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„Wir müssen uns vergegenwärtigen, wer das Hausrecht hat.“

Carsten Spallek is not amused.

Der Bezirksstadtrat möchte gerne über seine letzte Erfolgsgeschichte in Tiergarten-Süd plaudern. Vor einem Jahr – kurz vor der Berliner Senatswahl – hatte er den langersehnten Zaun um den Magdeburger Platz eröffnet. Die Gießkanne und Schäufelchen, die ihm damals die AG Magdeburger Platz des Stadtteil-Forums Tiergarten-Süd überreichte ständen bei ihm zu Hause, erzählt er, und erinnerten ihn immer wieder daran, wie er als damaliger Bezirksrat für Bezirksstadtrat für Stadtenwicklung, Bauen, Wirtschaft und Ordnung hier Gutes her gebracht hätte.

Die Moderatorin unterbricht in sanft. Nun sei ein Jahr später, er – Carsten Spallek – sei inzwischen Stadtrat für Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Schule, Sport und Facility Management sowie zuständig für die Zentrale Vergabestelle. In dieser Funktion sei er zum Stadtteil-Forum eingeladen, ein Kennen lernen soll sein. Der Paul-Gerhardt-Raum ist mit über 30 Forumsmitgliedern und Besucher*innen gut gefüllt. Und dann ist sie da – die Allegro-Grundschule und sie wird zum Hauptthema an diesem Abend Anfang September 2017. Übrigens ist es wieder kurz vor einer Wahl. Dieses Mal im Bund. Das ist aber Zufall.

Ihnen sind Kinder ein hohes Gut
Katja Kaba, Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Allegro-Grundschule, erhält das Wort. „Es ist viel Bewegung und das ist gut,“ schickt sie voraus. Sie redet ruhig und mit Bedacht. Kurz vor den Sommerferien, sei plötzlich das Erdgeschoss gesperrt worden. Die Kinder hätten in den letzten drei Tagen des Schuljahres nachmittags nicht mehr betreut werden können. Dass mit dem lang verhandelten Einzug der KiTa Maulwurf Umbaumaßnahmen anständen, hätten sie gewusst, doch wann es soweit sei, diese Information hätte sie nur sehr kurzfristig erreicht. Eine Umzugsfirma sei gekommen, um die Möbel, die die Lehrer*innen und Schüler*innen nicht selbst transportieren konnten, umzuräumen. Die Volkshochschule sei auch wieder eingezogen. Ja und der Computerraum und auch der Serverraum seien nun verschlossen. Es könnte sein, dass die Schule nun ohne Internet auskommen müsse.

Die Berechnung des Schulentwicklungsplan (2,1 Züge) sei falsch, es seien 2,74 Züge. Die Pläne für den Umbau, noch aufgestellt von der Vorgängerin Sabine Smentek seien im Bezirksamt verschwunden. Es gäbe jetzt auf einmal drei Räume weniger. Daraufhin hätte das Bezirksamt kreativ gerechnet und auf einmal seien die notwendigen Raumgrößen verkleinert worden, so dass auf einmal Räume als Klassenräume gälten, die vorher nicht gezählt worden seien.

Wir begrüßen, dass sich der Bauleiter bei der Schulbegehung im Juli viel aufgeschrieben hat,“ sagt Frau Kaba. „Doch wir würden uns auch freuen, wenn wir nähere Erläuterungen darüber bekämen, ob es einen Zeitplan gibt.“ Der Bauleiter hätte zu bedenken gegeben, dass die Geschwindigkeit des Umbaus sich verzögern können. Dies hänge von der Schulelternschaft ab.

Ich werde hellhörig. Was ist damit gemeint? Eine Arbeitsbeschreibung à la, dass im BA nicht gearbeitet werden könnte, wenn ständig Fragen von den Eltern kämen? Ein Hinweis nun mal Ruhe zu geben. Ich sinniere darüber etwas vor mich hin.

