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Tausche Perlen gegen Pony

Von HU-Gastbloggerin Jennifer Wilken , die auch für die neue Ausgabe von mitte(d)ran, der Kiezzeitung in Tiergarten-Süd schreibt, die im November erscheint.

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Solidarität - ( © Flickr/Jeff Bauche )

120 x 62mm Papier aus stärkefreier Baumwolle, oder auch 37,5 Gramm in jeweils 2,33mm dicken Nickel-Messing Scheiben, das sollen erwachsene EmpfängerInnen von Regelleistungen zur Grundsicherung (umgangsspr. Hartz IV) bald mehr in der Tasche haben. 5 Euro genau. Davon könnte man beim Netto in Höhe Lützowufer nach aktueller Preislage einen Brokkoli pro Woche mehr kaufen, jede zweite Woche eine Kiwi. Selbst ohne Transferleistungen wird es für viele Menschen immer schwerer ihren Lebensstandard zu bestreiten. 14% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, wie eine Studie des DIW 2010 ergab. Über 40% sind Alleinerziehende mit Kleinkindern, fast immer Frauen.

Ein Pony wird jedenfalls von 5 Euro nicht satt, und einen vernünftigen Haarschnitt gibt‘s dafür erst recht nicht. Mit einem Euro mehr könnte (Mit nur einem Euro mehr hingegen, kann sich Frau snicht nur frisieren lassen, sondern auch die Wohnung renovieren, Gitarre spielen, oder Französisch lernen – das ganze Jahr über. 6 Euro beträgt nämlich der Jahresbeitrag des Lesben- und Frauen-Tauschrings „Ladies Tauschtraum“ im Schöneberger Frauentreff BEGINE. Zumindest, wenn das Einkommen monatlich unter 750 Euro liegt. Wer mehr verdient, zahlt 12 Euro pro Jahr. Immer noch ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, wie vielfältig das Tauschangebot ist. Das Konzept ist nicht neu, aber aktueller denn je.

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Helping Hands (© Flickr/katerha )

Ladies Tauschtraum: „Jede Arbeit ist gleich viel wert“

„Zur Zeit sind wir ein Netzwerk aus ca. 50 Frauen. In letzter Zeit haben wir bei fast jedem Treffen mindestens einen Neuzugang“, erklärt Mahoney, die den Tauschring vor ca. 15 Jahren mit 3 anderen Frauen gründete. Die Idee dahinter war ein gemeinschaftliches Wirtschaften ohne Geld, bei dem keine Arbeit weniger wert ist als die andere.

Jede geleistete Stunde wird mit einer „Perle“ verrechnet, die man auf einem Konto gutgeschrieben bekommt und gegen eine andere Leistung aus dem Katalog online tauschen kann. Faires, bedarfsorientiertes Handeln, ganz ohne Geld.

„Die Frauen handeln die Details untereinander aus. Die Idee beim Tauschring ist ja auch, dass man miteinander kommuniziert, ein Netzwerk bildet.“ Arbeit soll nicht länger anonym und ohne menschlichen Bezug stattfinden, sondern wieder Spaß machen. Dabei gehe es auch immer um ein Stück Lebensqualität und Mitgestaltung, ganz unabhängig davon, wie viel Geld einem zur Verfügung steht. Deswegen wird jede neue Teilnehmerin darum gebeten nur Dinge anzubieten, die sie gerne macht.

„Ich bin zum Beispiel mal umgezogen. Ich musste nur den Transporter bezahlen. Eine andere Frau hat den Wagen geholt, wir haben die Kisten in einer Reihe die Treppe weitergereicht, zum Schluss wurde das Futon aufgerollt und zu zweit unter den Arm geklemmt, schon war alles oben. Am Ende haben wir dann alle gemütlich Pizza gegessen. Das war richtig schön so in einer neuen Wohnung anzukommen!“ erzählt Mahoney. Die Künstlerin bietet auch schon mal an zur Axt zu greifen, wenn es an‘s Brennholz machen geht. „Das kann sehr befreiend wirken.“

Die Tauschladies kommen längst schon nicht mehr ausschließlich aus dem Berliner Raum. Eine Frau bietet nach ihrem Umzug nach Frankreich nun zum Beispiel Übernachtungen an.

Und das Konzept funktioniert tatsächlich reibungslos?

„Einmal gab es einen Beschwerdebrief vom Steuerberaterverband: Steuererklärung gegen selbst gemachte Marmelade tauschen, das geht so nicht!“ erzählt Mahoney belustigt. Natürlich gebe es auch immer mal Frauen, die bestimmte Sachen besser können, aber letztendlich seien alle zufrieden. Über die Tauschregeln wird schließlich gemeinschaftlich abgestimmt.

Lesben- und Frauen-Tauschring: Ökonomische Nische oder ernsthafte Alternative?

Perlen statt Geld. Tausch und Hilfe statt unreflektiertem Konsum. Vielleicht nur eine Nische im Turbo-Kapitalismus. Auf jeden Fall eine, die immer mehr an Attraktivität gewinnt:

Tauschplattformen wie Kleiderkreisel werben in ihren Bannern mit dem „stilvollen Kampf gegen Verschwendung“. In Kreuzberg eröffnete in diesem Jahr ein neuer Umsonstladen, Nachbarschaftsgärten finden wieder vermehrt Zulauf, und das alternative Gesellschafts-Magazin „Oya“ widmet eine ganze Ausgabe (03. 2010) dem Schenken und solidarischen Wirtschaften.

Für die Zukunft ist bei den Tauschrausch Ladies ein Basar angedacht, ähnlich der Kleidertausch-Party, der jetzt schon regelmäßig in der BEGINE stattfindet. Einen Verleih von Fahrrädern, Werkzeugen und Büchern gibt es im Tauschring ohnehin schon.

Zusätzlich sollen wieder Grillfeste und Partys stattfinden, damit sich die Beteiligten gegenseitig kennen lernen.

Interessierte dürfen sich jedenfalls eingeladen fühlen, jeden 1. Mittwoch und 3. Freitag im Monat von 18-20:00h in der BEGINE mehr über den Tauschring zu erfahren. Dann werden auch Anmeldungen entgegen genommen.

