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Rauschgefühle durch Stummfilmkomponist Stephan Graf von Bothmer

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Kunst an der Potsdamer Straße: Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern

von Christian Kaiser

Die Gegend um die Potsdamer Straße ist zu einem Kunstquartier geworden. Im Straßenbild sind die Galerien und Ateliers deutlich sichtbar. Fährt man etwa die Potsdamer Straße entlang, so kann man vom Doppeldecker aus in die weißen Räume von Galerien hineinschauen. In deren Inneren sieht man mitunter ein Paar Stiefel schrittweit auseinander stehen oder einen Farbklecks an der Wand – „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist ja längst ein Running Gag.

Wie aber sehen Künstler und Galeristen eigentlich ihre jeweilige Tätigkeit, was bedeutet sie ihnen persönlich?

Was macht überhaupt ein Galerist genau? Und wie wird man zum Künstler? Ist Kunst noch immer gelebte Selbstentfaltung? Und wie gehen dann Künstler und Galeristen mit der Notwendigkeit um, ihre Werke vermarkten zu müssen?

Wieso gibt es eigentlich so viele Galerien und Künstler im Gebiet der Potsdamer Straße?

Gibt es eine Vernetzung zwischen den Galerien und den hier ansässigen Künstlern? Wer kauft denn Kunst, wer besucht Galerien? Kann man tatsächlich von einem Kunst-Boom sprechen?

Gesprochen habe ich über diese Fragen mit zwei Künstlern, die in den U-Bahnbögen der Pohlstraße 11 ihre Ateliers haben, Bettina Lüdicke und Rolf Hemmerich, mit der Managerin der Krome Gallery in der Potsdamer Straße 98, Selina Lai, und mit Alfons Klosterfelde, dem Galeristen der Helga Maria Klosterfelde Galerie in der Potsdamer Straße 97, sowie mit zufällig angetroffenen Besuchern dieser beiden Galerien.

Von diesen Begegnungen berichte ich in fünf Artikeln, zu deren Lektüre ich Sie herzlich einladen möchte:

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller. Eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstraße 11

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Atelier Rolf HemmerichParallel zur Pohlstraße, nahe am neuen Gleisdreieck-Park, lässt eine Kuriosität des U-Bahnbaus Raum für Ateliers entstehen: Denn die zunächst oberirdisch über eine eiserne Brücke geleitete U-Bahnlinie 1 fährt hier plötzlich mitten durch die zweite Etage eines roten Mietshauses und wird dann von einem ebenfalls noch oberirdisch verlaufenden Tunnel peu a peu in den Untergrund geführt. Die Besonderheit dieses Tunnels nimmt, wer von der Pohlstraße herüberschaut, nicht wahr, doch läuft man nun zwischen Spielplatz und Neubau durch einen versteckten Torbogen hindurch, findet man sich unerwartet in einer geschützten, aber dennoch sonnenbestrahlten langgestreckten Grünanlage wieder, in der man vom angenehmen Flair eines mediterranen Dorfes meint empfangen zu werden; geht der Besucher nun den Weg am Tunnel entlang, so wird er sehen, dass der Tunnel von Gewölben getragen wird, in denen sich Jugendtreff, Metall- und Holzwerkstatt, Flamenco-Tanzschule und mehrere Künstler mit ihren Ateliers und Ausstellungsräumen eingerichtet haben, unter ihnen auch Rolf Hemmerich, mit dem ich heute verabredet bin.

Herr Hemmerich begrüßt mich und führt mich ins Innere seines Ateliers in der Pohlstraße 11. Ich setze mich an einen langen Holztisch und blicke mich um: Es ist ein hohes, lichtes Gewölbe, über das ab und an die U-Bahn rumpelt. Kunstwerke sind im Raum verteilt: am Fenster ein zackiges Sonnenrad, von einer Stange getragen, daneben ein feingliedriger metallener Strahlenkreis, umrahmt und halb verdeckt von hölzernen Rechtecken. An der Wand gegenüber eine Art plastisches Bild, in dessen Mitte das Innere eines alten Türschlosses zu sehen ist, um das herum schwarze Hölzer angeordnet sind.

Schattenwesen IV,  Mooreiche 100x100, Rolf Hemmerich

Schattenwesen IV, Mooreiche 100×100, Rolf Hemmerich, Foto: Rolf Hemmerich

An einer anderen Wand des Ateliers hängen „Schattenwesen“ aus braun-schwarzer Mooreiche. Das Rohmaterial liegt auf einem Tisch in der Ecke, viel ist nicht mehr da. „In den letzten zwei Jahren habe ich mich bemüht, neue Formen, neue Ausdrucksmittel zu entwickeln“, erzählt Rolf Hemmerich. „Ich hatte dabei das Glück, in Polen dieses schwarze Holz zu bekommen, das ist Mooreiche, die ist ein paar Tausend Jahre alt.
Ich war immer schon fasziniert von der Evolutionsgeschichte der gesamten existierenden Lebenswelt, wie sich das Neue aus dem Alten herausbildet bei gleichzeitiger Beibehaltung dessen, was mal war. Das Alte verschwindet ja nicht, das taucht in anderen Formen immer wieder auf. Das konnte ich mit diesem Material, der Mooreiche, zeigen.“

Fossilien sind für seine künstlerische Arbeit eine seiner Inspirationsquellen. Herr Hemmerich hat selbst an Ausgrabungen in einem Steinbruch teilgenommen, in „Solnhofen, wo sie den Urvogel gefunden haben“, und im Rahmen seiner 30-jährigen Tätigkeit als Studienrat für Biologie Evolutionstheorie gelehrt.

„Ich habe Kunst überhaupt nicht studiert. Vor 10 Jahren wollte ich mal an die Akademie gehen, aber dachte dann, dass das doch lieber ein Prozess sein soll, der ganz aus mir selber herauskommt.“ Angefangen hat seine künstlerische Tätigkeit vor etwa 30 Jahren, „mit Fundstücken aus Holz, die ich dann mit dem Messer bearbeitet habe. In einem solchen Prozess  entwickelt man dann eine bestimmte Ästhetik, ein bestimmtes Gefallen an der Sache.“
Heute hat er als pensionierter Studienrat den „Vorteil, dass ich nicht Klinkenputzen gehen muss, sondern wirklich machen kann, was ich will“.

