Kategorie-Archiv: Literatur

Poetische Potse – Teil 3 – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU
Fortsetzung vom 24. September 2011

Lützowufer

Unser Weg kanalisiert sich dem Lützowufer entgegen, immer gedankenversunken heimgesucht von Lesser Urys ausufernden Stadtverschwimmungen, zu denen sich Walter Benjamin auditiv ins Bild rückt, wie er gerade das erste Telephon bestaunt oder – sich ihnen arnohaft angleichend – Schmetterlinge beobachtet und einzufangen trachtet.

Eine Gruppe lärmender Schulkinder rennt mit ihren Ranzen an uns vorüber, mich am Ellenbogen streifend. Um diese Tageszeit? Doch eine alte Frau mit wachen Augen, die Pfeife rauchend am Kanal spaziert, wendet sich uns zu und hebt an, dass sie Marie Luise Kaschnitz sei, und dies die Straße ihrer Kindheit. Vor ungefähr einhundert Jahren habe tagtäglich ihr Schulweg hier begonnen: ein einziges „Rennen und Trödeln“:

Lützowufer

„Früh am Morgen, vor der Schule, stellen die Kinder einen Schnürstiefelfuß auf die Stufe des Erkers, schnüren und reißen die brüchigen Senkel ab, knoten und schnüren wieder, starren in das daneben aufgeschlagene Schulbuch, trinken angewidert ihren Eichelkaffee.[..] Die Von der Heydt-Straße, in der die Kinder zu Hause sind, ist langweilig, mit schmalen Vorgärten und überhaupt keinen Geschäften“. Daran hat sich auch heute nichts geändert, die Gegend hat sich ihrer Heimeligkeit vollends entäußert, ist zum reinen Transit-Ort, eigentlich zu einem Nicht-Ort geworden. „Ob auf der Herkulesbrücke wirklich ein bronzener Herkules gestanden hat, werden sich die Kinder viele Jahrzehnte später, wenn die ganze Gegend Ödland ist, nicht mehr erinnern [..] Auf der Brücke muß man stehen bleiben und nach einer Leiche Ausschau halten, es schwamm eine Leiche im Landwehrkanal, Landwehrkanal, das Lied wird zu Hause im Chor gesungen und die Mutter hält sich die Ohren zu. Der Schulweg besteht aus Rennen und Trödeln, der hübsche, mit Bäumen und Büschen bestandene Lützowplatz wird im Laufschritt überquert.“ Der Schulweg lässt die Primaner an gruseligen Sarggeschäften und dem KaDeWe vorbei mit „klappernden Federkästen“ schließlich in die Passauer Straße einbiegen, wo sie spreizbeinig zur Eingangspforte hasten – das Rennen ist in der Nähe des Schulhauses nicht gestattet. „In der Türe steht die Direktorin und mustert finster die Nachzügler, sie ist überaus gescheit und leidet an einem schlimmen Nervenzucken, das bei ihrem Anblick auch die Kinder überfällt. [..] Erst wenn sie, getrennt nun, in ihre Klassenzimmer treten, werden sie ruhig und setzten sich, furchtbar gähnend, jedes auf seinen Platz.“

Es ist nun schon einige Zeit gestundet seit unserer Abreise, und so lassen wir die Dame ihres Weges ziehen, und beschließen uns etwas zu stärken, erblicken ein ruhiges Plätzchen an der brausigen Potsdamer Straße, mit roter Marquise überdacht und einigen Tischlein darunter. Mit Korkenknall senden wir dem gegenüberigen Wintergarten-Varieté einen ihm geziemenden Gruß und gießen erfrischenden Perlwein in die mitgeführten Dekadenz-Sektengläser. Gerade als wir anstoßen wollen, kommt ein Mann um die 50 mit aufgeschwemmtem Gesicht aus der Tür und hält delirös lächelnd, einen Mundwinkel nach oben ziehend, sein Glas hinzu. Natürlich, das musste er sein: Joseph Roth. Schließlich wohnt er hier in der Potsdamer Straße 73 einige Zeit in den 1920er-Jahren, denkt an die Zeit des ersten Weltkrieges und die anschließende Gefangenschaft zurück und verarbeitet das Ganze zu seinem Kurz-Roman „Hotel Savoy“. Und dem Alkohol huldigt er auch regelmäßig, unser Gegenüber. Unter eine Zeichnung von 1938 in Paris, die ihn über Absinth-Gläsern zeigt, schreibt er nüchtern: „Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit.“ Ein Jahr später erliegt er in Paris seiner Körperverwahrlosung und den psychischen Strapazen der Emigration. „Prost!“ stoßen wir an, heften einen Mann mittleren Alters als Miniaturbild an die Pforte, über der schon ein Jugend- und ein Altersbild prangen, und lauschen dem träumenden Herren, Gabriel Dan, der als Protagonist und Bewohner eines billigen Zimmers im „Hotel Savoy“ dort – wenn er nur wollte – „mit einem Hemd anlangen und es verlassen konnte als der Gebieter über zwanzig Koffer“: „Ich lebe in einer weißen Welt aus Himmel und Schnee, Baracken bedecken die Erde wie ein gelber Aussatz. Ich schmecke den letzten Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseratenseite einer heimatlichen, uralten Zeitung, aus der man vertraute Straßennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhändler erkennt, einen Portier, eine Agnes, mit der man geschlafen hat. Ich höre den wonnigen Regen in durchwachter Nacht, die hurtig schmelzenden Eiszapfen in lächelnder Morgensonne, ich greife die mächtigen Brüste einer Frau, die man unterwegs getroffen, ins Moos gelegt hat, die weiße Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betäubenden Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite über zerfurchte Äcker und lausche dem dünnen Sang einer Balalaika.“