BEGINE – Treffpunkt und Kultur für Frauen e.V.
Potsdamer Str. 139
10783 Berlin-Schöneberg
Tel. 030/215 14 14
Infos und Programm Klick

Halbzeit an der Siegessäule – vierte Reihe von oben und dritte von unten

Haben Sie sie schon entdeckt?

Von den 204 Menschen, die seit dem 11. August die Siegessäule schmücken, kommen zwei

von der Potsdamer Straße

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Christa Schäfer und Barbara Krauß

„Berlin, dein Gesicht – Berliner engagieren sich für ihre Stadt“ heißt die Aktion, die die ehrenamtlichen Leistungen von BerlinerInnen feiern möchten. Hunderte hatten sich beworben oder waren vorgeschlagen worden. Die Ausgewählten stehen damit für viel mehr Menschen, die sich für das Zusammenleben in der Berlin einsetzen. Das ist eine gute Botschaft, die sich einprägt, gerade auch, wenn man sie alle gemeinsam und in Kontakt sieht.

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sei offen, sei kompromissbereit, sei berlin

ist das Motto der Pädagogin und Mediatorin Christa Schäfer und dieses hat sie auch schon oft im Quartier Tiergarten Süd erfolgreich zur Anwendung gebracht. Sie war unter den ersten Mitgliedern im Quartiersrat Magdeburger Platz. An der Grips Grundschule ist das von ihr gestartete Projekt „Boxen mit dem Cop“ beliebt und hatte vor kurzem sogar Besuch aus Indien. Ihr neuestes Engagement gilt der demokratischen Motivation von Jugendlichen für ihren Kiez. Im Kinder- und Jugendrat von Tiergarten-Süd können sie nun selbst überlegen und auch bestimmen, wie sie ihr Leben hier spannen gestalten möchten.


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sei schön, sei schöneberger, sei berlin

sagt Barbara Krauß und hat sich erneut für die ehrenamtliche Arbeit im Quartiersrat Schöneberger Norden entschieden, wo sie seit acht Jahren wohnt. Ihr Wohnumfeld liebt sie für sein vielfältiges Miteinander von Jung und Alt, für das Engagement, das sie von NachbarInnen erfährt. Die Immobilienberaterin vertritt die Interessengemeinschaft Potsdamer Straße im Quartiersrat, denn sie glaubt an die Gegend und möchte, das integrative Potenzial stärken, dass hier in den vielen Initiativen vor Ort zum Ausdruck kommt.


Stillstand im Laufhaus

SDC11378.JPG Am 19. Mai 2010 entschied die 9. Kammer des Verwaltungsgerichtes Berlin, dass die Betreibung eines „Laufhauses“ an der Kurfürstenstraße/Ecke Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg gegen das Gebot der Rücksichtnahme verstöße und daher unzulässig sei. Die Baugehmigung wurde versagt.

Der Betreiber entschied in Berufung zu gehen. Das Verfahren ist damit beim Oberlandesgericht Berlin. Doch bevor es eröffnet wird, muss das Gericht entscheiden, ob die Berufung zugelassen wird. Hierbei werden bereits alle Fakten sorgfältig geprüft, da eine Nicht-Zulassung des Gerichtsverfahrens das Verfahren beendet.

Die Prüfung kann – laut Aussage der Pressestelle des OVG – noch mehrere Wochen, ja vielleicht bis Jahresende dauern.  SDC10577.JPG

Spieltag 12 – WM an der Potse

Frankreich Flagge Frankreich

Lycée Francais
wer französich kann ist klar im Vorteil, schon seit 1701 in Berlin, damit das älteste Gymnasium in Berlin, seit 1974 in der Derfflinger Straße, deutsch/franzöische SchülerInnen, so erfolgreiches Profil, daß Mitterand es 1987 als
un lycée qui est unique au monde bezeichnete, bekommt bald kleine Schwester, das Collège Voltaire, eine französische Grundschule, dessen Ankündigung im Quartier aufgrund einer Fusion zweier Grundschulen einen Schock auslöste, doch dann letztendlich hoffentlich eine Bereicherung sein wird.

Nigeria Flagge Nigeria

Agnes Folaji
Fast schon ein Urgestein an der Potse 96 mit vielen Querverbindungen im Kiez. Beruflich dem Fotofinder Bildportal seit 7 Jahren verbunden, damit Fotografie von unabhängigen Fotografen und Agenturen auch in 5 Jahren noch außerhalb der Big Player einen Platz in der Medienlandschaft hat. Bruder, Mutter und noch ein Bruder haben ihren Arbeitsplatz nur wenige Meter entfernt. Und wenn sich der Tag seinem Ende zuneigt, verzieht sie sich in die Nummer 139 mit Blick in einen verwunschenen Garten. Manchmal liegt das Gute eben doch sehr nah.

Laufhaus – NEIN DANKE!

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Petition des Quartiersrates Magdeburger Platz
19. Mai 2010

Wir, Bürger und Anwohner im Quartier um die Kurfürstenstraße, appellieren an die Verfahrensbeteiligten auf ein Laufhaus endgültig zu verzichten. In langjähriger Arbeit wurde mit vielen Bemühungen, Geld und großem ehrenamtlichen Engagement hier ein soziales Umfeld geschaffen, welches eine erträgliche Lebenssituation für die hier lebenden Bürger bietet. Jedoch steht dies nicht auf so stabilen Füßen, dass es ein Laufhaus ohne nachhaltige Einbuße von Lebens- und Wohnqualität verkraften kann.

Wir sehen die unbedingte Gefahr, dass die Einrichtung eines Laufhauses eine Erweiterung des Straßenstriches und damit eine verstärkte Konkurrenz nach sich ziehen wird. Der Straßenstrich ist schon seit langem ein Bestandteil des Kiezes und rechtlich nicht zu verhindern. Die Eröffnung eines Sexshops war da zwangsläufig. Mit der EU-Erweiterung stieg die Zahl der Prostituierten, eine weitere Folge des Straßenstriches und des Sexshops. Die gesundheitlichen Standards verschlechterten sich und die Kleinkriminalität wuchs.