Rolf Hemmerich führt mich in den Keller seines Ateliers, den er mit einiger technischer Raffinesse als Ausstellungsraum hergerichtet hat, so dass jedes seiner Kunstwerke ausgeleuchtet ist. Mein Blick fällt auf eine Art bronzenen Ritterhelm, den er zusammen mit einem Freund selbst gegossen hat. Und auf eine Hunde-Figur (spanisch „Perro“) aus der aztekischen Kultur.
Doch Herr Hemmerich will mir noch etwas Spezielles zeigen: Er dunkelt den Raum ab, steckt einen Stecker in eine Leiste und – plötzlich ist der Raum ganz in Schwarz-Licht getaucht. Aber in Kniehöhe funkeln tausende Farbpunkte auf, gruppiert auf einem x-förmigen Holzgebilde und umrahmt von einem leuchtenden Uhr-Kreis am Boden. Eine kurze, beeindruckte Stille in der farbigen Dunkelheit. Dann seine Erklärung: „Der Urknall!!“
„Da steckt ganz viel Leidenschaft drin. Wenn ich in diesem künstlerischen Schaffensprozess bin, dann vergesse ich Zeit und Raum. Und ich kann mich dem so lange hergeben, wie meine Schaffenskraft an einem Tag reicht. Da freut man sich auch jahrelang über die Produkte, die bedeuten einem was.“

Wieder oben am Tageslicht erläutert mir Herr Hemmerich, warum ihn Inka-Figuren, bronzene Ritterhelme oder der Urknall im Schwarz-Licht interessieren:

Helm-Maske, Esche, 45cm, Rolf Hemmerich

Helm-Maske, Esche, 45cm, Rolf Hemmerich, Foto: Rolf Hemmerich

„Mich interessiert das, was sich im Laufe der Menschheitsgeschichte an Symboliken entwickelt hat, mit denen wir heute noch genauso leben, ohne dass sie uns so bewusst sind, und wir stattdessen so tun, als ob das Alltägliche für uns das allein Ausschlag Gebende wäre. „Archetypen“  – der Begriff stammt von C.G. Jung – ist beispielsweise ein Begriff, der mir sehr viel sagt. Er bezeichnet Strukturen, die sich im Laufe der Entwicklung von Welt und Menschheit immer wieder in anderen Konstellationen verdeutlicht haben. In uns stecken bestimmt auch bildliche Archetypen, woher soll sonst dieses Gefühl von Ästhetik herkommen, wenn viele Leute bestimmte Dinge, Naturerscheinungen etwa, als schön bezeichnen?“

Rolf Hemmerich legt allerdings Wert darauf, seinen Besuchern keine Interpretation oder Sichtweise nahezulegen oder gar vorzuschreiben, im Gegenteil, „ich bin wahnsinnig neugierig darauf, wie die Leute reagieren. Die Rezeption eröffnet ganze Horizonte, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Dann gefallen manche Dinge, von denen ich mir das gar nicht hätte vorstellen können.“
„Soll ich ein Beispiel erzählen?“, fragt mich Herr Hemmerich. Aber gerne! „Vor zwei Jahren wurde dieses Gebäude da draußen gebaut und dann lag da auf der Baustelle so ein alter Zinkeimer rum, bisschen verbeult, so einen, wie man ihn vor Jahren benutzt hat. Und mir kam die Idee, den müsste man jetzt irgendwie platt machen. Ja, dann habe ich den Zinkeimer zwischen zwei Holzbretter gelegt und hab` den Baggerfahrer gebeten, da mal drüber zu fahren. Das hat er auch gemacht! Und dann sah das gleich ganz anders aus, nämlich richtig platt, ausgewalzt. Diesen plattgewalzten Eimer habe ich durch die Schlosserei nebenan links und rechts so knicken lassen, dass er genau in eine ehemalige Weinkiste hineinpasst. Den Kasten habe ich schwarz eingefärbt und dann blinkte natürlich dieser Eimer, den habe ich dann poliert, und das sah ganz nett aus. Dieses Objekt lag da anderthalb Jahre und jetzt, auf der letzten Ausstellung, da ging ein Besucher genau darauf zu und sagte: ‚Ach, das ist ja toll, das erinnert mich an so viele Sachen aus meiner Vergangenheit, das muss ich unbedingt haben!‘
Das bestätigt einen immer wieder: Da hast du eine Sache gesehen, die Wirkung auf jemanden hat. Von solchen Dingen bin ich fasziniert!“

„Ja, ich fühle mich hier ausgesprochen wohl.“ Im Frühjahr könne er draußen im Freien arbeiten und komme dabei mit Passanten ins Gespräch. Wie er denn an dieses Atelier in der Pohlstraße 11 gekommen ist? „Ich wohne seit 30, 35 Jahren in dieser Gegend. Durch meine Tätigkeit im Quartiersrat und im Quartier habe ich einige Projekte mit durchgeführt und dabei einen guten Einblick  bekommen, nicht nur in das soziale und ökonomische Geschehen, sondern auch in die Gebäude, die es hier gibt, und was mit diesen Gebäuden geschieht.“

Und zum Schluss erzählt mir Herr Hemmerich noch verschmitzt, wofür so ein Atelier in einem U-Bahnbogen noch so alles gut sei: Für eine Geburtstagsfeier zum Beispiel! In jenem Keller mit dem Schwarz-Licht rückten dann nämlich die Kunstwerke an den Rand des Raumes, Bierbänke würden hineingestellt, der Raum werde geschmückt – und in der Ecke, in der der „Urknall“ zu sehen war, da spiele dann eine Band, mit sattem Klang und ordentlicher Laustärke!

 

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Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Als ich zum ersten Mal an den U-Bahnbögen der hofartigen Grünanlage in der Pohlstraße 11 entlang ging, um zu sehen, welche Künstler hier tätig sind, spielten drei Kinder vor dem Jugendtreff gleich neben dem Torbogen, die mich, kaum dass sie mich sahen, ansprachen und neugierig wissen wollten, was ich denn hier suche. Ich fragte sie, ob es denn hier in der Pohlstraße 11 Ateliers gäbe. „Aber klar“, antworteten sie, „kommen Sie mal mit!“ Und schon liefen sie voran, ich hinterher, bis wir vor den Fenstern einiger Werkstätten stehenblieben. Es war allerdings kein Künstler da, die Werkstätten waren geschlossen. „Was wollten Sie denn von denen?“, fragten mich die Kinder. „Ein Gespräch mit ihnen führen, über ihre Kunst sprechen.“ „Wollen Sie da nicht lieber mit uns sprechen? Wir malen nämlich auch! Wollen Sie mal sehen?“ Und zurück liefen sie in ihren Jugendtreffpunkt, kamen wieder heraus und zeigten mir stolz drei große selbstgemalte Osterbilder mit Eiern, Schleifen und Gräsern. „10 Euro!“, riefen sie. Doch da kam die Leiterin des Jugendtreffs herbei, verwickelte mich in ein Gespräch und die verkaufsbegeisterten jungen Künstler zogen ab.

Atelier Bettina LüdickeAn einem kühlen Montag Mittag im März bin ich dann mit der Bildhauerin Bettina Lüdicke verabredet, die sich vor acht Jahren ihr Atelier in einem dieser sonnenbelichteten Gewölbe unter der U-Bahnlinie 1 in der Pohlstraße 11 eingerichtet hat. Lächelnd empfängt sie mich an der Tür ihres Ateliers und bittet mich herein. Wir setzen uns an einen kleinen weißen Tisch und ich sehe mich erst mal um.

Die rechte Seite des Raumes ist wohl ihr Arbeitsbereich, hier steht jedenfalls ihr Zeichentisch, hier lagern ihre Materialien, während den größeren Teil des Raumes linkerhand fertige oder zumindest fast fertige Skulpturen einnehmen, die auf weißen Podesten stehend den Blick des Betrachters einfangen.

