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„Wir müssen uns vergegenwärtigen, wer das Hausrecht hat.“

Carsten Spallek is not amused.

Der Bezirksstadtrat möchte gerne über seine letzte Erfolgsgeschichte in Tiergarten-Süd plaudern. Vor einem Jahr – kurz vor der Berliner Senatswahl – hatte er den langersehnten Zaun um den Magdeburger Platz eröffnet. Die Gießkanne und Schäufelchen, die ihm damals die AG Magdeburger Platz des Stadtteil-Forums Tiergarten-Süd überreichte ständen bei ihm zu Hause, erzählt er, und erinnerten ihn immer wieder daran, wie er als damaliger Bezirksrat für Bezirksstadtrat für Stadtenwicklung, Bauen, Wirtschaft und Ordnung hier Gutes her gebracht hätte.

Die Moderatorin unterbricht in sanft. Nun sei ein Jahr später, er – Carsten Spallek – sei inzwischen Stadtrat für Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Schule, Sport und Facility Management sowie zuständig für die Zentrale Vergabestelle. In dieser Funktion sei er zum Stadtteil-Forum eingeladen, ein Kennen lernen soll sein. Der Paul-Gerhardt-Raum ist mit über 30 Forumsmitgliedern und Besucher*innen gut gefüllt. Und dann ist sie da – die Allegro-Grundschule und sie wird zum Hauptthema an diesem Abend Anfang September 2017. Übrigens ist es wieder kurz vor einer Wahl. Dieses Mal im Bund. Das ist aber Zufall.

Ihnen sind Kinder ein hohes Gut
Katja Kaba, Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Allegro-Grundschule, erhält das Wort. „Es ist viel Bewegung und das ist gut,“ schickt sie voraus. Sie redet ruhig und mit Bedacht. Kurz vor den Sommerferien, sei plötzlich das Erdgeschoss gesperrt worden. Die Kinder hätten in den letzten drei Tagen des Schuljahres nachmittags nicht mehr betreut werden können. Dass mit dem lang verhandelten Einzug der KiTa Maulwurf Umbaumaßnahmen anständen, hätten sie gewusst, doch wann es soweit sei, diese Information hätte sie nur sehr kurzfristig erreicht. Eine Umzugsfirma sei gekommen, um die Möbel, die die Lehrer*innen und Schüler*innen nicht selbst transportieren konnten, umzuräumen. Die Volkshochschule sei auch wieder eingezogen. Ja und der Computerraum und auch der Serverraum seien nun verschlossen. Es könnte sein, dass die Schule nun ohne Internet auskommen müsse.

Die Berechnung des Schulentwicklungsplan (2,1 Züge) sei falsch, es seien 2,74 Züge. Die Pläne für den Umbau, noch aufgestellt von der Vorgängerin Sabine Smentek seien im Bezirksamt verschwunden. Es gäbe jetzt auf einmal drei Räume weniger. Daraufhin hätte das Bezirksamt kreativ gerechnet und auf einmal seien die notwendigen Raumgrößen verkleinert worden, so dass auf einmal Räume als Klassenräume gälten, die vorher nicht gezählt worden seien.

Wir begrüßen, dass sich der Bauleiter bei der Schulbegehung im Juli viel aufgeschrieben hat,“ sagt Frau Kaba. „Doch wir würden uns auch freuen, wenn wir nähere Erläuterungen darüber bekämen, ob es einen Zeitplan gibt.“ Der Bauleiter hätte zu bedenken gegeben, dass die Geschwindigkeit des Umbaus sich verzögern können. Dies hänge von der Schulelternschaft ab.

Ich werde hellhörig. Was ist damit gemeint? Eine Arbeitsbeschreibung à la, dass im BA nicht gearbeitet werden könnte, wenn ständig Fragen von den Eltern kämen? Ein Hinweis nun mal Ruhe zu geben. Ich sinniere darüber etwas vor mich hin.