Die Behauptung, das Laufhaus wird den Straßenstrich zu großen Teilen absorbieren, halten wir für unhaltbar. Eine Umfrage unter den Prostituierten bestätigte, das ein Großteil von ihnen nicht im Laufhaus arbeiten will. Außerdem ziehen ihre Freier den schnellen und vor allem anonymen Vollzug auf der Straße vor.

Wird die Einrichtung eines Laufhauses genehmigt, so wird es zum einen mehr Autoverkehr geben, verbunden mit einer höheren Luftverschmutzung und Lärmbelästigung. Eine weitere Folge wird ein Anstieg des Prostitutionsgewerbes auf der Straße sein, denn die Frauen werden aller Voraussicht nach versuchen, die Freier schon vor Erreichen des Laufhauses für sich zu gewinnen.

Deshalb sehen wir uns in unserer Lebensqualität in allen Facetten erheblich bedroht. Wir befürchten, dass sich nach der Genehmigung niemand mehr als verantwortlich und zuständig sehen wird, die sozialen Konsequenzen hier im Gebiet aufzufangen.

In unmittelbarer Nähe Verbrauchermärkte, Drogerie, Kindertagesstätten, – Anwohner durch massiveren Straßenstrich im Alltag stark beeinträchtigt. Straße wird zum erweiterten Laufhaus, Bürgersteige sind zu schmal. Dieses Gewerbe verdrängt Alltagsstruktur, Gehwege verlieren Funktion als sozialer Ort, werden zweckentfremdet genutzt.

Wir – über 8.000 Bürger allein in Tiergarten Süd – müssten mit den negativen Folgen leben, nur weil hier sogenanntes Kerngebiet ist – für Gewerbe, aber nicht für ein Großbordell.

Wir appellieren daher nochmals dringend an das Gericht und die Bezirksverwaltung ein Laufhaus an diesem Standort abzulehnen.

Im Namen des Volkes – und dazu gehören auch wir!

Für den Quartiersrat
Regine Wosnitza  und Josef Lückerath
Kontakt: 23639903

Zehlendorf oder Neukölln – Egal – Hauptsache weg!

Im Mai fand in der Kita Sonnenschein, Pohlstraße, ein Elterncafé zum Thema Prostitution statt. Elterncafés sollen die Begegnungs-, Gesprächs- und Informationsmöglichkeiten für Eltern in Schulen und Kitas in Tiergarten-Süd ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist die Eigeninitiative und Teilhabe von Eltern zu stärken und ihr Bewusstseins und ihre Bereitschaft für die Erziehungsverantwortung zu mehren.

In Tiergarten-Süd gibt es seit Ende 2009 Elterncafés und und für diesen Tag im April stand das Thema „Prostitution im Kiez“ auf dem Programm. Circa 40 Mütter waren anwesend, die überwiegende Mehrheit mit Migrationshintergrund, denn trotz einer fünfzig-fünfzig Mischung in der Gesamtbevölkerung von Tiergarten-Süd sind Kinder mit Migrationshintergrund in den Bildungseinrichtungen überproportional vertreten.

Zusammenhänge interessieren nicht

Ich war von der Projektleiterin Yasmin Masch gebeten worden, die Geschichte der Prostitution zu behandeln. Durch die 3.000 jährige Prostituionsgeschichte flog ich ein etwa vier Minuten und widmete mich dann der Situation vor Ort. Hier gibt es den Straßenstrich in verschiedenen Ausformungen seit ungefähr 1880.

Doch schon nach wenigen Minuten wurde ich unterbrochen: „Die Geschichte interessiert uns nicht, wir sind aus anderen Gründen hier.“ Als andere Mütter widersprachen fuhr ich mit meiner Schilderung fort. Doch mit der Erwähnung des Prostitutionsgesetz von 2002 und der damit verbundenen grundsätzlichen Legalisierung von Prostitution auch auf dem Straße um die Kurfürsten- und Frobenstraße war mein Vortrag zu Ende.

„Immer hören wir von den Rechten der Prostitutierten,“ kam eine erboste Reaktion. Es folgte: „Was sind denn unsere Rechte?“ und „Ich möchte wissen, ob die Frauen auf dem Podium Kinder haben, sonst können Sie überhaupt nicht mitreden.“

Erboste AnwohnerInnen gegen den Strich.

Ich habe mir die Namen der circa fünf Frauen, die sich an der eineinhalbstündigen Diskussion am intensivsten beteiligten nicht notiert. Es geht nicht um Einzelpersonen. Sondern um die Bevölkerungsgruppen, die den Straßenstrich hier weg haben wollen und dabei wenig kompromissbereit sind.

So gab es vor einiger Zeit eine Initiative von AnwohnerInnen in der Zietenstraße hinter der Zwölf-Apostel-Kirche, die nachts auf die Straße gingen, um Freier und Prostituierte von unziemlichen Treiben in dieser Sackgasse und den Nachbarstraßen abzuhalten. Beim letzten Sonderpräventionsrat Prostitution im November 2009 in Schöneberg-Nord ging es so lautstark und heftig zu, wie es meistens der Fall ist, wenn dieses Thema verhandelt wird.  In diesen beiden Fällen waren AnwohnerInnen ohne Migrationshintergrund die protestierenden WortführerInnen. Die Argumente beider Gruppen sind kongruent.

Verständnis erbeten

An dem erwähnten Morgen wurden zumindest die erklärenden und zum Verständnis auffordernden Statements von Michaela Klose, der Leiterin des Frauentreffs Olga in der Kurfürstenstraße, höflich angenommen, doch eigentlich auch nicht weiter beachtet.

Anzeigen von Straftaten

Großes Interesse hingegen fand der Kontaktbereichsbeamte. Heftigen Vorwürfen, dass die Polizei ja doch nichts tue, erklärte er mehrere Male die einzige Vorgehensweise mit der AnwohnerInnen einen vermehrten Einsatz der Polizei erreichen können: Anzeigen, Anzeigen, Anzeigen von Straftaten.

