Kategorie-Archiv: Literatur

„Jeder Stoff kann als Comic erzählt werden“

Von HU-Gastbloggerin Dolly Rodríguez

Bülowstraße 52: Ehemaliger Sitz von Reprodukt

Ein unscheinbares Haus in der Gottschedstraße 4 in Berlin beherbergt einen Sehnsuchtsort für alle Liebhaber der visuellen Erzählkunst, ein Mekka für all diejenigen, für die Comics weit mehr sind als eine Kindheitserinnerung an Entenhausen.

Ich möchte an dieser Stelle jeglichen Anspruch auf Neutralität zurückweisen und stattdessen offen bekennen: Ich liebe Comics. Ich liebe sie, weil in ihnen das Unmögliche möglich wird: Sie können mich durch ihre Graphik und ihre Story in eine andere Welt transportieren. Weiterlesen

Hedwig Dohm? Anton von Werner? Jörg Fauser? – Aber Fontane kennen Sie doch?

Von HU-Gastbloggerin Anna

In einem seiner Briefe schrieb Theodor Fontane 1891 über seinen Spaziergang Grand-Hotel Bellevue 1903von der Potsdamerstraße bis zu den Friedhöfen am Halleschen Tor: „Wir leben sehr still, Mama rückt überhaupt nicht von der Stelle, ich gehe jeden Abend um 9 bis an die Christuskirche (Paulus Cassel) umschlendere schließlich 2 mal den Leipziger Platz, schnopre etwas Lindenluft, gucke mir die Jüdinnen an, die unterm Zelt in Hotel Bellevue soupieren und bin um 10 wieder zuhause.“  Die Jüdinnen sind längst nicht mehr da.  Der Leipziger Platz sieht nicht mehr aus wie früher. Das Haus  mit Fontanes Wohnung  wurde 1906 abgerissen, das Grand-Hotel Bellevue 1928. Was vom Hotel übrig blieb, ist eine kurze Beschreibung des Gebäudes in Fontanes Roman Cécile.

Nicht nur Menschen und ihre Werke geraten in Vergessenheit, sondern auch Gebäude und ganze Plätze. Die Architektur der Bauten ermöglicht uns eine Zeitreise in die Vergangenheit und Schriftsteller und Künstler haben Jahrzehnte Deutschlands Kultur geprägt. Wir leben heute im Zeitalter der Digitalen Medien. Die neue Technik soll uns eigentlich verhelfen Informationen zu organisieren und zu verbreiten, doch sie lässt uns in der riesigen Informationsflut untergehen.  Jährlich kommen rund 90.000 Buchneuerscheinungen auf den deutschen Markt. Reiner Schmitz, deutscher Journalist und Buchautor, hat ausgerechnet, dass ein 90-Jähriger Vielleser in seinem Leben maximal 5.000 Bücher lesen kann.  Die Zahlen des Internets sind viel erschreckender. 2014 wurden in Deutschland insgesamt 14.596.087 Domains gezählt. Dies bedeutet, dass jeder fünfte deutsche Bürger eine Website (Social Media Seiten nicht mitgezählt) besitzt und somit Inhalte im Internet generieren kann. Wie kann deutsche Geschichte und Kultur diese Fluten überstehen?

Deutsche Digitale Bibliothek hat eine Lösung gefunden. Die Institution verknüpft alle deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen und ermöglicht somit den Zugriff zu Millionen von Büchern, Bildern, Musikstücken und Filmen. Seit dem 31. März 2014 ist die riesige Bibliothek in Vollversion für alle Nutzer freigeschaltet. Das kulturelle und wissenschaftliche Erbe Deutschlands ist nun in digitaler Form frei und kostenlos gesichert.