Fläche ist ein wichtiger Rohstoff geworden
Derweil bedankt sich Herr Spallek über die Erwähnung, dass das Bezirksamt und auch er schon mehrfach in der Schule gewesen sei mit verschiedenen Vertreter*innen. Die Schule bekäme mehr Aufmerksamkeit als jede anderen Schule. „Wir haben dasselbe Ziel,“ sagt er, „aber unterschiedliche Rahmenbedingungen. Wenn dann behauptet wird, man sei nicht in Kontakt, dann möchte ich das klar und deutlich zurückweisen. Ich finde es auch nicht okay, wenn dann die Umzugsfirma an der Arbeit behindert wird, erzeugt das Stress und Mehrkosten.“

Herr Spallek spricht von gemessenen und gefühlten Temperaturen, von unterschiedlichen Raumberechnungen. „Natürlich haben sie gefühlt nicht genug Räume, wenn sie Räume abgeben müssen. Doch ob die Anzahl der Räume zu wenig oder angemessen ist, das bestimmt die Schulaufsicht und das ist die gemessene Temperatur. Fläche ist ein wichtiger Rohstoff geworden.“

Er liest aus einem Brief vor, dass der Schulserver in den Ferien verlegt und wieder angeschlossen werden solle. „Es soll noch mal geschaut werden, wie Räume zusammen gelegt werden können. Ich kann mich nur auf das Schulamt beziehen, da kann ich nichts machen, wenn dann auch noch die Senatsverwaltung sagt, dass die Flächen ausreichend sind. Das ist das, worauf ich mich stütze.“

Kommunikation ist manchmal Zuhören ohne zu Hören
Eine Mutter meldet sich zu Wort und bekennt sich, eine Teilnehmer*in an der Behinderung gewesen zu sein. 5 Minuten hätten sie auf der Treppe gestanden, die Umzugsleute hätten derweil eine Zigarette geraucht. Das sei wohl keine wesentliche Störung des Ablaufes gewesen.

Andere Eltern weisen das Argument zurück, dass es anderen Schulen noch schlechter ginge. Oder dass woanders Container stehen und die Schüler*innen aus noch schwierigeren Verhältnissen kämen. Sie weisen darauf hin, dass wir in einem reichen Land wohnten, wo eine gute Schulbildung und Bildungstk doch für alle möglich sein sollten. Außerdem seien auch hier an der Schule die JÜL Klassen mit 26 Kindern so eng besetzt wie an anderen Schulen. Sie seien da alle im selben Boot und würden sich auch gegenseitig unterstützen. Ob es keine Möglichkeit gäbe, den Mangel besser zu verwalten?

In den vielen Jahren, die ich die Schule nun begleite ( von der Fusion Grips- und Fritzlar-Homberg-Schule zur Allegro-Grundschule), den Gesprächen bezüglich der Verkleinerung und des Einzugs der Kita-Maulwurf, den unzählichen Hiobsbotschaften bezüglich Umbauten, Toilettenstrangsanierung und v.m. habe ich begonnen die Allegro-Menschen – von der Schulleitung über Kollegium zu Erzieher*inne zu Eltern mit Schüler*innen – zu bewundern. Dass sie trotz all diesem den Schulalltag nicht nur abwickeln, sondern auch noch viele wertvolle Projekte durchzuführen, Musik, Kunst und Lesen nicht zu kurz kommen zu lassen. Diese Menschen halten sich doch hier täglich auf, denke ich, sie müssen doch wissen, ob Räume zu groß, zu klein, passend für Schulunterricht, für Betreuung oder für Musikunterricht sind. Ich habe den Eindruck, dass das Bezirksamt zwar hört aber nicht zuhört.

Und dann sagt er Herr Spallek diesen Satz. „Wir müssen uns vergegenwärtigen, wer das Hausrecht hat.“

Ich höre diesen Satz als Drohung und sage das auch. Und ich schlage vor, dass der Herr Spallek doch mal einen Monat in der Schule arbeiten solle. Der Vorschlag kommt auf keiner Seite gut an. War ja auch nur eine Idee!

