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Nur Lippenbekenntnisse auf der Podiumsdiskussion zum Verkauf der BImA Häuser?

von HU Gastbloggerin Rocio

Eine Revolution hat niemand erwartet – fassbare Ergebnisse schon

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Hier in der Großgörschenstraße/ Katzlerstraße stehen die vom BImA Verkauf betroffenen Häuser.

Im PallasT, wo sonst Theater-Aufführungen oder monatliche Trödelmärkte stattfinden, lud der Quartiersrat Schöneberger Norden am 3.September 2014 zu der Podiumsdiskussion  “Bundesadler im Kiezflug”,  zum Verkauf der BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) Häuser – Großgörschen Straße 25-27 und Katzler Straße 10-11– ein.

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Podiumsdiskussion sind neben den Organisatorinnen Cordula Mühr und Matthias Bauer (QR Schöneberger Norden), auch schon einige Anwohnerinnen da. Diese älteren Bewohnerinnen sind – wie sich später herausstellt – bei weitem nicht leise und wissen genau was sie wollen: konkrete Antworten auf die Frage, wie es um ihren Wohnraum steht.

Anwohnerin trägt Mängelliste vor

Spätestens seit März diesen Jahres sind sie mit anderen engagierten Anwohnerinnen in der Interessengemeinschaft Großgörschen-/Katzlerstraße (GroKa) aktiv: ob auf der Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), mit Protest vor der CDU Parteizentrale, einem medienwirksamen Kiezspaziergang (Video RBB Abendschau), einer Petition gegen Verkauf von Bundesimmobilienaber die Frist zum Kauf lief ab, und ihnen würde die Chance genommen ihre eigenen Häuser– mit Hilfe der Gewobag– zu kaufen. Nun werden die Häuser zum Höchstgebot von der BImA verkauft, und als Folge sei nun mit der Verdrängung der jetzigen Mieterinnen zu rechnen.

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Transparente der Anwohnerinnen zur „sozialen Verantwortung“ des Bundes.

Worum es geht:

Die fünf Häuser gehören dem Bund, werden von der BImA verwaltet, und nun wegen “geringer Auslastung” zum Verkauf angeboten. Dies erfolgt zu dem „vollen Wert“, der nach dem BImA hauseigenen- Verkehrswertgutachten bei 7,1 Millionen liegt. Diesen, als hoch angesehenen Preis, konnte die GEWOBAG als städtisches Berliner Wohnungsbauunternehmen nicht aufbringen. Nun gehen die Häuser an die Meistbietenden. Es erscheint jedoch unmöglich diese dann nach gemeinnützigen Rahmenbedingungen zu bewirtschaften. Möglicher erscheinen teure Luxussanierungen und Eigentumswohnungen. Die Häuser im Schöneberger Norden sind kein Einzelfall. Derzeit stehen von den rund 5.000 in Berlin im Besitz des Bundes befindlichen Wohnungen 1.700 zum Verkauf.

“Nicht lukrativ zu sein, das wäre gut. “

Flyer zum Kiezpalaver am 10.September

Auch Frau L., eine ehemalige Lehrerin und engagierte Crellekiez Anwohnerin, ist schon vor der Tür des PallasT und verteilt Einladungen zum Kiezpalaver – gegen den Kiezverkauf am 10. September im O-TonArt-Theater.

Ihr eigenes Haus stehe schon seit 5 Jahren in Internet zum Verkauf, sei wohl aber uninteressant, da immer noch nicht verkauft. Dennoch könne nicht Jede hoffen, alte sichere Mietverträge zu haben, oder sogar schon “fertig sanierte Häuser”. Vielmehr seien “alle hier im Kiez bedroht: Freunde, Nachbarn, einfach  Alle”. Durch das entstehende neue, teure Eigentum wäre auch schon eine deutliche Veränderung im Crellekiez zu bemerken. Langsam würde er kippen. 

Dennoch steht die engagierte Anwohnerin Veränderung nicht grundsätzlich abweisend gegenüber: manche Neuerungen kämen einer lebendigen Infrastruktur im Kiez zu Gute. Doch würden gleichzeitig Nischen verloren gehen, wie beispielsweise entlang des Wannseegraben zwischen dem Schöneberger und dem Crellekiez, auch Crelle-Urwald genannt. Dort solle jetzt ein Fahrrad-Fernweg gebaut werden, obwohl keine 700 m weiter, an der nächsten Brücke schon einer vorhanden sei.  Freiflächen würden zu betoniert, und die kleinen wilden Parks und Ecken verschwänden.