Bettina Lüdicke, Schattenrot

Bettina Lüdicke, Schattenrot, 2012, 42x42x30cm,
Foto: Bettina Lüdicke

„Meine Arbeiten kann man als Zeichnungen im Raum sehen“, erläutert mir Bettina Lüdicke. „Diese metallischen Linien, die ich verwende, umschreiben einen Raum, bilden aber auch gleichzeitig einen Körper. Es geht mir darum, die Welt nicht immer weiter mit Masse zu füllen, sondern Skulpturen zu schaffen, um Raum zu gewinnen.
Damit das Offene sichtbar wird, muss ich andere Teile verdichten und schließen. Diese verdichteten Partien bringen auch eine Dynamik hinein, je nachdem, in welche Richtung diese Linien gespannt sind oder ob sie kreisförmig oder spiralförmig verlaufen.
Die Arbeit besteht aus Linien und Punkten und aus einem ständigen Kreisen, von dem kleinsten Punkt bis zur größten Form, so dass letztlich offene Räume entstehen, die durchlässig und transparent sind, in die man von allen Seiten schauen kann.“

„Im Studium machte jeder Student eine Abformung vom eigenen Oberkörper. Als ich die Abformung dann in der Hand hatte, ist mir aufgefallen, dass der Blick hinein viel interessanter war als der Blick von außen! Mein eigener Oberkörper war mir von der anderen Seite her gesehen unbekannt, das führte zu einer ganz anderen Welt.”

Bettina Lüdicke, Besucher 4

Bettina Lüdicke, Besucher 4, 2011, 70x40x38cm,
Foto: Bettina Lüdicke

„Meine Arbeit braucht einen Betrachter, der um das Werk herumgeht und wirklich hineinguckt und sich fragt: Was sehe ich denn da?
In einer Skulptur gibt es immer Achsen, verschiedene Richtungen: Ein bestimmter Punkt, die Spitze einer Form deutet ja auf eine Vertiefung einer anderen Form. Die eine Form antwortet auf die andere, es ist ein Dialog zwischen verschiedenen Teilen.
Eine für mich spannende Frage ist es, wie ein an sich fremdes Teil, ein Fundstück oder ein farbiges Segment, eine Verbindung mit einem Raum eingehen kann. Was passiert dann zwischen beiden Formen? Da gibt es dann auch einen Raum dazwischen, wo sie sich noch nicht berühren, aber doch gegenüberstehen. Ab wann fängt dann die Spannung an?“

„Nach dem Studium habe ich erst mal gedacht, weg von diesen ganzen feinen Sachen, jetzt mal was ganz Schweres, also das genaue Gegenteil.“ Sie zeigt mir ihre ersten Arbeiten, verborgen in einer Nische hinter einer Pappwand: schwere Steine, Marmorblöcke usw.

Studiert hat Bettina Lüdicke zunächst Design und Textildesign, bevor sie einen künstlerischen Studiengang zur Textilgestaltung an der Hochschule der Künste in Berlin besuchte. „Ich konnte mich dort frei entfalten, weg von der Anwendung hin zur Kunst. Das Wissen um Textiles habe ich natürlich im Gepäck gehabt. Die älteste Form des Verbindens ist ja das Wickeln, dass man zwei Teile zusammenlegt, überkreuzt und darum etwas wickelt. Auf diese Weise werden ja auch immer noch die Gerüste in Asien gebaut, mit Bambusstäben. So bin ich auf diese Methode gekommen, mit der ich eine Form von innen heraus entwickeln und auch sehen kann. Anfangs waren die Arbeiten zwar noch viel statischer, aber bei diesem Material (Kupferlegierung) bin ich geblieben.“

Neben ihrer eigentlichen künstlerischen Arbeit kümmert sich Bettina Lüdicke auch um die Präsenz ihrer Kunstwerke in Ausstellungen. Über ihre beiden, übrigens nicht in Berlin ansässigen Galerien, die sie vertreten, verkauft sie ihre Kunstwerke, vor allem, so ihr Eindruck, an Menschen, die sich schon lange mit Kunst beschäftigt hätten. Mitunter hat sie die Gelegenheit, sich ihre eigenen Kunstwerke im Hause eines Käufers anzuschauen: „Ich habe mich manchmal schon sehr gefreut, wenn eine Arbeit einen richtig guten Platz in einem Haus gefunden hat. Wenn man denkt, genau da passt diese Arbeit toll hin, und wenn ich dann auch von den Leuten höre, dass sie damit glücklich sind und gerne damit leben, ist das schön! Das freut mich natürlich.“

Von einem aktuellen Kunst-Boom spürt Bettina Lüdicke allerdings wenig. „Es gibt vielleicht ein paar wenige, die davon profitieren. Es wird eher ein Rahmen geboten für Leute, sich unterhalten zu lassen. Aber wer kauft denn dann wirklich die Kunst? Ich sehe da viel Show und Entertainment.“

Auf das Verhältnis zwischen Vermarktung und künstlerischem Schaffen angesprochen, hat sie eine klare Meinung: „Ich wüsste schon, was man tun müsste, um am Markt anzukommen! Aber das kann ich selber doch nicht machen! Da würde ich mich doch selbst belügen.“
Denn, so betont sie zum Ende unseres Gespräches, es ist doch „die Freiheit, schöpferisch zu arbeiten und weitgehend unabhängig zu sein“, auf die es ihr ankommt.

 

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Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Wer besucht eigentlich Galerien? Touristen? Wohlhabende? Junge Leute, für die es einfach cool ist?
Um das herauszufinden, stelle ich mich an einem sonnigen, aber ziemlich frostigen Samstagnachmittag im März für eine gute Stunde so auf die Potsdamer Straße, dass ich beide Galerien zugleich, die Krome Gallery und die Klosterfelde Galerie, im Blick habe. Denn  von Besucheranstürmen kann keine Rede sein, im Gegenteil, beide Galerien sind die meiste Zeit meiner Beobachtungsphase über einfach leer.

Besucher Krome GalleryEinige, die die Krome Gallery betreten, wollen nur in den Kunstbuchladen nebenan, der aber nur durch die Tür der Galerie zu betreten ist.
Meine ersten echten Galeriebesucher sind zwei Herren im mittleren Alter. Ich spreche sie an, doch Deutsch verstehen sie nicht. In englischen Satzstücken erklären sie mir dann, dass sie zwei Kunstlehrer aus Sienna seien und nur spontan in die Galerie gegangen wären, nein, Kunst wollten sie nicht kaufen, und eigentlich seien sie auch nur auf dem Weg ins Hotel. Ich lasse sie also schnell weiterziehen.

Lange Zeit kommt niemand. Mir wird langsam kalt. Ich bin schon froh über die beiden Kunstlehrer aus Sienna. Ich gönne mir erst mal eine Aufwärmpause beim Kiosk im nahegelegenen U-Bahnhof und versuche mein Glück erneut.

Und tatsächlich, in der Krome Gallery sind zwei Besucher! Erwartungsfroh gedulde ich mich, bis sie aus der Galerie kommen. Zuerst sind die beiden Herren etwas wortkarg angesichts meiner Frage, aus welchem Grund sie in der Galerie waren. Doch dann kommen sie ins Erzählen: Sie seien beide Künstler, die nach Berlin gezogen seien und eine Galerie in Paris hätten. Nein, nicht der Inspiration wegen seien sie heute hier, sondern um einen Überblick zu bekommen, um zu schauen, was andere Künstler so machten, naja, eigentlich würden sie auch eher einen gemeinsamen Spaziergang unternehmen, ein bisschen hier schauen, ein bisschen da, mit „professionellem Blick“, um sich dann schließlich dort, wo es ihnen gefalle, zu einem Kaffee niederzulassen. Na dann, noch einen sonnigen Kunstnachmittag!

