Portrait Daniel

Das Portrait ist entstanden im Rahmen des Winterkurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität
Portraitiert von Johann

Es war wohl nicht die beste Idee meines Lebens dieses Gespräch mit Daniel aufgrund meiner Nikotinabhängigkeit in den tristen Innenhof zwischen parkenden Autos zu verlegen. Vereinzelt fallen dicke Tropfen vom Himmel und uns umgibt immer noch die kalte, grau-suizidale Stimmung der letzten Monate. Daran kann auch die schneebematschte Bank auf der wir sitzen nichts ändern. Daniel ist viel zu dünn angezogen: ein blaugrauer Pulli mit Schalkragen und eine dieser dünnen Beaniemützchen, die kaum etwas bringen. Ich würde ihm ja noch schnell etwas stricken oder ihm zumindest meinen Mantel ausleihen, aber wie sähe das denn aus? Wir kennen uns schließlich gar nicht. Dennoch fühle ich mich dafür verantwortlich, dass Daniel vor Kälte bibbert und seine Lippen allmählich violett anlaufen.

100_2297aDaniel schreibt Gedichte und baut momentan einen eigenen Lyrik-Blog auf, mehr weiß ich über ihn nicht. „Gedichte. Warum?“ „Da ich schon immer fasziniert war am Aufeinandertreffen und der Kombination sowohl passender als auch absolut unpassender Worte und Wortbausteine führten mich mit der Zeit zwangsläufig zur Lyrik und später dann auch zur Philosophie.“ Ich hingegen vermute irgendeine charismatische Lehrerpersönlichkeit in seiner Schulzeit, doch da liege ich falsch. „Konkrete Vorbilder habe ich eigentlich nicht. Ich halte das auch für unproduktiv. Sicherlich, es gibt Leute, die ich bewundere und die mich auf verschiedene Arten inspirieren, Morgenstern beispielsweise, aber wenn ich schreibe, denke ich nicht: ich will das jetzt wie Goethe, Schiller und Co. machen. Mein Vorgehen ist da rein subjektiv und auch ambivalent. Schreiben kann für mich also sowohl assoziativ als auch analytisch sein, obsessiv, aber auch das totale Gegenteil. Wichtig ist, dass man nicht an einen toten Punkt kommt.“ Mich interessiert, welchen Stellenwert der öffentliche Vortrag seiner Texte für ihn hat, schließlich gibt es ja unzählige Lesebühnen in der Stadt. „Ich bin recht schüchtern.“ „Zu schüchtern für eine kleine Lesung?“ „Nun, allmählich kann ich mir das schon vorstellen, aber die einzige vergleichbare Erfahrung, die ich habe, ist die als Sänger einer Metallband.“ Metall ist nicht unbedingt die Musik, an die ich denke, während mir Daniel gegenübersitzt, aber ich weiß ja auch nicht, welche Frisur sich unter seiner Mütze verbirgt. “ Das war natürlich etwas anderes und die Texte standen da naturgemäß auch wenig im Vordergrund. Der Blog soll ein erster Schritt sein. Lesebühnen? Warum eigentlich nicht?“ Daniel ist sich bewusst, dass es Zeiten gegeben hat, in denen ein Gedicht es wahrscheinlich leichter hatte, eine gewisse Durchschlagskraft zu entwickeln und was er damit in Verbindung bringt ist, dass der Typus einer gesteigert-subjektiven Autorpersönlichkeit bereits im letzten Jahrhundert auf dem Rückzug war. Allzu absolut will er dahingehend aber auch nicht verstanden werden. Es bleibt noch etwas Zeit für ein paar Witze über Günter Grass, der es ja immerhin im letzten Jahr mit einem Gedicht in die Tagesschau geschafft hat. Da mittlerweile aber Daniels Zähne klappern, erlöse ich ihn von unserem Gespräch und hoffe, dass ich mal etwas von ihm lesen darf.

 

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