(Sub)Kulturforum Berlin

Neue Nationalgalerie Berlin

Neue Nationalgalerie Berlin

Von Gastblogger Paul

Sinfonien der abendländischen Hochkultur und Schürfwunden, abstrakte Malereie und Wachs auf Marmorkanten, interessante Plastiken und das Geräusch von Polyurethanrollen auf Schiefergestein. Oder kurz: Kultur-Establishment und Skateboarding – wie passen diese Dinge Zusammen? Gar nicht? Vielleicht. Dennoch: Es gibt einen Ort, der sie zusammenbringt. Symbiose, Koexistenz oder Parallel-Realität – entscheiden Sie selbst.

Ein Forum der Kultur

Südwestlich vom Potsdamer Platz wurde in den 1960er Jahren der Bau der neuen kulturellen Mitte der City West begonnen – dem Kulturforum Berlin. So schlüssig das damalige Konzept – die kulturelle Beschneidung der City West durch die Berliner Mauer zu kompensieren – auch scheinen mag, so kompliziert war dennoch dessen Umsetzung. Planung und Bau sollten Jahrzehnte in Anspruch nehmen und waren begleitet von einer Vielzahl von architektonischen Ausschreibungen, verworfenen Ideen und Entscheidungsschwierigkeiten. Heute setzt sich das Kulturforum Berlin aus diversen Museen wie z.B. der Neuen Nationalgalerie, der Gemäldegalerie und dem Kupferstichkabinett, sowie der Berliner Philharmonie und der Neuen Staatsbibliothek zusammen. Sind die fertigen architektonischen Puzzleteile des Kulturforums im einzelnen auch hochgelobt und anerkannt – man denke hier z.B. an Ludwig Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie oder Hans Scharouns Philharmonie – so erklären Kritiker das Kulturforum als Gesamtkonzept in architektonischer Hinsicht dennoch als gescheitert: zu weitläufig und zu zerschnitten durch den Straßenverlauf der Potsdamer Straße sei das Areal, zu groß die Distanzen zwischen den einzelnen Gebäuden. Nichts desto trotz – das Kulturforum existiert und bietet gerade aufgrund seiner Kombination aus verschiedensten architektonischen Besonderheiten neben der Kultur auch der Berliner Subkultur ein Zuhause: dem Skateboarding.

unkonventionelle Architektur

unkonventionelle Architektur – wie gemacht für Skateboarding

Skateboarding als Kunstform

Skateboarding geschieht im urbanen Raum. Das Skateboard wird zum Instrument einer neuartigen Nutzung der eigenen Umwelt, welches bestehende Konventionen verwirft. Getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ betritt der Skateboarder die urbane Landschaft nicht um von A nach B zu gelangen, sondern zweckentfremdet sie im Moment des Betretens durch die eigene Kreativität zu einer Quelle der physischen und psychischen Erquickung. Zu den wichtigsten Eigenschaften zählen hierbei Kreativität, Begeisterung und die völlige Abwesenheit von Konfliktscheue. Diese Eigenschaften sind auch der Kunstwelt nicht fremd und so ist es kaum verwunderlich, dass sich die internationale Skateboardszene seit Jahren mehr und mehr der zeitgenössischen Kunstszene annähert, was skateboardfahrende Künstler wie Roberto Cuellar, Sergej Vutuc, Pontus Alv oder Ed Templeton zeigen.

Skateboarding am Kulturforum

Spätestens seit dem Bau des letzten Puzzlestücks – der Gemäldegalerie – ist das Kulturforum das Zentrum der Berliner Skateboardszene. Nirgendwo sonst befindet sich eine derart interessante und unkonventionelle Architektur in einer solch konzentrierten Form. Bereits vor der Fertigstellung der Gemäldegalerie wurde dort geskatet. Die Protagonisten der damaligen noch recht überschaubaren Szene kletterten nach Arbeitsschluss der Bauarbeiter über die Bauzäune und nutzten die „Baustelle“ somit bereits bevor sie der breiten Öffentlichkeit zugänglich war. Bis heute, Generationen von Skateboardern später, wurde der Name „Baustelle“ für das Areal beibehalten.

Konfliktpotential

Skateboarding ist rau, laut und hinterlässt Spuren und wirkt auf den ersten Blick nur schwer mit solch ruhigen Orten wie Museen, Bibliotheken oder Konzerthäusern für klassische Musik vereinbar. Tatsächlich kam es in den letzten Jahrzenten immer wieder zu Spannungen zwischen Skateboardern und der Kulturforumsleitung, sowie Besuchern, welche sich durch den Lärm und die verschlissenen Marmorkanten gestört fühlten. Mit den Jahren pendelten sich allerdings diverse unausgesprochene Gesetze ein. Skateboarder nehmen Rücksicht auf Besucher, nutzen das Areal nicht zu den Öffnungszeiten und hinterlassen keinen Müll. Im Gegenzug ist es den Skateboardern möglich, das Areal außerhalb der Öffnungszeiten zu nutzen.

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Anders als an der Neuen Nationalgalerie oder dem Kunstgewerbemusem, fährt die Berliner Philharmonie seit einiger Zeit eine etwas harschere Politik – Skateboarding ist hier nun gänzlich verboten.

Die Kunst der Koexistenz

Das Kulturforum ist wahrlich ein Schmelztiegel der Kultur. Ob Gerhard Richter in der Neuen Nationalgalerie oder Sir Simon Rattle in der Philharmonie – die internationale Aufmerksamkeit ist stets gegeben. Umso erfreulicher ist es, dass auch die Subkultur des Skateboarding hier ihren Platzt gefunden hat, war es doch nicht zuletzt diese urbanen Bewegungskunst, welche die Architektur van der Rohes und Co. in einen neuen Nutzungszusammenhang stellte und somit auf eine ganz neue Art zu weltweitem Ruhm führte. Das Kulturforum als wortwörtliches Forum der Kultur ist demnach vielleicht doch nicht so sehr gescheitert, wie es manche Kritiker meinen.

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Dinge ändern sich, so auch die Architektur des Kulturforums. „Skatespots“ die bereits seit Anfang der 1990er genutzt werden, sollen in Zukunft abgerissen und umgebaut werden. An der Neuen Staatsbibliothek sind die Baurarbeiten derzeit in vollem Gange.

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