Denn die Frauen berichteten von Vorkommnissen, bei denen eine Anzeige notwendig gewesen wäre. Eine Mutter berichtete, dass ihr Sohn und sein Großvater auf dem Weg zur Schule durch die Kurfürstenstraße gefahren seien und eine Prostituierte den Großvater sehr deutlich und vehement durch das offene Fenster hindurch als potenziellen Kunden angesprochen hatte. Eine andere Frau hatte offenen Vollzug der sexuellen Dienstleistung auf dem Parkplatz von Möbel Hübner beobachtet, einer weiteren war dies an der Schnittstelle Kluck- und Pohlstraße passiert. Glücklicherweise schauten ihre Kinder zu dem Zeitpunkt in eine andere Richtung. Eine weitere Frau berichtete von dem regelmäßigen Vollzug von Dienstleistungen in einem Hinterhof in der Pohlstraße.  Die nächste hatte eine Messerstecherei im Umkreis des LSD Sexkaufhauses beobachtet.

Die Frauen hätten Angst, sagte eine ihrer Sprecherinnen, die Polizei zu rufen. Sie wollten in Zukunft jedoch die Vorfälle auflisten und diese dann einmal im Monat an die Polizei übergeben. Doch auch dies kann von der Polizei nicht als ein Hinweis vermehrter Straftaten im Kiez angenommen werden.

Den Frauen wurde geraten, sich in sichere Entfernung zu der von ihnen beobachteten Straftat begeben und dann die Polizei rufen und eine Anzeige machen. Unumgänglich ist dabei die Nennung des Names. Anonyme Anzeigen tauchen in keiner Statistik auf. Doch es sei nicht gefährlich den Namen zu nennen, wurde immer wieder versichert, denn in den seltensten Fällen würden die Täter den Menschen nachstellen, die sie angezeigt hätten.

Doch warum ist es so wichtig, diese Fälle zur Anzeige zu bringen? Solange kein vermehrtes Anzeigenaufkommen statistisch nachweisbar ist, fährt die Polizei nicht vermehrt Streife durch die Straßen im Kiez. Auch die Zahl der Zivilbeamten, die regelmäßig vor Ort sind und natürlich nicht von der Bevölkerung als solche erkannt werden, kann nicht aufgestockt werden.

Die Frauen horchten auch interessiert auf, dass sie Vorfälle auch bei Olga melden könnten. Die Sozialarbeiterinnen suchen dann das Gespräch mit den Prostituierten und weisen immer wieder darauf hin, dass hier kein Sperrbezirk ist, sondern sie sich in einem Mischgebiet mit einem hohen Anteil an kinderreichen Familien befinden. Sie werden dann gebeten, sich an gewisse Spielregeln und Gesetze zu halten, zum Bespiel nicht direkt vor Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen zu stehen, PassantInnen nicht auf Deubel komm raus akquirieren zu wollen und auch das Umfeld der Moschee in Ruhe zu lassen.

Sperrbezirk oder am besten ganz weg

Der Kampf gegen den Straßenstrich hat die Mütter inzwischen soweit aktiviert, dass sie eine Unterschriftenaktion gestartet haben. „Wir Anwohner in Berlin-Tiergarten,“ heißt es da, „freuen uns über die Initiative von Stadtrat Carsten Spallek, die Prostitution örtlich und zeitlich zu begrenzen (Berliner Woche vom 14.4.2010). Es ist uns unbegreiflich, warum Bezirksbürgermeister Hanke seit Jahren nichts unternommen hat. Wir fordern eine zeitliche Begrenzung von 21 bis 6 Uhr und weitere Maßnahmen.“

Ob ein Sperrbezirk in Berlin durchsetzbar ist, ob er die Situation entschärfen oder im Gegenteil kriminalisieren wird – diese Fragen wurden im Elterncafé nicht diskutiert. Es war anscheinend nicht von Interesse. Die Mehrzahl der Frauen wollen den Straßenstrich nicht, Punktum.
Und so brausten zum Schluss die Emotionen auch noch einmal hoch. Soll der Straßenstrich doch woanders hin verlagert werden! Nach Zehlendorf? „Gute Idee, da haben wir keine Verwandte und Bekannte“. Nach Neukölln? „Egal, Hauptsache weg.“

Kommunikation und Kunst – auf dem Straßenstrich

Es liegt in der Natur des Gewerbes, dass die Arbeit der sozialen Dienste an der Kurfürstenstraße und Umgebung langfristig angelegt sind. Den Straßenstrich im Gebiet gibt es schließlich seit mehr als 100 Jahren. Er hat viele Veränderungen hinter sich und vielem widerstanden.

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In den letzten Jahrzehnten ist es Organisationen wie dem Frauentreff Olga, der Treberhilfe, Fixpunkt, der Mittwochsinitiative der Zwölf Apostel Kirche und Neustart e.V. gelungen, einen vertrauensvollen Kontakt ins Milieu aufzubauen. Da sie alle unterschiedliche Schwerpunkte haben, ist es ihnen gemeinsam ist es zu verdanken, dass die Umgebung trotz aller Schwierigkeiten ein relativ konfliktfreies Feld ist.

EU-Erweiterung

Gleichzeitig waren alle trotz ihrer reichen Erfahrung von den Konsequenzen der EU-Osterweiterung im Jahr 2005 überrascht. Der Kurfürstenstraße brachte diese politische Veränderung einen hohen Anstieg an Prostituierten, einen anschließenden Preis- und Verdrängungskampf, Schwierigkeiten mit den AnwohnerInnen und ein Kommunikationsproblem. Denn die Frauen verstanden kein Deutsch. Die Sozialarbeiterinnen hingegen, konnten sich weder auf polnisch, noch auf ungarisch, rumänisch oder bulgarisch verständlich machen. Doch inzwischen ist auch hier viel geschehen.

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Frauentreff Olga

Der Frauentreff Olga, zum Beispiel, erhielt seit seinem Umzug von der Derfflinger Straße in die Kurfürstenstraße ein neues Profil. Seit über 20 Jahren ist Olga eine Anlaufstelle für Prostituierte, wo sie Essen, Gespräche, medizinische Versorgung und eine Verschnaufpause erhalten. „Wir haben das Olga völlig neu aufgestellt,“ sagt die stellvertretende Leiterin des Drogennotdienstes Petra Israel-Reh. „In der Derfflinger Straße kamen 20 – 30 Frauen pro Abend, hier in der Kurfürstenstraße sind es 40 bis 70 Frauen.“

Olga gründete ein Kommunikationszentrums, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Zum einen wollten sie den Prostituierten im Frauentreff die Möglichkeit geben, mit ihren Familien zu Hause per Telefon und Internet in Kontakt zu bleiben. Zum anderen wollten die Sozialarbeiterinnen mit den Frauen auf Deutsch kommunizieren und boten deshalb Sprachkurse an.

