Die Aramäer in Not

Die Segnung des Patriarch Ignatius Aphrem II, Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, am 25. November gab den Seelenschmerzen Linderung und circa 2.000 Menschen kamen in die Syrisch-Orthodoxe Kirche an der Potsdamer Straße, um die Segnung zu empfangen.

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Patriarch Ignatius Aphrem II in der Syrisch Orthodoxen Kirche in der Potsdamer Straße

Die Menschen standen dicht gedrängt bis auf den Vorplatz,“ erinnert sich Pfarrer Murat Üzel. „Jeder von uns hat Verwandte in den Kriegsgebieten des Iraks und Syrien. Wir sind in Gedanken ständig dort. Genaue Informationen hat niemand von uns. Doch wir wissen, dass die Lage verzweifelt ist und dass der Winter kommt.“

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche hat weltweit vier Millionen Mitglieder. Die meisten leben in Syrien, dem Libanon und dem Irak. Auf seiner Reise durch die Diaspora besuchte der Patriarch die aramäischen Gläubigen in den Vereinigten Staaten, Deutschland, die Schweiz und Österreich, um sie zu segnen und ihnen Mut zuzusprechen.

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Vor dem Gottesdienst in der Potsdamer Straße, hatte der Patriarch Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt getroffen. Mit ihm waren zahlreichen Bischöfen aus Syrien, dem Irak und Deutschland, sowie Vertreter des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland und der Forschungsstelle für Aramäische Studien (Universität Konstanz). Sie mahnten eine deutliche Ausweitung der Humanitären Hilfe aus Deutschland unter Beteiligung der kirchlichen Strukturen vor Ort an. Dringliche Gespräche waren das, denn Situation der vor der IS flüchtenden Aramäer und anderer Christen wird immer verzweifelter.

Vor 40 Jahren hatten wir das letzte Mal einen richtigen Winter dort,“ sagt Pfarrer Üzel. „Doch plötzlich, seit zwei Jahren, kommt der Winter zurück. Im letzten Jahr gab es einen Meter Schnee und er ist nicht gleich wieder weggeschmolzen, sondern blieb lange liegen. Auf diese Situation sind die Menschen dort nicht vorbereitet. Sie sind auf der Flucht, haben keine Häuser, es gibt kein Wasser und der Strom fällt ständig aus.“

Vermisst wird Solidarität und Humanitäre Hilfe
Unser Gespräch wird unterbrochen durch eine sms aus dem Libanon. Ein Mann bittet Pfarrer Üzel um Hilfe für eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Ihr Mann und Sohn sind getötet, sie selbst muss an der Galle operiert werden. Die 250 Euro für Operation und Arztkosten kann sie nicht bezahlen. „Ich bekomme mindestens eine solche sms in der Woche,“ sagt Pfarrer Üzel und seufzt. „Manchmal erreichen mich solche Hilferufe täglich.“

Die Gemeindemitglieder in Deutschland tun, was sie können und haben seit Ende Juni 14.000 $ gesammelt. Ende Oktober schickten sie einen Lastwagen mit Kinderkleidung, Handschuhen, Regenjacken, Decken und anderen Hilfsgütern nach Damaskus. Jetzt in der Adventszeit intensivieren ihre Spendenaktionen. „Wir wissen nicht, wann wir den nächsten Lastwagen schicken können,“ sagt Pfarrer Üzel. „Jetzt wird hauptsächlich Geld gebraucht.“

Eine Gemeinde an der Ostsee hat Geld gegeben erzählt Pfarrer Üzel und klingt fast erstaunt. Denn die Unterstützungsangebote, Solidarität bei Demonstrationen und auch Medienberichte über die Situation der Aramäer sind spärlich. Daniyel Demir sagt, die Aramäer in Deutschland „fühlen sich im Stich gelassen und fragen sich, warum keiner was tut und wie sie selbst helfen können.“ Und der Präsident des Jüdischen Weltkongresses Ronald S. Lauder schreibt in der neuesten Ausgabe des Spiegels: „Wo bleibt der Aufschrei wegen der Christenverfolgung?“

Wer kennt die Aramäer in der Potsdamer Straße?
Ist es hier an der Potsdamer Straße anders. Wer hier im Kiez weiß schon genaues über die Menschen, die regelmäßig das Gotteshaus in der Potsdamer Straße 94 besuchen? Kennt ihre Herkunft und ihre derzeitig große Not?