Die Gläser sind leer, der Mann wischt sich mit einem karierten Tuch die Stirn, schließt das Buch und steckt es in das Futteral seines Jacketts. Wie er so gelesen hatte, waren seine Augen ganz blinkerig geworden und ein Pfundsgeist war aus der Ruine hervorgekrochen, und selbst der ältliche Torso hatte sich wachsend gebäumt. Als wir ihm das sagen, lacht er bequem und zitiert sich selbst, schon etwas weise, ja alt und klug wirkend: „So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein, von der gleichen Farbenskala.“

Fortsetzung folgt

Poetische Potse – Teil 2 – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU

Fortsetzung vom 16. September 2011

Einige langbestiefelte Prostituierte hinter uns lassend, schweben wir, von Ostermaier und der U-Bahn hitzewallend energetisiert, die Kurfürstenstraße entlang. Vorbei am „Wartesaal der Poesie“, wie Hermann Kesten das Café Einstein Stammhaus nannte, das sich selbst als Intellektuellen-Hort stilisiert, bei Preisen, die mittlerweile nicht nur Künstler mit Lasker-Schüler-Budget einen Besuch erschweren. „Verliebt in Berlin“-Star Alexandra Neldel flankierte unlängst meinen Tisch. Aber so ist es wohl mit allen einst kultbehafteten Orten, Cafés oder Plätzen: Wenn die Aura verschwunden ist, wird sie als künstliches Simulakrum wiedergeboren, was meistens Zwecken der Geldwanderung dient. Überhaupt läuft der moderne Mensch permanent zu Zwecken der Individualisierung der Aura hinterher

Etwas weiter umwirbelt uns wieder etwas Echtheit. „Berlin ist eben keine Stadt, sondern ein trauriger Notbehelf“ schreibt ein „vermummter Herr“ in einem Brief. Derselbe, der von sich selbst sagt: „Im Übrigen, und das sage ich mit einem gewissen Stolz, ist im Augenblick kein Schriftstellername in Berlin verufener als der meine.“ Frank Wedekind hat von 1906-1908 im zerstörten Haus Kurfürstenstraße 125 seine Tochter Pamela zur Welt bringen lassen, und sicherlich auch Berührpunkte mit der Prostitution gefunden, die er später vor allem in „Lulu“ (1913) papierlich fixiert hat. Obszönität als geballter Angriff auf die bürgerliche Sexualmoral ist Wedekinds Waffe, die ihn nebst Verboten zum „verufensten“ König Berlins werden lassen. Themen wie sexuelle Aufklärung, Homosexualität und Sadomasochismus klagen in Werken wie „Frühlings Erwachen“ ihr Recht auf Rezeption ein, dabei das expressionistische Drama vorwegnehmend. Wedekind stirbt so, wie er gelebt hat: seine Beerdigung, bei der zahlreiche Prostituierte anwesend sind, gerät zum Skandal.

Am Lützowplatz überhängt uns tropfend die reinste Gräue, sodass der Eindruck entsteht, die alte mythische Angst der Gallier drohe sich zu erfüllen: dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Aber das rußig staubige Grau passt zu ihm: „Schornsteine stehn in großem Zwischenraum/ Im Wintertag, und tragen seine Last,/ Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.“, zu Georg Heym, der die vorigen Verse mit „Berlin III“ überschrieb. Apokalyptische Bilder werden mit formaler Durchkomponiertheit in Prosa und Gedichte gezwungen, die der ungestüme Heym, der sich selbst für noch „viel vitaler“ als Nietzsche, Kleist und Grabbe hält, am Schreibtisch zähneknirschend niederschreibt, wenn ihm die vom Vater aufoktroyierte „Scheiß-Arsch-Scheiß-Sau juristische Scheiße“ zum Halse heraushängt. Zwar wohnte Heym nicht am Lützowplatz, sondern in der unweiten Martin-Luther-Straße 5, doch der lastende Himmel und das städtische Umfeld vergegenwärtigen überzeugend den Expressionisten, der im Jahr 1900 nach Berlin kommt, und vergebens den lieben Gott sucht: „Gäbe es einen Gott, man müsste ihn an seinem Schlafrock auf das Schafott zerren für seine endlose Grausamkeit.“ Fündig wird der erratische Stadtjüngling schließlich doch, aber der liebe Gott hat sein heilig Antlitz imzuge der asthmatischen Industrialisierung gewandelt: „DER GOTT DER STADT //Auf einem Häuserblocke sitzt er breit./ Die Winde lagern schwarz um seine Stirn./ Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit/ Die letzten Häuser in das Land verirrn.// […] Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen./ Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt./ Die Stürme flattern, die wie Geier schauen/ Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.// Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust./ Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt/ Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust/ Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.“