Doch die Rechnung ging nicht auf, die Frauen kamen weiterhin ins Olga, aber nicht zum Sprachkurs. Das Projekt musste an die Wirklichkeit angepasst werden. Zumal den polnischen Frauen andere aus aus der Tschechischen Republik, Ungarn, Bulgarien und Rumänien gefolgt waren.

„Wir arbeiteten wie die Feuerwehr,“ erinnert sich Michaela Klose, seit 2008 Leiterin des Frauentreffs. „Immer wieder mussten wir raus, um kleine Brände zu löschen. Wir hatten nur wenige Arbeitsstunden. Die Frauen hatten Angst vor uns. Sie konnten nicht glauben, dass wir ihnen wirklich helfen, sie nicht ausbeuten oder der Polizei ausliefern wollten.“

Sprachmittlerinnen

Mit Hilfe der Quartiersmanagements und der Quartiersräte in Schöneberg-Nord und Magdeburger Platz wurde ein Projekt aufgelegt, bei dem die Sozialarbeiterinnen gemeinsam mit Sprachmittlerinnen auf die Straße gingen, um mit den Frauen in Kontakt zu kommen. Neben rechtlichen und gesundheitlichen Fragen, machten sie den Frauen auch klar, dass die Kurfürstenstraße ein Wohngebiet ist, baten sie, sich nicht genau vor den Kindergärten und der Moschee zu positionieren und die Werbung nicht rabiat zu gestalten. Dadurch entspannte sich die Sitaution im Kiez merklich.

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Doch die finanzielle Situation fürs Olga blieb mehr als prekär bis endlich – mit Hilfe aus dem Bezirksamt Mitte – das Thema auf Senatsebene gehoben werden konnte und eine finanzielle Bewilligung über den Fraueninfrastrukturfonds die Arbeit nun auf mehrere Jahre sichert.

UnterstüzterInnen

Im April nun lud der Frauentreff Olga all diejenigen ein, die den Treffpunkt in den letzten Jahren finanziell, beraterisch, ideell und politisch unterstützt haben. Dazu gehört neben dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg vor allem das Bezirksamt Mitte mit Bürgermeister Dr. Christian Hanke und der Gleichstellungsbeauftragten Kerstin Drobick. Ebenfalls anwesend war die SPD-Bundestagsabgeordnete von Berlin-Mitte, Dr. Eva Högl, die seit neuestem Vereinsmitglied bei Olga ist. Weiterhin vertreten waren die sozialen Träger, die Präventionsbeauftragte von Schöneberg und VertreterInnen des Quartiersmanagements und Quartiersrates Magdeburger Platz.

Der Frauentreff bedankte sich auf ungewöhnliche Weise und mit sehr viel Offenheit. Michaela Klose nahm uns zunächst auf einen imaginierten Spaziergang mit. So hatten wir Gelegenheit, indirekt einige Prostituierte kennen zu lernen, denen wir sonst nur anonym und fremd auf der Straße begegnen.

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Spaziergang

In Gedanken gingen wir die Frobenstraße entlang und vor zur Potsdamer Straße, vorbei an Prostituierten, die häufig Drogen nehmen. Vor dem LSD wurden uns die circa 15 bulgarischen Frauen vorgestellt, die dort regelmäßig stehen. Sie sind zwischen 30 und 40, arbeiten teilweise mit Zuhältern, teils mit Beschützern. Sie haben Probleme mit ihrer steuerlichen Anmeldung, versorgen zu Hause ihre Familien und Kinder. Manche von ihnen sind drogenabhängig, andere nicht.

Uns wurde gesagt, dass auf der anderen Straße häufig eine deutsche Prostitutierte von den Sozialarbeiterinnen angetroffen wird. Sie arbeitet seit drei Jahren hier, ist obdachlos, ihr geht es körperlich schlecht, sie ist Mehrfachkonsumentin von Drogen. In Gesprächen bei Olga wird ihr die Begleitung durch den Entzug oder in ein Methadonprogramm angeboten. Langsam ist das Olga für sie ein fester Anlaufpunkt geworden und vertrauensvoll hat sie sich auf einen HIV und Hepatitis Test eingelassen und auch einer Impfung zugestimmt.

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Eine Ungarin lernten wir duch die Erzählung einer Sprachmittlerin kennen. Sie ist 42 Jahre und sehr glücklich, dass ihr hoher Blutdruck in der medizinischen Abteilung bei Olga versorgt wird. Eine Freundin hat sie ursprünglich ins Olga gebracht. Doch hätte die Sprachmittlerin sie nicht in ihrer eigenen Sprache angesprochen, hätte sie diesen Schritt wohl nie getan.

Eine 21-jährige Ungarin hat dieses Vertrauen noch nicht gefasst. Sie ist erst vor vier Monaten hier angekommen. Sie spart ihren Verdienst, denn sie will studieren und Tierärztin werden. Ihr Freund in Ungarn glaubt, sie kellnert. Es ist nicht sicher, ob sie Drogen nimmt. Sie ist froh über den Kontakt zur Sprachmittlerin. Doch ins Olga hat sie sich bisher noch nicht getraut.

Es ist klar zu sehen, dass es allen Mitarbeiterinnen des Olgas wichtig ist, nicht nur ÜBER sondern MIT den Frauen zu reden. Um dies auch den Gästen zu ermöglichen, waren an diesem Vormittag auch drei Prostituierte ins Olga gekommen. Sie wurden vor den Gästen interviewt und waren hinterher zu weiteren Gesprächen bereit. Hier sind ihre Aussagen:

O-Töne

Jessica: ich arbeite seit 1983 hier. Früher hab ich das Geld für Fun, Urlaub und Luxusgüter ausgegeben. Heute reicht das Geld gerade zum Überleben. Ins Olga komme ich seit 15 Jahren. Ich hörte davon über Mundpropaganda und war begeistert, dass es dort Gummis umsonst gab. Das war damals nicht selbstverständlich. Auch Angelika, die Krankenschwester, kenne ich seitdem. Ihre Versorgung war ganz wichtig, denn wir bekamen nur schwer eine Versicherung. Mein Vorschlag ist, einen Runden Tisch hier einzurichten, denn die Feindschaft zwischen den Frauen ist zur Zeit sehr groß. Als Politikerin würde ich dafür sorgen, dass die Polizei das Zuhälterproblem anders angeht. Die Frauen hier stehen sehr unter Druck, sie passen sich zu sehr an. In fünf Jahren bin ich nicht mehr hier. Es ist nicht mehr, wie es war. Das verruchte, schöne Feeling gibt es nicht mehr. In fünf Jahren arbeite ich selbstständig in einer Kaffeebar.