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Auch verändere sich die Bevölkerungszusammensetzung: viele alteingesessene türkisch- oder arabischstämmige Kiezbewohnerinnen würden aufgrund der Mietpreissteigerungen gezwungen zu gehen. Dies zeige sich deutlich auf dem Spielplatz, wo nun fast ausschließlich junge deutsche Familien seien. Aus eigener Erfahrung weiß die ehemalige Leherin, dass dies der Umzug raus aus dem Kiez der letzte, unabwendbare Schritt sei: bevor die türkischen Bewohnerinnen “die Stadt” verlassen –  also an den Stadtrand ziehen – rücken sie zusammen. Das bedeutet dann, zum Beispiel, zu den Schwiegereltern zu ziehen. Sie ist vorsichtig gespannt auf den Ausgang der Podiumsdiskussion.

Mieterhaie unter sich?!

BImA Sprecher Jürgen Gehb und Dr. Jan-Marco Luczak, MdB (CDU)

Für die langsam eintreffenden Politikerinnen der verschiedenen Parteien ist dieser Termin, gleich was sie später auf dem Podium sagen werden, wahrscheinlich ein Termin unter vielen. Für die Mieterinnen der fünf Häuser geht es um einen Teil ihrer Existenz. So verwundert es nicht, daß die überpünktlich beginnende Veranstaltung sehr gut besucht ist- die 150 Sitzplätze sind restlos belegt, es wird sogar gestanden.

mehr als 150 Teilnehmerinnen: Manche stehen sogar

Bis auf den Flur hinaus stehen interessierte Anwohnerinnen.

Protestplakat

An den Wänden haben Aktivistinnen Plakate angebracht. So gut besucht der Saal auch ist, die Publikumszusammensetzung ist leider recht homogen: wenig junge, oder Zuschauerinnen mit Migrationshintergrund.

In den nächsten 2 Stunden folgt eine hitzige Diskussion, die souverän von Moderator Andreas Beckmann gelenkt wird. Es folgen obligatorische Einzelstatements der Politikerinnen, in denen die Verantwortung um den Verkauf der Häuser wie ein Spielball von Bund zu Land und zurück gespielt wird. Der anwesende Senator für Stadtentwicklung Michael Müller (SPD), möglicher Nachfolger Wowereits, wirkt besonders motiviert, aber auch ehrlich in seiner Sorge um die Mieterinnen.

NamensschilderBImA Sprecher Jürgen Gehb hingegen gibt schon zu Beginn keinen leisen Ton vor, “er sei nicht hier um gemocht zu werden”, und positioniert sich gegen das „Partikularinteresse“ der Mieterinnen. Er erntet zahlreiche Zwischen- und auch Buhrufe.

Fragen aus dem Publikum gab es genug, konkrete Antworten dagegen weniger

Publikumsfragen gab es viele

Die Aussagen der Grünen Renate Künast und Linken Azize Tank, ein Veto im Haushaltsauschuss des Bundestag einzulegen, werden mit Applaus belohnt. Auch den angenehm-unaufgeregten Argumenten von ig-groka Vertreter Thomas Hölker wird gemeinschaftlich zugestimmt. Leider werden die folgenden zwei Runden Publikumsfragen nur sehr mangelhaft beantwortet. Schuld daran tragen aber nicht die engagierten Mieterinnen, es scheint eher das Unvermögen des Bundesangestellten Gehb, und die Lippenbekenntnisse der anwesenden Politikerinnen zu sein, konkrete Antworten geben zu können.

Diskutieren im schon aufgeräumten Saal

So wird zum Ende der Diskussion zwar von allen Anwesenden ein „überparteilicher Konsens“ bezüglich des Vetos im Haushaltsausschuss beschworen – aber nicht nur Fr. L. meint hinterher gedämpft, nun müsse abgewartet werden. Die nächste Zeit würde zeigen, ob sich die Politikerinnen an ihr Wort halten würden und damit den Worten auch Taten folgen ließen.

Noch lange nach Ende der Veranstaltung um 21 Uhr stehen kleine Gruppen beisammen und diskutieren. Das Thema wird die BewohnerInnen im Schöneberger Norden noch begleiten, die Gemüter erhitzen, aber auch die Solidarität im Kiez steigern.

