flottwellstraße 14.

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Mo – Fr 8.00 – 19.00 Sa 8.00 – 14.00

Wir beide wollten schon seit längerem selbstständig arbeiten,“ sagt Elzbieta Bekmez. Da sie beide im Kiez, genauer in der Pohlstraße, leben und ihre Kinder hier in die KiTa gehen, ist es klar, dass ihnen die Bautätigkeiten in der Flottwellstraße nicht verborgen blieben. „Wir haben den Laden hier gesehen und alles weitere hat sich dann ergeben.“ Continue reading

Eis Vannini – Eisdiele und Pizzeria

TRADITIONELL. ITALIENISCH. FAMILIÄR.

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Foto: Carmen Jasmyn Hoffmann

Rasant geht es zu an der Schwelle von Kreuzberg und Schöneberg. An der Ecke Pallas und Postdamer Straße lockt das Eiscafé Vannini mit kreativer Sortenvielfalt aus eigener Herstellung. Ein buntes Angebot mit herzlich familiärem Charakter. Und das bereits seit den frühen siebziger Jahren. Der Relaunch vor einigen Jahren brachte neues Leben in die Potsdamer Straße 172 – und auch in den gelernten Maler und Lackierer Fabian Incannova. Die Rezepte bringt er aus der Heimat mit, variiert sie leidenschaftlich und veredelt die traditionellen Rezepte mit jungem Erfindergeist. “Eis ist mein Leben”, gesteht der Fabian Incannova. Genau das wissen auch seine Kunden zu schätzen: Seine Passion zum Eis spiegelt sich in jeder Kugel wider. Im multikulturellen Schöneberg kommen auch seine Gäste aus vielen Ländern dieser Welt. Das Eis und der familiäre Charakter des Cafés lässt sie immer wieder erscheinen. Mit Pizza hat er das Angebot erweitert. Fabian und seine Frau Seda Incannova bringen den La-den voran, die gute Seele des Betriebs ist aber seine Mutter: „Sie strahlt, sie brüllt und liebt ihre Gäste.” ( Text: Göran Halit )

Geheimtipps_Eis Vanini_Portrait_KartePotsdamer Str. 172, 10783 Berlin

Telefon: 030 216 84 57

Montag bis Sonntag 9.00 bis 23.00 Uhr

Joseph Roth in Berlin: Modernität aus der Retrospektive

Offensichtlich ziehen sich die Resultate urbanen Wandels durch die Potsdamer Straße: Neue Ausstellungen in der ehemaligen Druckerei des Tagesspiegels, unzählige Casinos, die mit ihrer Werbung die Erdgeschosse prachtvoller Altbauten bedecken und, bei der Kreuzung zur Goebenstraße angekommen, Sozialbauten: parzellierte Hochhäuser, bei denen die dicht aneinander liegenden Balkons abwechselnd von Satellitenschüsseln verdunkelt, von tropischen Gewächsen überwuchert oder in dem kargen Grau des Betons gehalten sind. Die Eindrücke können zweifelsfrei begeistern. Angesichts der zusammenhangslosen Mischung fragt sich der ein oder andere Spaziergänger jedoch auch mal: Wo bin ich hier eigentlich?

Joseph Roth, 1926

Joseph Roth, 1926

Berlin beherbergt zahllose passionierte Flaneure, die sich von dieser Vielfalt nicht beirren lassen. Im letzten Jahrhundert haben einige von ihnen ihre Eindrücke der Stadt für die Nachwelt festgehalten. Heute noch liefern uns die Stadtchroniken von Walter Benjamin oder Franz Hessel eine detaillierte Sicht auf die Entwicklungsgeschichte von Berlin. Einer dieser Flaneure war Joseph Roth. Niemanden hat das zusammengewürfelte Gesicht der Stadt mehr gestört als den Schreiber, der in den Zwanzigern auch die Potsdamer Straße bewohnt hat.

Er liebte die Individualität und hatte einen Hang zum Mystischen, aber wenn die Geschichte und die Herkunft eines Individuums in kunterbuntem Mischmasch untergeht, fand seine Faszination keinen Ansatz mehr. Ob loyale Kriegsveteranen oder Nachfahren eines Adelsgeschlechts, begünstigt durch den Monarchen: Die Protagonisten in Joseph Roths Romanen haben diesen bewussten und meist ehrenhaften Hintergrund. Aber je frommer und gewissenhafter ihre Ursprünge, desto härter prallt ihre indolente Gesinnung auf die Grausamkeit der Gegenwart. Und damit ist keine Zeit gemeint, die ein Historiker versucht nachzusinnen – es ist die Zeit eines Epikers mit starrem Blick auf aktuelles Zeitgeschehen. Der Leser spürt diese zeitliche Spannung und eine sehnsüchtige Nostalgie in dem melodischen Prosa vom „Radetzkymarsch“, „Hiob“ oder dem „Hotel Savoy“. Die Lektüreerfahrung geht über den Schreibstil hinaus und die inhaltlichen Dissonanzen scheinen den pulsierenden Nerv einer Metropole heute noch genauso akkurat zu treffen wie das Berlin in der kulturellen Blüte der Zwanziger.