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Svenja: Ich kam vor zwei Jahren hierher, ein Jahr nach meiner Schwester. Ich bin hier um Geld zu verdienen für meine Familie, die Wohnung. Vor zwei Jahren hat mir ein tschechisches Mädchen vom Olga erzählt und ich komme hierher, weil man hier offen reden kann. Ich schlage vor, eine Frauenärztin hierher zu holen, denn es gibt keine im Gebiet. Als Politikerin würde ich viel mehr Gewicht auf die gesundheitliche Untersuchung legen. Viele benutzen kein Kondom, doch es ist wichtig sich zu schützen. Die Polizei sollte das kontrollieren.
Bis hierher hatte Svenja teilweise selbst Deutsch gesprochen, war jedoch auch in vielem auf die Hilfe der Sprachmittlerin angewiesen. Doch auf die Frage wo sie sich in fünf Jahren sieht, antwortete sie mit einem kleinen Aufseufzer und ohne zu überlegen: „Zu Hause.“

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Gabriela: Als ich 1979 hierher kam, war ich mit 12,5 Jahren die jüngste Prostituierte Berlins. Ich suchte nach Liebe. Zu Hause war ich vergewaltigt worden und bin abgehauen. Ich kenne den Kiez hier ganz anders. Wenn sich früher rumsprach, dass eine Frau ohne Kondom arbeitete, dann ist ihr zugesetzt worden. 1.000 Mark am Tag zu verdienen war möglich, und ich baute mir eine Scheinwelt auf, nahm viele Drogen und dachte es ist Liebe, was ich hier finde. Jetzt schaffe ich nicht mehr an. Ich habe Jesus Christus getroffen und es geht mir von Tag zu Tag besser. Ich erlebe viele Wunder, die Leute sind nett zu mir. Morgen beginne ich in Hessen eine Therapie in einer christlichen Einrichtung. Ich selbst habe nie mit Zuhältern gearbeitet und habe mir nie etwas von Männern gefallen lassen. Ich hatte hier Narrenfreiheit, musst nie an irgendjemanden zahlen. Ich war nie der Opfertyp. Doch andere lassen sich viel zu viel gefallen. In fünf Jahren bin ich wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt. Ich bin ehrgeizig und kann mich selbst gut vertreten. Aus der Scheinwelt gehe ich wieder in die Welt.

Kreativität

„Uns sind hier alle Frauen mit all ihren Lebensfacetten willkommen,“ sagt Michaela Klose, „und seit neuestem auch mit ihrer Kreativität.“ Denn die entdecken die Frauen seit Ende 2008 gemeinsam mit Anita Staud. Die Malerin hat seit 15 Jahren ein Atelier an der Potsdamer Straße und dachte während des Streits um das geplante Laufhaus zum ersten Mal an ein Projekt mit Prostituierten. Kurz vor Weihnachten 2008 ging sie das ersten Mal mit Stift und Malblock ins Olga und kam dann drei Monate regelmäßig wieder. Jedes Mal tat sie nicht anderes, als sich ruhig dazu zu setzen und die Frauen in einem Malbuch zu skizzieren.

„Sie fanden es ganz toll, als Individuen wahrgenommen zu werden,“ erinnert sich Anita Staud. Schließlich wollten die Frauen selbst malen, und als dies sich als nachhaltiger Wunsch und nicht als Eintagsfliege entpuppte, wurde ein Projekt daraus.

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Zu Beginn mit zwei Papierrollen auf den Tischen. Wer mit am Tisch saß, konnte malen, einfach nur zuschauen, sich an der Unterhaltung teilnehmen. Im Frühsommer 2009 ging Anita Staud mit den Frauen zum Elisabeth-Stift in der Lützowstraße und sie beteiligten sich an dem lokalen Gemeinschaftsprojekt „Kiezmosaik“. Im Herbst inszenierten sie im Rahmen der Schaufensterausstellung im Sexkaufhaus LSD eine Malaktion im Schaufenster. Hier gestaltete Anita Staud ein Fenster mit ihren eigenen Bildern und Skizzen einiger Frauen.

Inzwischen bringen die Frauen eigene Wünsche und Ideen ein. Anita Staud sieht sich mehr und mehr als Anleiterin, als Vermittlerin von Kunstfertigkeit. Zur Zeit steht das Zeichnen von Mandalas im Vordergrund und alle dürfen gespannt sein, was sich als nächstes entwickelt.

Ausblick

Doch neben diesen kreativen Ruhepausen vergessen weder die Prostituierten noch die Sozialarbeiterinnen im Olga die Welt draußen. Dort bleibt noch eine Menge zu tun. In den nächsten Wochen sollen alle Prostituierten im Gebiet direkt angesprochen werden. Herausgefunden werden soll, welche Drogen an der Straße im Spiel sind. Mittelfristig soll der Kontakt zu helfenden Organisationen in den Heimatländern aufgebaut werden.

Gleichzeitig möchte Olga den Frauen Berufsalternativen aufzeigen. Dafür sind die Ausbildungsstände abzufragen. Wünschenswert ist auch ein Runder Tisch, an dem die Themen Konkurenz und Verdrängung der Frauen untereinander zur Sprache gebracht werden.

Und es soll weiter daran gearbeitet werden, die Anliegen und Besorgnisse der AnwohnerInnen im Bewusstsein der Prostituierten zu verankern. Nur so besteht eine Chance, die immer wieder auftretenden Konflikte zu lösen und das gegenwärtig funktionierenden Nebeneinander zu noch mehr gegenseitigem Respekt und Verständnis zu bringen.