Heym notiert bisweilen seine Träume, bisweilen spielen sie im Tiergarten mit seinen Flüssen und Seen, immer haben sie eine existentielle Dimension: „Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein. Manchmal sah es aus wie die Haut, die sich auf Milch zieht. Es gingen einige Menschen darüber hin, Leute mit Tragelasten oder Körben, die wohl zu einem Markt gehen mochten. Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, dass sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Ich war eine ganze Weile gegangen, da begegnete mir eine Frau, die meinte ich sollte umkehren, die Platten würden nun bald brüchig. Doch ich ging weiter. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, Schlingpflanzenreiches Wasser.“ träumt Heym am 2. Juli 1910. Nicht einmal zwei Jahre später, am 16. Januar 1912 bricht er, beim Versuch einen Freund zu retten, auf der Havel beim Eislaufen ein – und ertrinkt. Heym, der Sänger der gesellschaftlichen Apokalypse, antizipiert seine eigene, die doch mit der Erlösung endet, wenn er den eisigen Julitraum enden lässt: „Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mir wenigen Stößen landete ich in einer sandigen, sonnigen Bucht.“

„Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal“ avanciert in den 1920er Jahren zum Berliner Gassenhauer, der die suizidale Verzweiflung der armen Nachkriegsbevölkerung paraphrasiert und natürlich an den Tod Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts erinnert, die am 15. Januar 1919 im Berliner Grandhotel Eden, dem Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützendivision, eingeliefert undumgebracht wurden, und schließlich in den Landwehrkanal geworfen wurden. „Die Sau muß schwimmen“ – hieß die Parole. Wir stehen am Geländer des Kanals, wo ein metallener grauer Schriftzug mit Luxemburgs Namen ihren Fall als Monument wiederholt. Aus dem Gefängnis schreibt sie: „So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“ Zustimmend nickend lassen wir Rozalias Konterfei der Schwerkraft folgend in den Kanal propellern und wechseln die Wasserseite.

Jetzt sitzen wir von Zoogeruch umspielt am südlichen Beginn des menschendurchfluteten Tiergartens. „Ich gehe im Tiergaren spazieren und denke an Bismarck oder an eine Berliner Schrippe oder an einen Spritzfleck auf meinem Stiefel und da fällt mir was ein“ antwortet Theodor Fontane zur Technik seines künstlerischen Schaffens. Sein Zeitgenosse Gottfried Keller dichtet im Tiergarten: „Ich bin ein Fremder hier zu lande,/ Doch dieser Hain erfreut mein Herz“, was verständlich ist, da er sich erfolgreich hier vor der ständigen Bespitzelung durch die Polizei im Unterholz verbergen kann. Selbst schon die auf dem nahen Schöneberger Alten St. Matthäus Kirchhof begrabenen Gebrüder Grimm wissen den grünen Ruhepol zu schätzen. Wilhelm schreibt 1841 „Daß ich meinen Spaziergang machen kann, ohne die geräuschvolle heiße Stadt zu berühren, ist auch etwas wert.“

Ganz unbeschreiblich wird uns unser Zeitenfasching durch den Naturalisten Arno Holz erleichtert, der wohl oft den Tiergarten durchstreift, und dabei Ästhetik treibend zu Forderungen, wie „Kunst = Natur – x“, gelangt. Und wo böte es sich besser an, die Gedanken auch in die Tat umzusetzen, als in der Natur selbst. Folgerichtig setzt sich Arno im Jahr 1898 auf unseren Schoß und dichtet sein Gesichtsfeld ab: „Brücke zum Zoo// Im Tiergarten, auf einer Bank,/ behaglich,/ ein Knie über das andere, bequem-nachlässig zurückgelehnt,/ sitze ich/ und rauche und/ freue mich über die Vormittagssonne!// Vor mir,/ glitzernd, der Kanal:/ den/ Himmel spiegelnd, beide Ufer/ Leise schaukelnd.// “ All das Glitzern können wir auch sehen, aber heute kommen uns fortwährend Japaner, Kinderwägen und Hunde über das Brücklein entgegen. „Arno, bist du sicher, dass du das wirklich siehst?“ fragen wir ihn, nachdem er fortführt: „Über die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant./ Unter ihm,/ zwischen den dunkelen, schwimmenden, blütenkerzigen/ Kastanienkronen,/ pfropfenzieherartig,/ ins Wasser gedreht,/ den/ Kragen siegellackrot,/ sein Spiegelbild.//“

Er gibt uns Feuer und genüsslich frühabendlich rauchend, verschwinden doch die Halluzinations-Vorwürfe gegen ihn, wenn er – ganz wie wir – weiter beobachtet: „Aus den hohen Uferulmen/ Schmettern die Finken,/ vom nahen/ Zoo,/ erfreulich ohrenbeleidigend, metallischschrillgell,/ markdurchdringlich,/ verliebt./ Erhebt sich ein Affengekreisch;/ Ein ganz/ Wahrhaftiger/ wahrer und wirklicher/ Kuckuck,/ irgendwo, hinter mir,/ siebenmal,/ ruft.“

Pumpe, Kumpel und Maultaschen

Schnellen Schrittes am Casino vorbei. Dann rechts um die Ecke. Ich bin angekommen: Lützowstraße, Berlin, Tiergarten Süd. Viel Zeit habe ich nicht. Mal sehn ob mir die Straße in unserem spontanen Blitzdate trotzdem etwas offenbart.

