Category Archives: Kunst

Der Tod ist bunt – und blüht

Von HU-Gastbloggerin Nadine Arndt

Wir kennen uns schon lange
Der Phönix und ich
Ich lehrte ihn zwei Worte
Damit er mit mir spricht:
Ende Neu
(Einstürzende Neubauten – Ende Neu)

Düster wirkende alte Eiben und Efeu, verwitterte Grabmale mit schon lange nicht mehr lesbaren Inschriften, gebeugte Frauen in Schwarz die mühsam das welke Laub auf einem Grab entfernen. Stille und Trauer.
So stellt man sich einen typischen Friedhof vor. Doch der Alte Sankt Matthäus-Kirchhof in der Großgörschenstraße entspricht diesem Bild nicht.
Im Norden Schönebergs, am äußersten Rand der berühmten „Roten Insel“ liegt er – ein traditionsreicher Friedhof mit wechselvoller Geschichte.

1856 geweiht war er Begräbnisstätte wohlhabender Kaufleute, Künstler und Wissenschaftler.

Noch heute zeugen viele opulent gestalteten Gräber, Gruften und Mausoleen aus der Gründerzeit vom Reichtum der hier Begrabenen und bieten einen ungewöhnlichen Kontrast zu den vielen, mit Pflanzen, Keramikkatzen, Windspielen, Regenbogenflaggen und roten AIDS-Schleifen liebevoll geschmückten Gräbern aus neuerer Zeit.
Doch beinahe wären die Wirren der Zeit auch dem Kirchhof zum Verhängnis geworden: die Umbettungen auf den Südwestkirchhof in Stahnsdorf,  die zunächst Platz schaffen sollten für Albert Speers monumentale Nord-Süd-Achse, wurden abgelöst von Krieg und Zerstörung und Vergessen & Verfall bis in die 1970er Jahre tat ein Übriges.

Die Liste der hier begrabenen mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten ist lang: Neben den Gebrüdern Grimm, Kaufmann Bolle und dem Mediziner Rudolf Virchow liegen hier auch die Frauenrechtlerinnen Hedwig Dohm und Minna Cauer und die Schriftstellerin May Ayim; den Verschwörern vom 20. Juli 1944 um Graf von Stauffenberg ist ein Gedenkstein gewidmet – nach ihrer Hinrichtung wurden sie hier begraben, aber später von den Nazis ausgegraben und verbrannt, ihre Asche wurde in den Riesenfeldern verstreut.

Auch Ton Steine Scherben-Sänger Rio Reiser hat hier inzwischen seine letzte Ruhestätte gefunden. Vor einem Jahr wurde er von Fresenhagen auf den Matthäus-Kirchhof umgebettet.


Der „König von Deutschland“ ist allerdings nicht der einzige schwule Aktivist der hier begraben ist. Neben der berühmten Berliner Tunte „Ovo Maltine“ findet sich hier auch das Grab des im Jahr 2000 verstorbenen Napoleon Seyfarth, der mit seinem autobiographisch inszenierten Roman „Schweine müssen nackt sein“ als erster deutschsprachiger Autor offensiv mit seiner AIDS-Erkrankung umging.



Da paßt es dann auch ins gar nicht düstere Bild, daß das auf dem Friedhofsgelände gelegene „Café Finovo“ von Bernd Boßmann – in der Berliner Tuntenszene besser bekannt als „Ichgola Androgyn“ – betrieben wird.


Das in einem alten Latrinenhaus gelegene Café ist wohl DAS Aushängeschild einer der ungewöhnlichsten Friedhöfe der Stadt. Das Café nebst Blumenladen „Roter Mohn“ bietet neben Blumen, Kränzen und Trauergestecken auch täglich frisch gebackenen Kuchen und kleine Leckereien, einen Raum für Trauerfeiern, die Selbsthilfegruppe für die Eltern von „Sternenkindern“ sowie für die mobile Sozialberatung durch den „Hartzer Roller“.

Doch wie kommt man dazu, ein Café auf einem Friedhof zu eröffnen?
Bernd Boßmann ist schon um das Jahr 2000 das leer stehende Haus aufgefallen. Der Tod des engen Freundes Ovo Maltine im Jahr 2005 führte dann zu regelmäßigen Besuchen auf dem Friedhof und zur Idee, einen Ort für die existenziellen Bedürfnisse von Menschen schaffen: Weinen, Lachen, Essen und Trinken, Ausruhen und vor allem: Kommunikation.
Boßmann merkt kritisch an: „Friedhöfe sind nicht für die Lebenden gemacht, der Gang auf den Friedhof ist für die meisten Menschen reine Pflicht.“
Auf den Matthäus-Kirchhof hingegen soll man gerne kommen.

Der Name „Finovo“ ist abgeleitet von den lateinischen Wörtern für „Ende“ und „neu“ – das einzelne „n“ in der Mitte des Wortes soll daran erinnern, daß aus dem, was endet (finis), immer auch schon das Neue beginnt (novus). In diesem Sinne steht es auch für die ewige Wiederkehr.
Der ehemalige Krankenpfleger mag es nicht, daß der Tod so häufig einseitig negativ dargestellt und das Leben überbewertet wird. Leben und Tod gehören zusammen und was „besser“ ist, sollte aus der Perspektive des Einzelnen betrachtet werden. Für einen Sterbenden, für einen Kranken mit unerträglichen Schmerzen, für einen Hoffnungslosen kann der Tod das Ziel der Sehnsucht werden und die Erlösung versprechen während das Leben nur noch eine Bürde ist. So sind auch Geboren-Werden und Sterben für ihn einfach nur Phasen des Übergangs die nicht pauschal positiv oder negativ gewertet werden sollten.

Der Cafébesitzer ist auch im Vorstand es Vereins „Efeu e.V.“ der sich nicht nur der Erhaltung des Friedhofs widmet, sondern auch mit Infomappen zu Themen wie „Frauen“ oder „Kreuz und Queer“, Vorträgen & Führungen die Lebendigkeit des Kirchhofs unterstreicht. Das Projekt „Kinder und Kirchhof“, das Kindern den Friedhof mit all seinen existenziellen Themen näher bringen soll, wird nicht ganz so häufig in Anspruch genommen, dafür ziehen die verschiedenen Themenführungen immer wieder Interessierte an.
Der „Garten der Sternenkinder“ ist ein Platz für die „Sternenkinder“, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verstarben. Hier finden sie ihre liebevoll von Eltern & Geschwistern gestaltete letzte Ruhestätte.


Die Elterngruppe, die sich in den Räumen des Cafés trifft, ist eine Selbsthilfegruppe – abseits von professionellen Therapien wird hier auf das Prinzip „von Mensch zu Mensch“ gesetzt.
Im Eingangsbereich des „Finovo“ finden sich dann neben den Themenmappen auch Bücher zu Trauerarbeit, Begräbnisritualen und Werke der Gebrüder Grimm, von Rio Reiser, Hedwig Dohm oder May Ayim.
Individualität und Selbstentfaltung werden hier groß geschrieben – niemandem soll ein „richtiger“ Umgang mit dem Tod, mit dem Begräbnis, mit dem Glauben, eine „richtige“ Art zu leben und zu fühlen aufgezwungen werden, und so ist auf diesem besonderen Fleckchen Erde jeder ein gern gesehener Gast – die regelmäßigen Besucher mit Harke und Gießkanne ebenso wie die neugierigen amerikanischen Touristen, der ältere, türkische Anwohner, der hier seinen schwarzen Tee trinkt, ebenso wie die junge Mutter, die hier nur schnell ein paar Blumen für eine Feier kaufen will.
Für den Idealisten Boßmann ist das „Gemeindearbeit“. Gemeinde definiert er als Gemeinschaft – das Zusammengehörigkeitsgefühl und die gewachsenen Strukturen im Kiez, die Offenheit für neue Menschen, die Rechte und Pflichten, die sich aus dem Zusammenleben verschiedener Menschen ergeben. Füreinander da sein: für ihn ist das die Basis der Religionen, sich in aller Unterschiedlichkeit respektvoll begegnen können, die Idee des Cafés. Von Besuchern aufgrund seines Schwul-Seins diskriminiert wurde er noch nicht, merkt er an. Und sagt weiter: „Es ist das absolut Unsinnigste, sich selbst zu verleugnen.“ Er ist überzeugt davon, daß, wer sich & sein Sein versteckt, so erst recht Ablehnung, Feindschaft & Diskriminierung herausfordert.