Fläche ist ein wichtiger Rohstoff geworden
Derweil bedankt sich Herr Spallek über die Erwähnung, dass das Bezirksamt und auch er schon mehrfach in der Schule gewesen sei mit verschiedenen Vertreter*innen. Die Schule bekäme mehr Aufmerksamkeit als jede anderen Schule. „Wir haben dasselbe Ziel,“ sagt er, „aber unterschiedliche Rahmenbedingungen. Wenn dann behauptet wird, man sei nicht in Kontakt, dann möchte ich das klar und deutlich zurückweisen. Ich finde es auch nicht okay, wenn dann die Umzugsfirma an der Arbeit behindert wird, erzeugt das Stress und Mehrkosten.“

Herr Spallek spricht von gemessenen und gefühlten Temperaturen, von unterschiedlichen Raumberechnungen. „Natürlich haben sie gefühlt nicht genug Räume, wenn sie Räume abgeben müssen. Doch ob die Anzahl der Räume zu wenig oder angemessen ist, das bestimmt die Schulaufsicht und das ist die gemessene Temperatur. Fläche ist ein wichtiger Rohstoff geworden.“

Er liest aus einem Brief vor, dass der Schulserver in den Ferien verlegt und wieder angeschlossen werden solle. „Es soll noch mal geschaut werden, wie Räume zusammen gelegt werden können. Ich kann mich nur auf das Schulamt beziehen, da kann ich nichts machen, wenn dann auch noch die Senatsverwaltung sagt, dass die Flächen ausreichend sind. Das ist das, worauf ich mich stütze.“

Kommunikation ist manchmal Zuhören ohne zu Hören
Eine Mutter meldet sich zu Wort und bekennt sich, eine Teilnehmer*in an der Behinderung gewesen zu sein. 5 Minuten hätten sie auf der Treppe gestanden, die Umzugsleute hätten derweil eine Zigarette geraucht. Das sei wohl keine wesentliche Störung des Ablaufes gewesen.

Andere Eltern weisen das Argument zurück, dass es anderen Schulen noch schlechter ginge. Oder dass woanders Container stehen und die Schüler*innen aus noch schwierigeren Verhältnissen kämen. Sie weisen darauf hin, dass wir in einem reichen Land wohnten, wo eine gute Schulbildung und Bildungstk doch für alle möglich sein sollten. Außerdem seien auch hier an der Schule die JÜL Klassen mit 26 Kindern so eng besetzt wie an anderen Schulen. Sie seien da alle im selben Boot und würden sich auch gegenseitig unterstützen. Ob es keine Möglichkeit gäbe, den Mangel besser zu verwalten?

In den vielen Jahren, die ich die Schule nun begleite ( von der Fusion Grips- und Fritzlar-Homberg-Schule zur Allegro-Grundschule), den Gesprächen bezüglich der Verkleinerung und des Einzugs der Kita-Maulwurf, den unzählichen Hiobsbotschaften bezüglich Umbauten, Toilettenstrangsanierung und v.m. habe ich begonnen die Allegro-Menschen – von der Schulleitung über Kollegium zu Erzieher*inne zu Eltern mit Schüler*innen – zu bewundern. Dass sie trotz all diesem den Schulalltag nicht nur abwickeln, sondern auch noch viele wertvolle Projekte durchzuführen, Musik, Kunst und Lesen nicht zu kurz kommen zu lassen. Diese Menschen halten sich doch hier täglich auf, denke ich, sie müssen doch wissen, ob Räume zu groß, zu klein, passend für Schulunterricht, für Betreuung oder für Musikunterricht sind. Ich habe den Eindruck, dass das Bezirksamt zwar hört aber nicht zuhört.

Und dann sagt er Herr Spallek diesen Satz. „Wir müssen uns vergegenwärtigen, wer das Hausrecht hat.“

Ich höre diesen Satz als Drohung und sage das auch. Und ich schlage vor, dass der Herr Spallek doch mal einen Monat in der Schule arbeiten solle. Der Vorschlag kommt auf keiner Seite gut an. War ja auch nur eine Idee!

