Peep Show ohne Freier

Passanten schenken den Auslagen des Sex Kaufhauses LSD in der Kurfürstenstraße aus verschiedenen Gründen keine bemerkenswerte Aufmerksamkeit: Scham …. entdeckt zu werden, sich zu langweilen, ästhetisch unbefriedigt zu bleiben.

KUNSTimSCHAUFENSTER

Plakat

Nun laden drei Künstler und eine Künstlerin von der Potsdamer Straße zum expliziten Hinschauen ein. Unter dem Titel FATA MORGANA wollen Walter Gramming, Gerhard Haug, Rolf Hemmerich und Anita Staud mit ihren Kunst-Installationen auf Konfliktthemen reagieren, die sie als Liebe, Sex und Triebe. Das Verhältnis von Mann und Frau. Mythologie und Religion. Ethik und Moral beziffern. Mit ihrer Kunst im Schaufenster machen sie eine eigene Rechnung auf: Love+Sex+Dreams : Emotionen = Kunst.

Zur Vernissage gab es eine laszive Tanzperformance von Dame in rot und einen kunsthistorischen Schnelldurchlauf durch die lange Geschichte der Kunst/Prostitution, in dem alle dem Thema verwandten Klischees, Merkmale, Phänomene angerissen wurden.

Mit diesen arbeiten auch die Künstler. Rolf Hemmerich weist mit Obst, Schlange, Plüsch-nicht-Playboy-Hasen auf die „Sündenfalle“ (ja der kleine Unterschied zum Sündenfall ist gewollt). Und lässt die Schlüssellochperspektive auf mehrere seiner schön gestalteten Skulpturen zu.

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Rolf Hemmerich - Sündenfalle (Ausschnitt)

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Rolf Hemmerich - Schlüssellöcher (Ausschnitt)

Gerhard Haug setzt geöffnetes Obst vor Füße, Scham, Knie, Oberkörper zweier Menschen. Die „Geteilte Realität“ ist auf mehren Monitoren zerstückelt und die recht androgynen Personen kopflos.

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Gerhard Haug - Die Teilung des Realen (Frau)

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Gerhard Haug - Die Teilung des Realen (Mann)

Walter Gramming geht die ganze Sache gesellschaftskritisch an und plädiert „Gute Arbeit (für alle)“ auf einem roten Banner aus Demokreisen. Gelber Gummihandschuh, abgeschabte Kleidung auf Wäscheständer passen nicht zu der schick aufreizend bekleideten Dame daneben. Würde sie für die Rechte ihrer sehr wohl und sehr schlecht bezahlten Kolleginnen auf dem lokalen Straßenstrich  demonstrieren. Ihnen bessere Lohnchancen verschaffen?

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Walter Gramming - Gute Arbeit (für alle)

Allein Anita Staud nähert sich den auf der Kurfürstenstraße arbeitenden Frauen ganz persönlich. Vor einigen Monaten begann sie die Prostituierten im Frauentreffpunkt „Olga“ zu porträtieren. Seit die Frauen Interesse am eigenen Malen bekundeten, trifft sie sich regelmäßig mit ihnen. Nun hängen Stauds Skizzen und Malereien neben denen der anonymen Frauen. Porträts berühmter Mätressen lassen ahnen, dass diesen Frauen sehr wohl auch Respekt gezollt wird.

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Anita Staud - Eine Schaufensterinstallation in drei Ebenen

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Anita Staud - Eine Schaufensterinstallation in drei Ebenen

Weder Prostitution noch Konflikte sind neu im langjährigen Straßenstrichmilieu auf der Potsdamer, Kurfürsten-, Froben-, Bülow-, Genthinerstraße. Vor zwei Jahren kochte die Auseinandersetzung hoch, als der Betreiber des LSD Sven Hurum an den Betreiber eines Laufhauses vermieten wollte. Fast war das Projekt schon durch die Bezirksamtsgenehmigung geflutscht, da gingen die AnwohnerInnen erfolgreich dagegen auf die Straße.

Seitdem hat es Gesprächsversuche gegeben, doch viel zu häufig enden sie in unversöhnlichen Positionsbestimmungen dafür/dagegen. Wenig geredet wird von der allgemeinen Bevölkerung mit den Prostituierten selbst. Deshalb ist die Initiative der KünstlerInnen begrüßenswert. Schade es, dass niemand aus der Geschäftsleitung des LSDs das Gespräch bei der Vernissage suchte.

Und noch jemand bleibt in dieser Runde der künstlerischen Visualisierung und Annäherung an den realen Straßenstrich außen vor: der Freier. Ob sich in den nächsten Tage beim künstlerischen Betrachten der Schaufenster Dialoge ergeben?

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P.S. War eigentlich jemand bei Puff-Trödel, der am selben Tag nachmittags bei Molly Luft stattfand? Eine amüsante Ankündigung finden Sie hier

Eine Antwort zu “Peep Show ohne Freier

  1. Irgend ne Ahnung wie sehr das verallgemeinerbar ist?

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