Einfach ist das Leben als Engagierter trotzdem nicht – das ewige Ringen mit den Behörden um die verschiedenen Genehmigungen, fehlende Subventionen, immer wieder die Angst um die Existenz der vielen Projekte.
„Mit Hartz IV hätte ich mehr Geld“, so der trockene Kommentar zum nicht enden wollenden Kampf als Selbstständiger und Ehrenamtlicher.
Einen Kampf hat er allerdings schon gewonnen: Seine „Berlinade“, eine in zwei Geschmacksrichtungen erhältliche Limonade, deren Verkaufserlös in alternative Projekte fließen soll, darf auch weiterhin so heißen. Die Klägerin Bionade scheiterte vor Gericht mit ihrem Vorwurf der Produktpiraterie.

Einen leckeren Birnen-Käsekuchen und viele Eindrücke später, in der Beobachtung des bunten, herzlichen Treibens auf dem Friedhofsgelände wird mir dann eines klar: Friedhöfe sind lebendige Wesen mit einem ganz eigenen Charakter.

Analoge Fotografie gestern, heute und morgen

von HU-Gastbloggerin Jennifer Borth

Wie sich die klassische Fotografie behaupted, zum Beispiel im Fotolabor Gröger und Gerstenberg in der Genthiner Straße

Fotografie hat sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt und wurde zunehmend automatisiert und digitalisiert. Parallel existieren jedoch analoge Techniken weiter. Sie bleiben relevant, nicht nur trotz, sondern vorallem aufgrund der Digitalisierung.

Das digitale Bild ist omnipräsent. Jeder knipst und lädt Bilder hoch. Soll es etwas “retro” wirken, wird einfach die entsprechende Application benutzt und das Bild erscheint im Polaroid-, Lomo-, oder Holga-Style. Der allgemeine Fokus liegt auf dem digitalen Umgang mit Bildmaterial. In vielen Bereichen ist es jedoch nicht mit einer App getan und das digitale Bild kann schlichtweg nicht das klassisch analoge ersetzen.

"pcd 4" von Daniel Gonzales Fuster

Das Analoge birgt Optionen, die dem Digitalen entgleiten. Die qualitativen Vorteile liegen im Bereich Schwarz Weiß Film und künstlerische Fotografie- das macht Labore für klassische Fotografie unverzichtbar. Ein Labor dieser Art findet sich um die Ecke der Potsdamer Straße in der Genthiner Straße 3. Seit 1983 arbeiten hier Horst Gröger und Hans-Joachim Gerstenberg in ihrem Labor für klassische Photographie:

“Wir sind sozusagen die Analog-Opas”, bezeichnet Hans-Joachim Gerstenberg sich und seinen Kollegen mit einem Schmunzeln aber selbstbewusst. Tatsächlich teilen die beiden langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Fotomaterial. Als Gerstenberg Anfang der 1970er Jahre privat in die Genthiner Straße 3 zog, wählte er auch die direkte Nachbarschaft zu einer renommierten Adresse für Fotografie. Damals befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Genthiner Straße 8, das Fotofachlabor Niggemeyer.

Zunächst arbeitete der Fotograf Gerstenberg in der eigenen Wohnung, bis er 1983 mit Horst Gröger das Farbumkehr und Schwarz Weiss Labor im Souterrain desselben Hauses etablierte. Später schloss Niggemeyer und hinterließ orientierungslose Kunden. “Mir taten die Leute auf der Straße mir ihren Diakästen leid”, erinnert sich Gerstenberg. Sie erweiterten daraufhin auf Diaentwicklung und fingen diese Kunden auf.

"caroline special (1964)" von Hunter-Desportes

Die Kundschaft des Labors heute beschreibt Horst Gröger als bunt gemischt: Viele Interessierte stammen aus dem Kunstbereich, darunter seien professionelle bis semiprofessionelle. Regelmäßige Besucher seien auch Liebhaberfotografen, wie sogenannte trainspotter: ihre Motive sind ausschließlich Lokomotiven und viele reisen für ihre Bilder durch ganz Europa. Aus den Erzählungen wird deutlich, es gibt Stammkundschaft und Kunden, die das Labor gezielt aufsuchen. Denn vergleichbare Fotofachlabore sind inzwischen eine Rarität- und zwar bundesweit.

Der Schwerpunkt der Anfragen liegt auf Schwarz Weiß Arbeiten, welche von Horst Gröger neben Negativentwicklungen und Vergrößerungen bearbeitet werden. Hans-Joachim Gerstenberg ist derweil Ansprechpartner für alle Fragen zur Diaentwicklung und Belichtung von digitalen Daten auf Diamaterial. Dieser umgekehrte Weg von digital nach analog wird zum Beispiel für Dauerprojektionen in Kunstausstellungen genutzt. So sind auch die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf klassische Fototechniken angewiesen. Oder die Galerie Bassenge, eines der ältesten Auktionshäuser Berlins mit der Abteilung Fotografie, die sich mit dem Medium von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis zur zeitgenössischen Fotokunst befasst.

"canal" von Daniel Gonzales Fuster

Gerstenberg spricht außerdem einen wichtigen Aspekt an, der abgesehen von Nostalgie oder künstlerischem Anspruch für die analoge Form spricht. Es geht um den Datenträger an sich. Er beschreibt, wie nach wie vor riesige Filmarchive existieren, in denen analoges Material teilweise seit einhundert Jahren lagert. So wird einem bewusst, dass heute noch niemand wissen kann, wie lange und in welcher Qualität digitale Daten halten werden. Sichere Aufbewahrung und langfristige Archivierung liegen also nahe in analoger Form. Hinzu kommt, dass entsprechende Anschlüsse für Datenträger sich weiterhin immer wieder ablösen werden, man muss nur erste Disketten und USB-Sticks vergleichen.

Auf der Website von Gröger und Gerstenberg findet sich übrigens auch ein Verweis auf “die Wiedergeburt des Polaroid”. Man landet über einen Link auf der Seite von the impossible project, einem Projekt das von Florian Kaps ins Leben gerufen wurde. Als Polaroid 2008 die Produktion der Sofortbilder einstellte, machte er es sich zum Ziel wieder Polaroidfilme herzustellen. Diese Initiative fand viele Unterstützer, für die beim Fotografieren der künstlerische Aspekt wichtiger ist als digitale Auflösungsperfektion. Inzwischen ist sogar von einer “Analog-Wiedergeburt” die Rede und das Comeback des Polaroid ist Teil eines Lifestyle geworden.

Im Verhältnis zur dominierenden Digitalisierung scheint zwar die Nachfrage nach analogen Materialien und Techniken zu schwinden, klassische Fototechnik, vor allem aber auch die Belichtung von gängigen Datenformaten auf klassisches Diamaterial werden dennoch bedeutend und gefragt bleiben. Impossible? Possible.

