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Das Lidl-Bike – grüne Welle auf der Potsdamer Straße

Gestern gegen 20.30 Uhr fuhr die Critical Mass von Norden her kommend auf die Potsdamer Straße ein. Die BesucherInnen des Gallery Weekends fanden das sehr unterhaltsam. Die abbiegenden Autofahrer – darüber gibt es keine direkten Zitate . Auf jeden Fall hatten die RadfahrerInnen nicht nur den nicht vorhanden Fahrradweg, sondern eine gesamte Fahrspurseite in der kompletten Länge für einige Zeit mit grüner Welle auch bei Rot für sich.

Critical Mass am 28. April 2017

Wie es sich sonst so auf der Potsdamer Straße radelt und dann auch noch mit einem Leihfahrrad beschreibt HU-Gastbloggerin Jette

„ Auto oder Fahrrad?“
Ich wohne am Stadtrand und bin mal wieder viel zu spät dran für mein Seminar in der Humboldt Universität.  Mein Blick wandert zwischen unserem Auto vor der Tür und meinem Fahrrad hin und her: Wie komme ich am schnellsten hier weg? Ich überlege kurz und entscheide mich für mein Rad. In den meisten Fällen ist man in der Berliner Innenstadt so schneller unterwegs als mit dem Auto.

Zuerst geht es zum S-Bahnhof, mit dem Aufzug runter und wieder rauf, dann weiter in die Bahn, wo ich kaum einen Platz für mein Rad finde. In der Friedrichstraße angekommen, muss ich das Rad die Treppen hinaufhiefen und erst dann geht es zur Uni. Das ist alles äußerst umständlich und aus diesem Grund teste ich das Lidl-Bike, das neue Leihfahrrad von Lidl und der Deutschen Bahn (DB).

Die Konkurrenz
Bevor ich ein Leihfahrrad zu sehen bekomme und meine Testtour durch die Potsdamer Straße beginnen kann, erfahre ich im Internet, dass das Lidl-Bike Konkurrenz in Berlin hat. Neben zahlreichen kleineren Vermietungen von Hotels, Pensionen und Fahrradgeschäften gibt es das blaue nextbike.

Im letzten Jahr konnte sich die DB nicht gegen das Startup aus Leipzig durchsetzen, welches nun mit 7,5 Millionen Euro vom Berliner Senat gefördert wird. Doch die DB suchte sich einen neuen Sponsor, um den Leipzigern nicht das Feld zu überlassen und fand diesen in dem Discounter.

Nun entscheidet der Kunde, auf welches Rad er sich setzt.
Aber die Wahl ist nicht leicht, denn das Leihprinzip per App, die Tarife und Ausleihstationen innerhalb des S-Bahnrings sind bei beiden nahezu identisch. Bleibt nur die Frage, ob ich ein Startup oder ein Millionenunternehmen und eine Supermarktkette mit dem Ziel „nachhaltigster Discounter in Deutschland“ (Wolf Tiedemann, Geschäftsleitung Lidl Deutschland) zu werden unterstützen möchte.

Auf dem Weg zum Lidl-Bike
Ich habe mich für meinen ersten Test für das Lidl-Bike entschieden, da ich herausfinden möchte, wie Passanten auf die Schleichwerbung auf zwei Rädern reagieren. Am Potsdamer Platz begebe ich mich auf die Suche nach Leihrädern und Menschen.

Ich werde fündig und komme direkt mit einem nextbike-Fahrer ins Gespräch: Stefan ist Jura Doktorand und wohnt im Speckgürtel von Berlin. Er fährt die letzten zwei Kilometer vom Potsdamer Platz bis zur Juristischen Fakultät der HU am Bebelplatz häufig mit einem nextbike, da die erste halbe Stunde für nextbike-RadCard Inhaber (49€ /Jahr) kostenlos ist. Das ist für den angehenden Juristen der ausschlaggebende Vorteil. Er ist der Meinung, „die Schleichwerbung habe ich da wie da“.

Es geht los…
Ich will endlich losfahren und verabschiede mich. Die App habe ich zuhause heruntergeladen und so geht alles ganz schnell. Ich finde mehrere Lidl-Bikes vor, entscheide mich für eins und gebe seine Nummer bei der App ein. Daraufhin erhalte ich einen Code, den ich nur noch am Lenker eintrage. Schon öffnet sich das Schloss und ich kann auf den schnell noch passend eingestellten Sattel steigen.