Die Moderatorin zeigt Empathie. Herrn Spallek stände ja wirklich mit dem Rücken zur Wand. Er spricht von Highlander Thematik (?), wiederholt den Begriff Schulplatztsunami, der auf Berlin zukomme, für den er schon vor Wochen kritisiert wurde. Sagt, das mit dem Hausherren sei keine Drohung, kein Downsizen, sondern schlichtweg eine Tatsache. „Sparen bis es quietscht, das sind alles Altlasten,“ sagt er. „Ich habe gelernt, dass Sparen etwas anderes ist als Streichen. Ja es geht um intelligentes Flächenmanagement. Ich habe gelernt, dass die Schülerzahlen steigen. Ich muss versuchen, rechtzeitig die Räume zur Verfügung zu stellen. Schulbau dauert 5 – 8 Jahre. Sagen sie mir später nicht, ich habe beschwichtigt.“

Stadtteilkoordinator Michael Klinnert sieht es anders. „Es geht doch nicht darum, die Mangelsituation weiter zu verwalten. Sondern in Richtung Qualität zu gehen. Es gab die Zusammenlegung der beiden Grundschulen, viel Streit um Bedarfszahlen und Flächenrechnungen. Das haben die Leute hier schon damals damals nicht verstanden. Qualität sollte unsere Zielrichtung sein, besonders bei der Schule. Diese Schule kommt überhaupt nicht zur Ruhe, weil sich ständig etwas verändert. Wir wollen, dass Eltern hier aus dem Quartier ihre Kinder einschulen.“

Und dann kommt mehrmals ein Hinweis von Herrn Spallek, der unbedingt hier dokumentiert werden muss. Der Hinweis darauf, dass doch vielleicht im Lernhaus noch Raummöglichkeiten seien. Nicht sofort, aber vielleicht später. Wenn denn die gemessene Temperatur ebenfalls steigt.

Schulanfang 2017/2018
In der Sitzung der AG Schule im Quartier des Stadtteil-Forums Tiergarten-Süd berichtet Schulleiterin Flemig, dass die Umbaumaßnahmen im Gange seien, doch kaum zu merken sind. „Bisher gibt es keine Lärmbelästigung, denn das Lernhaus ist direkt gegenüber, nicht die Klassenräume. Bisher gab es noch keine Klagen. Die Baucontainer und das Gerümpel, dass ausgeräumt werden musst, ist weg vom Hof. Und ansonsten ist die Tür jetzt halt zu. Wir bekommen nichts mit.“

Das etwas passiert, dass gebaut sei, dass sich die Situation wieder einmal ändere sei zu akzeptieren. Schwierig sei der Schwebezustand.

Chapeau vor dieser Gelassenheit.

Back to the roots – Ein Rheinländer auf den Spuren seiner Berliner Wurzeln

Im Gedenken an Matthias Kühnel
Ich war hoch erfreut, dass Matthias Kühnel 2014 zu einem Interview einwilligte und auch, dass dann der unten stehende Artikel über ihn erscheinen konnte. Denn so offen und hilfsbereit und rührig er im Kiez auch war, so wenig wollte er  – außer im persönlichen Kontakt – im Netz über sich preisgeben. Mit Bildern schon gar nicht. Und auch von seiner Laufbahn als Fotograf kann man nicht finden und das nicht nur damit zu tun, dass er sich der analogen Fotografie verschrieben hatte.

Doch fragte man NachbarInnen und seine MieterInnen, dann war viel Freundliches zu hören. Autoverleih, mit Anpacken bei Umzügen oder Reparaturen, Ratten bis in den Gleisdreieckpark bringen, wenn sie bei ihm im Gewerbehof auftauchten. Weiterlesen

Jörg Borchardt

Von HU-Gastblogger Lukas Grimm.

Eine normale Woche sieht in etwa so aus: Ich habe 4 bis 5 meetings zu Tageszeiten und 3 bis 4 an Abenden.  Aber es gibt natürlich keine geregelten Arbeitszeiten.“ Jörg Borchardt, 73, ist einer von 4 Vorstandsmitgliedern bei

Foto J+Ârg Borchardtder Fipp e.V. Seit 2001 vertritt er ehrenamtlich den Verein und seine 700 Beschäftigte, wobei „unsere Aufgaben eher denen eines Aufsichtsrates entsprechen“.

Ganz nebenbei ist Jörg Borchardt auch Mitglied im Quartiersrat Tiergarten Süd. „Wir entscheiden mit dem Quartiersmanagement, wie wir die Fördermittel für Tiergarten Süd am besten einsetzen können. Wir schauen allerdings auch außerhalb dieses Rahmens, wie wir uns für den Bezirk stark machen.“ So hat der Quartiersrat zum Beispiel verhindert, dass ein Laufhaus an der Kurfürstenstraße Ecke Potsdamer Straße eingerichtet wird und dass anstatt eines Parkhauses Wohnungen an der Genthiner Straße Ecke Kurfürstenstraße gebaut werden.