 

 

 

 

 

„from the basement“ – hervorgeholt von Anita Staud

Seit Ende 2011 bespielt die Künstlerin Anita Staud zur Zeit leerstehende Gewerberäume in der Nestorstr. 36,10709 Berlin. Was hat das mit der Potsdamer zu tun?

Anita Staud: „Zwischen 1995 und bis Juni 2010 hatte ich mein Atelier im Innenhof des früheren Tagesspiegelgeländes in dem ehemaligen Anton-von-Werner- Haus. Aufgrund von Zwangsversteigerung des Geländes musste ich diesen Ort verlassen und fand mich wieder in Charlottenburg, ganz nah am Schloss. Ich entdeckte mein neues Umfeld als viel schöner und wunderte mich nur, im Bezirk einem Phänomen zu begegnen, mit dem ich in der Anfangszeit in der Potsdamer auch konfrontiert war: dem Ladenleerstand.

Klar, Mitte ist interessant, Friedrichshain voller junger Leute, die Potsdamer jüngstes Zentrum der Kunstszene, aber in Charlottenburg kann man in Ruhe durchatmen und Wilmersdorf ist auch ganz entspannt. Museen, historische Straßenfassaden, Cafés und Restaurants, Gewerbe in erreichbarer Nähe…Was könnte besser sein für das Entstehen von Kunst?
Und doch, überall sieht man über längere Zeit großräumigen Leerstand im Vorbeifahren: Die Ecke an der Kantstrasse z.B., wo früher ein Goldschmied sein Domizil hatte, am Lehniner Platz…
Durch diese Beobachtungen entstand mein Konzept:
Die leer stehenden Läden oder Gewerberäume sollten zur kulturellen Bereicherung dieses alteingesessenen Wohngebiets wieder belebt werden!

Wie sonst, wenn nicht durch die Kunst?“

Glücklicherweise macht sie auch noch Projekte im Umfeld der Potsdamer Straße, dazu später mehr. Doch zunächst in den Westen:

Neuer Projektraum in Charlottenburg-Wilmersdorf: Nestor 36 !
Mittwoch, den 28.3.2012 von 19 bis 22 Uhr wird als 2. Ausstellung die Einzelausstellung von Anita Staud eröffnet:
„from the basement“, der Titel nach einer LP von Jan Akkermann
Bilder von Anita Staud von 1990 bis 2011 aus dem Lager des Geschäftshauses von Zumholz, im Vorwende-Berlin der größte Schallplatten- und HiFi-Laden Berlins.

Zur Künstlerin:
„Anita Staud arbeitet bevorzugt an Orten mit Geschichte, dies kann eine Kaserne /Panzerhalle ebenso sein, wie ein verlassenes Krankenhaus. Dies können Orte in anderen Ländern ebenso sein, wie die unmittelbare Umgebung der Künstlerin. Fundstücke von diesen Orten sind zumeist ‚gebrauchte’ Papiere, wie alte Rechnungen oder Inventarlisten, aber es kann auch ehemals brisantes Material gefunden werden, wie z.B. Karteikarten und Abhörberichte ehemaliger DDR-Grenztruppen. All diese Fundstücke werden mit skripturalen Tusche- zeichnungen überarbeitet. So entstehen ganze Werkzyklen, die diesen Ort dokumentieren und gleichsam in eine freie künstlerische Ebene transportieren. Diese ‚Zeichen’ finden sich auch auf Anita Stauds freien (ortsunabhängig) entstandenen Bildern wieder, oftmals gleichsam als Ergebnis eines vorangegangenen Arbeitsprozesses der entstandenen Werkzyklen auf Papier.“ (C.Gerner, Kunsthistorikerin)

Öffnungszeiten und weitere Informationen : 
Sonntags 17 – 19 Uhr und individuell nach telefonischer Absprache 
0173/787 55 05 oder per Mail: staudart@aol.com
Der Ort: Nestorstrasse 35, 10709 Berlin

- Die 2. Ausstellung im Projektraum Nestor 36 entstand in Kooperation mit der Zumholz Grundbesitz Verwaltungs GmbH, der Kunstwerkstatt, Concept Berlin und der Galerie Kuhn und Partner.  (Und diese Galerie ist ja an der Potsdamer Straße, genau gesagt: in der Pohlstraße)

“von dort bis hier” – Zeitgenössische KünstlerInnen von der afrikanischen Diaspora in Deutschland stellen aus

Yassine Balbzioui zeichnet und malt wo er geht und steht. Schon immer. In Casablanca, Bordeaux, Berkeley, Paris, Dakar, und Berlin. Es ist eine natürliche Handlung für ihn, wie Aus- und Einatmen. So ist er in permanentem Austausch mit dem Raum, der ihn umgibt. „Ich brauche Raum und den gibt es in Berlin, so wie in Marokko“ sagt er. „Hier kann ich atmen. Es gibt hier freien wilden Raum. Ich habe hier auch schon viele Füchse gehesen. Für mich ist es wichtig, diese Art von Freiheit in einer Stadt zu finden.“

Am 26. Januar eröffnet Yassine Balbziouis Ausstellung „PARADE“ in der GALERIE LISTROS. Sie ist der Auftakt der Ausstellungsreihe „von dort bis hier – Künstlerische Reflexionen translokaler Autobiografien“. Hier setzen sich bis April 2013 elf KünstlerInnen aus der afrikanischen Diaspora mit ihrer biographischen Herkunft künstlerisch auseinander und führen einen Diskurs über ihre persönlichen Erfahrungen und Prägungen in zwei Kulturen.

Vernissage: Yassine Balbzioui PARADE
Donnerstag, den 26. Januar, 19 Uhr
GALERIE LISTROS
Kurfürstenstrasse 33, 10785 Berlin

 

Mit dabei sind zum einen KünstlerInnen wie El Loko, Mansour Ciss, Manuela Sambo, David Amaechi Dibiah und Ivor Sias, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Zum anderen beteiligen sich KünstlerInnen, die erst in den vergangenen Jahren Deutschland als Lebensort gewählt haben wie Christophe Ndabananiye, Engdaget Legesse oder Dalila Dalléas Bouzar. Auch der Aspekt, in der zweiten Generation zwar afrikanische Wurzeln zu haben jedoch in Deutschland aufgewachsen zu sein, wird mit der Präsentation von Werken des Afro-Deutschen Künstlers Ransome Stanley berücksichtigt.

Die Biografie jedes Menschen ist prägender Bestandteil seiner Existenz. Individuelle zwischenmenschliche Begegnungen und Erfahrungen sowie kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten definieren seine Persönlichkeit und Sicht auf die Welt. Insbesondere KünstlerInnen schöpfen in ihrem kreativen Schaffensprozess häufig aus den eigenen biografischen Erlebnissen.

So zeigt Christophe Ndabananiye unter anderem „schlafende Menschen“, eine Serie von Zeichnungen. „Ich habe sehr viele Menschen so liegen sehen, tot, und ich wünschte, sie würden schlafen,“ sagt Christophe Ndabananiye. „Ich setze mich mit Vergangenem oder Gegenwärtigem auseinander und halte dies mittels unterschiedlicher künstlerischer Medien fest.“

Für einige KünstlerInnen eröffnet die Außenperspektive auf ihre afrikanische Heimat einen Raum der Untersuchungen und Entdeckungen, der von Neu- oder Deplatzierung geprägt ist.