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Auf der Startseite sieht man gleich die wichtigsten Neuigkeiten rund um das Thema „Digitale Bibliothek“. Der Suchkasten darüber ermöglicht eine schnelle Suche nach Medien. Es befinden sich rund 20 Millionen Objekte in der Bibliothek, um die 7 Millionen davon sind sogar digitalisiert. Die Suchmaschine kann man auch ohne Anmeldung benutzen.  Der Vorteil der Anmeldung besteht nur darin, dass man seine Suchanfragen und favorisierten Dateien online speichern kann.

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Ich habe die Suchmaschine gleich für meine Recherche über die Potsdamer Straße ausprobiert. Als Ergebnis wurden zuerst alle  Potsdamer Straßen, die es in Deutschland gibt, angezeigt. Mit den Filtereinstellungen kann man die Suche sehr gut eingrenzen. Zum Beispiel ist es möglich nach Zeit, Ort und Sprache zu filtern, aber auch nach dem Medientypen oder der Verwendbarkeit. Die Deutsche Digitale Bibliothek bietet außerdem eine außerordentliche Funktion, die Objekte zu vergleichen. Dazu muss man nur den Pfeil neben dem Digitalisat anklicken und anschließend im linken unteren Fenster auf Vergleichen gehen.

Erstaunlicherweise konnte ich bei meiner Recherche weder ein Bild von Fontanes Haus, noch den Brief an seine Schwester in der Bibliothek finden und musste zu der altbekannten Suchmaschine Google greifen. Die gesuchte Textpassage konnte ich innerhalb von wenigen Minuten finden: https://archive.org/stream/theodorfontanes00fontgoog#page/n267/mode/2up

Warum ist sowas Wichtiges nicht in der digitalen Bibliothek aufzufinden? Ich denke, die Digitale Deutsche Bibliothek hat noch einige Lücken zu füllen. Um Deutschlands Kulturerbe komplett zu digitalisieren wird es noch viele Jahre brauchen. Nichtsdestotrotz bietet die Deutsche Digitale Bibliothek einen sehr guten und vor allem einen kostenlosen Dienst an. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Deutsche Digitale Bibliothek in der Zukunft entwickeln wird.

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Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Center an der Humboldt-Universität.

Agentur Literatur Gudrun Hebel – Mit Leidenschaft zum Erfolg

Von HU-Gastbloggerin Anna

„Agentuür Literatuür“ – so klingt es im Schwedischen. Der Klang war für Gudrun Hebel einer der ausschlaggebenden Gründe, ihrer Agentur den Namen Agentur Literatur zu geben. „Es ist meine Herzenssprache. Und eine literarische Agentur im wörtlichen Sinne gibt es nicht“, so Frau Hebel.

phone-1052023_640Die Agentur vermittelt heute rund 60 deutsche und skandinavische Autoren weltweit an Verlage. Gegründet wurde die Agentur 1998. Zu dieser Zeit war es schwer eine Arbeit im Bereich der Literatur und des Verlegens zu finden. Gudrun Hebel hat zuerst eine Stelle beim Beuth Fachliteraturverlag angenommen, aber schnell gemerkt, dass die wissenschaftliche Literatur  trocken ist. Skandinavische Literatur gab es auf dem deutschen Markt kaum und Frau Hebel konnte die schwedischen Originale lesen. Gudrun Hebel ist ihrer Leidenschaft nachgegangen und hat angefangen neben ihrer Arbeit schwedische Literatur zu vermitteln. Bis zum Erfolg dauerte es nicht lange: 2000 wurden viele schwedische Kriminalromane, unter anderem auch die Krimireihen von Arne Dahl und Liza Marklund, in Deutschland gefeiert.

Die Agentur Literatur vermittelt nicht nur, sondern bietet Autoren eine individuelle Betreuung. Gudrun Hebel: „Unsere Aufgabe ist es, die Autoren in ihrem Job zu unterstützen.“. Welche Rechte tritt man an den Verlag ab? Welches Buchcover passt für das eigene Buch? Wann erscheint das Buch; welche Veranstaltungen und Lesungen organisiert der Verlag? Dies sind alles wichtige Fragen für die Autoren. Die Agentur Literatur unterstützt sie bei all ihrer Kommunikation mit dem Verlag.