Die Moderatorin zeigt Empathie. Herrn Spallek stände ja wirklich mit dem Rücken zur Wand. Er spricht von Highlander Thematik (?), wiederholt den Begriff Schulplatztsunami, der auf Berlin zukomme, für den er schon vor Wochen kritisiert wurde. Sagt, das mit dem Hausherren sei keine Drohung, kein Downsizen, sondern schlichtweg eine Tatsache. „Sparen bis es quietscht, das sind alles Altlasten,“ sagt er. „Ich habe gelernt, dass Sparen etwas anderes ist als Streichen. Ja es geht um intelligentes Flächenmanagement. Ich habe gelernt, dass die Schülerzahlen steigen. Ich muss versuchen, rechtzeitig die Räume zur Verfügung zu stellen. Schulbau dauert 5 – 8 Jahre. Sagen sie mir später nicht, ich habe beschwichtigt.“

Stadtteilkoordinator Michael Klinnert sieht es anders. „Es geht doch nicht darum, die Mangelsituation weiter zu verwalten. Sondern in Richtung Qualität zu gehen. Es gab die Zusammenlegung der beiden Grundschulen, viel Streit um Bedarfszahlen und Flächenrechnungen. Das haben die Leute hier schon damals damals nicht verstanden. Qualität sollte unsere Zielrichtung sein, besonders bei der Schule. Diese Schule kommt überhaupt nicht zur Ruhe, weil sich ständig etwas verändert. Wir wollen, dass Eltern hier aus dem Quartier ihre Kinder einschulen.“

Und dann kommt mehrmals ein Hinweis von Herrn Spallek, der unbedingt hier dokumentiert werden muss. Der Hinweis darauf, dass doch vielleicht im Lernhaus noch Raummöglichkeiten seien. Nicht sofort, aber vielleicht später. Wenn denn die gemessene Temperatur ebenfalls steigt.

Schulanfang 2017/2018
In der Sitzung der AG Schule im Quartier des Stadtteil-Forums Tiergarten-Süd berichtet Schulleiterin Flemig, dass die Umbaumaßnahmen im Gange seien, doch kaum zu merken sind. „Bisher gibt es keine Lärmbelästigung, denn das Lernhaus ist direkt gegenüber, nicht die Klassenräume. Bisher gab es noch keine Klagen. Die Baucontainer und das Gerümpel, dass ausgeräumt werden musst, ist weg vom Hof. Und ansonsten ist die Tür jetzt halt zu. Wir bekommen nichts mit.“

Das etwas passiert, dass gebaut sei, dass sich die Situation wieder einmal ändere sei zu akzeptieren. Schwierig sei der Schwebezustand.

Chapeau vor dieser Gelassenheit.

Das Grünflächenamt auf dem Magdeburger Platz?!

Auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de waren in letzter Zeit mehrmals Aufrufe von der AG Magdeburger Platz des Stadtteil-Forums Tiergarten-Süd zu lesen. So auch vor vier Tagen: Seit einigen Wochen trifft sich die Arbeitsgruppe Magdeburger Platz des Stadtteil-Forums regelmäßig auf dem Platz und rodet Brennnesseln. Am kommenden Samstag [ heute – 6.5.2017 ab 11 Uhr] nun werden wir dann auf den ersten 200 m² bearbeiteter Fläche säen können, bald werden dort Kornblumen statt Brennnesseln sprießen.
An diesem Tag können wir auch mit weiterer Unterstützung rechnen, da wir uns an dem berlinweiten Aktionstag Berlin machen beteiligen.
Kommen auch Sie, bringen wir Leben auf den Platz, damit wir uns dort wohlfühlen können. Weiterlesen

„Kondome, Spritzen, Fäkalien“ (Carsten Spallek) – Berlins neuer Schandfleck?