„In meiner Arbeit als Künstler habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren verschiedene Einflüsse aufgesaugt und verarbeitet, nach dem gesucht, was meine Bilder zu dem Besten von mir selbst macht,“ erklärt Engdaget Legesse sein Konzept der „Empty Spaces“. „Ich habe meine alten Bilder übermalt. Es sind neue „leere Räume“ auf den alten Leinwänden entstanden.“

Nicht immer verweisen die Arbeiten der teilnehmenden KünstlerInnen offensichtlich auf Motive afrikanischer Kulturen oder kommentieren sozio-politische Begebenheiten auf dem Kontinent. In „von dort bis hier“ geht es vielmehr um die Art und Weise, wie der persönliche Lebensweg zwischen verschiedenen Kulturen die Arbeit der KünstlerInnen prägt, was die jeweiligen KünstlerInnen ausmacht. Ihr individuelle Werdegang ist dabei eine Leitlinie.

So stellen Manuela Sambo und Daniel Sambo-Richter in ihrer Ausstellung „Magnetfeld“ ihre künstlerischen Positionen gegenüber. Durch die langjährige Auseinandersetzung mit der Arbeit des jeweils anderen, sieht das Künstlerpaar Gemeinsamkeiten, die auf den ersten Blick für den Außenstehenden nicht deutlich sind. Damit geht es in ihrer Ausstellung auch um einen starken und fast intimen Dialog der Kulturen mit den Mittel der Kunst, der Malerei.

Mit der Ausstellungsserie „von dort bis hie“ erweitert die GALERIE LISTROS ihr Konzept, das seit der Gründung 2003 zu einem Perspektivwechsel auf das gängige Afrikabild einlädt. Themenbezogene Schwerpunkte wählend arbeitete sie bisher hauptsächlich mit nicht-afrikanischen KünstlerInnen in Deutschland, die sich mit afrikanischen Themen auseinandersetzen. Eine wichtige Frage hierbei war immer wieder: „Wie schafft es Kunst, eine gesellschaftliche Realität durch unterschiedliche Strategien zu reflektieren?“

Diese Frage beschäftig auch einige der Diaspora KünstlerInnen. In „Think Traces“ bezieht sich David Amaechi Dibiah auf das Prinzip der „Zero Spiral“ von den Mathematiker Lere O Shankunle und will die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Handelns und Regierens aufzeigen. Nicht nur in Afrika sondern weltweit.

„Themen wie Unterdrückung, Ignoranz, Identität, Religion, Umweltmanagement dürfen und sollten keine Problemfelder mehr sein. Völkerwanderungen, die in der Geschichte der Menschheit schon immer stattgefunden haben, müssen positiv gesehen werden, denn sie sind eine Chance zur Weiterentwicklung,“ betont David Dibiah. “Was wäre denn zum Beispiel Berlin heute ohne die Sueben namens Semnonen, ohne die slawischen Stämme, die sich damals hier niedergelassen haben?“

 

PALLASSEUM PORTRAITS

EIN FOTOGRAFISCHES AUSSTELLUNGSPROJEKT VON NORMAN BEHRENDT, OLE JENSSEN, CAROLIN MEYER, TOBI MORAWSKI UND SZILVIA SZTANKOVITS

20.—29. Januar 2012

Offizielle Eröffnung mit Stadträtin Sibyll Klotz:
20. Januar, 17 Uhr
am Pallasseum, Treffpunkt vor dem VorOrtBüro des QMs, Pallasstraße 5
Vernissage: 20. Januar, 19 Uhr
Galerie Walden - Potsdamer Strasse 91 – 10785 Berlin

Zeitgleich wird eine Auswahl großformatiger Porträts direkt am Pallasseum an Der Galerie über der Pallasstraße im öffentlichen Raum zu sehen sein.

Mit Gastautor Daniel Klemm (Pressemitteilung)

Ähnlich anderen großen Wohnungsbauprojekten wie etwa die ‚Cité Radieuse’ in Marseille, das ‚Edifício Copan’ in São Paolo oder das ‚Barbican’ in London ist das sogenannte ‚Pallasseum’ in Berlin-Schöneberg ein Ort, dessen architektonische Form und Konzeption dem Zusammenleben der dort lebenden Menschen außergewöhnliche Rahmenbedingungen bietet. In dem in den späten 1970ern von Jürgen Sawade errichteten Gebäudekomplex, der mitunter als sozialer Brennpunkt in die Schlagzeilen geriet, treffen ca. 2.000 Menschen zahlreicher Kulturen, Religionen und sozialer Schichten auf engstem Raum aufeinander, wobei eine bunte Mischung unterschiedlicher Lebensentwürfe und –vorstellungen ihren Platz finden.

Gleichzeitig hat sich in den vielen Jahren ein Nachbarschaftsfeeling entwickelt, dass die StudentInnen Ole, Tobias, Norman, Szilvia und Carolin von der Fachhochschule Potsdam nicht erwartet hatten, als sie sich im Wintersemester 2010/11 die Potsdamer Straße als Lehrobjekt auserkoren. Dennoch bemerkten sie sehr schnell, dass im Pallasseum Nachbarschaft groß geschrieben wird. „Wir waren extrem überrascht über die Offenheit der Leute,“ sagt Norman. „Manche haben uns gleich nach Hause eingeladen. Es ist einfach großartig, dass sie uns so viel Vertrauen geben.“

Deshalb kamen sie im Frühsommer 2011 zurück und widmeten sich den Bewohnern des ‚Pallasseums’ . Im Kaffee Klatsch und auf dem Parkhausdach bauten sie ein Fotostudio auf. Die Möglichkeit, sich professionell ablichten zu lassen sprach sich durch Mundpropaganda sehr schnell herum und bald waren die jungen Fotograf/innen überall bekannt. Wenn sie dann mal nicht so viel zu tun hatten, standen sie im Hof und redeten mit den Pallasseumbewohner/innen. Wie man es unter Nachbar/innen halt so tut.

Letzendlich fertigten sie hunderte von Porträts an. Darauf sind Frauen, Männer und Kinder aus allen Altersklassen und Kulturkreisen zu sehen, die im Gebäude leben und arbeiten. Es entstand eine einzigartige Sammlung von Porträts, welche annähernd die bunte Vielfalt der dort lebenden Menschen verdeutlicht.

Eine Auswahl dieser Arbeiten ist in der Ausstellung ‚Pallasseum Portraits’ zu sehen. Sie zeigt einen charakteristischen Querschnitt der Menschen, welche diesen besonderen Ort in Berlin prägen. Im Unterschied zum alltäglichen Nebeneinander, bei dem Nationalität, Religiosität, äußeres Erscheinungsbild und politische Ausrichtungen weiterhin als wesentliche Bestimmungs- und Abgrenzungsmerkmale im Zusammenleben der Bewohner angewendet werden, stellen die Fotografien mit ihrer einheitlichen Ästhetik die Porträtierten auf ein und dieselbe Ebene. Durch diese Betrachtungsweise nivellieren sich zunächst die vordergründigen Unterschiede und geben jeder/jedem Einzelnen die gleichberechtigte Aufmerksamkeit, die ihr/ihm zusteht.

Mit ihrem Projekt haben die Fotografen ein nahezu umfassendes Abbild der aktuellen Bewohnerschaft des ‚Pallasseums’ geschaffen und geben so Einblick in die internen Strukturen des Wohnkomplexes. Es ist damit die Dokumentation der modellhaften Durchmischung von Wohnquartieren, eines sozialen Experiments, welches trotz seiner potentiell problematischen Implikationen aufgrund des Engagements seiner Bewohner mehr oder minder zu funktionieren scheint. Das ‚Pallasseum’ ist somit ein Ort des Nebeneinanders, welches zwar nicht immer reibungslos verläuft, bei dem sich jedoch zeigt, dass sich die beteiligten Kulturen miteinander arrangieren können. Das Projekt selbst hat mit seinem kommunikativen Ansatz zu diesem Miteinander beigetragen und Berührungsängste der Bewohner – sowohl untereinander als auch mit dem Medium der Fotografie – abgebaut.