Agentur Literatur

Die schwedische Literatur bietet eine breite Rubrik. Die Autoren, die mit Agentur Literatur zusammen arbeiten, schreiben zu den unterschiedlichsten Bereichen, ob Belletristik, Sachbücher, Krimis, Kinder- oder Jugendbücher. Auf die Frage, ob die Agentur bestimmte Kriterien an die Autoren hätte, musste Frau Hebel lange überlegen: „Es ist schwer Kriterien zu finden. Die Autoren müssen uns einfach überzeugen und die Bücher müssen natürlich gut geschrieben sein. Alle Autoren sind unterschiedlich, jeder hat etwas Außergewöhnliches. Wir wollen vor allem eine tolle Zusammenarbeit“.

Auf dem Weg zum Interview mit Frau Hebel sind mir manche Verlage und Druckereien im Haus, wo sich auch die Agentur Literatur befindet, aufgefallen. Zu meinem Erstaunen musste ich erfahren, dass es zwischen den Agenturen keine Konkurrenz gibt, sie vermitteln mehr den Eindruck, eine kleine Familie zu sein. Bei der Gründung der Agentur hat sich Frau Hebel bewusst für die Gegend der Kurfürsten-/Potsdamer Straße entschieden. Die Vielfalt des Kiezes gibt ein Gefühl „nach Hause zu kommen.“ Außerdem möchte Agentur Literatur die Nachbarschaftszusammenarbeit weiterhin pflegen und kann sich gut vorstellen, mit Buchhandlungen und anderen Interessierten Lesungen zu organisieren.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität.

Die Poetische Potse heute

Von HU-Gastbloggerin Nancy

Der Wandel in Berlin ist allgegenwärtig. Auch der Potsekiez hat sich im Laufe seiner Geschichte immer wieder verändert. Neuankömmlinge liessen sich hier nieder und haben durch ihre jeweils eigene Kultur Spuren im Kiez hinterlassen. Besonders in den Gründerzeitjahren bis in die Weimarer Republik hinein war das Gebiet um die Potsdamer Strasse das Mekka für Künstler und Kreative. Inspiriert vom literarischen Streifzug eines HU-Gastbloggers durch die literarische Potse habe ich mich auf den Weg gemacht, um zu erkunden, was aus den kulturellen Schauplätzen der Vergangenheit geworden ist. Weiterlesen

Das Museum mit *

Von HU-Gastblogger Johannes

Kevin Clarke kommt mit seiner weißen Vespa vor dem Schwulen Museum* vorgefahren. Schon von weitem lächelt er mir zu und begrüßt mich mit einem scherzhaften: „Das war jetzt aber noch keine Fotoopportunity.“

Der Eingangsbereich des Schwulen Museums*

Gemeinsam betreten wir die Räume des Schwulen Museums* in der Lützowstraße 73. Hier herrscht trotz Ruhetag reges Treiben. Die Mitarbeiter kümmern sich um internationale Kontakte, Pressearbeit, das Archiv oder die Betreuung aktuellen Ausstellung „Porn That Way“, welche noch bis Ende April zu sehen ist. Was sich heute auf der Schwelle zu einem professionellen Museumsbetrieb befindet, fand 1986 mit der Ausstellung „Igitt – 90 Jahre Homopresse“ in den Räumen der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft AHA in der Friedrichstraße ihren Anfang. Schon damals waren die Ambitionen groß, doch die nötigen Räume und personellen Kapazitäten begrenzt. Das änderte sich zwei Jahre später mit dem Umzug in den Mehringdamm 61, in dessen Räumen in den kommenden Jahren mehr als 130 Ausstellungen stattfanden. Weiterlesen