Frischer Asphalt liegt ihr zugrunde. Nicht minder frisch der Wind, der mir entgegen schlägt. In beide Richtungen breite Fahrradstreifen. Mangels Drahtesel ziehe ich notgedrungen den Gehweg vor. Doch das erweist sich als Glücksfall. So fällt mir nach wenigen Metern sofort die bunt bemalte Backsteinmauer auf. Jeder Backstein hält ein eigenes Bild für das wachsame Auge parat. Teils das Übliche wie es in alte Bäume in Parks geritzt ist: Menschen die ihre Zuneigung für einander verewigen. Aber auch Steine, die kleine bescheidene Gemälde andeuten. Und andere, die einfach schlicht bemalt sind. Was ist das bloß? Ein Blick in den Hauseingang verschafft Aufklärung: Ich habe das Kiezmosaik entdeckt.

Doch ich muss weiter. Die Lützowstraße ist lang und die Zeit knapp. Vorbei an der Elisabeth-Klinik, die sich hinter einem flachen Bauzaun nicht zu verstecken vermag. Dann folgt ein kleines Ensemble an Bauten, die einer Bungalowsiedlung ähneln. Die halbrunden Dächer fallen ins Auge. Wirkt irgendwie einladend. Und das ist auch gut so. Viel zu oft wirken Bibliotheken mehr abschreckend. Wer die Kommode am Bebelplatz kennt, weiß wovon ich rede. Aber die Stadtteilbibliothek Tiergarten-Süd heißt jeden bereits mit ihrer Architektur willkommen. Und wer viel Lesefutter seinem Hirn einverleibt, der braucht auch was für den Magen. Da hilft der Familiengarten gleich direkt neben der Bibliothek weiter. Doch wer hier etwas essen will, der muss auch vorher auch etwas angebaut haben.

Ohne Stärkung zieht es mich weiter. Von weitem sehe ich ein Schild, das mich nach links zum Arbeitsgericht schicken will. Passend dazu erkenne ich, dass de Gruyter seinen Sitz gleich um die Ecke hat. Man hat wohl nie so ganz Semesterferien. Doch meine Aufmerksamkeit wird von einer anderen Richtung her in den Bann gezogen: Calumet Photographics. Ein Blick durch die Schaufenster und ich bin mir sicher, dass Handykameras niemals eine richtige Spiegelreflex ersetzen werden können. Ein Geschäft als Paradies für Fotografen jeder Art: ob professionell oder auch nur hobbymäßig.

Mich von der Schaufensterscheibe wegzuzwingen fällt mir schwer. Doch lohnt es sich. Ein paar Schritte weiter, ein Blick um die Ecke und ich werde daran erinnert, dass Berlin vor langer Zeit einmal eine Industriestadt war. Ein hoher schmaler Schornstein aus Backstein lugt aus der Tiefe des Raumes hervor. Früher befand sich hier das alte Pumpwerk VII. Heutzutage ist hier die Eventlocation Alte Pumpe angesiedelt. Auf demselben Gelände unterhält die AWO das Jugendkulturzentrum Pumpe.

Fast habe ich das westliche Ende der Lützowstraße erreicht, welches am Lützowplatz mündet. Vorbeigehend an Backsteinhäuser 2.0 denke ich mir, es wäre angebracht ein wenig Namensforschung zu betreiben. Das Handy mit dem abgebissenen Apfel hilft mir weiter. Namensgeber für die Straße ist das ehemalige Dorf Lützow, welches 1719 von Charlottenburg okkupiert wurde. Handy schnell weggesteckt. Man möchte schließlich den morgendlichen Biertrinkern am Späti keine unnötige Angriffsfläche bieten.

Kehrtmarsch. Rückzug gen Osten. Ein Ziel hat die Lützow für mich noch zu bieten. Auf ein Absacker denke ich mir. Um die Eindrücke zu verarbeiten. Die Potsdamer ist erreicht nach einer Zigarettenlänge. Geschwind überquert. Schon stehe ich davor. Berlins berühmteste Absackerbar: Das Kumpelnest. Oder halt! Habe ich mich falsch erinnert? Sieht etwas marode aus. Ach ja: Berlin berühmteste Absturzbar. Das kommt der Sache begrifflich deutlich näher. Dann lieber konservativ. Man soll schließlich bei dem bleiben, was man ist. Die Maultaschen Manufaktur in unmittelbarer Nachbarschaft empfinde ich als einladender. Die schwäbische Kultur hat also nicht im Prenzlberg halt gemacht. Schlecht zu wissen.