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Wie finster ist das denn?

Am letzten Sonntag fand meine erste Straßenführung „Verruchte Potse“ in diesem Jahr statt. Spricht man mit Ortsfremden über die Gegend an der Potsdamer Straße, landet man mehr oder weniger schnell beim Schatten, bei der Straßenprostitution, beim Sportpalast mit Goebbel’s Rede vom totalen Krieg und bei Freisler’s Schauprozessen im Kammergericht im Kleistpark. Also habe ich mich entschieden, diese dunklen Themen zum Ausgangspunkt meiner Führung zu nehmen. Als „subversive Lebenskraft“ beschreibt die Psychoanalytikerin Verena Kast den Schatten, das Dunkle.

Am nächsten Tag las ich die News-Ticker: „Mädchen im Kleistpark vergewaltigt.“ Die Tat sollte am Samstagnacht geschehen sein. Trotz der dünnen Nachrichtenlagen stürzten sich die Zeitung auf diese Meldung. Sogar die Süddeutsche – wozu?

Gleich am Montag war RTL vor Ort und wollte von AnwohnerInnen und SozialarbeiterInnen Zitate haben vor laufender Kamera. Es gab aus dem Schmuddelkiez mal wieder was zu berichten. Die Bildzeitung spürte schon Angst in ganz Berlin. So ein Quatsch.

Am Sonntag Vormittag hatten wir nichts von der Tat gewusst. Trotz der vereisten Fußwege entschieden wir uns für den Weg durch den Park. Die Sonne ließ den Schnee glitzern, das Kammergericht war majestätisch und durch die winterlich entlaubten Blätter konnten wir das Pallasseum und den gewaltigen Bunker sehen, den es überspannt.

Jetzt verdunkelte sich der Park für mich aufgrund der begangenen Tat. Die Sichtweise bestimmt das Objekt. Meine Gedanken und meine Fantasie gingen in ein Wechselspiel.

Die Sophie-Scholl-Oberschule grenzt an den Park, die örtliche Bücherei, es gibt dort Bolzplätze, einen Spielplatz, den Kindertreff PallasT. Was bedeutet diese Tat für sie?

Meine pragmatische Seite dachte – an die Öffnungszeiten im Park/War er um 22.45 Uhr nicht längst geschlossen? – an die Kälte/Wie hält man das so lange aus? Mein Gedanke, dass Mädchen nicht durch dunkle Parks gehen dürfen, wurde gleich von meinem Trotz gestoppt: egal wie dunkel, Mädchen sollen sich überall aufhalten können.

Meine Gedanken gingen zu den Tätern. Waren es Jugendliche, die ich durch meine Aktivitäten hier im Kiez kenne? Ich ließ sie an meinem geistigen Auge defilieren und konnte es mir nicht vorstellen. Von keinem. Die Meldungen berichteten von „südländisch“ Tätern, in der Abgrenzung zu „türkisch“/„arabisch“ versuchte ich sicheren Boden zu behalten.

Versuche mit diesem neuen Dunkel hier im Kiez fertig zu werden. Ein dunkler Schatten fiel auf einen Ort, der hier als friedlich Oase gilt. In einer Gegend, in der sich seit 10 Jahren darin engagieren, Gewalt und Chaos in gutes Miteinander und Chancen zu verwandeln. Der nicht frei von Probleme ist, aber liebenswert in seiner Entwicklung.

Am Montag kam die Meldung, dass die Vergewaltigung wahrscheinlich erfunden sei. Zunächst Erleichterung. Dann wieder Fragen. Warum denkt sich ein Mädchen so etwas aus? Warum geht die Polizei so schnell an die Presse? Warum liebt die Presse dunkle Themen und zwar in einer Weise, die nicht Licht ins Dunkle bringt, sondern seinen Kitzel liebt. Die Fehlermeldungen sind nur kurz. Allein der Tagesspiegel macht noch einmal eine ganze Geschichte draus.

Was bleibt?

Ich bin traurig aufgrund der Ereignisse.

Die „subversive Lebenskraft“ dessen, was da in zwei Tagen abgelaufen ist für mich darin zu spüren, wie sehr ich mich hier mit der Gegend identifiziere, wie sehr ich zu ihr halte und zu allen, die seit vielen Jahren, engagiert und zuverlässig mit den dunklen Themen hier arbeiten, seien es SozialarbeiterInnen, StreetworkerInnen, Drogendienste, QuartiermanagerInnen, QuartiersrätInnen, Prostituiertenorganisationen, GeschichtslehrerInnen und viele mehr. Zu allen, die nicht weggucken, nicht schönreden, sondern mit dem arbeiten, was ist.

Und gleichzeitig bleibt mein Blick mehr als sonst an gewalttätigen Notizen hängen. Am abstrusesten finde ich die Reklame für ein Duschgel, das aussieht wie Blut und einen Duschvorhang mit Blutspuren à la Psycho?  Wie krank ist das denn?

Spielstraße für Marlene – Hatte die Dietrich ein Lieblingsessen?

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1907 – irgendein Tag: ein 6jähriges Mädchen tritt aus dem Haus Nr 45 auf die belebte Potsdamer Straße. Der Verkehr braust an ihr vorbei, die Straße ist die wichtigste Ausfallstraße Berlins nach Süden. Gleich wird auch ihre Mutter herunter kommen. Marlene nutzt die Zeit für einen Kurzbesuch im Geschäft des königlichen Hof-Schlächtermeister Wilhelm Krienelke. Dort fällt immer ein leckeres Berliner Würstchen für sie ab.

Ihre Mutter möchte am Potdamer Platz einkaufen. Sie gehen die Potsdamer Straße entlang, überqueren den Landwehrkanal. Am Filmhaus – Deutsche Kinemathek kommen sie nicht vorbei. Es existiert noch nicht. Und Marlene ahnt noch nicht im Entferntesten, dass sie lange Zeit später als „große Deutsche“ geehrt wird.