Veranstaltungsreihe „Frauenmärz“

02-17_frauenmaerz-LOGOVon HU-Gastbloggerin Laura

Seit 1986 findet der „Frauenmärz“ in Berlin-Tempelhof-Schöneberg statt. Was als kleines Projekt begann, wurde über die Jahre hinweg zu einer festen Institution rund um die Thematik „Frauenemanzipation“ und feiert dieses Jahr nun sogar schon den 30. Geburtstag. Das Motto wechselt jährlich und auch das Programm wird immer wieder neu gestaltet – Lesungen, Rundgänge, Diskussionen, Workshops, Musik für jeden Geschmack ist etwas dabei. Überwiegend ist die Teilnahme kostenlos und ohne Anmeldung möglich, vereinzelt gibt es Ausnahmen. Bestimmte Veranstaltungen sind speziell nur für Frauen („Ladies only!“) gedacht, doch Männer werden nicht gänzlich ausgeschlossen. Ermöglicht wird all das durch den Zusammenschluss von unterschiedlichen Verbänden, Einrichtungen, Musikschulen, Volkshochschulen und engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Besonders der Organisation von Ute Knarr-Herriger, Leiterin der Dezentralen Kulturarbeit in Tempelhof-Schöneberg, ist es zu verdanken, dass der „Frauenmärz“ jedes Jahr ein Garant für ein vielfältiges und hochwertiges Programm ist. Weiterlesen

Joseph Roth in Berlin: Modernität aus der Retrospektive

Offensichtlich ziehen sich die Resultate urbanen Wandels durch die Potsdamer Straße: Neue Ausstellungen in der ehemaligen Druckerei des Tagesspiegels, unzählige Casinos, die mit ihrer Werbung die Erdgeschosse prachtvoller Altbauten bedecken und, bei der Kreuzung zur Goebenstraße angekommen, Sozialbauten: parzellierte Hochhäuser, bei denen die dicht aneinander liegenden Balkons abwechselnd von Satellitenschüsseln verdunkelt, von tropischen Gewächsen überwuchert oder in dem kargen Grau des Betons gehalten sind. Die Eindrücke können zweifelsfrei begeistern. Angesichts der zusammenhangslosen Mischung fragt sich der ein oder andere Spaziergänger jedoch auch mal: Wo bin ich hier eigentlich?

Joseph Roth, 1926

Joseph Roth, 1926

Berlin beherbergt zahllose passionierte Flaneure, die sich von dieser Vielfalt nicht beirren lassen. Im letzten Jahrhundert haben einige von ihnen ihre Eindrücke der Stadt für die Nachwelt festgehalten. Heute noch liefern uns die Stadtchroniken von Walter Benjamin oder Franz Hessel eine detaillierte Sicht auf die Entwicklungsgeschichte von Berlin. Einer dieser Flaneure war Joseph Roth. Niemanden hat das zusammengewürfelte Gesicht der Stadt mehr gestört als den Schreiber, der in den Zwanzigern auch die Potsdamer Straße bewohnt hat.

Er liebte die Individualität und hatte einen Hang zum Mystischen, aber wenn die Geschichte und die Herkunft eines Individuums in kunterbuntem Mischmasch untergeht, fand seine Faszination keinen Ansatz mehr. Ob loyale Kriegsveteranen oder Nachfahren eines Adelsgeschlechts, begünstigt durch den Monarchen: Die Protagonisten in Joseph Roths Romanen haben diesen bewussten und meist ehrenhaften Hintergrund. Aber je frommer und gewissenhafter ihre Ursprünge, desto härter prallt ihre indolente Gesinnung auf die Grausamkeit der Gegenwart. Und damit ist keine Zeit gemeint, die ein Historiker versucht nachzusinnen – es ist die Zeit eines Epikers mit starrem Blick auf aktuelles Zeitgeschehen. Der Leser spürt diese zeitliche Spannung und eine sehnsüchtige Nostalgie in dem melodischen Prosa vom „Radetzkymarsch“, „Hiob“ oder dem „Hotel Savoy“. Die Lektüreerfahrung geht über den Schreibstil hinaus und die inhaltlichen Dissonanzen scheinen den pulsierenden Nerv einer Metropole heute noch genauso akkurat zu treffen wie das Berlin in der kulturellen Blüte der Zwanziger.