Der gebürtige Kreuzberger zog 1971 in die Derfflingerstraße. Seit 44 Jahren residiert er nun schon dort in „verschiedenen Konstellationen“, wie er meint. Nach der Schule machte Jörg Borchardt eine Ausbildung zum Chemotechniker und arbeitete auch 12 Jahre lang in der Industrie bis er plötzlich seinen Beruf abbrach, um das Abitur nachzuholen. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, man konnte bis zum 35. Lebensjahr Bafög beantragen und ich war damals 34 Jahre und 11 Monate alt. Das trug auf jeden Fall zu meiner Entscheidung bei,“ erzählt er mit einem Lächeln.

Nach dem Abitur folgte das Lehrerstudium für Chemie und Arbeitslehre. „Danach arbeitete ich bei dem Berufsfortbildungswerk und habe Erwachsenenbildung gemacht, vor allem im Bereich Umwelttechnik.“ Wenig später fing Jörg Borchardt parallel an, für eine Beratungsgesellschaft Förderprogramme zu Umwelt und Arbeitsförderung zu bearbeiten. „Ich kam über das Berufsfortbildungswerk dazu“ und mit der Zeit gab es dann immer mehr Förderprogramme, überall in Berlin, die er zu bearbeiten hatte.

Auf die Frage, was ihm wichtig sei, meint Jörg Borchardt „Die Benachteiligung anderer beschäftigt mich sehr.“ Sein soziales Engagement wurde 2010 auch öffentlich anerkannt als ihm der Ehrenamtspreis verliehen wurde. „Das war eine schöne Überraschung, aber mehr auch nicht“ meint er und winkt ab.

In seiner Freizeit ist Jörg Borchardt passionierter Radfahrer und begabter Handwerker. Ob Winter oder Sommer, er fährt fast alles mit dem Rad sowohl in Berlin als auch im Urlaub, wenn er zum Beispiel Freunde in Spanien besucht. Sein Talent für Handwerksarbeiten kann man an den Lehmöfen im Familiengarten in der Kluckstraße 11 erkennen.

 

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität

Über Pfosten und den Radweg Bülowstraße

„Das Alte abgelegt, das Neue angefangen. Wer am Ende Vergangenes versteht, kann Neues erst empfangen.“ Dieser Gedanke, gepostet heute zum Neuen Jahr von der Agentur A-Vitamin aus der Körnerstraße, lenkte meine Gedanken direkt zum Radweg Bülowstraße.

Dies war verständlicherweise keine logische Verknüpfung, eher eine assoziative, weil dieser Radweg sich so lange bewegte zwischen alt/neu, und begonnen/

Radweg Buelow klein 29

Auch schloss sich kein Versuch des Verstehens an, eher ein kurzes Rekapitulieren nach dem Motto: Was als Letztes geschah Weiterlesen

Nur Lippenbekenntnisse auf der Podiumsdiskussion zum Verkauf der BImA Häuser?

von HU Gastbloggerin Rocio

Eine Revolution hat niemand erwartet – fassbare Ergebnisse schon

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Hier in der Großgörschenstraße/ Katzlerstraße stehen die vom BImA Verkauf betroffenen Häuser.

Im PallasT, wo sonst Theater-Aufführungen oder monatliche Trödelmärkte stattfinden, lud der Quartiersrat Schöneberger Norden am 3.September 2014 zu der Podiumsdiskussion  “Bundesadler im Kiezflug”,  zum Verkauf der BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) Häuser – Großgörschen Straße 25-27 und Katzler Straße 10-11– ein.

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Podiumsdiskussion sind neben den Organisatorinnen Cordula Mühr und Matthias Bauer (QR Schöneberger Norden), auch schon einige Anwohnerinnen da. Diese älteren Bewohnerinnen sind – wie sich später herausstellt – bei weitem nicht leise und wissen genau was sie wollen: konkrete Antworten auf die Frage, wie es um ihren Wohnraum steht.