Fotos mit freundlicher Genehmigung der Fotografengruppe

” Das Projekt wurde gefördert mit Mitteln aus dem Programm Soziale Stadt, Quartiersmanagement Schöneberger Norden und der Pallasseum Wohnbauten KG. “

Die Potse im Schatten der Heiligen

Über den Bilderzyklus „Nine Saints of Ethiopia“ von Robert Weber in der GALERIE LISTROS

Von HU-Gastbloggerin Maria Buro-Witzik

Schaut man aus dem Fenster der GALERIE LISTROS dorthin, wo die Kurfürstenstraße sich mit der Potsdamer trifft, versteht man vielleicht, was der Philosoph Emil M. Cioran meint, wenn er in seinem Werk Im Schatten der Heiligen von „Gelegenheitswelt“ spricht. Alle paar Meter wartet die Gelegenheit, seinen Herzenswünschen nachzugeben: billiges Essen ohne Ende, billige Textilien, billiger Sex, Kaffee in Pappbechern und andere Mittel, um die Sehnsüchte eine Seelenetage tiefer nicht laut werden zu lassen.

Heim- oder Fernweh – Zeitdruck oder Nutzlosigkeit – Angst vor dem Altern – Beziehungskrisen, wer kennt das nicht? All diese Probleme beschert uns unsere Menschenwelt, weil sie gegliedert ist in Zeiten und Räume. Die Heiligen sind dieser begrenzten Gelegenheitswelt entschwebt, haben ihr Leben lange vor uns vollendet. Trotzdem senden sie uns eine Botschaft aus ihrer Heiligenwelt: Weiten wir unseren egozentrischen Blick auf die Schicksale anderer Menschen, scheinen unsere Schwierigkeiten oft lächerlich und gleich viel erträglicher.

Gemälde "San Antonio"

"San Antonio" weicht der neuen Ausstellung in der Galerie LISTROS

Den Blick weiten kann die Kunst, und genau das geschieht hier oben in der Galerie zu Ausstellungszeiten. Jetzt in der Zeit zwischen zwei Ausstellungen steht das Bildnis des Hl. Antonius, welcher als Begründer des christlichen Mönchtums gilt, allerdings dort, wo er sich zu Lebzeiten am wohlsten gefühlt hat: abseits allen Trubels in einer stillen Ecke. „Was ist das?“, wundere ich mich als bekennende Kunst-Nichtversteherin. „Das ist ungegenständliche Malerei“, erklärt mir dessen Schöpfer Robert Weber, Cioran-Verehrer und Künstler mit sakraler Thematik, trocken.

Moderne Kunst trifft Traditionsbewusstsein

Während einer Künstlerreise durch Äthiopien setzt Weber den Neun Heiligen des Landes ein künstlerisches Denkmal. Auf Initiative der LISTROS Galerie treffen deutsche und äthiopische Künstler zusammen, lassen sich auf einander ein. So nimmt sich Weber vor, sein Kunstwerk nur mithilfe der Dinge, die sich im Land auftreiben lassen, zu kreieren.

Gemälde "Glaube, Liebe, Hoffnung"

"Glaube, Liebe, Hoffnung" mit aufgeklebter Bibelseite ganz unten

Auf zwölf Weißbleche, die in ihrer Heimat eigentlich zum Hüttenbau bestimmt waren, malt er mit stinkenden chinesischen Industrie-Lackfarben die neun äthiopischen Kirchenväter. Der Offenheit und Neugier der deutschen Künstler steht das Traditionsbewusstsein der äthiopischen Studenten gegenüber. „Für ein Bild zu den christlichen Tugenden, Glaube, Liebe und Hoffnung”, sagt Robert Weber, “habe ich die Seite mit der Bibelstelle aus einer Bibel ausgerissen, aufgeklebt und mit Farbe überkippt. Da waren unsere äthiopischen Begleiter entsetzt.“

Die Heiligen lassen sich verewigen

Gleich einem Wunder kam das Thema zu Weber, nämlich in Gestalt Abba Gabriels: Noch vor dem Morgengrauen saß der Klostervorsteher eines Tages vor ihrem Reisebus. Gegen die Regel des äthiopischen Fahrers, keine Fremden zu transportieren, nimmt die deutsche Künstlergruppe den heiligen Mann in ihren Bus auf. Als Dank führt der Mönch die interessierten Besucher in einige Klöster ein.

Abba Gabriel

Abba Gabriel

Zur Verwunderung der Deutschen werden hier hunderte Jahre alte Kodizes zur täglichen Bibellektüre genutzt, während sie in Europa schon längst in den großen Museen als Zeuge einer frommeren Welt herumlägen. Überhaupt scheint der Gottesglaube hier noch ursprünglicher zu sein. „Im Heimatkloster von Abba Gabriel befindet sich in einer Felsenhöhle das Grab des legendären Königs Yemrehana Krestos aus dem 11. Jh. Dieses soll man dreimal betend umrunden, dann zeigt Christus dir den Weg, haben die Mönche erzählt. Das habe ich gemacht“, erzählt Weber. Daraufhin ist im Foyer der Addi Abeba University of Fine Arts and Design sein Bilderzyklus „Nine Saints of Ethiopia“ entstanden.

Gelbe Wolltücher sind bis heute das typische Attribut des im Land weit verbreiteten Mönchstums. Abba, Vater, werden die Heiligen genannt. Einer Gewissensentscheidung wegen müssen sie im 6. Jh. die Heimat verlassen, verbrüdern sich in Ägypten und kommen mit der berühmten Pachomiusregel hierher. Trennen sich wieder und gründen überall im Land Klöster, die man heute noch besuchen kann. Auf den fruchtbaren Inseln des Tanasees stehend, in Lalibela und überall im Norden des Landes in Felsen eingehauen setzen sie ein Zeichen der Beständigkeit in einer Gelegenheitswelt.

Die Heiligen erreichen die Hauptstadt

Nun stehen sie hier oben an der Berliner Kurfürstenstraße, die Neun Heiligen Äthiopiens. Erzählen jedem, der Augen zum Von-sich-selbst-wegblicken hat, ihre Geschichte. Schade, dass man die Blechtafeln von dort unten nicht sieht. Die Heiligenbilder sollten in der Gelegenheitswelt da unten Gelegenheit zum Wirken bekommen, mit der Sonne im Rücken ihren Schatten runter werfen. Die herkömmlichen Bilder unten auf der Straße lenken den Blick auf das, was man gerade nicht hat – aber haben sollte. Diese abstrakte Kunst kann analog zur Funktion der Heiligen den Blick ihres Betrachters weiten auf das, was man gerade nicht ist – aber werden kann.

Heiligkeit ist die Genialität des Herzens“, meint Cioran. Die Kraft, die im Herzen entsteht, ist aber die Liebe.

„Verbindungslinien II “

Eine künstlerische Intervention
in der 12-Apostel-Kirche

von Anita Staud

Anita Staud

Die Idee zu einer Ausstellung in der 12 – Apostel – Kirche als der zweiten Station einer Ausstellungsreihe an sakralen Orten entwickelte sich seit 2010 im Dialog zwischen Pfarrer Dr. Andreas Fuhr und der Künstlerin, die ihr Atelier von 1995 – 2010 in der ersten Etage des Anton – von – Werner – Hauses im früheren Innenhof des Tagesspiegels hatte. Durch vielfältige künstlerische und pädagogische Projekte im Stadtteil bestand über Jahre hinweg enger Kontakt zur 12 – Apostel – Gemeinde so wie auch zur Grips-Grundschule.