Von HU-Gastbloggerin Steffi

Die Sperrung des Magdeburger Platzes wegen „untragbarer hygienischer Verhältnisse“, wie es in der Pressemitteilung des Bezirksamtes vom 24.09. 15 dazu heißt, wurde mit  affektvollen Geschichten in Tagesspiegel, Berliner Kurier & Co dokumentiert. Von der „Kapitulation vor Schmutz und Drogen“ lesen wir da, von einem zum „Saustall“ verkommenen Park, den „die Kriminalität nun geschluckt“ habe. Aber ist der journalistische Diffamierungsfeldzug gegen den Kiez rund um die Potsdamer und Kurfürstenstraße bloß ein Garant für Absatzzahlen oder handelt es sich hier wirklich um einen zweiten „Görli“? Grund genug mich vor Ort umzusehen.

Impressionen vom Magdeburger Platz.

Freitag – 11:00
Während ich entlang des großes Bauzauns schlendere, der den erst letztes Jahr sanierten Spielplatz und die Grünanlage für Kinder und Ruhesuchende unbegehbar macht, lassen das Bild, das sich mir hier bietet, und der Gestank nach Urin keinen Zweifel an der Berechtigung des an den Eingängen zum Magdeburger Platz plakativ angezeigten Sperrungsgrundes. Ganz klar, hier gibt es ein gravierendes hygienisches Problem. Überall sehe ich Scherben hinter dem unschönen Zaun liegen, benutzte Kondome und andere Hinterlassenschaften der Prostituierten, die unweit auf der Kurfürstenstraße schon jetzt um Kundschaft buhlen. Aber gerade, als ich glaube, den dreckigsten Ort Berlins ausgemacht zu haben und mir mein Auftrag bereits erfüllt erscheint, hoppelt unvermittelt ein Häschen am Zaun entlang. Vielleicht gibt es doch Hoffnung?

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Vorbeigehende Menschen beargwöhnen mich misstrauisch ob meiner Neugier für den kleinen Park. Ich trete die Flucht nach vorn an und frage einen Mann, der gegenüber des Arbeitsgerichts sein Fahrrad abkettet, ob er ein paar Minuten hat. „Kommt drauf an, wofür?!“, gibt er missmutig zurück. Mein Stolz stößt mir sauer auf. Schnell erkläre ich mich und erfahre, dass er als Anwalt öfters hier unterwegs sei. Viel berichten könne er allerdings nicht, tagsüber bekomme er jedenfalls kaum etwas mit.

IMAG0857Ich trotte weiter zur Nordseite des Parks, bleibe stehen und schaue mich um. Eigentlich ganz friedlich, beinahe anheimelnd, auch wenn die geisterhaft wirkende Anlage und der verlassene Spielplatz einen leicht morbiden Charme ausstrahlen. Orientalische Klänge reißen mich aus meinen Gedanken. Als ich mich umblicke, vermute ich zunächst, dass das DRS-Geschäft gegenüber, das Ton- und Lichttechnik und anderes Profi-Equipment verleiht, in eigener Sache wirbt. Erst dann macht es Klick. Ein junger Mann, der hinter mir am Straßenrand parkt, hat die Musik aufgedreht und sein Fenster runtergekurbelt, nickt und zwinkert mir immer wieder bedeutungsvoll zu und formt mit seinen Lippen geräuschlos eine unmissverständliche Anfrage. Verdutzt hebe ich die Augenbrauen, drehe mich beleidigt weg und mache mich aus dem Staub.

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Blick in einen Hinterhof in der Lützowstraße

Freitag – 19:30
Alles ruhig und friedlich. Ich drehe „meine“ Runde um den Platz. Doch als ich um die Ecke zur Genthiner Straße biege, starren mich unverhofft zwei blanke Nippel wie Pupillen an. Leicht beschämt suche ich das dazugehörige Augenpaar. Irritiert blicke ich die Dame an, aber sie schlendert nur ungerührt weiter. Business as usual.

