Häuser, Menschen, Lebensmodelle.

 Von HU-Gastbloggerin Izabella

Aus einem besetzten Haus wird ein soziales Wohnprojekt.

Das älteste Projekt des SSB ist das Jugendzentrum Drugstore in der Potsdamer Straße, doch es ist nicht das einzige. In der Mansteinstraße befindet sich ein weiteres, selbstständig organisiertes Wohnkollektiv. Hier finden GeringverdienerInnen günstigen Wohnraum, zahlreiche Lern-und Beschäftigungsmöglicheiten oder Hilfen bei, beispielsweise, Ämtergängen. Es gibt auch Räume für Gäste, mehr oder weniger zufällig in die Gegend geratene BesucherInnen oder Umherziehende. In den frühen 70ger Jahren gegründet, hat der SSB auch das Tommy Weisbecker Haus in seiner Obhut.

Ich treffe Ralf, der seit ungefähr 3 Jahren Gast im Wohnkollektiv ist und mittlerweile zur Stammbesetzung zählt. Er kam damals zufällig dazu, wollte eigentlich nur ein Bier trinken. Er fand es nett und kam öfter. Seitdem kocht er an manchen Montagen in der ‚Volksküche‘, oder ‚Küche für Alle‘, wie es – politisch korrekter – heißt. Zum Essen sind alle willkommen, der Name ist also keine leere Hülle .

Momentan leben in dem Haus etwa 20 Leute. Ganz verschiedene seien das, sagt Ralf. Eine Mutter mit zwei Kindern, Griechen, Syrer, Türken und Spanier. Es ist nicht nur eine Notunterkunft für kurze Zeit. Viele entscheiden sich bewusst Teil des Kollektivs zu werden.  Sie haben Aufgaben und engagieren sich im Haus. Einige mehr, andere weniger. So wie das eben so ist. Es machen nie alle gleich viel, aber die Toleranzgrenze der Bewohner liegt recht weit oben.manstein1

Von außen sieht das Haus punkig aus, auf der rot grundierten Fassade sind Bilder, etwas  abgerockt. Manchmal hört man laute Musik. Aus geselligen Gründen wäre ich nicht einfach so hingegangen, doch diesen Montag gehe ich einfach mal hin, ohne vorher zu wissen, was aufgetischt wird.

Es ist nicht leicht, die Klingel zwischen all den Aufklebern und Graffitis ausfindig zu machen. Man muss die Tür ein wenig anstarren, bevor sie sichtbar wird, dann wartet man auf den Einlass. Ein kleines Fenster wird geöffnet, man wird kurz beäugt, wir kommen rein. An der Theke sagt man, dass man essen möchte und bekommt für 2 € ein abgegriffenes Dominosteinstück mit Tieren drauf, dies muss man später in der Küche vorlegen. Auf der Tafel steht mit Kreide geschrieben, dass es heute Blumenkohl mit Kartoffeln und Gemüse gibt. An  manchen Montagen machen sich die Freiwilligen in der Küche auch die Mühe, die Wahl zwischen vegetarischen und fleischigen Gerichten zu gewähren. Heute nicht, aber das scheint niemandem den Hunger zu verderben.

Eine ‚Küche für Alle‘, mitten im Kiez. Man bekommt es kaum mit, doch es ist da, anscheinend in über 100 verschiedenen Standorten in Berlin verteilt. Auf freiwilliger Basis werden über Wohnprojekte solche Essen veranstaltet und in Eigenregie der MitbewohnerInnen geplant und bewerkstelligt. Inklusive Einkauf, Vorbereitung, Abwasch. Meist wird für ungefähr 20-40 Leute geplant.manstein3

Diesen Montag stehen zwei Spanier in der Küche. Eine gesittete Reihe von Wartenden bildet sich vor der Ausgabe, jeder bekommt zwei Rösschen Blumenkohl und eine filetierte Kartoffel, gefüllt mit Zucchini und bunter Paprika auf den Teller, umrahmt wird das alles mit knusprig gebackenen Kartoffelspalten und einer sahnigen Soße. Neben dem Besteck steht eine große Schüssel mit buntem Salat, aus der man sich selbst bedienen kann.

Nicht nur, dass das ganze Arrangement sehr hübsch anzusehen ist, es schmeckt tatsächlich sehr gut. Und hier werde ich mit meinen Vorurteilen konfrontiert, denn ich hatte zu Hause schon zwei Stullen gegessen, damit ich den Laden nicht wieder hungrig verlassen muss. Ja, ich hatte eher mit einem Chilli con carne, lieblos auf den Teller geklatscht, gerechnet. Doch mein erstes Essen in der Volksküche ist ein kulinarischer und geselliger Erfolg.manstein2

 

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Winterkurses 2015 “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität.

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