Anwohnerin trägt Mängelliste vor

Spätestens seit März diesen Jahres sind sie mit anderen engagierten Anwohnerinnen in der Interessengemeinschaft Großgörschen-/Katzlerstraße (GroKa) aktiv: ob auf der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), mit Protest vor der CDU Parteizentrale, einem medienwirksamen Kiezspaziergang (Video RBB Abendschau), einer Petition gegen Verkauf von Bundesimmobilien– aber die Frist zum Kauf lief ab, und ihnen würde die Chance genommen ihre eigenen Häuser– mit Hilfe der Gewobag– zu kaufen. Nun werden die Häuser zum Höchstgebot von der BImA verkauft, und als Folge sei nun mit der Verdrängung der jetzigen Mieterinnen zu rechnen.

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Transparente der Anwohnerinnen zur „sozialen Verantwortung“ des Bundes.

Worum es geht:

Die fünf Häuser gehören dem Bund, werden von der BImA verwaltet, und nun wegen “geringer Auslastung” zum Verkauf angeboten. Dies erfolgt zu dem „vollen Wert“, der nach dem BImA hauseigenen- Verkehrswertgutachten bei 7,1 Millionen liegt. Diesen, als hoch angesehenen Preis, konnte die GEWOBAG als städtisches Berliner Wohnungsbauunternehmen nicht aufbringen. Nun gehen die Häuser an die Meistbietenden. Es erscheint jedoch unmöglich diese dann nach gemeinnützigen Rahmenbedingungen zu bewirtschaften. Möglicher erscheinen teure Luxussanierungen und Eigentumswohnungen. Die Häuser im Schöneberger Norden sind kein Einzelfall. Derzeit stehen von den rund 5.000 in Berlin im Besitz des Bundes befindlichen Wohnungen 1.700 zum Verkauf.

“Nicht lukrativ zu sein, das wäre gut. “

Flyer zum Kiezpalaver am 10.September

Auch Frau L., eine ehemalige Lehrerin und engagierte Crellekiez Anwohnerin, ist schon vor der Tür des PallasT und verteilt Einladungen zum Kiezpalaver – gegen den Kiezverkauf am 10. September im O-TonArt-Theater.

Ihr eigenes Haus stehe schon seit 5 Jahren in Internet zum Verkauf, sei wohl aber uninteressant, da immer noch nicht verkauft. Dennoch könne nicht Jede hoffen, alte sichere Mietverträge zu haben, oder sogar schon “fertig sanierte Häuser”. Vielmehr seien “alle hier im Kiez bedroht: Freunde, Nachbarn, einfach  Alle”. Durch das entstehende neue, teure Eigentum wäre auch schon eine deutliche Veränderung im Crellekiez zu bemerken. Langsam würde er kippen. 

Dennoch steht die engagierte Anwohnerin Veränderung nicht grundsätzlich abweisend gegenüber: manche Neuerungen kämen einer lebendigen Infrastruktur im Kiez zu Gute. Doch würden gleichzeitig Nischen verloren gehen, wie beispielsweise entlang des Wannseegraben zwischen dem Schöneberger und dem Crellekiez, auch Crelle-Urwald genannt. Dort solle jetzt ein Fahrrad-Fernweg gebaut werden, obwohl keine 700 m weiter, an der nächsten Brücke schon einer vorhanden sei.  Freiflächen würden zu betoniert, und die kleinen wilden Parks und Ecken verschwänden.

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Auch verändere sich die Bevölkerungszusammensetzung: viele alteingesessene türkisch- oder arabischstämmige Kiezbewohnerinnen würden aufgrund der Mietpreissteigerungen gezwungen zu gehen. Dies zeige sich deutlich auf dem Spielplatz, wo nun fast ausschließlich junge deutsche Familien seien. Aus eigener Erfahrung weiß die ehemalige Leherin, dass dies der Umzug raus aus dem Kiez der letzte, unabwendbare Schritt sei: bevor die türkischen Bewohnerinnen “die Stadt” verlassen –  also an den Stadtrand ziehen – rücken sie zusammen. Das bedeutet dann, zum Beispiel, zu den Schwiegereltern zu ziehen. Sie ist vorsichtig gespannt auf den Ausgang der Podiumsdiskussion.