An der Lützowstraße treffe ich die Jungs vom DRS vor ihrem Laden, die gerade auf ihren Feierabend anstoßen und spreche sie auf ihren „Vorgarten“ an. Kameradschaftlich bekomme ich ein Bier in die Hand gedrückt.
Ein wenig Frust schwingt bei den Anrainern schon mit, als ich mich nach dem Bauzaun erkundige, da es das Problem offenbar nur aus dem direkten Blickfeld verdränge, nicht aber beseitige. Das gekaufte Liebesspiel verlagere sich nun nämlich auf zugängliche Hinterhöfe. Mit unangenehmen Folgen. Die Hinterlassenschaften der Damen und ihrer Freier findet die Crew jetzt allmorgendlich auf ihrem Parkplatz direkt neben dem Haus. Sie wollen nun eine neue Lichtanlage mit Bewegungsmelder installieren.
Während wir so plaudern, wird mir bewusst, dass es für Lars und sein Team eigentlich nur ein Ekelproblem ist. „Manchmal lässt mich der Blick vor die Füße meine Gehroute kurzfristig ändern“. Von Feindseligkeit oder gar Ängsten vor der Kriminalität keine Spur, und das, obwohl einmal sogar der ladeneigene Transporter aufgebrochen und kurzerhand als Hurenstube umfunktioniert wurde.
Mit meinem Wege-Bier in der Hand und beflügelt von der Toleranz und Offenheit der Kiezansässigen marschiere ich ins Red direkt gegenüber. Wieder bin ich erstaunt von der respektvollen Haltung der Inhaber, die sich spontan mit mir unterhalten. Natürlich komme es bei Staatsbesuchen nicht sonderlich gut an, wenn sich vor dem Laden ein solcher Anblick biete, aber „die Frauen sind auch nur Menschen. Sie machen auch nur ihren Job.“ Und dass man während der schlimmen Hitze im Sommer der Not mit Cola oder Wasser ein wenig beigekommen ist, wie ich heraushöre, danken die Frauen dem Lokal und Veranstaltungsort des ICD nun offenbar auf ihre Art, nämlich indem sie sich aus dem Sichtfeld der Gäste zurückgezogen haben.

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Am Parkplatz von Möbel Hübner – eine Freilichttoilette

Natürlich hofften die Betreiber, dass sich die Lage langfristig ändere und setzten dabei vor allem auf die Stadt. Dem Bauvorhaben auf dem Parkplatz des Möbel Hübner, das derzeit etwa 200 Wohnungen und kleinere Geschäfte vorsieht, sehen sie erwartungsfroh entgegen.

Dann setze ich mich auf die Terrasse vom Bistro am Magdeburger Platz, in dem ich mittlerweile Stammkundin bin und Jürgen versorgt mich mit heißem Tee, während ich auf den dunklen, verlassenen Platz schaue. „Heute ist es ruhig“, lasse ich mir sagen, „wahrscheinlich ist es schon zu kalt“.

 

Montag – 8:00
Am Platz ist es wie gewohnt ruhig. Kurzerhand entschließe ich mich dazu, mir ein eigenes Bild von der Verschmutzung im Park zu machen. Entschlossen hebele ich den Bauzaun aus, schiebe ihn ein Stück zur Seite und schlüpfe hindurch. Über das hüfthohe Eingangstor klettere dem investigativen Journalismus entgegen. Und schon stehe in der verwaisten Grünanlage.

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Hier sollten Kinder nicht spielen

Entlang des Wegrandes sehe ich benutzte Abschminktücher, Flaschen, Kondome. Auf der Wiese mache ich einen gerupften, ausgeweideten Vogel aus. Kaum blicke ich angewidert in die entgegengesetzte Richtung- ein Zweiter!

