Ein Ferienprojekt – oder Tourist sein mit Ziel: aus der Bahn, auf’s Rad, in den Park – Teil 2

Radfahren auf der Potsdamer Straße, erster Versuch, Freitag 13 Uhr

Sonnenbrille auf der Nase, Musik auf den Ohren gegen den Lärm der Straße, ab durch den Tiergarten an den Potsdamer Platz. Endlich mal diese Ampel sehen, die ja die erste im ganzen Land gewesen sein soll. Sogleich auch gefunden. Warum ich sie erst jetzt sehe, ich kann es mir nicht erklären. Dann hinein in die Potsdamer, an den nicht mehr so Neubauten vorbei, an Sir Simons Philharmonie und der nicht mehr Richter-Ausstellung, über die Brücke, zack, rote Ampel. Und links aus dem Augenwinkel darf ich einer Clownin zuschauen, die für die Autofahrer in strahlendem Sonnenschein jongliert. Grün, bergab an der degewo vorbei, dann hinein in das, was ich als Potsdamer Straße in den letzten Tagen wahrgenommen habe. Geparkte Autos links, und da eines auf dem Gehweg, ein paar Fußgänger, flitzender Verkehr auf der Straße weiter links, zum Glück bin ich auf dem Fahrradweg. Menschen nehmen zu, meine Geschwindigkeit ab, der Fahrradweg wird enger, da eine steile Kurve, dem Briefkasten ausgewichen, das muss er gewesen sein, das wäre geschafft. Die Menschen nehmen weiter zu, nehmen den Fahrradweg teilweise ein. Aber das kenne ich schon.

Da ich höflicherweise und aus Gründen der Gewichtsersparnis natürlich keine Klingel an meinem Fahrrad habe, bleibt mir nur zu warten übrig. Keine Ahnung wie laut ich sprechen würde, immerhin habe ich geräuschschluckende In-Ear-Kopfhörer mit herrlicher Musik in den Ohren. So, hier eine kleine Lücke, jetzt da vorbei. Oha, Ampel, ein Rechtsabbieger, ob der mich sieht? Ein wenig größer gemacht, ja, er wartet, Augenkontakt, herrlich, ein höflicher Mensch und über die Ampel. Radweg macht eine Linkskurve auf die Straße zu den Autos. Gerade eine Lücke, also rein in den fließenden Verkehr.

Ging doch alles gut, auch gerade diese Stelle, die hat’s sonst für viele wohl in sich. Hatte ich Glück mit der Lücke? Vielleicht ist es die Zeit. Oder eben, weil ich vorausschauend fahre, dank der vielen Jahre der tretenden Fortbewegung. Die Autofahrer neben mir sind wohl auch wegen des schönen Sommerwetters entspannt, keiner rast, der eine oder andere hat es zwar etwas eiliger, aber alles im grünen Bereich. Jetzt noch eine Ampel, also vorsichtig an den wartenden Autos vorbei in die erste Reihe gerollt, grün, dann schnell losstrampeln, denn ich will ja nicht als erstes Hindernis gelten, geschafft, also wieder Reisegeschwindigkeit. Parkende Autos rechts, oha, hier rangiert einer. Er sieht mich, wartet, links neben mir ist eh wieder frei, einfache Übung. Dann wird die Straße richtig breit. Autos werden schneller, aber geben mir mehr Abstand nach links. Alles Bestens, Ziel Buchhandlung am Kleistpark erreicht. Aber ich bin zu früh für mein Interview…

Umdrehen, erneut versuchen

Ich habe nicht mal 10 Minuten gebraucht, alles entspannt. Was ist hier los? Ist es das Sommerwetter? Wir versuchen es sogleich erneut. Ah, vielleicht ist es die Sonnenbrille? Nee, geht nicht, ohne die sehe ich zu wenig, da die Sonne sonst zu sehr blendet. Ist es die Musik? Ohrenstöpsel an der Ampel kurz herausgezogen… Oh, hauer, ist das eine Lautstärke. Und kurz durchfährt mich der Lärm der Motoren, das Rollen der Reifen, das Pfeifen der fahrenden Autos durch den Wind. Da will man nur noch weg, da will man nicht mit dem Rad dazwischen sein. Schnell wieder Musik. Und siehe da, Ruhe.
Aber ich teste den Einfluss der Musik lieber an einem anderen Tage, man kann ja nicht zwei Dinge gleichzeitig testen…
Also wieder die Potsdamer Straße rauf, und wieder runter. So wirklich Spaß bringt es in nördlicher Richtung nicht, geht es etwa bergauf? In südlicher Richtung geht es irgendwie flüssiger. Dieser erneute Versuch führt zu keinem nennenswerten Erkenntniszugewinn. Im Interview im Buchladen dann lerne ich, dass der Autoverkehr hier schon die Fußgänger einschränkt und ihnen Respekt und besondere Vorsicht abringt. Nicht nur eine gefährliche Situation ließ ich mir schildern sondern mehrere.

Zuhause die Analyse

Wieso nahm ich die Fahrt eher als interessant, abwechslungsreich, aber nicht als gefährlich, oder eher als nicht gefährlicher als viele andere Stellen Berlins wahr? Die Musik wird ihre Rolle gespielt haben. Und auch, dass ich alleine war, und keine Familie habe, dass ich geübter Radfahrer bin und jung und nicht alt, dass ich Kraft habe im Antritt und eher großgewachsen, nicht leicht zu übersehen bin, und weil ich mich auf das Fahren und die Umgebung konzentriert habe. Also hätte ich Kinder oder noch Großeltern, ich würde mit den denen hier nicht Rad fahren. Da nähme ich eine Parallelstraße.
Also prüfen wir als nächstes den Einfluss der Musik, an den anderen Dingen kann ich auf die schnelle nichts ändern. Vielleicht war aber auch die Tageszeit oder überhaupt der Tag entscheidend. Fraglich…

Ein Fazit?

Um es kurz zu machen. Ich habe es sowohl in der Woche so um 4, als auch am Samstag so um 1 Uhr wieder versucht. Gleiches Ergebnis. Ob nun mit oder ohne Musik. Bei bewölktem Himmel oder Sonnenschein. Eine Wonne ist es nicht, außer man mag wie ich ein wenig das Abenteuer, aber auch dafür gibt es Besseres. Die Aufregung, insofern es eine solche überhaupt gab, kann ich selbst über die von mir versuchten Ansätze nicht verstehen. Wer mit dem Rad fahren will, findet einfachst und schnell bessere Wege. Wer in der Potdamer Straße etwas erreichen möchte, muss sowieso irgendwann am Zielort anhalten und kann davor etwas langsamer und vorausschauender fahren. Und sonst ist die Potsdamer Straße halt ein viel befahrene Straße, das hört man schon von weitem. Aber gerade weil man das von weitem hört, und die Situation nicht erst seit gestern der Fall ist, bleibt die Frage offen, warum da nicht längst etwas dran getan wurde, damit man auch ohne Musik entspannter auf dem umweltverträglicheren Zweirad durch die Potsdamer Straße rollen kann.

Teil 3: In den Park

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