Mieterhaie unter sich?!

BImA Sprecher Jürgen Gehb und Dr. Jan-Marco Luczak, MdB (CDU)

Für die langsam eintreffenden Politikerinnen der verschiedenen Parteien ist dieser Termin, gleich was sie später auf dem Podium sagen werden, wahrscheinlich ein Termin unter vielen. Für die Mieterinnen der fünf Häuser geht es um einen Teil ihrer Existenz. So verwundert es nicht, daß die überpünktlich beginnende Veranstaltung sehr gut besucht ist- die 150 Sitzplätze sind restlos belegt, es wird sogar gestanden.

mehr als 150 Teilnehmerinnen: Manche stehen sogar

Bis auf den Flur hinaus stehen interessierte Anwohnerinnen.

Protestplakat

An den Wänden haben Aktivistinnen Plakate angebracht. So gut besucht der Saal auch ist, die Publikumszusammensetzung ist leider recht homogen: wenig junge, oder Zuschauerinnen mit Migrationshintergrund.

In den nächsten 2 Stunden folgt eine hitzige Diskussion, die souverän von Moderator Andreas Beckmann gelenkt wird. Es folgen obligatorische Einzelstatements der Politikerinnen, in denen die Verantwortung um den Verkauf der Häuser wie ein Spielball von Bund zu Land und zurück gespielt wird. Der anwesende Senator für Stadtentwicklung Michael Müller (SPD), möglicher Nachfolger Wowereits, wirkt besonders motiviert, aber auch ehrlich in seiner Sorge um die Mieterinnen.

NamensschilderBImA Sprecher Jürgen Gehb hingegen gibt schon zu Beginn keinen leisen Ton vor, “er sei nicht hier um gemocht zu werden”, und positioniert sich gegen das „Partikularinteresse“ der Mieterinnen. Er erntet zahlreiche Zwischen- und auch Buhrufe.

Fragen aus dem Publikum gab es genug, konkrete Antworten dagegen weniger

Publikumsfragen gab es viele

Die Aussagen der Grünen Renate Künast und Linken Azize Tank, ein Veto im Haushaltsauschuss des Bundestag einzulegen, werden mit Applaus belohnt. Auch den angenehm-unaufgeregten Argumenten von ig-groka Vertreter Thomas Hölker wird gemeinschaftlich zugestimmt. Leider werden die folgenden zwei Runden Publikumsfragen nur sehr mangelhaft beantwortet. Schuld daran tragen aber nicht die engagierten Mieterinnen, es scheint eher das Unvermögen des Bundesangestellten Gehb, und die Lippenbekenntnisse der anwesenden Politikerinnen zu sein, konkrete Antworten geben zu können.

Diskutieren im schon aufgeräumten Saal

So wird zum Ende der Diskussion zwar von allen Anwesenden ein „überparteilicher Konsens“ bezüglich des Vetos im Haushaltsausschuss beschworen – aber nicht nur Fr. L. meint hinterher gedämpft, nun müsse abgewartet werden. Die nächste Zeit würde zeigen, ob sich die Politikerinnen an ihr Wort halten würden und damit den Worten auch Taten folgen ließen.

Noch lange nach Ende der Veranstaltung um 21 Uhr stehen kleine Gruppen beisammen und diskutieren. Das Thema wird die BewohnerInnen im Schöneberger Norden noch begleiten, die Gemüter erhitzen, aber auch die Solidarität im Kiez steigern.

Wohnen und Mieten in Berlin: Bund redet von Mietenbremse – und verkauft zum Höchstpreis

Der Protest der BewohnerInnen in der Großgörschen-/Katzlerstraße gegen den Verkauf ihrer Häuser passt ins Zeitenklima und ist höchst effektiv. Dazu gehört u.a. die Erstellung der Petition  52559 „Liegenschaften des Bundes – Verkauf von Wohnimmobilien durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die über diesen Link gezeichnet werden kann.