2010 – 2. Februar: Große Ehrung von Marlene Dietrich. Viele Schaulustige, Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Berlinale Festivaldirektor Dieter Kosslick haben sich auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße 2, gegenüber des Filmhaus – Deutsche Kinemathek versammelt. Symbolisch wird dort zu Ehren deutscher Filmgrößen der „Boulevard der Stars“ eröffnet.
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Dieser erste Stern trägt Marlene Dietrichs Namen, ihre Lebensdaten und ihr Autogramm. Durch ein Hologramm sieht man die Künstlerin, im Hintergrund die Potsdamer Straße. Sie selbst würde sie nicht wieder erkennen.
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103 Jahren Unterschied. Viel ist passiert. Unter anderem sind alle Hausnummer verändert worden. Aus dem Haus Potsdamer Straße 45 ist die Nummer 116 geworden. Vor einigen Jahren hat der Künstler Rolf Hemmerich, der einige Jahre dort wohnte und noch immer ein Atelier in den U-Bahnbögen Pohlstraße 11 hat, eine Gedenktafel für Marlene Dietrich dort angebracht.
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Was ist geblieben?

Die Fleischerei. 1973 übernahm Fleischermeister Otto Staroske das Geschäft, inzwischen wird es von seinem Sohn Jörg geführt. Der Mittagstisch ist legendär und wird immer im voraus auf der Webseite angekündigt. Am Montag, den 15. Februar 2010 gibt es unter anderem Spaghetti Bolognese ( € 4,20) und Schweinerückensteak in Pfefferrahmsauce, mit Kaisergemüse und Salzkartoffeln (€ 5,20).
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Peep Show ohne Freier

Passanten schenken den Auslagen des Sex Kaufhauses LSD in der Kurfürstenstraße aus verschiedenen Gründen keine bemerkenswerte Aufmerksamkeit: Scham …. entdeckt zu werden, sich zu langweilen, ästhetisch unbefriedigt zu bleiben.

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Nun laden drei Künstler und eine Künstlerin von der Potsdamer Straße zum expliziten Hinschauen ein. Unter dem Titel FATA MORGANA wollen Walter Gramming, Gerhard Haug, Rolf Hemmerich und Anita Staud mit ihren Kunst-Installationen auf Konfliktthemen reagieren, die sie als Liebe, Sex und Triebe. Das Verhältnis von Mann und Frau. Mythologie und Religion. Ethik und Moral beziffern. Mit ihrer Kunst im Schaufenster machen sie eine eigene Rechnung auf: Love+Sex+Dreams : Emotionen = Kunst.

Zur Vernissage gab es eine laszive Tanzperformance von Dame in rot und einen kunsthistorischen Schnelldurchlauf durch die lange Geschichte der Kunst/Prostitution, in dem alle dem Thema verwandten Klischees, Merkmale, Phänomene angerissen wurden.

Mit diesen arbeiten auch die Künstler. Rolf Hemmerich weist mit Obst, Schlange, Plüsch-nicht-Playboy-Hasen auf die „Sündenfalle“ (ja der kleine Unterschied zum Sündenfall ist gewollt). Und lässt die Schlüssellochperspektive auf mehrere seiner schön gestalteten Skulpturen zu.

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Rolf Hemmerich - Sündenfalle (Ausschnitt)

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Rolf Hemmerich - Schlüssellöcher (Ausschnitt)

Gerhard Haug setzt geöffnetes Obst vor Füße, Scham, Knie, Oberkörper zweier Menschen. Die „Geteilte Realität“ ist auf mehren Monitoren zerstückelt und die recht androgynen Personen kopflos.

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Gerhard Haug - Die Teilung des Realen (Frau)

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Gerhard Haug - Die Teilung des Realen (Mann)

Walter Gramming geht die ganze Sache gesellschaftskritisch an und plädiert „Gute Arbeit (für alle)“ auf einem roten Banner aus Demokreisen. Gelber Gummihandschuh, abgeschabte Kleidung auf Wäscheständer passen nicht zu der schick aufreizend bekleideten Dame daneben. Würde sie für die Rechte ihrer sehr wohl und sehr schlecht bezahlten Kolleginnen auf dem lokalen Straßenstrich  demonstrieren. Ihnen bessere Lohnchancen verschaffen?

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Walter Gramming - Gute Arbeit (für alle)

Allein Anita Staud nähert sich den auf der Kurfürstenstraße arbeitenden Frauen ganz persönlich. Vor einigen Monaten begann sie die Prostituierten im Frauentreffpunkt „Olga“ zu porträtieren. Seit die Frauen Interesse am eigenen Malen bekundeten, trifft sie sich regelmäßig mit ihnen. Nun hängen Stauds Skizzen und Malereien neben denen der anonymen Frauen. Porträts berühmter Mätressen lassen ahnen, dass diesen Frauen sehr wohl auch Respekt gezollt wird.

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Anita Staud - Eine Schaufensterinstallation in drei Ebenen

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Anita Staud - Eine Schaufensterinstallation in drei Ebenen

Weder Prostitution noch Konflikte sind neu im langjährigen Straßenstrichmilieu auf der Potsdamer, Kurfürsten-, Froben-, Bülow-, Genthinerstraße. Vor zwei Jahren kochte die Auseinandersetzung hoch, als der Betreiber des LSD Sven Hurum an den Betreiber eines Laufhauses vermieten wollte. Fast war das Projekt schon durch die Bezirksamtsgenehmigung geflutscht, da gingen die AnwohnerInnen erfolgreich dagegen auf die Straße.

Seitdem hat es Gesprächsversuche gegeben, doch viel zu häufig enden sie in unversöhnlichen Positionsbestimmungen dafür/dagegen. Wenig geredet wird von der allgemeinen Bevölkerung mit den Prostituierten selbst. Deshalb ist die Initiative der KünstlerInnen begrüßenswert. Schade es, dass niemand aus der Geschäftsleitung des LSDs das Gespräch bei der Vernissage suchte.

Und noch jemand bleibt in dieser Runde der künstlerischen Visualisierung und Annäherung an den realen Straßenstrich außen vor: der Freier. Ob sich in den nächsten Tage beim künstlerischen Betrachten der Schaufenster Dialoge ergeben?

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P.S. War eigentlich jemand bei Puff-Trödel, der am selben Tag nachmittags bei Molly Luft stattfand? Eine amüsante Ankündigung finden Sie hier