„Berlin ist ein Labor der Moderne“

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Joseph-Roth-Diele, Potsdamer Straße 75

Wenig scheint sich an dieser Feststellung geändert zu haben. „Die Spannung bei Roth gibt’s natürlich heute noch“ erklärt ein Kellner aus der Joseph-Roth-Diele, die vor zwölf Jahren im Nachbarhaus von Roths Unterkunft gegründet wurde. „Heute ist es eben mehr ein gesellschaftlicher Konflikt.“ Dabei deutet er auf die Prostituierten, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite dem Verkehr auf der Potsdamer Straße zuwinken. Es sind Eindrücke von einer sozialen Baustelle, von einem Schauplatz neuer Konflikte und kultureller Kollisionen – das im Licht der Kerzen und Kronleuchter schillernde Restaurant, tapeziert mit Büchern und Zitaten, bleibt ein vereinzeltes Kleinod im Geiste Roths Lieblings-Gaststätte, „Mampes gute Stube“.

Was heute eine Vielzahl unterschiedlicher Ursprünge und Kulturen ausmacht, war zu Zeiten Roths eine Spannung zwischen Kriegsflüchtigen aus allen Teilen Europas, Rückkehrende aus russischer Gefangenschaft und einem sich anbahnenden Nationalsozialismus. Aber Roth hat nie Kritik an kultureller Vielfalt geübt. Sein Blick hat die Probleme vielleicht deutlicher gesehen als wir heute dazu in der Lage sind:

„Die Fassade der neuen Zeit macht mich unsicher“

Mit dieser Anmerkung versehen veröffentlicht Roth einen Artikel über Architektur in der Münchner illustrierten Presse, 1929. Durchgehend aus der Ich-Perspektive berichtet Roth emotional aufgeladen von seiner Abneigung gegen den Eklektizismus der Moderne: Ein Kabarett, das man auch für ein Krematorium halten könnte, ein Kino, das in der Hast einer bevorstehenden Reise mit einem Bahnhof verwechselt wird. Wir können heute an seinen Erfahrungen aus der Metropole anknüpfen, die sich nicht darum bemüht einen kohärenten Stil zu bewahren: „Man kannte genau die Gesetze der Verlogenheit und agnoszierte unfehlbar den Ersatz, wo man das Echte erblickte.“

Neben den stilistischen Divergenzen nährt sich Roths Abneigung gegen Berlin auch am zwischenmenschlichen Umgang. In dem Artikel, „Bei den Heimatlosen“, den er 1920 für die die Neue Berliner Zeitung geschrieben hat, behandelt Roth die Menschlichkeit oder eher die Unmenschlichkeit, mit der Emigranten und Asylbewerber in Berlin konfrontiert werden. Grammatikalisch verschrobene Reverse, unumgängliche Bürokraten und modrige Behausungen – Hindernisse, die heute noch den Einwanderern ihr Asyl nicht gerade einladend gestalten. Die Zeit liest aus der Artikelsammlung von Joseph Roth in Berlin“  konsequenterweise heraus, dass er „für die falschen Sorgen der Gutbetuchten (…) nur Verachtung übrig“ hat. 