Unterdessen haben drei ‚asiatisch‘ aussehende junge Leute die Galerie betreten. Ich beobachte sie, wie sie sich umschauen und durch den Durchgang zum Kunstbuchladen nebenan gehen. Sie blättern hier und da in den ausliegenden Büchern und scheinen sich tatsächlich festgelesen zu haben. Dann kommen sie schließlich doch noch heraus. Bei ihnen hilft wieder nur die englische Sprache weiter. Wie sich herausstellt, studiert der junge Mann unter ihnen Kunst und besucht seine beiden Begleiterinnen in Berlin, von denen die eine Kunstgeschichte hier an einer privaten Akademie in Berlin studiert. Sie hätten sich bloß ein bisschen umgesehen, mehr im Kunst-Buchladen als in der Galerie und wollen mich auch gleich, als sie hören, dass ich Philosophie studiere, in ein Gespräch über ‚Nieeje‘ verwickeln. Es dauert einen Moment bei mir. Ah! Sie wollen über Nietzsches Kunstphilosophie mit mir sprechen! Ich lehne dankend ab und wünsche einen schönen Tag.

Gut, das reicht jetzt, denke ich auf dem Weg zum U-Bahnhof. Da sehe ich just in diesem Moment einen jungen Besucher aus der Helga Maria Klosterfelde Galerie treten.

Besucher Galerie KlosterfeldeZügig wechsle ich die Straßenseite und spreche ihn an, während er gerade auf sein Fahrrad steigt. Klar, prinzipiell würde er mir gerne antworten, doch er habe es gerade total eilig, weil er noch unbedingt eine andere Ausstellung in einer anderen Galerie sehen wolle, die heute zu Ende gehe, er müsse jetzt wirklich schnell los. Während er anfährt, ruft er mir zu: Berliner Künstler sei er,  er werde durch eine eigene Galerie vertreten und schaue sich aus beruflichen Gründen die Ausstellungen an. Und weg ist er. Allerdings nur um 50 Meter weiter wieder sein Fahrrad an einen Baum zu lehnen und in einer Hofeinfahrt zu verschwinden.

Meine Glückssträhne reißt nicht: Ein Mann, ebenso jung wie der vorherige, tritt aus der Galerie. Hier hilft wieder nur Englisch weiter. Als er hört, wer ich bin und dass ich einen Artikel über die Kunstszene an der Potsdamer Straße schreibe, erzählt er sehr freundlich, geradezu freundschaftlich von sich: Er käme aus New York, habe dort Kunst an diversen Collages studiert und wäre dort auch gerne geblieben. Hier müsse er sich nun erst neue Kontakte in die Kunstszene hinein aufbauen, deshalb besuche er Galerien. In der Galerie Klosterfelde stelle zum Beispiel gerade ein Künstler aus, mit dem er demnächst in einem größeren Projekt zusammenarbeiten werde. Nein, nicht der Kunstszene wegen sei er nach Berlin gekommen, durch den Umzug nach Berlin habe er sich eher seiner Karriere beraubt, sagt er mit einem leichten Lächeln, in New York hätte er  nämlich die Kontakte seiner Professoren nutzen können! Er sei aus dem anderen Grund, aus dem man seine Heimat verlassen könne, nach Berlin gekommen: der Liebe wegen!

Bei meiner kleinen Befragung fällt also eines auf: die Menschen, die Galerien besuchen, sind vom Fach, oft selbst sogar Künstler. Wer dann aber dieses Kunstgeschäft überhaupt möglich macht, wer die Künstler finanziert, wer ihre Kunst kauft, bleibt ein Rätsel.

 

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„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen.“ Ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Krome GalleryNeben dem Wintergarten Varieté liegt die elegant wirkende Krome Gallery, deren Eingang, drei Stufen erhöht, vollständig verglast ist, so dass jeder ungehindert von außen  in den hohen weißen Innenraum hineinschauen kann. Ein klarer, etwas kühler Eindruck. Die ausgestellten Werke fallen dadurch umso mehr auf: Im Eingang steht ein Paar schwarzer Stiefel so zueinander versetzt, als machten die Stiefel soeben einen Schritt. An einer Wand hängt ein großer Flachbildschirm, auf dem vor schwarzem Hintergrund ständig ein weißes Ei sich dreht und dabei fortwährend sprudelnde Bläschen aufzuwirbeln scheint. Die Werke gehören zu einer Ausstellung des Künstlers Tarje Eikanger Gullaksen, die bis vor kurzem in der Krome Gallery zu sehen war.

Die Managerin der Krome Gallery, Selina Lai, wird – begleitet von ihrer Assistentin, Elisabeth Pallentin – im Folgenden erzählen, wie ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Galerie aussieht, was sie an ihrer Arbeit mit Kunst schätzt und warum die Krome Gallery gerade die Potsdamer Straße als Standort ausgewählt hat.

Wie würden Sie die Tätigkeit einer Galerie und Ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Galerie beschreiben?

Selina Lai: Eine Galerie ist der Schnittpunkt zwischen dem Künstler und dem Sammler, zwischen Künstler und Museum. Was der Besucher hier in der Galerie sieht, das fertige Produkt, ist aber nur die Oberfläche. Es geht  nicht darum, eine Ausstellung zu eröffnen, man muss hinter der Kulisse weiterarbeiten. Vor allem muss es einen ständigen Fluss zwischen Künstler, Galerist und Käufer geben: Der Künstler profitiert von den Kontakten, die der Galerist hat, und umgekehrt genauso. Ziel der Galerie ist es natürlich, den Künstler so gut zu vermarkten, dass der Künstler von seiner Kunst leben kann.

Aber es geht auch darum, einen gewissen Wert zu schaffen: Man hilft dem Künstler, eine eigene künstlerische Position zu formen. Dazu gibt es einen beständigen Austausch, nicht nur bezüglich der Arbeiten, sondern über die eigene Weltanschauung. Die Beziehung zwischen Galerist und Künstler ist daher im besten Fall sehr menschlich: Viele Künstler und Mitarbeiter von Galerien werden sogar Freunde.

Ihre Tätigkeit besteht also darin, nicht abstrakt über die ausgestellten Werke zu sprechen, sondern vielmehr mit dem Menschen, der hinter diesen Werken steht?

Selina Lai: Ich glaube, was einen guten Galeristen auszeichnet, ist die Fähigkeit, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen. Nur so können die Mitarbeiter der Galerie auch den Wert der Arbeiten einem Sammler oder einem Museumskurator vermitteln.

Elisabeth Pallentin: Kunst ist ja generell kein anonymes Produkt, es steckt immer der Künstler und seine ganze Persönlichkeit im Kunstwerk, darauf gründet die Beziehung zwischen Galeristen und Künstler.

Selina Lai: Es ist wie so eine Art Boutique, wo sich hinter der Mode eine Geschichte versteckt.

Wonach treffen Sie denn Ihre Auswahl, welchen Künstler Sie in das Programm der Krome Gallery aufnehmen? Entscheiden Sie das subjektiv oder haben Sie irgendein Schema bewusst im Kopf? Orientieren Sie sich vielleicht an einem Trend?