Poetische Potse – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Gastblogger Alexander Skrzipczyk
studiert Germanistik und Philosophie

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn alle Menschen, die einmal an einem Ort waren, mit einem Mal zeitgleich wieder dort lebendig würden. Sicher, dichtes Gedränge wäre das, besonders an so einem Fleckchen wie Berlin, aber dennoch wäre es doch ungeheuer interessant und wahrscheinlich auch grotesk Offiziere auf Pferden, Manager mit Freisprechanlage und Herren mit Barockperücke sich ungläubig die Augen reiben zu sehen.

Inmitten des Gedränges um meinen Wohnort nahe der Potsdamer Straße wäre es nicht unwahrscheinlich Schulter an Schulter mit den Persönlichkeiten zu stehen, deren Buch ich gerade in der Manteltasche trage. Und da dieses Gedankenspiel ja nicht mehr als ein klaustrophiles Hirngespinst ist, mache ich mich mit einigen Poesie-Enthusiasten an einem regnerischen Nachsommertag auf, die Zeitreise rein imaginativ doch noch zu erleben.

„Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen.“ schreibt Max Dauthendey, in seinen Geschichten aus den vier Winden von 1915. Und auch heute noch hat Berlin einiges von diesem rauen Charme gewahrt, besonders in der Bülowstraße, in der unsere Reise ihren Anstoß nimmt: Lärm, U-Bahn, Prostitution gehören zur Tagesordnung, Literatur und Poesie scheinen ferner als alles andere an diesem urbanen Hitzeknäuel.

Die schwelende Mietskasernen-Zeit wurde Ende des 19. Jahrhunderts besonders vom S. Fischer-Verlag literarisch verlegt. Knotenpunkt der naturalistischen Autoren wurde der Firmenhauptsitz im kriegsbedingt verschwundenen Hauskomplex Bülowstraße 90/91. „Ich hab’ gar nichts in mir. Ich weiß nicht mal, was das ist, Grundsätze“ heißt es in Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, in dem der Zerfall einer von Alkoholdunst umwehten Bauersfamilie die Décadence der pseudo-bürgerlichen Tünche um 1900 ins Licht rückt; „Moderner Luxus auf bäuerische Dürftigkeit gepfropft“ komponiert Hauptmann, dem dieses Drama, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, zum Durchbruch verhilft.

Nachdem der verträumte Robert Musil sein Weiterleben durch „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906) erst einmal gesichert hat, geht er ab 1914 regelmäßig bei S. Fischer in der Bülow-straße ein und aus, wo er Redakteur der Neu-en Rundschau ist, und wahrscheinlich schwingt bereits hier das immense Gedankengut seines monolithischen Epos, seines tausendseitigen Zeit-Gips-Abdrucks „Der Mann ohne Eigenschaften“ durch die staubig end-wilhelminische Berliner Luft, der Musil seine Phantasmen an den Grenzen der Unendlichkeit entgegenschleudert: „Denn das ist es, was eine ergreifende große Idee von einer gewöhnlichen, vielleicht sogar unbegreiflich gewöhnlichen und verkehrten unterscheidet, daß sie sich in einer Art Schmelzzustand befindet, durch den das Ich in unendliche Weiten gerät und umgekehrt die Weite der Welten in das Ich eintreten, wobei man nicht mehr erkennen kann, was zum eigenen und was zum Unendlichen gehört.“

Mir fällt hier, wie sooft an diesem Tage noch, ein Bild der nächtlichen Bülowstraße des zeitgleich schaffenden Malers Lesser Ury ein, in dem die wenigen Lichtpunkte das Ausufern der unendlichen Nachtschwärze nicht verhindern können und sich schließlich alles „in einer Art Schmelzzustand befindet“.


In solche Bilder versunken treibt es uns in Richtung Nollendorfplatz, an dem das Wohnhaus Lesser Urys stand, und der durch seine metallene Haube, die der ursprünglichen nachempfunden ist, sinnbildlich für unsere Zeitreise steht.

Um nicht der Unmittelbarkeit der rauschig belebten Straßen anheim zu fallen, setzen wir allesamt Kopfhörer auf, die uns den Rest des Weges pausenhaft mit Christian Brückners kraftvoller Stimme an einer „Berliner Kindheit um 1900“ teilhaben lassen. Derjenigen Walter Benjamins, dem wir heute an späterer Wegmarke noch persönlich über den Weg laufen werden.

„Die Fenster des Zimmers 61 gingen auf den Nollendorfplatz.“ kästnert es an unserem nächsten Ziel „Und als Herr Grundeis am nächsten Morgen, als er sich die Haare kämmte, hinuntersah, fiel ihm auf, daß sich zahllose Kinder herumtrieben“. Emil und die Detektive verfolgen nach Emils Ankunft am Bahnhof Friedrichstraße den verdächtigen Herren quer durch Berlin. Am Zoo, an Litfaßsäulen der Bundesallee und eben auch am „Nolli“ wird dem zwielichtigen Gesellen Grundeis nachspioniert.