Zeitläufte – 20. Juli

Grab Juli 20_01_kleinAm 20. Juli 1944 wurde Claus Graf Schenk von Stauffenberg gemeinsam mit Werner von Haeften, Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht im Hof des Bendlerblocks in der heutigen Stauffenbergstraße in Tiergarten exekutiert und auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in der Großgörschenstraße bestattet. Doch bereits am nächsten Tag befahl Himmler die Leichen zu exhumieren und zu verbrennen. Dann wurde ihre Asche über Berliner Rieselfelder verstreut. Weiterlesen

Geheimtipps Potsdamer Straße

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Anfang Mai 2014 erschien die zweite Auflage des Booklets „Geheimtipps Potsdamer Straße“, das Geschäfte und Restaurants im Gebiet vorstellen, die in ihrer Art einzigartig sind. In ihrer Gesamtheit zeigen sie die vielen Kleinodien, die AnwohnerInnen und BesucherInnen der Potsdamer Straße entdecken können. Sie machen den Charme der Straße aus, die von dem international geprägten Einzelhandel geprägt ist.

Die Texte des Booklets, das von LOK.a.Motion GmbH im Rahmen des Projektes „gemeinsam wirtschaften an der Potsdamer Straße“ erstellt worden ist, basieren auf ausführlichen Interviews mit den GeschäftsführerInnen. Dr. Sibyll Klotz, Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung, war begeistert, denn auch sie als gute Kennerin des Gebietes entdeckte in ihm neue Orte: „Es zahlt sich aus, dass das Quartiersmanagement Schöneberger Norden seit Jahren einen hohen Wert auf das Arbeits- und Wirtschaftsleben im Kiez legt“, lobte sie und betonte, dass durch die persönlichen Geschichten und guten Informationen die Vernetzung von UnternehmerInnen im Kiez bestens gefördert werden.

Insgesamt 16 Geschäfte entlang der Potsdamer Straße und in den Nebenstraße sind portraitiert worden. Hier findet man sie im Überblick. Das Booklet im Printformat erhält man in den jeweiligen Geschäften und im VorOrtBüro des Quartiersmanagements Pallasstraße 5, 10781 Berlin .

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Fotos: Carmen Jasmyn Hoffmann | Text & Layout: Göran Halit

Wohnen und Mieten in Berlin: Bund redet von Mietenbremse – und verkauft zum Höchstpreis

Der Protest der BewohnerInnen in der Großgörschen-/Katzlerstraße gegen den Verkauf ihrer Häuser passt ins Zeitenklima und ist höchst effektiv. Dazu gehört u.a. die Erstellung der Petition  52559 „Liegenschaften des Bundes – Verkauf von Wohnimmobilien durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die über diesen Link gezeichnet werden kann.

Text der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass ein Verkauf von Mehrfamilienhäusern der BImA zum Höchstgebot ausgeschlossen ist und diese Wohnimmobilien ausschließlich an gemeinnützige, kommunale Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften verkauft werden dürfen, die eine sozialverträgliche Vermietung sicherstellen. Mietern, die sich als Genossenschaft organisieren, ist ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Um Wohnraum langfristig zu sichern, ist beim Verkauf ein Weiterveräußerungsverbot festzulegen. Mehr Info hier.  Weiterlesen

Bunte Farben im März-Grau

Von HU-Gastbloggerin Nadine Arndt

An einem grauen, regnerischen Tag mache ich mich auf den Weg in den äußersten Norden Schönebergs – dort, wo hinter der Yorckstraße das Gleisdreieck schon auf Kreuzberger Gebiet liegt.
Vom U-Bahnhof Yorckstraße kommend, laufe ich in Richtung Schöneberg und biege nach kurzer Zeit links in die Mansteinstraße ein. Auf der rechten Seite empfängt mich in martialischem Rot-Schwarz das Schaufenster eines Waffenhandels. Militarismus liegt mir nicht und ich gehe schnell weiter.

Die Mansteinstraße ist noch kürzer als ich es nach dem Blick auf den Stadtplan vermutet habe: ein typisches Berliner Nebeneinander von schönen Gründerzeithäusern mit ihren schmiedeeisernen Balkons und wenig auffälligen, schmucklosen Häusern jüngeren Datums.

Mansteinstraße

Die traditionsreiche Spirituosenhandlung Leydicke in der Mansteinstraße Nr. 4 hat an diesem Samstagmorgen noch geschlossen – schade, ich hätte mich dort gerne einmal umgesehen. Daher begnüge ich mich damit, trotz des Regens meine Kamera auszupacken und ein paar Schnappschüsse zu machen.