Eröffnung: 4. September 2011 um 12 Uhr
Garten des Gemeindehauses
Zwölf-Apostel-Gemeinde
An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin

Verbindungslinien I - Kreuzkirche Schmargendorf

Der Begriff „Verbindungslinien“ entstand schon bei der ersten Ausstellung dieser Reihe in der Kreuzkirche Schmargendorf. Hiermit beschrieb Pfarrer Wolfgang Wagner die Kommunikation und die ersten Skizzen während der künstlerischen Arbeitsphase von Anita Staud im Sommer 2008 in der Kreuzkirche: im spirituell vorgeprägten Raum ermöglicht eine kalligrafische Bahn abstrakte Variationen zu Materie und Geist, Kunst und Religion… und zu noch weiteren gegensätzlichen Prinzipien der menschlichen Existenz…

Anita Staud - Kreuz und Quer

“Anita Staud bevorzugt für ihre künstlerische Arbeit wechselnde Örtlichkeiten, arbeitet mit Stimmungen und Atmosphäre, spürt Lebensräumen und Wirkungsstätten nach und übersetzt ihre Wahrnehmung in Gesten, die sie aufs Papier oder auf die Leinwand bringt. Sie wählt dabei historisch interessante Orte, Orte mit Geschichte und Geschichten. Das Auskundschaften, Sich-dort-Niederlassen, Sich-darauf-Einlassen ist Teil der Arbeit und geht dem künstlerischen Handeln voraus. Fundstücke wie Papiere, Grundrisse, alte Rechnungen oder Inventarlisten werden mit skripturalen Tuschezeichnungen überarbeitet und lassen so ganze Werkzyklen entstehen, die bestimmte Orte dokumentieren und in eine freie künstlerische Ebene transportieren.” (nach C. Gerner)

Verbindungslinien I

„Die in Berlin geborene Künstlerin studierte nach einem Studium der Germanistik von 1987 bis 1991 an der Hochschule der Künste Berlin Malerei bei Prof. H.- J. Diehl und wurde 1994 seine Meisterschülerin. Anita Staud stellt seit 1987 in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen aus. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und beteiligte sich an internationalen Austauschprogrammen.“ TU Berlin, Pressestelle

Motivationsgeister für den Aufschwung

Sie sind überall, begrüßen einen über der Tür, vom Baum und haben ihren eigenen Platz im Garten. Die Villa Schöneberg in der Frobenstraße wird nun von Geistern belebt.

Sie kamen nicht ungebeten, sondern wurden in einem Workshop von den Kindern, Jugendlichen, Eltern und BetreuerInnen der Jugendeinrichtung gemeinsam mit Marina Prüfer gerufen. Vierzehn Tage arbeiteten sie in den Sommerferien mit Ton, Ytong und Holz.

Die Geister können eine Schutz- und eine Motivationsfunktion haben,“ sagt Marina Prüfer. „Sie reinigen den äußeren und den inneren Garten.

Für sie ist Kunst ein Barometer, dass in diesen 14 Tage offensichtlich auf Elan und Gestaltungsfreude stand. Ein kleiner Junge kommt, zeigt der Besucherin begeistert, was er gemacht hat. Diesen Geist, dieses Körbchen mit einem roten Herz, noch einen Geist, diese Vase und und und. Das hat sein Freund gemacht, hier etwas von seinem Vater. Zwischendurch sagt er immer wieder „Voll schön“, „Schau, wie schön das ist“, „das Herz hab ich ich am liebsten.“

Zwei Väter kommen vorbei und gehen zu dem Gartenstück, wo die Geister nun auf ihren Plätzen sitzen. Auch sie zeigen sofort „ihre Geister“. So etwas haben sie noch nie zuvor gemacht, sie holen auch die anderen von ihnen geformten Gegenstände hervor und bestaunen sie.  

Es ist ersichtlich, wie notwendig es ist für die Kinder und Jugendlichen, diese Oase der Kreativität auszubauen und die Vielseitigkeit des Projektes im Sinne von Kunst statt Gewalt zu erweitern,“ sagt Marina Prüfer und die kurzen Begegnungen mit den jungen KünstlerInnen bestätigt dies sofort. „Nun, am Ende dieses Projektes habe ich das Gefühl, das die Arbeit eigentlich erst jetzt richtig anfängt. Jugendliche und Kinder fragen, wann machen wir weiter, Marina.“


Bisher kam die Unterstützung vom Bezirksamt Schöneberg, dem Verein LebenSmittel e.V., KünstlerInnen des Netzwerkes der Rote Teppich, die mit ihrer Arbeitzeit, Knowhow und Materialspende, das Projekt ebenso unterstützten, wie die BBBank mit ihrer Gewinnsparmittelspende. Wie, nur das es irgendwie weiter geht, davon ist Marina Prüfer überzeugt. Denn es entstehen immer neue und weitere Skulpturen, eine Bank ist ihnen zugetragen worden, viele Menschen empfinden die Arbeit in der Gemeinschaft inspirierend und motivierend.

Marina Prüfer ist freischaffende Künstlerin und Systemischer Coach (BIF). Zeichnerin, Malerin, Publizistin, Multimediakünstlerin. Ihr Studio hat sie in der Belziger Straße und initiierte den Roten Teppich, der als roter Faden die globale Vision vieler Menschen symbolisieren soll, die davon überzeugt sind, dass Kunst statt Gewalt ein sichtbares Zeichen setzen kann.

1997 gründete sie den Verein LebenSmittel, der zeitgenössische soziokulturelle Aktivitäten in Wort, Bild, Ton und Gestalt fördert, künstlerische und kulturelle Projekte durchführt, die alle ganzheitlich orientiert sind. Thematik: Kunst, Kultur und Kreativität statt Gewalt – Baustelle Mensch mit soziokulturellen und pädagogischen Aspekten, Methoden und Werkzeugen zu bereichern.


Nun in diesem Sommer also in der Villa Schöneberg. „Hierbei ist Kunst, ihre Methoden und Techniken ein wunderbarer Transformator, Motivator und ein notwendiger Teil unserer Gesellschaft,“ sagt sie und zeigt dem kleinen Helfer, der sich hinzugesellt hat, wie die Lasierung auf den Ytong aufzutragen ist, damit die Steine der Witterung standhalten können. „Als Bildende Künstlerin und Systemischer Coach bevorzuge ich immer auch die Ansicht der Sozialen Plastik nach Josef Beuys und bin überzeugt davon, dass es wichtig ist für jeden Menschen, egal aus welcher Himmelsrichtung, dass er die Chance hat seinen Roten Lebensfaden zu entwickeln, ihn zu entknoten, zu entwirren.“


Von Kletterbohnen, Brandenburger Törchen und Nachbarschaft

Der Regen dieser Tage tut ihnen richtig gut. Sie, die seit Mitte Mai bereits ranken, sprießen und blühen, bekommen einen neuen Schub. Sie werden so dicht, dass ihre Hilfskonstruktionen kaum mehr zu sehen sind. Von daher ist der Regen dieser Tage nicht so sehr zu bedauern von den Nachbarn.

„Ich steh hier grad vor meinem Haus in meinem Kiez und wir bauen hier was,“ gab ein Jugendlicher seinen Freunden kürzlich als telefonische Erklärung, warum er sie nicht treffen konnte. Derweil saß die ältere Generation bei einem Glas Tee auf einer Bank saß und ein Mädchen machte ihre ersten Erfahrungen mit Säge und Hammer. „Wir stellen hier gemeinsam etwas her, das gehört uns allen und ist sogar für mehrere Generationen,“ sagte Thomas Herzog, als er sich eine kurze Pause gönnt. „Das ist eine gute Art, sich kennen zu lernen. Ich gehe inzwischen hier in der Straße zum Friseur, da treffe ich die Leute dann wieder.“

Foto: Hans-Jörg Bahrs, K&K, Schöneberger Morgen

Die Szene war zu beobachten in der Katzlerstraße, wo das erste von insgesamt neuen Toren im Kulmer Kiez entstand. Die Idee stammt von der/dem KünstlerIn Sofia Camargo und Thomas E.J.Klasen, die vor einigen Jahren auch die Steinmetzstraße in der dunklen Jahreszeit in ein nachbarschaftliches Lichtermeer verwandelten. Mit von der Partie ist auch Streetworkerin und Künstlerin Hella Pergande.