Selina Lai: Wenn man versucht, nach dem Trend zu gehen, ist man schon gescheitert. Natürlich ist man trotzdem auch davon beeinflusst, was man in den anderen Galerien sieht, aber eher  unbewusst.
Was ist also stattdessen wichtig? Es ist das Gefühl, dass Galerist und Künstler auf der gleichen Ebene stehen, dass sie sich auch persönlich gut verstehen, dass man Gemeinsamkeiten findet. Dann ist es auch leichter, die Kunst des Künstlers zu verstehen. Der Unterschied macht auch, was man denn eigentlich in den Arbeiten sieht. Wenn man ein Werk ansieht, ist es zunächst wie eine geschlossene Schachtel. Aber du stellst keine geschlossene Schachtel einfach aus. Du musst erst mal die Schachtel aufmachen, verstehen, was drinnen ist, und dann entscheiden, ob du das ausstellst oder nicht.
Du musst die Kunst des Künstlers strukturieren, auseinandernehmen und verstehen.

Wie haben sich denn die Kontakte zu den Künstlern, deren Werke Sie ausstellen, ergeben?

Selina Lai: Man trifft Künstler bei Eröffnungen oder Events, etwa bei Biennalen oder bei Messen, man liest Magazine, Interviews in Blogs. Und plötzlich stellt man fest, dass man mit einem Künstler gemeinsame Freunde oder Bekannte hat.

Gibt es denn auch Gründe, dass Sie einen Künstler aufgeben? Ist das schon mal vorgekommen?

Selina Lai: Es gibt auch Sammler, die zum Beispiel einen Künstler aufgeben. Es ist eine Frage der Entwicklung. Das ist so wie in einer Beziehung: Manchmal leben sich die zwei Partner auseinander. Man kann dann nicht mehr eine gemeinsame Sprache finden. Das ist sicherlich traurig, muss es aber auch nicht sein.

Welche Rolle spielt das Interesse, Kunstwerke auch verkaufen zu wollen, für Ihre Tätigkeit als Beraterin eines Künstlers? Gibt es spezielle Erwartungen der Kundschaft, auf die Sie Künstler hinweisen müssen?

Selina Lai: Es ist klar, dass man nicht die Arbeiten von allen Künstlern auf dieselbe Art und Weise bzw. in derselben Menge verkaufen kann. Es gibt Künstler, die sich besser verkaufen, und andere weniger…

Elisabeth Pallentin: … aber das liegt einfach auch daran, dass es gut verkaufbare Kunstwerke gibt, und dann wiederum welche, die schlechter verkaufbar sind, Videoarbeiten zum Beispiel lassen sich nicht so leicht verkaufen wie etwa ein kleines Gemälde von dreißig mal dreißig Zentimetern oder eine Fotografie.

Selina Lai: Es gibt tatsächlich Kategorien, die leichter zu verkaufen sind, aber es ist immer eine Frage, an welches Publikum man sich wendet.
Aber es kommt immer eine Zeit, in der ein Künstler besonders viel Aufmerksamkeit genießt, so eine Art 15-Minuten-Ruhm und in diesem Moment ist es sicherlich einfacher seine Arbeiten zu verkaufen. Aber ob man es schafft, ist in erster Linie eine Frage der Vermittlung, wie und was man dem Kunden erzählt.

Man könnte diesen ‚15-Minuten-Ruhm‘ ja auch negativ verstehen. ‚15 kurze Minuten‘ berühmt sein und dann?! Dass es einfach nach ‚15 Minuten‘ vorbei ist…

Selina Lai: Vorbei ist es nur in dem Moment, wenn der Künstler aufhört zu arbeiten.
Und Ruhm ist auch nicht immer positiv. Es gibt viele Künstler, denen es lieber ist, ganz langsam zu wachsen, und immer ein wenig im Untergrund zu bleiben.

Visieren Sie denn ein spezielles Publikum, eine spezielle Kundschaft an? Hat sich die Krome Gallery deshalb gerade die Potsdamer Straße als Standort ausgesucht?

Selina Lai: Der Grund, warum wir hierher an die Potsdamer Straße gezogen sind, war mehr eine Frage der Synergie: Auf Grund der hohen Anzahl von Galerien in diesem Viertel kann man bei Eröffnungen von einem gemeinsamem Publikum profitieren. Es macht auch viel mehr Spaß, an einem Ort zu sein, wo zu gewissen Events viele Leute unterwegs sind, die einfach so in die Galerie kommen, die fragen und interessiert sind. So haben sich auch in vielen anderen Städten Kunstquartiere entwickelt. Es blieb nie eine Galerie alleine, es sei denn, die Galerie ist so stark, dass sie nicht diese Synergie braucht. Das ist aber eher die Ausnahme und nicht die Regel.

Aber es ist nicht so sehr das anonyme Laufpublikum, das eine Galerie eigentlich interessiert. Ich will jetzt dieses Publikum nicht abwerten, weil es auch schön für uns ist, uns mit genau solchen Leuten zu unterhalten. Aber das Publikum, die Kundschaft, die die Arbeiten der ausgestellten Künstler als Multiplikator weiterverbreitet, ist eine andere Art von Publikum, das nur bei ausgewählten Ausstellungen auftaucht und sich gezielt herauspickt, was sie interessiert.
Wer ist unsere Kundschaft? Das ist ganz unterschiedlich: Von Studenten bis Museums- oder Sammlerdirektoren. Je nachdem, kommuniziert man dann mit diesen Leuten auf eine andere Art und Weise.

Sie sprechen von Synergien mit anderen Galerien. Nun gibt es im Gebiet der Potsdamer Straße ja auch einige Ateliers. Arbeiten Sie denn auch mit lokal ansässigen Künstlern zusammen? Gibt es auch in dieser Hinsicht Synergien?

Selina Lai: Im Programm haben wir keinen Künstler, der hier auf der Potsdamer Str. ein Atelier hat. Denn es spielt eigentlich keine Rolle, wo der Künstler sein Atelier hat.

Hat sich denn das Profil der Krome Gallery durch den Umzug von der Karl-Marx-Allee an die Potsdamer Straße verändert?

Selina Lai: Das Programm der Galerie hat sich nach dem Umzug nicht verändert. Es entwickelt sich jedoch vielmehr ständig weiter. Das eigene Interesse des Galeristen verändert sich und deshalb ist es immer eine Art ‚Work in Progress‘.

Ihre Galerie ist ja seit April 2011 hier. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber schon einige Galerien hier. Wie hat sich das Kunstquartier hier an der Potsdamer Straße aus ihrer Sicht entwickelt?

Selina Lai: Es waren, glaube ich, zwei Faktoren, die den Umzug von Galerien hierher verursacht haben:

Erstens der Umzug von Giti Nourbakhsch, die hier, in der Kurfürstenstraße, im Jahr 2005 oder 2006 als Erste eine Galerie eröffnet hat, die es heute allerdings nicht mehr gibt. Giti Nourbakhsch war schon davor in der Gegend um den Rosenthaler Platz eine der ersten überhaupt, die dort eine Galerie aufgemacht hatten.  Berlin lebt ja gerade von solchen Orten, die an der Schnittstelle zwischen zwei Welten sind. Und die Potsdamer Straße ist so ein Ort: Man erreicht den Potsdamer Platz in fünf Minuten, aber gleichzeitig liegt der bekannteste Straßenstrich Berlins vor der eigenen Haustür. Es ist ein Ort mit einer widersprüchlichen Identität. Der Charme von Berlin, wenigstens bisher, war, dass es immer noch solche Orte gibt.

Elisabeth Pallentin: …die aber immer weniger werden.