Ein Bekenntnis zum Gleisdreieck

Berlin ist zusammengewürfelt. Das ist keine Kritik an der Internationalität oder der Vielseitigkeit der Stadt. Es ist eine Tatsache – nur der Umgang damit scheint Roth unbeholfen. Menschliche Kooperation, einen genauen Blick auf das Umfeld und eine sinngemäße Weiterentwicklung des Bestehenden proklamiert er für die Rettung von Berlin. In seinem Artikel über das Gleisdreieck singt er deshalb eine Hymne auf die Technisierung: 

Gleisdreieck 1912

Gleisdreieck um 1912, Berlin

„Man müsste sich mit Inbrunst zu ihrer Grausamkeit bekennen, in ihren tödlichen Wirkungen die Ananke sehen und viel lieber nach ihren Gesetzen untergehen sollen als nach den Humanen der sentimentalen Welt glücklich werden.“

Heute verziert eine Parkanlage die glänzenden, eisernen Adern der Stadt und wir müssen uns erneut fragen: Ist das genuine Charisma einer Stadt im Gestaltungs- und Projektwahn verloren gegangen? Und noch entscheidender: Ist die Eigenheit in der Architektur, in der Kunst und der technischen Entwicklung von Berlin sogar eine Voraussetzung für die Offenheit gegenüber anderen Kulturen und den wachsenden Menschenmassen? – Joseph Roths Beschreibung seiner Gegenwart beantwortet es unverkennbar: Ja!

Ein Gedanke, den Joseph Roth vor 90 Jahren in der Frankfurter Zeitung in seinem poetischen Stil der Berichterstattung manifestiert hat, lässt uns heute erneut die Ideale und Trends unserer Zeit überdenken. Spannung, Pessimismus, Eigenheit – sie haben ein exaktes Gesicht der Zeit gezeichnet und eine Kritik formuliert, die nicht an Aktualität verloren hat.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Centers der Humboldt Universität

von HU-Gastblogger Vincent

O-TonArt Theater? Ja, unbedingt!

Von HU-Gastblogger Kay

Das Schöneberger Kieztheater kämpft ums Überleben. Es geht dabei um mehr als einen Kleinkunstbetrieb. Es ist auch die Frage nach dem Kulturverständnis einer ganzen Stadt.

Kürzlich ist mir zum ersten Mal ein Satz über Berlin zu Ohren gekommen, der normalerweise nur über Städte wie New York, Paris oder London geäußert wird: Das Tolle an Berlin sei ja, dass man zu jeder Zeit so viele verschiedene Dinge machen könne, dass man auch ruhig mal zu Hause bleiben könne.

Mal davon abgesehen, dass der kausale Zusammenhang zwischen der Vielfältigkeit der Erlebnismöglichkeiten und der Entscheidung, in seiner Wohnung zu bleiben, während draußen das wilde Leben tobt, sich mir nicht in Gänze erschließen mag, will ich nicht anzweifeln, dass das Zuhause-bleiben seinen ganz eigenen Reiz haben kann. Was allerdings die vielfältigen Erlebnismöglichkeiten angeht, so möchte ich zwar nicht laut und bestimmt widersprechen, aber doch ein wenig grüblerisch die Stirn in Falten legen. Weiterlesen

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Veranstaltungen zum Thema Frauen und Tod

Anlässlich des 150-jährigen Jubiliäums des Alten Zwölf-Apostel-Kirchhofes

Das Composers‘ Orchestra flaniert durch Berlin

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Winterkurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität

Von HU-Gastbloggerin Natascha

„Bisher wurde Berlin vielleicht wirklich nicht genug geliebt. Noch fühlt man in vielen Teilen Berlins, sie sind nicht genug angesehen worden, um wirklich sichtbar zu sein. Wir Berliner müssen unsere Stadt noch viel mehr bewohnen.“ – Franz Hessel

Es ist Freitag, 19 Uhr. Ich betrete den Jazzclub „Schlot“ in der Invalidenstraße. Leere Tische und Stühle im dunklen Raum, die Bühne beleuchtet. Die Musiker bereiten sich für das am Abend stattfindende Konzert vor, spielen sich auf ihren Instrumenten ein. Aus einem Nachbarraum schallen Trompetenklänge. Sie erinnern mich an einen Film noir, in dem ein verwegener Einzelgänger Verbrecher bekämpft und das schöne Mädchen verführt. Es riecht nach altem Holz. Mir scheint, dieser Raum hätte in ganz ähnlicher Weise schon zu Franz Hessels Zeiten existieren können.