Gespeist wird ihr Projekt von einer Beobacthung der Naturwissenschaftler Peter Tompkins und Christopher Bird: Russische Forscher entdeckten, dass eine Pflanze, die Wasser enthält, irgendwie imstande ist, dieses mit einer durstigen Nachbarpflanze zu teilen. In einem Forschungsinstitut wurde einem Getreidehalm, der in einen Glasbehälter gepflanzt worden war, mehrere Wochen kein Wasser gegeben. Dennoch ging er nicht ein. Er blieb so frisch wie die anderen Getreidehalme, die unter normalen Bedingungen in seiner Nähe wuchsen. So die Autoren in dem Buch „Das geheime Leben der Pflanzen“.

In den letzten Jahren sind im Kulmer Kiez, der entlang der Yorckstraße von den Yorckbrücken bis zur Potsdamer Straße reicht, bereits Netzwerke wie die AiF Bautzener Straße und die Anwohnerinnen und Anwohner rund um den Alten St. Matthäus Kirchhof entstanden, die sich beide um eine kiezgerechte Anbindung und Gestaltung des neu entstehenden Gleisdreieckparks und seiner umliegenden Flächen bemühen. Weiterhin hat sich im Kiez eine Gruppe vom Regionalen Regenbogenschutzkreis gegen Homophobie und Rassismus gegründet.

Dazu die ProjektleiterInnen: Wie die Menschen auch zur Natur gehören, können wir dieses Beispiel [des Getreidehalms]als Inspirationsquelle nehmen und ein friedliches Zusammenleben in unserem unmittelbaren Lebensumfeld fördern.

Gleichmacherei gibt es dabei nicht. Und so sind die Grünen Tore so individuell wie die Ideen der Nachbarschaften, die sie gemeinsam konzipieren, planen und auch bauen.

Foto Hans -Jörg Bahrs, K&K, Schöneberger Morgen

Das zweite Tor steht in der neuen Steinmetzstraße und trägt den Spitznamen „Kleines Brandenburger Törchen“. Die Pferdchen traben inzwischen durch den dichten Kräuterwald. Hier hatten die Jugendlichen vom Fresh 30 bereits ihre eigenen Klettergerüste mit Architekten gemeinsam geplant, gebaut und gestrichen. Das Törchen ist nun eine weitere Gestaltung ihres Spielraumes.

In der Mansteinstraße hingegen, gab die Umsicht der NachbarInnen eine unbenutzte Werbesäule frei. Nun klettern Bohnen von oben nach unten und von unten nach oben.

Eine Begegnung, die sich um 90 Grad verdreht in der gemeinsam Arbeit der AnwohnerInnen rechts und links der Mansteinstraße spiegelt. Die I-Tüpfelchen-Idee kam von den ex-Besetzern aus der Manstein 7. Die Mietnachbarn von gegenüber halfen, eine große Schüssel auf die 5-Meter hohe Säule zu hieven und diese mit Hopfen und Wein zu bepflanzen.

Nun stehen die ProjektleiterIn vor dem bisher kompliziertesten Projekt: die Errichtung eines Halb-Ballons – manchen sagen auch Ei – an der Ecke Katzler / Yorckstraße. Wer den zugigen Platz hinter dem U7-Ausgang kennt, kann ihm kaum etwas abgewinnen. Die Jugendlichen aus dem Treff 62 haben hier Gelegenheit, sich hier in guter Biosphäre-Manier einen Raum zu schaffen. 5 Meter im Grundmesser, 2 Meter in der Höhe. Aus Eisenmanier, flexibel, ungefährlich, bewachsen mit Schilf.

„Ganz unkompliziert“, sagt Sofia Camargo. Das Tiefbauamt sieht das etwas anders. Doch denken wir noch mal an den Regen von heute: Steter Tropfen höhlt den Stein. Was uns wiederum zu den bereits zitierten Naturwissenschaftlern führt: „Irgendwie muss Wasser von den gesunden Pflanzen zu dem „Gefangenen“ im Glasgefäß übertragen worden sein. „Wie das geschehen konnte, davon hatten die Wissenschaftler keine Ahnung.“


“Wo im Keller noch Käthe Kollwitz spukt”: …

Von Gastbloggerin Fotografin und Journalistin Susanne Wolkenhauer

Die Gegend rund um die Potsdamer Straße wird mehr und mehr zur Kunstmeile: Galerien und Künstler/innen siedeln sich an, auch in Medienberichten ist zunehmend vom „Kunst-Hotspot Potsdamer Straße“ die Rede, an dem die Kulturszene den „rauen Charme“ schätzt.

Wie läuft die Entwicklung weiter und was bedeutet das für den Kiez?

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Moderatorin Regine Wosnitza verliest ein Grußwort von Professor Hans-Hendrick Grimmling

Dass diese Frage viele beschäftigt, zeigte sich am 12. Mai 2011 bei einer Gesprächsrunde in der LISTROS-Galerie, die innerhalb der Ausstellung “im listrosjahr” von Hans-Hendrik Grimmling stattfand.

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Viel Interesse für Perspektiven an der Potsdamer Straße.JPG

Direkt vor Ort an der Kurfürstenstraße hatte sich eine bunte Mischung an Kulturinteressierten und Anwohner/innen zusammen gefunden, die fast die schönen Räumlichkeiten sprengte. Gemeinsam wollten sie mit Professorin Talja Blokland, Bezirksbürgermeister Christian Hanke MMM und dem Galeristen Peter Herrmann als Afrika-Kunst-Spezialisten nach einer Lesung der Potsdamer-Straße-Spezialisten Sibylle Nägele und Joy Markert dieser Fragestellung auf den Grund gehen.

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Autoren Sibylle Nägele und Joy Markert

Mit ihrer Lesung spannten Nägele und Markert einen kulturhistorischen Baldachin auf: Das Besondere der Potsdamer Straße gegenüber anderen Kunstquartieren Berlins ist eine zweihundertjährige Kunst-Geschichte, die immer noch spürbar ist und fortwirkt. Kunsthandlungen, Galerien und Verlage säumten die Straße, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Publizisten und Bildende Künstler/innen saßen hier neben Lithographen, Vergoldern oder anderen Kunsthandwerkern – ein Sammelbecken für jene, die wir heute als „Kreative“ und „Medienschaffende“ bezeichnen.

Damals wie heute trägt das „Halbseidene“ zum Charakter des Kiezes bei: Wo früher engagierte Schriftsteller gegen soziale Ungerechtigkeit oder für die Rechte der Frauen schrieben und heute Bilder und Skulpturen in ehemaligen Werkstätten ausgestellt werden, wo sich Künstler-Vereine gründeten und Kunsthochschulen niederließen, waren Cabarets und Vergnügungsstätten nie weit.