Auf der anderen Straßenseite eine unauffällige Fahradwerkstatt, dort war einige Jahre die Heimat des berühmt-berüchtigten „Ex’n’Pop“ – einer wahren Institution des West-Berliner Nachtlebens der 80er Jahre. Iggy Pop und David Bowie sollen dem Vernehmen nach häufig hier gwesen sein, die Einstürzenden Neubauten und Nick Cave, Ben und Meret Becker. Im Jahr 2000 mußte es dann wegen Sanierungsarbeiten schließen.
Inzwischen gibt es in der Potsdamer Straße wieder eine Kneipe gleichen Namens, die Myspace-Seite des alten Ex’n’Pop trägt zur Unterscheidung den Namen „Das echte Ex’n’Pop“. Ein bißchen melancholisch bin ich jetzt  schon – als ich 1995 das erste Mal in Berlin war, gab es viele Horte des West-Berliner New Wave- und Punk-Undergrounds entweder schon gar nicht mehr oder sie hatten sich bis zur Unkenntlichkeit verändert wie etwa das „Linientreu“ an der Budapester Straße das erst mit Wave und Punk, später aber mit Techno-Parties berühmt wurde.

Vom Ende der Straße höre ich laute Stimmen und will nachsehen was dort los ist. Deswegen passiere ich den einzigen Farbklecks in der Mansteinstraße, das Hausprojekt „Rote Insel“ mit der Hausnummer 10 fast zu schnell. Nur ein paar Fotos will ich noch machen.

Das Hausprojekt "Rote Insel" in der Mansteinstraße

An der Ecke Mansteinstraße/Großgörschenstraße/Crellestraße ist Wochenmarkt. Daher kommen also die lauten Stimmen, denke ich mir und mache mich auf die Suche nach einem Stand an dem ich herrlich sesam-süßes, Zähne verklebendes, glücklich machendes Halva erstehen kann.
Ich lasse mich treiben, bewundere riesige Ingwerknollen, wie poliert glänzende lila Auberginen, Fladenbrot und Sesamringe in unendlichen Variationen. Der laute Sprach-Mischmasch aus Deutsch, Türkisch, Vietnamesisch und anderen Sprachen (ich vermeine, hier auch Griechisch und Polnisch gehört zu haben) verwirrt mich ein wenig und da ich nirgends etwas entdecke was auch nur im Entferntesten an Halva erinnert, schlendere ich unter der S-Bahn-Brücke hindurch in Richtung Katzlerstraße.

Rechts von mir der Eingang zum Alten Sankt Matthäus-Kirchhhof. Er übt eine eine gewisse Anziehungskraft auf mich. Ich entscheide mich dafür, trotz des Nieselregens einen kurzen Abstecher auf den Friedhof zu machen. Aus dem „kurzen Abstecher“ wird dann doch eine ganze Stunde und erst als ich – peinlicherweise –  über einen fast versunken Grabstein stolpere und mir den Knöchel verknackse, beschließe ich notgedrungen, den Friedhof wieder zu verlassen und durch die Katzlerstraße zum S-Bahnhof Yorckstraße/ Großgörschenstraße zu humpeln.

Die Katzlerstraße ist ebenso kurz wie die Mansteinstraße, direkt an der Ecke empfängt mich der „Pizzaclub“, angeblich eine der besten Pizzerien der Stadt. Auch sie ist noch geschlossen. Schade, wenn ich schon kein Halva bekommen kann, würde ich mich doch jetzt gerne mit einer Pizza trösten. Aber sei’s drum, verspreche ich mir eben für nachher eine große Kanne Darjeeling mit Schokokeksen.

Der "Pizzaclub" hatte leider geschlossen

Neben dem Hausprojekt Katzlerstraße 13 mit seinen bunten Wänden – entstanden in einer Graffitaktion mit Jugendlichen vom „Treff 62“ –  ist ein beeindruckend aufwendig gestalteter Spielplatz mit Resten einer Begrünungsaktion. Für wild wuchernde Kletterpflanzen ist es noch zu früh im Jahr, aber ich bewundere die bemalten Flaschen und den kleinen Traumfänger die anscheinend den Winter hier gut überstanden haben.

Ein Kunstwerk auf dem Spielplatz an der Katzlerstraße 13

Das Integrationsprojekt „Harmonie e.V.“ hat in seinen Fenstern Poster der Plakat-Aktion „Liebe verdient Respekt“ in deutsch, türkisch und arabisch, mit je einem Bild eines lesbischen, eines heterosexuellen und eines schwulen Paares.

Mit den leiser werdenden vielsprachigen Rufen vom Wochenmarkt im Rücken gehe ich langsam zur S-Bahn zurück und freue mich über viele neue Fotos für meine Sammlung.