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Die Kurfürstenstraße

U-Bahnhof Kurfürstenstraße

Der Anfang sieht eigentlich eher aus wie das Ende. Ein Bauzaun, dahinter Sand und Schotter, aufgeschobene Erde. Der zukünftige Park am Gleisdreieck. Hier baut das Land Berlin ist dort zu lesen. Im Hintergrund fährt die U2 vorüber, zur Linken überquert die Linie 1 die Dennewitzstraße und verschwindet im Untergrund. Hier beginnt die Kurfürstenstraße. Die Bezirke Schöneberg und Tiergarten teilend, verläuft sie quer zur Potsdamer Straße, bis sie nach ungefähr zweieinhalb Kilometern am Zoologischen Garten endet.

Dort, wo die Kurfürsten auf die Potsdamer trifft, pulsiert das Leben. Es ist laut und lebendig. Menschen eilen vorbei, treten mit Tüten bepackt aus dem nahen Supermarkt, verweilen eventuell kurz, um mit Bekannten zu sprechen, verschwinden dann im Aufgang der U-Bahn oder bei Woolworth. An die Ampel geklebt, versucht ein Plakat die Vorbeieilenden für Yoga und Meditation zu interessieren. So manch einer scheint Entspannung jedoch lieber im gegenüberliegenden Love, Sex & Dreams-Shop zu suchen. Dort läuft derzeit eine spezielle DVD-AKTION! Wem ein Film nicht reicht, dem bietet die Kurfürstenstraße auf den nächsten Metern mehr. Berlins wohl berüchtigtster Straßenstrich befindet sich hier.

Ein Stückchen weiter wirbt das geborstene Lächeln eines Clowns für eine Zirkusvorstellung. Tierquäler hat jemand auf das zertretene Schild geschrieben. Dahinter eingezäunt, ein Birkenwäldchen. Eine Imbissbude bietet Bratwurst an. Und Currywurst natürlich. Von hier hat man einen guten Blick auf die 12-Apostel-Kirche. Und auf die auf Grün wartenden Autos. Auf den leeren Parkplatz. Und auf das dahinterliegende Möbelhaus. Auf die kaputte Telefonzelle. Erlebe mehr verspricht ein Werbeplakat. Unter den Füßen vibriert der Boden, biegt die U1 in Richtung Nollendorfplatz ab.

Am Café Einstein vorbei und schon in Sichtweite des Zoos, erreicht man die Kleine Nachtrevue. Recht unscheinbar von außen, enthüllen die Plakate neben dem Eingang doch sehr anschaulich, was den Besucher drinnen erwartet. Hier gibt es die Anleitung zur Domina, daneben entführt ein Cancan, zügellos und wild, die Phantasie der Zuschauer ins Paris des 19. Jahrhunderts. Überhaupt wird Fiktion hier großgeschrieben. Und mit c vor dem k. Auf der anderen Straßenseite hat man für orthographische Willkür wohl eher wenig Sinn. Hinter dem DIN-Platz befindet sich dort das Deutsche Institut für Normung, sorgen 550 Angestellte dafür, dass  ein gewisser Standard möglich ist. Und wirklich, die Gegend um den DIN-Platz erscheint ein wenig geordneter. Im Schaufenster des Souvenirgeschäfts stehen die Berliner Bären in Reih und Glied, daneben -stillgestanden!- eine ganze Kompanie Maneki Neko. Mauerstücke gibt es hier zu kaufen. Natürlich mit Zertifikat. Und im Nachbarhaus wirbt ein Zertifiziertes Institut für Thaimassage. Weniger Erfolg scheinen dagegen die Bemühungen der Berliner Stadtreinigung zu haben. Haufenweise gute Taten steht in weißen Lettern auf orangem Grund, was den meisten Hundebesitzern jedoch herzlich egal zu sein scheint. Aber das findet man ja auch in Friedrichshain.

Von HU-Gastblogger Sven