Wir lassen den Blick schweifen über den Platz, die Bahnhofskuppel, helfen unserer Vorstellungskraft mit Bildern aus Zeiten nach, als der Platz noch begrünt und herrschaftlich Stadtoase war, sehen wie er im grell expressionistischem Gelb Ernst Ludwig Kirchners sich der apokalyptischen Moderne beugen muss, und gewinnen doch mit Lesser Urys Nachtimpressionen wieder eine gewisse, verwegene Schönheit wieder. Wir lesen allerlei über den Platz – lernen dabei, dass zahlreiche der umliegenden Straßengiganten nach preußischen Militärs aus den Napoleonischen Befreiungskriegen benannt sind und denken an die groteske Bipolarität von Preußentum und Schwulenkiez.

Überragt werden wir vom imposanten Gebäude des „Neuen Schauspielhauses“, an dem mittlerweile der Club „goya“ sein Sigel angebracht hat. Ursprünglich war dies aber das Experimentierpodium des Theater-Avantgardisten Erwin Piscator, der hier 1927/1928 technisch dramaturgisch die Theaterlandschaft veränderte. John Heartfield entwarf Bühnenbilder, George Grosz Programmhefte und Bertolt Brecht arbeitete einige Zeit in der Dramaturgie. Die letztlich finanziell zu umfangreichen Projekte wurden finanziert vom Brauereiindustriellen Ludwig Katzenellenbogen, dessen Name fast selbst schon eine Komödie für sich ist. Das Gebäude wurde seit seinen frühen Tagen auch als Kino genutzt: die Premiere von „Im Westen nichts neues“ wurde 1930 von Joseph Goebbels und NSDAP-Anhängern mit Stinkbomben und Zwischenrufen boykottiert.

Bei soviel stürmischer Aufregung und Geschichtsträchtigkeit verlassen wir den Platz, pinnen noch schnell das Konterfei Erich Kästners an einen Baum und treiben über die Kreuzung zu einem Straßenschild, an das wir ein Bildchen Else Lasker-Schülers heften. Auf ihm steht: „Else Lasker-Schüler-Straße“. Dieser Fortsatz der Motzstraße ist also nach der lyrischen Schwarzhaarigen mit den stechschwarzen Augen benannt, obwohl sie etwas südlich in einem Hotel in der Motzstraße Unterschlupf gefunden hat, welches sich inzwischen ihrer per Gedenktafel rühmt. Die chronisch unter Geldnot leidende Lyrikerin war wohl ehedem ganz und gar nicht mit Kusshand empfangen worden. Wir lesen ihre Liebesgedichte, der graue Himmel antwortet unbarmherzig mit nassen Tränen: „Ich weine – / meine Träume fallen in die Welt“.

Verträumt Walter Benjamins Kindheitserinnerungen lauschend visieren wir den nächsten, etwas ungewöhnlichen Standpunkt an: ein U-Bahnschacht-Gitter aus dem das Quietschen der gelben Loren, Gummigeruch und heiß stobende Luft zu uns durchdringt. Wir setzen uns direkt auf den Schacht vor der 12-Apostel-Kirche und könnten – wäre da nicht dieses beleuchtete Bahnhofsskelett – kilometerweit die Motzstraße hinuntersehen, wie sie von Platanen gesäumt in die Bundesallee mündet. Immer unterhalb ihrer Asphalt-Decke fährt Berlins kürzeste U-Bahnlinie U4 seit 1910 an den Schöneberger Plätzen entlang.

Die U-Bahn ist bezeichnend für Großstadthektik, Stress, Existentialität, die ausladend zum Ausbrechen einladen, wie in Albert Ostermaiers „Lebenslauf“: „lass uns nachts mitten auf/ der strasse durch die stadt/ rennen uns den hupenden/ autos in den weg stellen &/ unsere hemden über die/ schilder hängen wenn sie/ mit ihren gaspedalen an/ den ampeln drängen & sich/ an unseren verschlungenen/ körpern vorbeizwängen &/ uns der teufel weiss was/ nennen nein wir lassen uns/ nur von den zebrastreifen/ trennen die wie wir nichts/ als nackte haut & das/ einsame brennen auf dem/ asphalt kennen weil wir uns/ lieben müssen wir immer/ weiterrennen & wenn wir/ nicht mehr können für eine/ stunde auf den gittern der/ lüftungsschächte pennen/ bis sich uns vom heissen/ wind die haare im nacken/ wie antennen aufstellen &/ wir hochschnellen zurück/ auf die mitte der strasse &/ uns die streunenden hunde an/ den mülltonnen wachbellen &/ wir rennen & rennen bis die/ ersten strahlen des morgens/ die stadt & die gesichter ihrer/ müden menschen aufhellen &/ wie den offenen mündern von/ unserer reise erzählen“.

Fortsetzung folgt in einer Woche

Bitte keine Comics aus der Retorte!

Von HU-Gastblogger Dolly Rodríguez

Bülowstraße 52: Jenseits von Mickey Mouse & Superman

Ein unscheinbares Hinterhaus in der Bülowstraße 52 beherbergt einen Sehnsuchtsort für alle Liebhaber der visuellen Erzählkunst, ein Mekka für all diejenigen für die Comics weit mehr sind als eine Kindheitserinnerung an Entenhausen.