Vogelfriedhof

Vogelfriedhof

Haben sich während des Leerlaufs hier im Park etwa die städtischen Füchse ein Stückchen Grün zurückerobert? Ich überlege, ob ich dem Grünflächenamt meinen Fund melden sollte, und dass der Park nicht ganz so lebensfeindlich ist, wie befürchtet. Jedenfalls nicht für alle.IMAG0864

Kurze Zeit später entdecke ich zurück auf legalem Terrain einen Mann, der sich vor der Tür seines Verlages eine Pausenzigarette gönnt und peile ihn an. Für einen Augenblick teilen wir einen Moment der Ungewissheit und ich bilde mir ein, in seinem Blick einen gewissen Restzweifel über mich und mein Anliegen auszumachen. Zum dritten Mal stolpere ich bei meiner Recherche über meinen Stolz. Als ich auf den Zaun deute und um ein kurzes Feedback bitte, ändert sich seine Miene schlagartig und er sprudelt aufgeschlossen los, dass er sich eigentlich ganz gerne für eine Zigarette oder ein paar Sonnenstrahlen dort auf eine Bank setze, auch wenn man die Gefahr ekliger Entdeckungen mit einkalkulieren müsse. Die vielen Avancen der Prostituierten müsse man halt entschlossen ablehnen, „genau wie eben, als Sie auf mich zugekommen sind und ich mich innerlich schon gewappnet habe“, womit er meinen Verdacht von eben wieder aufgreift.

In diesem Moment macht es Klick. „Den klassischen Typ Nutte gibt es wohl gar nicht“ spreche ich meine gerade gewonnene Erkenntnis laut aus. Kopfschüttelnd verneint er. Bei dem ganzen Dreck und den zwielichtigen Freiern, werde ganz deutlich, wieviel Überwindung es die Frauen kosten müsse, sich hier anzubieten und wie groß ihre Verzweiflung sein muss. Und diese Not kann offenbar jeden ereilen, ganz egal mit welchem sozialen Hintergrund, so der Anrainer, der das Geschehen hier seit Jahren verfolgt. Seine Achtung vor dem freudlosen Alltag der Frauen und ihrer Not lässt mich aufhorchen. „Jeder Mensch hat eine Geschichte“.  Die Gelassenheit und Weitsichtigkeit, mit der mir die Menschen auf meinen Streifzügen im ‚Problemkiez‘ begegnet sind, ist erfrischend.
Seine Zigarette ist schön längst aufgeraucht, als er beklagt, dass beispielsweise das Ordnungsamt personell gut genug aufgestellt, um tagtäglich Knöllchen an sämtliche Falschparker im Kiez zu verteilen, aber der Park hier verkomme. Dabei sei eine stündliche Polizeipatrouille gar nicht nötig. Die Sträucher zu kürzen und Laternen anzubringen, würde für den Anfang schon reichen. „Mit dem Zaun werden allenfalls Symptome bekämpft, keine Ursachen behoben“.

Im Quartiersmanagement
Es ist ruhiger geworden, viel weniger Beschwerden“, erwidert Michael Klinnert, Projektleiter im Quartiersmanagement, prompt zum Stichwort Bauzaun. Weiter berichtet er, dass Beschwerden von Anwohnern und Anrainern sonst quasi auf der Tagesordnung stünden. Immer wieder fielen dabei die Stichworte Verschmutzung, Lärmbelästigung, Prostitution und Drogenkonsum. Für eine dauerhafte Lösung hält er die Sperrung natürlich nicht, viel eher denkt er an eine permanente Bezäunung mit festen Schließzeiten und Schlüsseldiensten, verwaltet vielleicht sogar durch die Anwohner selbst. „Sie müssen sich den Platz zurückerobern.“
Er ruft in Erinnerung, dass die bisher aufgelaufenen Ausgaben für  Miete und Unterhalt des hässlichen Provisoriums die Baukosten für einen permanenten Zaun schon bald überstiegen. Das Argument nämlich, das Carsten Spallek ins Feld führte,  dass dem Bezirk die Kosten für einen festen, abschließbaren Zaun fehlten, sei damit bereits ausgehebelt.
Dass der kleine Park mit Spielplatz zur Sperrzone geworden ist, erklärt er als Gipfel einer steten Zuspitzung der prekären Verhältnisse am Magdeburger Platz. „Prostitution im Vollzug, Drogenkonsum“ und damit einhergenhend die exzessive Verschmutzung.  Dies hatte zuletzt im Sommer eine schlimme Rattenplage zur Folge. Dass die vom Amt für Grünpflege bestellten Mitarbeiter sich eines Tages weigerten, mit der Säuberung im Park wie Sisyphos immer wieder ganz von vorn anzufangen, hat dann das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht und die öffentliche Nutzung war binnen kurzer Zeit nicht mehr zu verantworten.