Text der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass ein Verkauf von Mehrfamilienhäusern der BImA zum Höchstgebot ausgeschlossen ist und diese Wohnimmobilien ausschließlich an gemeinnützige, kommunale Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften verkauft werden dürfen, die eine sozialverträgliche Vermietung sicherstellen. Mietern, die sich als Genossenschaft organisieren, ist ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Um Wohnraum langfristig zu sichern, ist beim Verkauf ein Weiterveräußerungsverbot festzulegen. Mehr Info hier.  Weiterlesen

Bürgerbeteiligung à la Yorck – Straßenlandumgestaltung in mindestens 3 Akten

Wenn Sie jemand in der Winterfeldtstraße nach den Westlichen Vorplätzen an der Yorckstraße seien, könnten Sie dann eine Wegbeschreibung liefern?

Westliche Vorplaetze Yorckstrasse 05

Verwunderlich ist es nicht, dass dieses im geographischen Sinne letzte Ende des Schöneberger Nordens kaum Beachtung erfährt. Prägend für das Straßenbild zwischen Mansteinstraße und der ersten Yorckbrücke, sind PassantInnen, die im Laufschritt versuchen, die fünfspurige Yorckstraße innerhalb einer Ampelphase zu überwinden und es doch selten schaffen. Dann hasten sie zum Aufgang der S1 und kommen meist den RadfahrerInnen in die Quere, die auf dem viel zu schmalen Radweg gen Kreuzberg strampeln oder von Osten kommend in die Sackgasse der alten Bülowstraße düsen. Weiterlesen

„Konkret kann ich Ihnen nichts sagen“ – Wir schon, Herr Spallek!

Kurz vor seinem aussagekräftigen Auftakt zu einem fünfminütigen Statement war Carsten Spallek, Bezirksstadtrat für Stadtenwicklung, Bauen, Wirtschaft und Ordnung, in die bereits seit einer Stunde andauernde Quartierskonferenz gerauscht. Bevor er weiter sprach, gab er bekannt, dass er zügig zu einer Veranstaltung am Potsdamer Platz müsse. 

Wenn Sie mich fragen, wie es weiter geht,“ fuhr er dann gutgelaunt fort. „Ich weiß es nicht!“ Er ergänzte, dass „Druck und Input“ aus dem Quartier Magdeburger Platz unter anderem auch bei der Anpassung der Verkehrsführung Flottwellstraße im Bezirksamt Mitte durchaus positive Auswirkungen gehabt hätten.

Ein wertvoller Hinweis. Weiterlesen

KurfürstenCenter – und er bewegt sich doch

Kurfuerstenzentrum_Ausschuss_1Unter Top 5.1 stellte gestern Investor Franz-Josef Glotzbach im öffentlichen Teil der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung, Sanieren, Bauen und Bebauungspläne den aktuellen Stand für das Vorhaben KurfürstenCenter  an der Kurfürstenstraße/Genthiner Straße vor.

Seit vielen Jahren ist der Investor an dem Gelände dran. Nicht immer intensiv und nicht immer transparent oder mit Bürgerbeteiligung. Als 2008 die Pläne bekannt wurden, hier große Discounter, drei Parkdecks und eine Wohnetage unterzubringen, wehrten sich Quartiersmanagement, Quartiersrat und AnwohnerInnen im Gebiet Tiergarten-Süd. In einer Informationsveranstaltung wurde dem Vorhaben eine klare Absage erteilt. Weiterlesen

Barbara Krauß: Engagement für den Kiez

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Weltreise auf der Potsdamer Straße

Von HU-Gastbloggerin Janna

Zehn Jahre ist es her, dass Barbara Krauß zum ersten Mal mit dem Fahrrad durch die Potsdamer Straße fuhr und ihr Herz für diesen „lauten und dreckigen“ Fleck Erde entdeckte: Den Rewe-Markt, der ein Huhn aus Brandenburg zum wohl besten Preis-Leistungs-Verhältnis anbietet, das Restaurant Ebe Ano, wo man laut Krauß authentisches nigerianisches Essen bekommt, das Orienthaus, wo man außergewöhnliche Brautmode kaufen kann und so weiter – „Auf der Potsdamer Straße kann man eine Weltreise machen“, sagt Krauß, die heute gemeinsam mit ihrem Mann im Schöneberger Kiez lebt und arbeitet. „Und die Potsdamer Straße ist das Herz Schönebergs: Ein Herz, das unter leichten Rhythmusstörungen leidet“. Weiterlesen