Ich möchte an dieser Stelle jeglichen Anspruch von Neutralität zurückweisen und stattdessen offen bekennen: Ich liebe Comics. Ich liebe sie weil in Ihnen das Unmögliche möglich wird: Sie können mich durch ihre Graphik und ihre Story in eine andere Welt transportieren.

Und deshalb ist dieses unscheinbare Hinterhaus für mich ein ganz besonderer Ort, beherbergt es doch mit Reprodukt einen der vielseitigsten Comicverlage Berlins. Aber nein, es geht dabei nicht um die üblichen Comics an der Supermarktkasse oder am Kiosk.

Wovon ich rede ist die inzwischen gar nicht mehr so kleine aber feine Sparte der Comics, die sich als literarische Comics oder Graphic Novels begreifen. Die Graphic Novel ist heutzutage das beliebteste Comicprodukt, das in den Buchhandlungen (zumindest in den großen) einen festen Platz erobert hat.

Dass die Comicszene heute so vielfältig und bunt erscheint, ist der raschen und nachhaltigen Entwicklung der Independent Comicindustrie zu verdanken, die seit Anfang der neunziger Jahren vor Allem in Europa und den USA immer neue Themen, Stile und Darstellungsformen entdeckt hat.

Und das Spektrum ist in Laufe der Jahre richtig groß geworden: Der Comic ist nun ein Medium des Theaters, des Dramas, der (Auto-) Biographie, der Geschichte, der Reportage, der Lyrik… Es scheint dabei, dass alle Themen und Genres durch den Comic ausgedrückt werden können. Dieser Meinung ist auch Jutta Harms, Pressefrau des Verlags: „Die Möglichkeiten des Textes kann der Comic völlig ausschöpfen, in den Graphic Novels sind die Themen genauso vielfältig wie in der Literatur.“

Comics erfreuen sich in den letzten Jahren einer wachsenden Popularität und Reprodukt hat geschafft, von dieser Entwicklung zu profitieren. So feiert der Verlag dieses Jahr sein 20- jähriges Bestehen, wobei er sich mittlerweile als renommierter unabhängiger Verlag etabliert hat, der den Comic als mehr als das reine Produkt der Unterhaltungsindustrie versteht und dessen Entwicklung in Deutschland und Europa in den letzten zwanzig Jahren hautnah miterlebt hat:

„In den Neunzigern Jahren kam es zu einer Vervielfältigung der stories und zu einer Weiterentwicklung in der graphischen Darstellung. Dabei hat man sich den Lebenserfahrungen der Menschen zugewendet und sich von den klassischen Science Fiction stories entfernt. Auch werden seit dieser Zeit immer mehr weibliche Zeichnerinnen und Autorinnen aktiv. Die Erscheinungsform des Comics hat sich vom klassischen Unterhaltungscomic unglaublich ausdifferenziert. Seither gilt die Idee, dass jeder Stoff als Comic erzählt werden kann“ erzählt Jutta Harms.

Der Erfolg von Reprodukt als unabhängiger Verlag zeichnet sich dabei durch seine Bestseller aus: Die Fantasyparodie Donjon von Joann Sfar und Lewis Trondheim, Didi und Stulle von Fil, Tamara Drewe von Posy Simmonds und neulich Baby’s in Black-The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe von Arne Bellstorf, das bereits zwei Monate nach seiner Erscheinung in Oktober 2010 nachgedruckt werden musste. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vom Mainstream fern bleiben und dass sie durch ihre eigenen Geschichten ein breites literarisches Publikum ansprechen.

Aber warum sind sie so erfolgreich? Was macht einen guten Comic aus? „Es gibt natürlich Qualitätsansprüche. Der Comic muss erzählerisch und graphisch gut sein, er muss originell sein, also sich von den Action Stoffen aus der Retorte abgrenzen und die Zeichnung muss mit der story harmonieren“ so Harms.

Bestseller 2010: Baby's in Black von Arne Bellstorf

Ein gutes Produkt setzt harte Arbeit voraus: Lektorat, Übersetzung (im Fall von fremdsprachlichen Werken), Herstellung, Bildbearbeitung und Lettering erfordern mindestens vier Monate Zeit und natürlich eine gute Teamarbeit, denn nur im Zusammenspiel der einzelnen Arbeitsbereiche kann ein wirklich guter Comic entstehen.

Da sich im Comic bildende Kunst und Literatur überschneiden und ergänzen, entstehen dabei auch neue Möglichkeiten den Leser mit einer Geschichte zu erreichen: „Vergleichen wir z.B. eine Comicbiographie mit einer herkömmlichen, so ergibt sich in der ersteren die Chance, den Inhalt durch das Visuelle so zu transportieren, dass eine andere Sinnesebene angesprochen wird“ sagt abschließend Harms.

Und wer einmal die Comicbiographie Die anderen Mendelssohns 1 von Elke Steiner gelesen hat wird sehr gut nachvollziehen können was damit gemeint ist.

Mehr über die Geschichte von Reprodukt erfahren sie unter http://www.kultiversum.de/Literatur-Literaturen/handeln-Buchmacher-Comic-Reprodukt-Verlag-Berlin-Dirk-Rehm-Jutta-Harms.html?

