„Maikäfer flieg….“ – Hochbunker Pallassstraße

Wie die Geschichte lehrt, sind seit 1945 weiterhin beständig Kriege geführt worden. Dies kann als Motto der Ausstellung „Maikäfer flieg“ verstanden werden. Sie eröffnet am 1. September 2009 im Hochbunker Pallasstraße aus Anlass des 70sten Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen und des Beginns des 2. Weltkrieges. Im Mittelpunkt stehen Arbeiten des Künstlerehepaares Lilli Engel und Raffael Rheinsberg. Ergänzt durch die Dokumentation zur Geschichte des Hochbunkers und den KriegsKinderBilder „Mit anderen Augen.“

Die Arbeiten von Lilli Engel und Raffael Rheinsberg werden in zwei langen Schutzräumen präsentiert. An einer Wand, kleinformatige Bilder von Lilli Engel, verhängt mit schwarzem Tuch. Daneben steht das Datum, an dem der Irakkrieg ausbrach. Die Tücher eine Reminiszenz an Karfreitag, den Tag der Stille und Trauer, an dem in vielen Kirchen alle Bilder verhängt werden. Verhängt

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Lilli Engel, „Ghazni“, 2008

Lilli Engels großformatigen Bilder tragen die Namen afghanischer Städte. Die Künstlerin produziert sie in einem Prozess des Abreibens, Abkratzens und Tilgens von Farbe. Sie muten abstrakt an, doch tragen die Idee der Verletzung und Beschädigung in sich.

Raffael Rheinsberg beschäftigt sich immer wieder mit der deutschen Geschichte und ihren Folgen. In seinen Installation präsentiert er Relikte, Gegenstände und Materialien aus der Katastrophe Krieg. In diesem Fall sind hunderte Elemente und Maschinenteile aus U-Booten und Panzern auf dem Boden ausgebreitet. Exakt in Reih und Glied.

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Raffael Rheinsberg „Rock around the bomb“, Amersfoort 2003

Weit hinten im Raum steht eine Figur von einem Tuch verhängt. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich als Bombenattrappe. An den Wänden deutsche und russische Gebrauchsanweisungen vom Bau von Bomben, Flugtechniken uvm.

Hier schließt sich der teuflische Kreis. Denn es waren russische ZwangsarbeiterInnen, die von September 1943 bis Anfang 1945 diesen Hochbunker als Bunker für das Fernmeldeamt in der Winterfeldstraße errichten mussten. Untergebracht waren sie und ihre Familien, inklusive kleiner Kinder, in der benachbarten Augusta Schule (heute Sophie-Scholl-Oberschule), aus der erst vor kurzem die Schülerinnen aus Sicherheitsgründen evakuiert worden waren. Es waren russische Soldaten, die diese Menschen aus ihrer Pein befreiten.

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1944-1945 Der Bunker mit Baugerüst von der Potsdamer Straße aus gesehen. Im Vordergrund sind rechts die Trümmer der durch Luftangriffe zerstörten Häuser Pallasstraße 1-7 zu erkennen. Aus Angst vor Spionage war untersagt, Luftschutzanlagen wie Bunker und Luftabwehrstellungen zu fotografieren. Dieses Verbot erklärt auch den Umstand, dass es außer dem in dieser Ausstellung gezeigten Foto des Bunkers aus der Bauzeit kein weiteres gibt. Foto: Hanns Hubmann Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz (bpk)

Der Bunker wurde nie fertig gestellt. War ab 1950 verschlossen. Wurde 1977 von der Wohnanlage Pallasseum überbaut. Und erst 1986 gegen erbitterten Protest wieder hergerichtet. Er hat noch heute die Funktion eines zivilen ABC-Schutzbunkers.

Die Geschichte des Bunkers, wiederum, haben SchülerInnen der Sophie-Scholl-Oberschule erforscht. Denn Mitte der 90er Jahre nahmen ehemalige ZwangsarbeiterInnen den Kontakt zu Berlin wieder auf und hatten das Glück an der ehemaligen Schule – der heutigen Sophie-Scholl-Oberschule – auf offene Ohren zu treffen. Im Jahr 2002 wurde das Schulprojekt „Ort der Erinnerung“, durchgeführt von Schülerinnen und Schülern, den Lehrkräften Bodo Förster und Andrea Busse und der in lebenden nordspanische Bildhauerin, Cristina Artola der Öffentlichkeit übergeben.

Während das Projekt der Sophie-Scholl-Schule die deutsche Vergangenheit in die Gegenwart holte, wandten sich eine andere Gruppe Berliner StudentInnen, LehrerInnen, SchülerInnen und KünstlerInnen im Jahr 1999 dem zu der Zeit tobenden Krieg im Kosovo zu. In Berliner Flüchtlingsheimen und in den überfüllten mazedonischen Lagern albanische Kinder ermutigten sie Kinder, ihre traumatischen Kriegserlebnisse zu zeichnen und zu malen. Kurz nach Kriegsende wurden dann Einweg-Kameras an Schulkinder in Prishtina, Prizren und Djakova verteilt, die in erdrückenden Bildern ihren Alltag im zerstörten Nachkriegskosovo festhielten. „Ich denke oft an den Krieg“, heißt das Projekt des Vereins MaikäferFlieg e.V.

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Viele BesucherInnen werden den Hochbunker voller Neugierde betreten. Vielleicht waren sie noch nie in einem Bunker, vielleicht ist der Bunker ein Stück ihres Lebensalltags im Schöneberger Norden. Das ist spannend.

Von außen ist er grau und klotzig.  Drinnen ist zunächst alles hell. Weiß getünchte Wände, es riecht etwas muffig, doch ist nicht klaustrophobisch in den großen Ausstellungsräumen und dem hohem Treppenhaus.

In einem Raum wird dann das Licht ausgeschaltet sein. Die fluoreszierenden Streifen an den Wänden werden das einzige Lichtquelle sein. Ein bisschen dran an der Realität und dem Notfall in solch einem Gebäude, wenn der Strom ausfällt.

Und wenn man wieder hinaus gelangt, egal ob ins Sonnenlicht oder in grauen Septemberregen sieht man die kleine Grünfläche, die bunte Graffiti, die Zementwand gegenüber anders, hört den Verkehrslärm der Pallasstraße mit Erleichterung.

In ihren einzelnen Bestandteilen sowie in ihrer Gesamtheit an diesem authentischen Ort ist „Maikäfer Flieg…“ eine aufrüttelnde Inszenierung.

Veranstalter Kunstamt Tempelhof Schöneberg
Ausstellungsdauer: 02.09.-25.10.2009
Di- So 10-18 Uhr – Eintritt frei –
Hochbunker Pallasstraße 30
Eröffnung 01.Sept.2009 19.00 Uhr

Das Gebäude ist nicht barrierefrei
Kinder unter 14 Jahren nur in Begleitung Erwachsener
Sonderführungen für Kinder und Jugendliche
Anmeldung für Gruppen und Schulklassen Tel. 90277-6964

draussen

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