Als sich alle 15 Musiker versammelt haben, beginnt der Soundcheck des Composers’ Orchestra Berlin, das zu späterer Stunde sein Hörbuch erstmalig dem Publikum vorstellen wird: „Spazieren in Berlin“. –

DSC_2463Quelle: www.composersorchestraberlin.com

Es ist ein musikalisches und literarisches Projekt, in dem die Musik des Orchesters lautmalerisch, jazzig und frisch mit den poetischen Texten Franz Hessels über Berlin verschmilzt. Die Texte lassen das Berlin der 1920er Jahre aus der Sicht eines Flaneurs und Müßiggängers lebendig wiederauferstehen. Ob „Ort der tausend Lampenkörper“, „Vergnügungsdampfer mit Musik“ oder die Eindrücke aus dem Sportpalast – überall Berlin, wo es pulsiert, fiebert mit Lust und Verdruss.

„Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Caféterrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“ – Franz Hessel

Franz Hessel, wer war er? Er war ein Berliner. Er war Dichter, Romancier, ein Poet – und ein passionierter Flaneur. Geboren in Stettin als Sohn eines jüdischen Bankiers, zog er in frühen Jahren nach dem Tod seines Vaters mit Mutter und Bruder nach Berlin. Er war Übersetzer beim Rowohlt-Verlag und arbeitete dort unter anderem mit Walter Benjamin zusammen.

Die Musik scheint die alten schönen Bilder der Stadt mühelos ins Heute aufzunehmen. In uns entstehen so neue Muster, nach denen wir suchen möchten bei unserem nächsten Lustwandeln durch Berlin.

Als ich Hazel Leach, die musikalische Leiterin des Orchesters, in einer freien Minute zwischen Soundcheck und Auftritt erwische, bitte ich sie kurz zu mir. Ich möchte von ihr wissen, was dieses Projekt so reizvoll für sie und ihr Orchester gemacht hat: „Mein Freund Moritz von Rappard hat dieses Projekt ins Leben gerufen. Er hat Texte Franz Hessels über seine Eindrücke in der Großstadt Berlin ausgewählt und daraus ein Programm konzipiert. Diese Texte dienten uns als Orchester der Inspiration für unsere Musik. Zu jedem der insgesamt 10 Texte haben einzelne Orchestermitglieder Stücke komponiert. Ziel war es dabei, den vergangenen Zeitgeist in unserer Musik einzufangen und ihn gleichzeitig aber auch mit der Moderne, dem Hier und Jetzt, zu verschmelzen.“

Hessel_Franz                             Franz Hessel (vor 1910); Quelle: www.wikipedia.de
 

Gerade Franz Hessels wohl bekanntestes Werk „Spazieren in Berlin“ vermittelt uns in seiner schlichten und sanften Art poetische Bilder, die Momente dieser liebenswerten Stadt für uns als seine Mit-Berliner festhalten – bestimmt zu überdauern die Zeit des noch kommenden, vernichtenden Krieges.

Gehen wir heute durch die Potsdamer Straße und bleiben dort, wo einst sich der Sportpalast befand, für kurze Zeit stehen, dann hören wir vielleicht die Stimme  von Franz Hessel:

„ Der Sportpalast hat eine eigene Schönheit während des Sechstagerennens und auch in manchen stilleren Nachmittagsstunden, wenn milchig blaues Tageslicht in die Brettbahn fällt.“

Wir lesen es und hören zu und es ist, als wären wir im Sog der Suche nach der verlorenen Zeit…

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Zum Hörbuch:
Franz Hessel: Spazieren in Berlin
Sebastian Weber und Composers‘ Orchestra Berlin
1 CD | 53 Minuten
ISBN: 978-3-86847-181-6
http://www.buchfunk.de/shop/spazieren-in-berlin/