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Potsdamer Straße 94

Lebendiger Adventskalender

Wer mehr über die Syrisch-Orthodoxe Gemeinde erfahren möchte, kann sie am 19. Dezember um 16 Uhr im Rahmen des „Lebendigen Adventskalenders“ besuchen.

Wer helfen möchte, wendet sich bitte direkt an die 
Syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, St. Ludgeruskirche
Potsdamer Straße 94, 10785 Berlin
Kontakt: A. Gorgis,Tel.: 851 65 33

Im vorderen Orient waren Mitglieder nichtislamischer Religion nie gleich gestellt. Doch herrschte eine gewisse Toleranz im Umgang, so dass die christlichen Gemeinden der Aramäer, Chaldäer und Armenier zumindest überleben konnten. Doch in den letzten 100 Jahren ist der Anteil der Christen in der Türkei von 20 % auf 0,2 % gesunken. Die Erzbischöfe im syrischen Aleppo Mor Gregorius Youhanna Ibrahim and Boulos Yaziji wurden im April 2013 entführt. Jetzt – 19 Monate später – bat der Patriarch Außenminister Steinmeier erneut, sich für ihre Freilassung einzusetzen. Und am 10. Dezember bekam Mor Gregorius Youhanna Ibrahim in absentia den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar verliehen bekommen. Eine Geste, die den Christen im Irak nicht direkt hilft. Von 1,2 Millionen Christen im Irak leben heute gerade noch etwa 250.000 dort. Die letzte große Vertreibung und Zerstörung begann Ende Juli 2014.

Seit 1.800 Jahren ist Mossul zum ersten Mal ohne eine Kirche der Aramäer,“ sagt Pfarrer Üzel. „Der Patriarch hat uns gesagt, dass kein Christ mehr in Mossul lebt. Im ganzen Irak sind mindestens 160.000 Aramäer auf der Flucht.“

Wie kann es weiter gehen für die Aramäer in Vorderasien und in der Diaspora?
Da die Menschen jedoch in ihrer Heimat bleiben wollten, forderte Daniyel Demir, Vorsitzender des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland, bei dem Gespräch mit Außenminister Steinmeier „die bestehenden und gut funktionierenden kirchlichen Strukturen vor Ort viel stärker zu nutzen und ein gemeinsam mit dem Auswärtiges Amt betreutes Hilfsprogramm, welches seit 16 Monaten erfolgreiche Hilfe zur Selbsthilfe in Syrien bietet, insbesondere auf die dramatische Lage im Nordirak auszubauen. Nur so war es möglich, etlichen tausend Familien – Christen wie Muslime – das Überleben zu sichern und wieder Perspektive und Hoffnung zu vermitteln.“

Für die 700 Familien in Berlin, von denen viele die Kirche in der Potsdamer Straße besuchen, bleibt Beten, Bangen und Spenden sammeln. Denn der bewaffnete Kampf scheidet für sie aus. „Die Jugendlichen hier in Berlin sind auch kaum zur Bundeswehr gegangen, die meisten haben sich für den Zivildienst entschieden,“ sagt Pfarrer Üzel. „Wir wollen Frieden und der wird nicht mit Waffen geschaffen. Und das Evangelium sagt, wir müssen unsere Feinde lieben, auch wenn das manchmal schwer fällt.“

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Auch die Frauengruppe engagiert sich mit Aktionen für ihre bedrängten und verfolgten Verwandten.

Copyright Fotos vom Besuch des Patriachen: Pfarrer Murat Üzel

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