Selina Lai: Der zweite Grund für den Umzug vieler Galerien waren wahrscheinlich die Mietpreise in den Jahren 2005 / 2006.
Mittlerweise hat sich aber eine feste Struktur von mitunter auch ziemlich großen Galerien gebildet, unter anderem im ehemaligen ‚Tagesspiegel‘-Gebäude. Dadurch wird es länger dauern, bis dieser Hotspot nicht mehr interessant sein könnte.

Abschließend würde ich gerne noch von Ihnen wissen, wie Sie eigentlich selbst Managerin einer Galerie geworden sind. Haben Sie Kunst in irgendeiner Weise studiert?

Selina Lai: Ich habe Kunstgeschichte studiert, auf eine sehr humanistische Art und Weise, sehr akademisch auch, in Italien und an der Humboldt-Universität in Berlin.
Ja, warum diese Arbeit? Es ist das Gefühl, jedes Mal neu in eine Welt einzutauchen, in der andere Regeln gelten, Regeln, die von den Künstlern geschaffen werden. Ich bin fasziniert von diesen Künstlerpersönlichkeiten, die eine Vision der Welt geben, die nicht unbedingt der entspricht, die man normalerweise sieht. Man fängt an, die eigene Welt anders zu sehen, dank dieser Visionen, die die Künstler haben.

Frau Lai, Frau Pallentin, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

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Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße: Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern

von Christian Kaiser

Was mag das bloß für ein Geschäft sein, über dessen Schaufenstern in großen Schreibschrift-Lettern prangt „Vincenz Sala“? Dessen Schaufenster bisweilen mit Pergamentpapier zugehängt werden, bis auf ein extra ausgespartes, kleines rechteckiges Guckloch, das die Sicht ins Innere ermöglicht, auf eine große, dunkelbraune Regalwand an der rechten Seite?

Ein Din-A4-Blatt neben dem Guckloch erläutert mir: Eine neue Ausstellung werde gerade aufgehängt, am kommenden Mittwochabend sei Vernissage!

Galerie KlosterfeldeEinige Tage später nimmt sich Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie, Zeit für ein Gespräch mit mir. Dabei klärt sich auch, was es mit der rätselhaften Namensbezeichnung und der alten hölzernen Einrichtung auf sich hat. „Die Einrichtung stammt von dem Schreibwarenladen, der hier vorher war, ‚Vincenz Sala‘ steht ja noch draußen dran, sie ist hier geblieben, weil sie hier einfach gut hineinpasst.“

Im Jahr 2009 ist die Klosterfelde Galerie hier eingezogen. Geleitet wird sie von Alfons Klosterfelde und seiner Mutter, Helga Maria Klosterfelde: „Ich bin damit aufgewachsen“, erzählt Herr Klosterfelde. „Meine Eltern haben sich für Kunst interessiert, das hat mich geprägt. Ich habe Jura studiert und nebenher in Galerien gearbeitet, bis ich irgendwann beschlossen habe, das ganz zu machen.“

Die Tätigkeit des Galeristen, die er heute ausübt, hat aus seiner Sicht zwei Facetten: „Man hat ein kaufmännisches Büro für die Buchhaltung, da müssen Lagerbestände auf dem Laufenden gehalten werden und es muss in die Zukunft geplant werden, und man hat einen Ausstellungsraum, da kommen Besucher herein und man leistet Vermittlungsarbeit. Ich glaube, dass Leute immer denken, es sei so anders als irgendeine andere Geschäftstätigkeit. Das ist es gar nicht, es ist nur so, dass der Gegenstand, mit dem man sein Geld verdient, Bilder oder Skulpturen sind.
Das Schöne und zugleich Schwierige ist, dass man mit etwas handelt, das zum Glück auch noch etwas mit Subjektivität zu tun hat, so dass die Bewertung anders funktioniert als sonst.“

Ähnlich wie andere Geschäfte kauft die Galerie Klosterfelde auch wieder Kunst von Käufern an. „Man handelt mit Kunst, so wie ein Möbelhändler mit Möbeln oder ein Autohändler mit Autos handelt.“ Nur mit einem Unterschied: „Das Auto ist vor allem ein Gebrauchsgegenstand, es hat einen anderen Nutzen und einen anderen Stellenwert. Ein Bild anzusehen hat ja im Grunde genommen mit Genuss zu tun, es soll ja anregen, so wie man ins Theater geht oder wie man ein Konzert hört oder ein Buch liest … Genuss ist vielleicht nicht so ein schönes Wort… Genuss klingt irgendwie nach Kaffeebohnen…“

Die Galerie Klosterfelde konzipiert etwa fünf Ausstellungen im Jahr. Eine solche Ausstellung betrachtet Herr Klosterfelde dann als gelungen, „wenn viele Leute sie gesehen und wir Reaktionen erhalten haben – und wenn wir etwas aus der Ausstellung verkauft haben. Denn eine Galerie ist ja ein kommerzieller Betrieb. Man macht die Ausstellung, um Kunstwerke aus der Ausstellung zu verkaufen. Man freut sich, wenn man noch mehr verkauft, als man vorher verkauft hat. Und man hat Freude daran, den Besuchern die Kunst zu vermitteln und die eigene Begeisterung auf andere Leute zu übertragen.“
Seine Kundschaft, auf die Herr Klosterfelde seine Begeisterung bereits übertragen hat, sei aber so heterogen, dass er diese nicht mit bestimmten Kategorien umschreiben kann.

Derzeit sieht Herr Klosterfelde vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit und Berichterstattung über moderne Kunst. Denn „Ausstellungseröffnungen und Kunstmessen werden zusehends zu einem Life-Style-Thema“. Dass aber schlage sich nicht unbedingt in den Verkaufszahlen von Kunst wieder: „Der kleinste Teil der Künstler in Berlin kann von der Kunst leben. Auch für die Galerien ist es nicht einfach.“ Dennoch gibt es ja viele Galerien in Berlin, was Herr Klosterfelde darauf zurückführt, dass es auch viele Künstler in Berlin gibt. Diese Kunstszene habe sich hier entwickelt, „weil man hier günstig leben kann bzw. weil man hier günstig leben konnte – das ändert sich ja gerade massiv – und weil es schon immer eine interessante Stadt war, in der man sich gegenseitig angeregt hat“.

Der Kontakt zu den Künstlern ist wesentlicher Teil seiner Arbeit. Künstler für Ausstellungen in der Galerie auszuwählen, sei ein „laufender Prozess, man fängt an, mal mit neuen Künstlern zu arbeiten. Dann macht man mal wieder etwas mit jemandem, den man schon lange kennt“. Dabei spielen Künstler, die im Umfeld der Potsdamer Straße ihr Atelier haben, bisher keine Rolle im Programm der Klosterfelde Galerie.

Welche Künstler und welche Werke hier in der Galerie ausgestellt werden, entscheidet Herr Klosterfelde nach einem naheliegenden Kriterium: „Entweder es gefällt einem oder eben nicht.“

 

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„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

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Tradition und Moderne – Der Arts Club Berlin im Verein Berliner Künstler

von Gastblogger Daniel

Tradition und Moderne

Im Zeichen dieser zwei Begriffe findet am Schöneberger Ufer 57 eine Begegnung mit dem traditionsreichen Verein Berliner Künstler statt, der sich dieser Tage mit dem ihm angegliederten Arts Club Berlin nicht nur durch konstante Wandlungsfähigkeit, sondern auch einem internationalen Kunstpublikum präsentiert. Dass der VBK als dienstältester Künstlerverein Deutschlands schon seit längerer Zeit seinen Kurs behutsam in Richtung des Problemfeldes “Zweite Moderne” lenkt und damit auch einigen vormaligen Anschauungen den Rücken zukehrt, ist schon seit einigen Jahren klar absehbar.