Grafik: Auszüge aus „Acht, Neun, Zehn“ ©Reprodukt/Arne Bellstorf sowie „Am falschen Ort“ ©Reprodukt/Brecht Evens; Cover von „Baby’s in Black-The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe“ ©Reprodukt/Arne Bellstorf

Happy End

Von HU-Gastblogger Frank Haberland

Die junge Frau visiert ihr Ziel an, wartet einen Herzschlag und drückt ab. Dann senkt sie die Spiegelreflexkamera und überprüft das Ergebnis.

Stefanie Klawitter recherchiert für ihren neuen Roman. Sie macht noch ein Foto und blickt die Frobenstraße entlang. Wind streicht ihr durch das schwarze Haar mit den pinken Strähnen. Sie lächelt breit. „Genau so habe ich mir das vorgestellt.“

Stefanie Klawitter.jpg

Foto: Stefanie Klawitter

Sie ist begeistert von Schöneberg. „Kann doch gar nicht sein, dass es so etwas gibt.“ Sie meint die Gegensätze. Der Kiez der Potsdamer Straße ist gleichzeitig dreckig und schick, traditionell und modern und ständig im Wandel. „Ich war mir sofort sicher: Hier geht’s hin.“ Zwischen Bülowstraße und Nollendorfplatz verortet Stefanie die Schicksalsgeschichte über einen Stricherjungen.

Kei (gesprochen ‚Kii‘) ist 17, als er von zu Hause wegläuft. Seine Familie lehnt seine Homosexualität ab. Er läuft weg. In Schöneberg will er zwischen Regenbogenfahnen und Schwulenklubs ein neues Leben beginnen. Aber auch dort läuft es schlecht für Kei. Er findet sich auf dem Transgender-Strich auf der Frobenstraße wieder. Immer wieder gerät er an brutale Freier und Schläger. Zurück nach Hause kann er nicht. Kei ist am Tiefpunkt seines Lebens. In dieser hoffnungslosen Situation macht ihm ein Freier ein fragwürdiges Angebot. Was hat der Mann mit ihm vor? Ist er Keis Rettung oder sein Verhängnis?

Diese Frage beanwortet Stefanie Klawitter im Sommer 2011, wenn ihr Debütroman in der Edition Doppelpunkt erscheint. Der ungewöhnlich lange Titel steht schon fest: „Im Licht der Straßenlaternen sah ich einen tanzenden Traum“.

Ein Traum wurde auch für Stefanie wahr, als sie ihren Autorenvertrag unterschrieb.

Wie ich mich gefühlt habe? Ganz ehrlich? Ich konnte es nicht glauben. Das kam ganz unerwartet.“ Aber Erich Schanda, Gründer der Edition Doppelpunkt, und sein Lektoratsteam erkannten Stefanies Potenzial. Der Verleger sieht die Hauptaufgabe der Edition darin, Geschichten auszuwählen, die es wert sind, der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. „Wir fördern gezielt junge, noch weniger bekannte Autorinnen und Autoren, weil diese im rein kommerziell ausgerichteten Verlagswesen kaum eine Chance haben.“

Heute sind es meist Kleinverlage, die Nachwuchsförderung betreiben. Und weil Erich Schanda diesen Anspruch ernst nimmt, stellt er Stefanie eine Lektorin und die kompetente Erfahrung des kleinen, aber engagierten Verlagsteams zur Seite.

Natürlich verändert sich dabei auch Stefanies Arbeitsweise. „Mehr Ernst, mehr Recherche“, fasst sie es zusammen. Keis Schicksal ist ihr ambitioniertestes Projekt und „ein riesen Haufen Arbeit.“ Ihre Augen leuchten. „Das ist alles so aufregend!“

Dabei konnte Stefanie schon Erfahrungen mit Veröffentlichungen sammeln. Erst vor wenigen Wochen erschien ihr Text „Aus. Geliefert.“ in einer Kurzgeschichtensammlung der Edition Doppelpunkt. Die Angst!-Anthologie versammelt 24 Geschichten von elf Autoren, aktuell wird die Krimi-Sammlung „Blutlese“ ausgeliefert.

Aber wie bringt die gelernte Mediendesignerin und Studentin der Medientechnik Schreiben, Studium und Privatleben unter einen Hut? „Also einen Zeitplan habe ich noch nicht gemacht. So funktioniert das bei mir auch nicht.“ Sie will das Schreiben nicht erzwingen. Im Augenblick schließt sie die Vorarbeiten zu ihrem Roman ab. Dazu gehört eine gründliche Recherche vorort. Wo übernachtet Kei? Welche Geschäfte besucht er? Wo trinkt er seine Cola und wie viel kostet sie? Jedes Detail ist der Autorin wichtig. Stefanie ist ein neugieriger Mensch. Sie spricht vier Sprachen und war schon mehrmals in Japan. Natürlich beeinflusst das auch ihre Geschichten. Ebenso wie Gespräche mit Polizisten oder die Preisliste der Eckkneipen.

Im Sommer 2011 wird all die Arbeit mit der Veröffentlichung des Romans ihr Happy End finden. Ob es auch eines für Kei gibt, wird sich erst dann zeigen.