Eine spannende Mischung mit Geschichte, die die Journalistin Carmen Gräf in Markerts und Nägeles Broschüre „Charme-Offensive Potsdamer Straße“ so beschreibt: „Die Potsdamer Straße ist für mich wie Berlin: keine aufgetakelte Madame, sondern eine aufregende Frau, die gern gelebt hat und das offensichtlich immer noch tut.“

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Foto: Recep Aydinlar

In den letzten Jahren sind sehr viele neue Galerien ins Gebiet rund um die Potsdamer Straße gezogen, da stimmte Dr. Talja Blokland, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der HU Berlin, mit Nägele und Markert überein. Ein Unterschied zu früher sei aber die stärker internationale Ausrichtung der Neuankömmlinge, und dass heute, in Zeiten des Internets und des „schnellen“ Lebens, soziale Bezüge weniger an das lokale Umfeld gebunden seien. Der Effekt: Es bilde sich eine Gruppe von Leuten mit weniger Kiezbezug als bei den Alteingesessenen heraus, von Leuten, die mit ihrem Arbeits- oder Wohnort nicht so sehr das Verlangen nach netter, sauberer Kuscheligkeit verknüpfen und gerade deswegen sehr tolerant gegenüber dem Geschehen vor der eigenen Türe sind. Ein guter Mittelbau zwischen dem „Schmuddel-Kiez“ mit Straßenstrich und Trinkern und der Kleinbürgerlichkeit, vielleicht könnten die Zugezogenen sogar einen Mediatorenrolle einnehmen.

Zwei weitere Möglichkeiten warf Blokland in ihrer engagiert vorgetragenen Rollensuche für die Galerien in die Runde: Von der Arzt-Empfehlung bis zum Ausflugstipp – an allen Treffpunkten für Gruppen mit einem gleichen Interesse, in Sportclubs ebenso wie in Galerien, findet ganz nebenher ein Austausch auch über „fachfremde“ Themen statt, die Leute vernetzen sich. Galerien als Treffpunkte: Ob das funktioniere, sei nicht klar, aber jedenfalls eher als bei Veranstaltungen direkt unter dem Motto „vernetzt euch!“
Und nicht zu vernachlässigen seien die Galeristen als Unternehmer: Schließlich kommen ihretwegen Kunden mit Geld oder hohem sozialen Engagement in den Kiez – das gilt es zu nutzen, für Projekte oder als Fundraising-Quelle. Mal davon abgesehen, dass ja auch die Galerien selbst Arbeit schüfen: Den Boden zu putzen oder das Catering für die Vernissage zu machen bedeutet Jobs – im besten Falle für Leute aus dem Kiez.

Vor der viel befürchteten Gentrifizierung, der Vertreibung ärmerer Nachbarn aus einem sich verteuernden Kiez wie im Prenzlauer Berg, müsse man in Tiergarten Süd eher weniger Angst haben: „Hier ist die Ausgangslage ganz anders: Es gibt viele einzelne Hausbesitzer, die jeweils für sich handeln, hoffentlich auch verantwortungsbewusst gegenüber ihren Mietern.“ Wichtig sei einen Weg zu finden, um die Diversität, die Unterschiedlichkeit im Stadtteil zu behalten, die ja gerade auch seinen großen Reiz ausmache.

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Bezirksbürgermeister Mitte - Dr. Christian Hanke Foto: Recep Aydinlar

Die Vielfalt erhalten und die Nachbarschaften stärken – das sind auch für Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke entscheidende Ziele für „seinen“ Stadtteil. Dass Künstler und Galerien Einzug halten, gerade auch die kleineren, ärmeren mit Kiezbezug, begrüßt er sehr. „Die Leute finden das schön und interessant, so gewinnt ihre eigene Gegend für sie an Wertschätzung.“ Nach dem Schock über den Wegzug des Tagesspiegels sei das auch bitter nötig gewesen: Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Gebiet auch dank der wachsenden Kunstszene nicht abgerutscht. Aber die Gegend hier lebe auch gerade vom bunten „Außenrum“ mit Läden, Cafés, dem Kiosk an der Ecke. „Die Potsdamer Straße ganz ausschließlich mit aneinandergereihten Galerien – bei dem Gedanken bekomme ich ja Depressionen, die Mischung hier ist das Schöne!“

Zur Mischung innerhalb der Kunstszene trägt auch die wachsende afrikanische Community im Bezirk bei, die auch mit afrikanischer Kunst im Gepäck kommt – und nicht nur mit typischer „Ethnokultur“. So bietet sich die Möglichkeit, afrikanische Literatur, Musik und Kunst besser kennen zu lernen und das eurozentrische Bild „Afrika gleich Hunger, AIDS, Malaria und Bürgerkriege“ zu erweitern. Eine Möglichkeit in gerade entstehenden Netzwerken, die Hanke durchaus auch durch Kommunalpolitik stärken möchte.

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Galerist Peter Herrmann

Peter Herrmann, dessen Galerie an der Potsdamer Straße den Schwerpunkt Afrika hat, kann da auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen. Ein großes Problem sei die mangelnde Wertschätzung eigener Kunst und Kultur in den afrikanischen Ländern. Die Vermittlungsebene fehle, auch Verbindungen über Botschaften in Berlin – für andere Länder oft selbstverständlich – seien mager.

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Dawit Shanko - Initiator und Leiter der LISTROS Galerie

Eine Einschätzung, die Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie teilt. Beide wünschen sich, dass Kunst und Kultur dazu beiträgt, Afrika eine ganz normale Rolle in Berlin spielen zu lassen. Herrmann: „Gerade in der Potsdamer Straße, wo Käthe Kollwitz noch im Keller der Häuser spukt, sehe ich da gute Möglichkeiten.“

Was macht einen Kunst-Ort aus? Diese Frage trieb die Beteiligten an einer kleinen Diskussionsrunde um: Ist das Kulturforum eine wüstenartige Brache, auf der man etwas Neues schaffen muss, und sei es, indem man – so Bloklands Idee – bunte Karussells dort aufstellt? Oder sind solche „unfertigen“, ungeregelten Orte etwas Wunderbares, an denen von selber etwas entstehen kann und die man auch mal ganz anders nutzen könnte?

Wie werden Kunst-Orte zu Begegnungs-Orten? Indem man auf dem Kulturforums-Platz ein Barbecue veranstaltet? Oder wie im Verein Berliner Künstler Führungen und Programm für ein gemischtes Publikum anbietet? Oder wenn man nach der diesjährigen „Kindermagistrale“, auf der im Sommer an mehreren Tagen Kunstaktionen mit Kindern stattfinden werden, eine Ausstellung der entstandenen Werke in einer „echten“ Galerie macht, die so zum Projektraum wird, den auch Eltern und Verwandte besuchen? – Für letztere Idee ließ sich Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie spontan begeistern: Wir dürfen also schon jetzt gespannt sein!

Alle Anwesenden konnten von dem ungemein anregenden Abend im schönen Rahmen der LISTROS-Galerie etwas mitnehmen: Das zeigte sich schon an den zahlreichen Grüppchen von Leuten, die trotz der vorgerückten Stunden noch eifrig weiter diskutierend mit einem Glas Wein oder einem Tässchen äthiopischen Kaffees zusammen standen.

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Dr. Hanke erhält die Listros-Box

Eine Besonderheit zum Anfassen bekam Bürgermeister Hanke mit auf den Weg: Ihm überreichte Dawit Shanko eine echte abgegriffene LISTROS-Schuhputzerbox. Diese Boxen ermöglichen Straßenkindern im äthiopischen Adis Abeba, mit ihrer Arbeit zum eigenen Unterhalt und dem ihrer Familien beizutragen – und im Rahmen eines Kunstprojekts sind über 3.000 von ihnen, mit Sätzen von den Kindern selbst im Inneren, als Kultur-Botschaften in der Galerie gelandet.

Hankes Box enthält den kurzen Brief eines fünfzehnjährigen Mädchens: „Liebe Welt, ich freue mich, dass ich dir schreiben kann! Aber hörst du mich auch?“