Vereinshaus - Schaufenster der Galerieräume

Foto © Verein Berliner Künstler

Kunsträume und Vernetzungen

Der Arts Club Berlin versucht hierbei mit seiner Konzeption den verschiedenen Vorstellungen, die im aktuellen und globalen Kunstdiskurs und auch in der Kunstproduktion sichtbar werden, Räume zu eröffnen, ohne jedoch die eigene spezielle Verortung aufgeben zu müssen. Das Letzteres nicht einer Notwendigkeit unterliegt, ist einerseits der Konstituierung als Verein zu verdanken, mit der sich der VBK laut Projektleitung und 1. Vorsitzende Sabine Schneider als professionelle Plattform „für Künstler von Künstlern“ versteht.

Andererseits wirkt der Umstand förderlich, dass Berlin sich mittlerweile als beliebte Kunstmetropole positionieren konnte und damit auch der stadtzentrale Standort Potsdamer Platz/Potsdamer Str. sich zunehmender Attraktivität erfreut. Eine Studie des Instituts für Stadtentwicklung  (IFSE) unterlegt diese Aussage und schätzt die Anzahl Kunstschaffender in Berlin auf 6000 deutsche und internationale Künstler_innen, wobei der internationale Anteil aus ca. 30 Ländern sich auf ein Viertel der Gesamtzahl bemisst.

Der Pluralog und die Perspektive

Galerieräume des Vereins Berliner Künstler

Foto © Verein Berliner Künstler

In einem Interview mit Sabine Schneider und der Produktionsleitung Katarzyna Sekulla, situiert hinter den Schaufenstern der Galerieräume des denkmalgeschützten Vereinshauses, wurden einige Hintergründe bezüglich des Projektes verständlich gemacht. Ausgehend von einer erhöhten Nachfrage an einem kontinuierlichen Austausch in Berlin permanent und auch temporär residierender Künstlern entstand mit dem Arts Club Berlin ein Basisentwurf, um ein internationales, interdisziplinäres und generationsübergreifendes Kommunikationsforum für Kunst zu schaffen, welches durch die etablierten Strukturen, Vernetzungen und Möglichkeiten des Verein Berliner Künstler gefördert wird.

So berichtet Katarzyna Sekulla, dass unter diesem pluralogischen Ansatz zwischen den vielschichtigen und unterschiedlichen Formen der Kunstproduktionen und Kunstauffassungen integrativ vermittelt werden kann. Hinzu kommt, dass gerade die Bewusstmachung von Varianz und Spektrum innerhalb von Kunstprozessen der Gegenwart als auch der Historien und deren räumliche Vernetzungen einen Deutungshorizont für zukünftige Entwicklungen auch außerhalb des Kunstsektors schaffen kann, ergänzt Sabine Schneider.

Der offene Diskurs

So dient die Einrichtung von sogenannten ‘public discourses‘ dazu, in performativen Vortragsreihen und anschließenden Diskussionsrunden den gegenwärtigen Kunstdiskurs in seinen partikularen und globalen Bildern zu betrachten.

Die 'public discourses' des Arts Club Berlin

Foto © Verein Berliner Künstler

Die aktuelle Vortragsreihe will mit einer zentralen Problemstellung in den Worten “Überwindung des Territorialen”  Lösungsvorschläge unterbreiten und so wurde am 18.04.2013 zu einem Vortrag der türkischen Künstlerin Kinay Olcaytu mit dem Thema „Ikonographische Beweise: Über die Absurdität jeglicher Kulturvergleiche“ geladen. Der allen Interessierten zugängige Vortrag fand zur abendlichen Stunde in den Galerieräumen auf trapezförmigen Sitzmöglichkeiten bei durchmischten Publikum statt, eine Bar war ebenso geöffnet und so kulminierte der Abend in einer angenehmen und freundlichen Atmosphäre.

Okzident Reisen - Kinay Olcaytu

Foto © Verein Berliner Künstler, © Kinay Olcaytu

Die Künstlerin präsentierte mit ihren Arbeiten eine Kritik am Begriffspaar Okzidentalismus/ Orientalismus. Ihr thematisches Anliegen, sicherlich auch Phänomen einer Gegenmoderne, ist u.a. die Reduktion dieses Begriffspaares auf sexuelle, ökonomische und politische aber auch wissenschaftsbegriffliche Machtverhältnisse und so blieb in der Folge eine kurze politische Diskussion nicht aus.  Eine Alternative stellte die Künstlerin dabei nicht in Aussicht, aber dafür eine lehrreiche Übung im Dekonstruieren.

Kontemporäres und Zukünftiges

Momentan befinden sich in den Ausstellungsräumen der Galerie Werkinstallationen unter dem Titel „… Rudel …“ von der mit dem Benninghauspreis 2012 ausgezeichneten Tine Schuhman.

Weitere Vortragsreihen (Folgethema: “Kunst und Wirtschaft”), Projekte und Kooperation stehen bereits an und so kann in der Tat von einer gelungenen Neubelebung des Verein Berliner Künstler mit dem Arts Club Berlin gesprochen werden.

Aktivisten im Kiez: Mit Engagement das Stadtbild beeinflussen

Geschrieben von Gastblogger Tobias

Was treibt einen Menschen dazu an, sich jahrzehntelang seinem Stadtteil zu widmen? Oder in frustrierenden Situationen nicht aufzugeben und sich weiter für eine Sache einzusetzen? Die Frage nach der Motivation und den Menschen dahinter, mit ihren persönlichen Geschichten wird in diesem Artikel beleuchtet.

Gleisdreieck 2

Das Gleisdreieck ist eine der letzten großen Brachflächen in der Mitte Berlins. Das ermöglicht einerseits viel Freiraum zur Gestaltung. Andererseits sind aber Konflikte zwischen Anwohnern und Investoren, die jeweils ihre Ideen vom Stadtbild verwirklichen wollen, vorprogrammiert. Am Beispiel der aktuellen Entwicklungen am Gleisdreieck wollte ich die Geschichten von Menschen hören, die sich jahrelang engagieren, um den Stadtteil lebenswerter zu machen.

Für eine bessere Atmosphäre

Josef Lückerath, ein alteingesessener Kiezbewohner, hat eine Menge erlebt. Seit nun mehr 43 Jahren lebt und engagiert er sich im Kiez. „In den 1980er Jahren fing ich auf eigene Faust an, mich bei verschiedenen Projekten und Aktionen im Stadtteil einzubringen“, erzählt er. Bei diesen ging es zum Beispiel darum, Baumfällungen und Parkplatzbauten zu verhindern. Überzeugen konnte er, da er auch selbst Ideen und Vorschläge einbrachte und nicht einfach nur dagegen war.

Motivation für seine aufwendige und zeitintensive Einbringung ist, die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern. „Mein Wunsch ist es, der Anonymität in der Großstadt entgegen zu wirken und eine angenehme Atmosphäre im Kiez zu schaffen“, sagt Josef Lückerath. Daher ist er auch über Bekannte in den Quartiersrat Tiergarten Süd gekommen, wo er seit 5 Jahren tätig ist. „Mir ist vor allem der Kontakt zu den Menschen hier wichtig“, betont er.