„Berlin ist ein Labor der Moderne“

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Joseph-Roth-Diele, Potsdamer Straße 75

Wenig scheint sich an dieser Feststellung geändert zu haben. „Die Spannung bei Roth gibt’s natürlich heute noch“ erklärt ein Kellner aus der Joseph-Roth-Diele, die vor zwölf Jahren im Nachbarhaus von Roths Unterkunft gegründet wurde. „Heute ist es eben mehr ein gesellschaftlicher Konflikt.“ Dabei deutet er auf die Prostituierten, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite dem Verkehr auf der Potsdamer Straße zuwinken. Es sind Eindrücke von einer sozialen Baustelle, von einem Schauplatz neuer Konflikte und kultureller Kollisionen – das im Licht der Kerzen und Kronleuchter schillernde Restaurant, tapeziert mit Büchern und Zitaten, bleibt ein vereinzeltes Kleinod im Geiste Roths Lieblings-Gaststätte, „Mampes gute Stube“.

Was heute eine Vielzahl unterschiedlicher Ursprünge und Kulturen ausmacht, war zu Zeiten Roths eine Spannung zwischen Kriegsflüchtigen aus allen Teilen Europas, Rückkehrende aus russischer Gefangenschaft und einem sich anbahnenden Nationalsozialismus. Aber Roth hat nie Kritik an kultureller Vielfalt geübt. Sein Blick hat die Probleme vielleicht deutlicher gesehen als wir heute dazu in der Lage sind:

„Die Fassade der neuen Zeit macht mich unsicher“

Mit dieser Anmerkung versehen veröffentlicht Roth einen Artikel über Architektur in der Münchner illustrierten Presse, 1929. Durchgehend aus der Ich-Perspektive berichtet Roth emotional aufgeladen von seiner Abneigung gegen den Eklektizismus der Moderne: Ein Kabarett, das man auch für ein Krematorium halten könnte, ein Kino, das in der Hast einer bevorstehenden Reise mit einem Bahnhof verwechselt wird. Wir können heute an seinen Erfahrungen aus der Metropole anknüpfen, die sich nicht darum bemüht einen kohärenten Stil zu bewahren: „Man kannte genau die Gesetze der Verlogenheit und agnoszierte unfehlbar den Ersatz, wo man das Echte erblickte.“

Neben den stilistischen Divergenzen nährt sich Roths Abneigung gegen Berlin auch am zwischenmenschlichen Umgang. In dem Artikel, „Bei den Heimatlosen“, den er 1920 für die die Neue Berliner Zeitung geschrieben hat, behandelt Roth die Menschlichkeit oder eher die Unmenschlichkeit, mit der Emigranten und Asylbewerber in Berlin konfrontiert werden. Grammatikalisch verschrobene Reverse, unumgängliche Bürokraten und modrige Behausungen – Hindernisse, die heute noch den Einwanderern ihr Asyl nicht gerade einladend gestalten. Die Zeit liest aus der Artikelsammlung von Joseph Roth in Berlin“  konsequenterweise heraus, dass er „für die falschen Sorgen der Gutbetuchten (…) nur Verachtung übrig“ hat. 

Ein Bekenntnis zum Gleisdreieck

Berlin ist zusammengewürfelt. Das ist keine Kritik an der Internationalität oder der Vielseitigkeit der Stadt. Es ist eine Tatsache – nur der Umgang damit scheint Roth unbeholfen. Menschliche Kooperation, einen genauen Blick auf das Umfeld und eine sinngemäße Weiterentwicklung des Bestehenden proklamiert er für die Rettung von Berlin. In seinem Artikel über das Gleisdreieck singt er deshalb eine Hymne auf die Technisierung: 

Gleisdreieck 1912

Gleisdreieck um 1912, Berlin

„Man müsste sich mit Inbrunst zu ihrer Grausamkeit bekennen, in ihren tödlichen Wirkungen die Ananke sehen und viel lieber nach ihren Gesetzen untergehen sollen als nach den Humanen der sentimentalen Welt glücklich werden.“

Heute verziert eine Parkanlage die glänzenden, eisernen Adern der Stadt und wir müssen uns erneut fragen: Ist das genuine Charisma einer Stadt im Gestaltungs- und Projektwahn verloren gegangen? Und noch entscheidender: Ist die Eigenheit in der Architektur, in der Kunst und der technischen Entwicklung von Berlin sogar eine Voraussetzung für die Offenheit gegenüber anderen Kulturen und den wachsenden Menschenmassen? – Joseph Roths Beschreibung seiner Gegenwart beantwortet es unverkennbar: Ja!