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Herr Klinnert wirkt müde.  Er zeichnet ein düsteres Bild. Denn Maßnahmen, um Frauen von der Straße zu holen, gibt es durchaus. Und in vielen Einzelfällen erfolgreich.  Nur in Bezug auf das Weichbild des Viertels greifen die nicht, da die Fluktuation zu groß sei. Quittiert eine Sex-Arbeiterin ihren Dienst, wird von den Zuhältern einfach die nächste, oft aus Ost-Europa, auf den Bürgersteig gestellt. Echte, langzeitliche Lösungen gebe es daher nicht. So nimmt der Projektleiter denn auch die bloße Verdrängung bewusst in Kauf, schließlich seien nach Jahrzehnten jetzt auch mal andere Bezirke dran.

„Bier jeht immer“

Eingang_Magdeburge_Platz

„…von morjens um sechse bis abends um neune! “ Dahinter verbirgt sich nicht etwa ein persönliches Geständnis, sondern lediglich die Antwort auf die Frage, was sich im Bistro am Magdeburger Platz am besten verkauft.

So weit, so gut, ein typischer Späti eben. Aber weit gefehlt. Denn ein weiterer Verkaufsschlager: die belegten Brötchen und der Mittagstisch, zum Beispiel Soljanka oder Kartoffelsalat mit Boulette, selbstgemacht und für’n Appel und’n Ei. Damit locken Jürgen (wir duzen uns, alles andere wäre unpassend) und seine vier Kollegen täglich unzählige Kunden an. Da kann es schon mal richtig voll werden. Als ich mir am Vortag einen Kaffee bestelle, muss ich mir meinen Sitzplatz mit Blick auf den kleinen Park gegenüber regelrecht erkämpfen. Weiterlesen

Milieuschutz in Berlin-Mitte: Eine Geduldsprobe

Carsten Spalleks Pressemitteilung Nr. 344/2014 vom 16.07.2014 war Berliner Medien bisher keine Zeile wert. Es mag am Titel der Mitteilung gelegen haben, der gewiß in heißen Redaktionsbüros nicht gerade aufmunternd wirkt: Grobscreening zur Vorprüfung einer sozialen Erhaltungsverordnung (Milieuschutz) im Bezirk Mitte von Berlin,

Dennoch ist hier – für Verhältnisse in Berlin Mitte – ein kleiner Meilenstein erklommen und großer Widerstand gebrochen. Diese Tatsache veranlasste Frank Bertermann, stadtentwicklungspolitscher Sprecher der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in der BVV Mitte, an die „Milieuschutzunterstützer/innen in Berlin Mitte“ ein Email zu schreiben: „Nach 2 Jahren intensiver Bemühungen um Milieuschutzsatzungen in Mitte hat das Bezirksamt nun endlich mit der Ausschreibung für ein Grobscreening den erste Schritt getan, um unser Ziel zu verwirklichen.“ Er bedankte sich besonders bei den Mitgliedern des Runden Tisches Gentrifizierung Moabit und allen Referenten des Stadtentwicklungssonderausschusses „Milieuschutz in Mitte“ am 7.8.2013. Weiterlesen