Das neue Gesicht des Gleisdreiecks

Gleisdreieck 1

Besondere Erfolge zeigen, dass sich die Arbeit und Energie lohnt. „Wir sind froh darüber, dass das Kurfürstenzentrum umgestaltet wird. Das ist schon ein Erfolg“, erzählt Josef Lückerath, „Aber es gibt noch genug zu tun“. Die Entwicklung am Gleisdreieck sieht er kritisch. „Durch die Neubauten erwarten wir einen Bevölkerungszuwachs von 18 bis 20 Prozent. Die Frage ist, wie man damit umgeht“, bemerkt er. Er sieht die Lage realistisch: „Natürlich wäre mehr Park und Grünfläche schöner, aber es muss hingenommen werden, dass teilweise bebaut wird“. Seine eigentliche Befürchtung ist, dass durch den Zuzug von wohlhabenderen Bevölkerungsschichten die Mieten steigen. Ihm ist es wichtig, die neuen Bewohner einzubinden.

Für die Zukunft erhofft er sich einen lebenswerteren Stadtteil. Die bereits erreichten Erfolge „müssen aber gepflegt werden“, betont er. „Ich wünsche mir einfach eine gute Stimmung im Kiez“.

Engagement zahlt sich aus, hat aber seinen Preis

Gabriele Hulitschke ist über Umwege Mediengestalterin geworden. Ihre Erfahrungen im Beruf helfen ihr auch beim Ehrenamt. So hat sie die Öffentlichkeitsarbeit der Kinder-Magistrale übernommen und nach kurzer Zeit sogar die Leitung. Die Initiative organisiert zum Beispiel Kunstaktionen für Kindergruppen. „Da erfahren wir von allen Seiten positive Resonanz“, sagt Gabriele Hulitschke. Durch ihr Interesse für ihren Kiez ist sie schnell ins Ehrenamt gerutscht. Als Mediengestalterin vermisste sie einen Ort für Gleichgesinnte. „Da wurde ich direkt angesprochen, mich doch auch gleich für andere einzusetzen“, erzählt sie. „Engagement ist für mich lebensbereichernd, es ist ein Lernprozess. Wenn man selbst beginnt Projekte zu initiieren oder Verantwortung zu übernehmen, ist der Wandel aber deutlich zu merken“, sagt sie. Ansonsten kann man sich schnell überfordern und verausgaben. „Ich musste auch lernen nein zu sagen“, schmunzelt sie.

Bei ihren vielen Tätigkeiten, stellt sich die Frage, wie das eigentlich zu schaffen ist. Denn neben der Kinder-Magistrale unterstützt sie auch die projektbegleitende Arbeitsgruppe (PAG) zum Gleisdreieck und ist als Quartierrätin aktiv. „Man braucht eine Menge Kraft“, sagt Gabriele Hulitschke, „Aber es macht ja auch Spaß“. Sie meint, dass man die wichtigen Dinge im Hinterkopf behalten muss, um mit dem Druck umzugehen. „Es hilft auf jeden Fall Gleichgesinnte um sich zu haben“, stellt sie fest, „Manchmal gibt es mehr Unterstützer als man denkt“.

Ein Ausblick

Im Kiez

Bezahlbare Mieten sind ihr Hauptziel für die Zukunft. „Außerdem wünsche ich mir Baugemeinschaften, die soziales Wohnen und WG-Formen ermöglichen“. Mit mehreren Kunstaktionen möchte sie den Menschen Probleme im Kiez vor Augen führen. „Mit Kunst kann man das auf eine ganz andere Art und Weise erreichen“, findet Gabriele Hulitschke.

Beide Aktivisten üben mit ihrem Engagement einen entscheidenden Einfluss auf das Stadtgebiet um die Potsdamer Straße aus und tragen ihren Teil dazu bei die Gegend lebenswerter zu machen. Mitmachen lohnt sich!

Artek – Von der Potsdamer Straße nach Kopenhagen

Geschrieben von Tobias

Im Tagesspiegelgebäude in der Potsdamer Straße 85C befindet sich Artek, ein finnischer Anbieter von Designermöbeln. Der Besuch des versteckten Ladens gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht.

Artek

Mit dem Aufzug zu Artek

In der Kiezzeitung mitteNdran fand ich auf Seite 8 der aktuellen Ausgabe einen kurzen Artikel zur Artek Deutschland Gmbh. Im 10. und 11. Stock des ehemaligen Tagesspiegelgebäudes werden demnach finnische Designmöbel angeboten. Per Fahrstuhl in den Laden, à la „Beam me up Scotty“? Das klang von Anfang an vielversprechend und außergewöhnlich. Denn wie Ikea von innen aussieht, wissen wir alle. Die individuellen Produkte von echten Designstars wie Alvar Aalto zu sehen, ist dagegen etwas besonderes.

Technologie und Kunst

Nun stand ich vor der Nummer 85C. Ich brauchte nicht lange am Klingelschild zu suchen, denn es stand nur Artek dran. Meine Recherche hatte ergeben, dass der Name für Art and Technology steht. Ich war gespannt, was mich erwartet. Von skandinavischen Möbeln waren mir doch bisher nur selbst aufzubauende Billigprodukte bekannt, die so individuell sind, dass sie jeder in der Wohnung hat. Welche Technologie in den Möbeln steckt, wollte ich zuerst herausfinden. Ich drückte die Klingel und wartete.

 Die Gründer und ihre Idee

Bis jetzt wusste ich nur, dass die Firma 1935 von Alvar und Aino Aalto, Maire Gullichsen and Nils-Gustav Hahl gegründet wurde. Ihre Idee war es, mit dem Möbelverkauf moderne Wohnkultur zu fördern. Das allein ist aber noch nicht außergewöhnlich. Artek‘s Designermöbel zeichnen sich durch zeitlose Eleganz und Individualismus aus. Alvar Aalto, Design- und Architekturstar, hat dabei das Unternehmen nachhaltig geprägt.

Warum der Standort Berlin?

Und nun soll es auch in Berlin in der Potsdamer Straße einen Artek-Laden geben? Da stellt sich mir die Frage der Standortwahl. Gleich notiert. Leider reagiert niemand auf mein Klingeln. Die Website selbst befindet sich noch im Aufbau. Daher kommt in mir der Verdacht auf, dass die Berliner Filiale noch gar nicht eröffnet ist. Dann wird das wohl heute nichts mehr mit der Fahrstuhlfahrt.

Ein Interviewtermin

Aber aufgeben ist keine Option. Ich kontaktiere Artek per Mail und siehe da, ein Mitarbeiter antwortet mir. Leider ist er selbst auf Geschäftsreise in München und Wien. Und das noch eine ganze Weile. Ein Interviewtermin zu finden, wurde daher schwieriger als ein PAX-Schranksystem ohne Anleitung aufzubauen.

Letzter Versuch

Am Samstag fliege ich nach Kopenhagen in den Urlaub. Ich habe herausgefunden, dass es dort mehrere Einzelhändler von Artek-Möbeln gibt. Da werde ich bestimmt jemanden interviewen können. Ich hoffe endlich Designermöbel von Alvar Aalto zu Gesicht zu bekommen und Antworten auf meine Fragen zu finden.