Kai Pünjer – Frischer Wind im Kiez

Geschrieben von HU-Gastbloggerin Paula.

image222 Jahre jung / politisch-engagierter Wahlberliner / 2011 aus Hamburg hergezogen / wohnt in der Nähe vom Nollendorfplatz /
im 3. Lehrjahr / Ausbildung bei Walter Services zum Kaufmann für Dialog-Marketing / möchte nach der Ausbildung studieren und sich selbstständig machen / trägt gern ausgefallene Kleidung / Silberschmuck und Accessoires / mag Kunst und klassische Musik / aber auch Charts / wie Lady Gaga, Rihanna, Miley Cyrus / liebt es die unterschiedlichsten Menschen kennen zu lernen / schlendert gern durch die Kaiser-Wilhelm-Passage / genießt das Kiez-Leben / ist bei der CDU / arbeitet lokal-politisch lieber für keine Partei / z.B im Quartiersrat Schöneberg und in der IG Potsdamer Straße / „Ich möchte, dass sich etwas ändert, wo ich dahinter stehen kann.”

Kai, wie bist du dazu gekommen, dich im Quartiersrat und in der IG Potsdamer Straße zu engagieren?

Das mit dem Quartiersrat war eigentlich eine Momententscheidung. Ich saß in der Wahlrunde, weil ich mich informieren wollte, wie das bei uns im Kiez so läuft. Da ist mir aufgefallen, dass sich keiner für den Jugendbereich interessiert und mit den Prostituierten befassen will. Ich hab mich also zu Wort gemeldet. Darauf wurde mir geraten: Lass dich doch aufstellen. Jetzt sind das meine Aufgabenbereiche, also die Jugend hier im Schöneberger Kiez und Prostitutionshilfe: Ich arbeite mit dem Frauentreff OLGA zusammen.

Das Engagement in der IG Potsdamer Straße hat sich erst im Laufe der Zusammenarbeit mit Barbara Krauß entwickelt. Sie hat mir vorgeschlagen mal mitzukommen. Als ich gesehen habe, dass die Leute ähnliche Ansichten haben, bin ich eingetreten. Da geht es weniger um Jugend oder Frauen, sondern um Bauprojekte und so weiter.

Wie sieht die Jugendarbeit aus, die du machst?

Wir haben verschiedene Hortverbindungen, zur Villa Schöneberg oder dem Pallasseum. Da bin ich alle 14 Tage und mach mit den Kids und Jugendlichen Freizeitgestaltung. Wir gucken, wie wir z. B Fußball-AGs gründen können und machen Tanzgruppen. Ich geh ein mal im Monat von Schule zu Schule und führe das Lehrer-Votum durch. Da können Schüler_innen die Lehrer_innen bewerten, äußern, was sie stört. Wir geben das dann anonym an die Lehrer_innen weiter, damit die sich die Kritik durch den Kopf gehen lassen. Ansonsten beteilige ich mich an der AG- und Pausenplanung.

Was ist der Frauentreff OLGA und was machst du dort?

Das ist eine Verpflegungsstelle für die Frauen, die sich prostituieren, wo sie sich günstig eine warme Mahlzeit kaufen, sich medizinisch untersuchen lassen können und kostenlos Kondome oder Spritzen bekommen. Die trans_sexuellen Frauen, die in der Frobenstraße stehen, können natürlich auch dahin. Oft ziehen sie sich dort um und lagern ihre Sachen.
Ansonsten macht OLGA auch Kochkurse, hat einen Ruheraum und
es gibt ein mal im Monat eine Runde, wo jede Frau den Raum hat, etwas zu besprechen. Meist sind das Gewalterfahrungen. Wir fragen dann, wie wir helfen können. Wenn die Frau eine Anzeige erstatten will, begleiten wir sie zur Polizei usw.
Das läuft eigentlich von alleine. Ich bin einfach da, hör mir das ganze an und bring etwas frischen Wind als Junge in die Runde. Alles, was medizinisch ist, damit hab ich nichts zu tun, aber wenn ich betreuen und begleiten kann, mach ich das natürlich.

Gibt es etwas, das du kritisieren möchtest?

Ja, was die Jugendarbeit betrifft. Wir wollten vom Quartiersrat aus Bewerbungshilfe einführen, was wir leider nicht durch gekriegt haben. Das ärgert mich, weil wir genügend Jugendliche haben, die z.B bei Kaisers aushelfen, weil sie nichts anderes kriegen. Viele wissen nicht, wie eine Bewerbung aussehen soll oder ein Lebenslauf.

Ansonsten würde ich mit den Frauen viel enger zusammenarbeiten, um ihre Situationen den Menschen im Kiez näher zu bringen. Wenn ich meinen Nachbarn oder meine Kollegen frage, heißt es immer nur: „Sie müssen weg, sie sind schlecht, sie sind laut”. Es stimmt, dass die Frauen auch mal lauter sind, aber ich finde, wenn man sich für den Hintergrund nicht interessiert, darf man sich über das Offensichtliche auch nicht beschweren.

Die Prostitutionsdebatte ist ja seit Alice Schwarzers letztem Buch wieder sehr aktuell. Die einen wollen Prostitution verbieten und die anderen verteidigen Sexarbeit als selbstbestimmten Beruf. Tendierst du zu einer Position?

Sexarbeit ist gerade hier ein großes Thema. Wir haben hier im Kiez sowohl die klassische „schlechte Frau”, die schwarzarbeiten muss, einen Zuhälter hat und von dem Geld, das sie verdient nahezu nichts sieht. Dann gibt es aber auch die Frau, die das freiwillig macht und jederzeit aufhören kann. Am liebsten wäre mir natürlich, dass das alle Frauen machen, weil sie es wollen. Ich verstehe beide Seiten, aber verbieten? Das bringt keinem was. Und die, die sich beschweren: Man kann sich ja auch informieren, bevor man herzieht. Das hab ich auch gemacht und irgendwo gehört das halt auch einfach zum Kiez.

Gibt es eine besondere Erfahrung, die du in diesem Kiez gemacht hast und gerne teilen möchtest?

Vor drei Jahren, eine Woche nachdem ich hergezogen bin, war das Motzstraßenfest. Für mich war das absolutes Neuland, ich war gerade 19 geworden. Das waren Eindrücke, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde und meine erste Erfahrung mit der schwulen Community. Nach diesem Wochenende war mir klar, dass ich nicht immer steif da sitzen und mich über Politik unterhalten muss, was früher mein Lebensinhalt war. Anders als bei meinen Eltern, die sehr streng sind, muss ich hier nicht permanent darauf achten, wie ich sitze oder stehe. Ich glaube, dass mich dieses Wochenende zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

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