Ein Gedanke, den Joseph Roth vor 90 Jahren in der Frankfurter Zeitung in seinem poetischen Stil der Berichterstattung manifestiert hat, lässt uns heute erneut die Ideale und Trends unserer Zeit überdenken. Spannung, Pessimismus, Eigenheit – sie haben ein exaktes Gesicht der Zeit gezeichnet und eine Kritik formuliert, die nicht an Aktualität verloren hat.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Centers der Humboldt Universität

von HU-Gastblogger Vincent

Tuk Tuk – indonesisch durch und durch

TRADITIONELL. VERWURZELT. VERMITTELND.

Geheimtipps_TukTuk_Portrait

Foto: Carmen Jasmyn Hoffmann

Christian Adelius hat das Tuk Tuk 2012 übernommen. Und so hält der ge-
lernte IT-Manager ein traditionsreiches Restaurant am Leben. Seit den Achtzigern besteht das Tuk Tuk – es ist das älteste indonesische Restaurant Deutschlands, für das gehobene Qualität und Tradition zum Markenzeichen geworden sind. Seine Mitarbeiter kommen aus Indonesien, seine Rezepte und Gewürze bleiben indonesisch, das Ambiente bleibt indonesisch – durch und durch traditionell, sodass auch der indonesische Botschafter regelmäßig einkehrt. Eines haben beide sogar gemeinsam: Sie wollen Vermittler sein von Kultur und Tradition. Der eine auf politischer Ebene, der andere über die Gastronomie. Erfahrung hatte er keine: „learning by doing” heißt die Devise. Seine IT-Kenntnisse sind hier äußerst hilfreich – Marketing macht er online und verzahnt die neu erlernten gastronomischen Kenntnisse mit seiner Basis. Eine gute Mischung für einen harten Kampf um einen Platz an der Sonne. Die Konkurrenz an asiatischen Alternativen ist in der Metropole groß. Doch seine Motivation ist ohnehin nicht nur eine wirtschaftliche – Adelius möchte die indonesische Kultur und Tradition bewahren. Die Potsdamer Straße ist der richtige Ort dafür, findet Adelius. Hier sieht er viel Potenzial – auch in Zukunft. ( Text: Göran Halit )

Geheimtipps_TukTuk_KarteGroßgörschenstr. 2, 10827 Berlin
Telefon: 030 781 15 88
info@tuk-tuk.de
www.tuk-tuk.de
Montag – Donnerstag, Sonntag 17.00 bis 23.00 Uhr
Freitag – Samstag 17.00 bis 24.00 Uhr

Vom Anwohner zum Vorsitzenden zum Anwohner

Von HU-Gastbloggerin Makiko

Axel Drenckhan war lange Zeit Vorsitzender der Interessengemeinschaft Potsdamer Strasse. Heute ist er Anwohner und beobachtet das Geschehen aus der Distanz.

Axel Drenckhan kam 1997 als Student nach Berlin, “aus einem ganz kleinen Ort zwischen Hamburg und Berlin.” Damals zog er in das Studentenwohnheim in der Potsdamer Strasse 61 und lernte Dieter Funk von der Joseph-Roth-Diele kennen.

Auch beim Interview sitzen wir in dem gemütlich und liebevoll eingerichteten Lokal neben Touristen und Stammgästen und trinken unsere Spezi. Axel Drenckhan erzählt wie er aus Zufall Vorsitzender der Interessengemeinschaft wurde. „Ich wurde zu einer der Versammlungen vom Quartiersmanagement mitgenommen. Und plötzlich war ich Vorsitzender, weil niemand anders es werden wollte.“ Zehn Jahre engagierte er sich für das Geschehen rund um die “Potse”. Projekte wie der “Kunstkiez Potsdamer Strasse” und “Bücherbasar” wurden in dieser Zeit verwirklicht. Ziel war die Imageverbesserung der Straße, die damals von Drogen, Prostitution, und Leerständen in Wohnungen und Läden geprägt war. “Wir stellten große Pflanzentonkrüge auf, damit hier mehr Grün reinkommt.” Continue reading