Schon nach den ersten Minuten bin ich froh, dass ich meinen Helm aufhabe und Klingel und Bremssystem einwandfrei funktionieren. Ich werde ohne Grund angehupt und PKWs, Transporter und Motorräder dröhnen neben mir her, doch das frühlingshafte Wetter entschädigt mich für all das, spätestens als ich auf der Brücke über dem Landwehrkanal kurz anhalte und die Sonne genieße.

Blickkontakt
Ohne viele Blicke auf mich zu ziehen, fahre ich an den vielen bunten Cafés, Bars, Geschäften und dem Wintergarten vorbei bis zur Ecke Kurfürstenstraße, wo ich an der Ampel anhalten muss und und mich doch beobachtet fühle.

Renata, die Smartphonelose
Besonders eine Frau um die 60 scheint sich für das Rad zu interessieren. Ich steige ab und frage sie nach ihrer Radfahrergeschichte: Renata ist früher täglich mit dem Rad zur Arbeit gefahren und hat gerne im Sommer lange Touren mit ihrem Mann unternommen. Doch nachdem sie sich letzten Winter von ihrem „alten treuen Drahtesel“ wie sie ihn liebevoll nennt, trennen musste, hat sie sich noch für kein neues Modell begeistern können. Für den Übergang zieht sie die Leihfahrradvariante in Betracht. Ihr einziges Problem: Sie hat und möchte kein Smartphone…

Ich lerne mein Rad zu lieben
Je näher ich dem Heinrich-von-Kleist-Park komme, desto sicherer fühle ich mich auf meinem Gefährt. Ich mache Halt am Café Peri, kaufe einen Kaffee und setzte mich auf eine Sonnenbank vor dem Café. Nach dieser Stärkung ist meine Tour fast am Ende, ich fahre bis zum U-Bahnhof Kleistpark und stelle mein Rad dort am Rückgabestandort ab. So bekomme 0,50€ auf mein Konto gutgeschrieben. Das lockt den Kunden, aber ich werde trotzdem noch eine weitere Testfahrt mit dem nextbike wagen, ehe ich mein abschließendes Urteil fälle.

Als ich mich zum Gehen wende, sehe ich zwei junge Mädchen, die auf die Lidl-Räder zusteuern. Maren und Katha sind Studentinnen aus Schwerin und verbringen ein Wochenende in Berlin. Um möglichst viel von der Stadt zu sehen, haben sie sich gegen das BVG- Ticket und für das Lidl-Bike entschieden. Bisher haben sie am U-Bahnhof immer zwei Räder entdeckt und mussten nie weit von ihrer Unterkunft, dem Lindemann’s, laufen.

Beide sind angetan von dem System und würden jederzeit wieder das Rad wählen. Nach meinem Tag kann ich ihnen nur zustimmen. In Zukunft wird also häufiger ein Leihfahrrad vor der Uni stehen.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität.

GartenPlausch im Schöneberger Norden

von HU-Gastblogger Uwe

WASSER UND ERDE FÜR DEN SCHÖNEBERGER NORDEN

Graphik: gruppe F

Seit Anfang des Jahres 2017 gibt es den „GartenPlausch“ im Schöneberger Norden. Jeden zweiten Donnerstag im Monat treffen sich KiezgärtnerInnen in der Kiezoase Steinmetzstrasse 68, um zu fachsimpeln, sich erste Informationen zu holen oder sich zu vernetzen. Organisiert werden diese Treffen von der gruppe F, die das Projekt GartenAktiv bis Ende 2018 durchführt.

,,Genüssliche Verführungen“
Der Tagungsraum ist ansprechend mit kleinen lukullischen Genussmöglichkeiten, wie verschiedenen Keksgebäck,  schmalen Käsestangen, Kaffee und Tee, Wasser und Saft  ,,verführerisch“ ausgestaltet worden. Bereits jetzt vermittelt sich mir hier eine angenehme fast heimische Atmosphäre. Da mir noch etwas  Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung bleibt, spreche ich kurz mit Frau Walther: ,,Die gruppeF hat ja einige Projekte in Berlin, an denen sie organisatorisch beteiligt ist, es sind momentan 3 gärtnerische Projekte  wie u.a. das Projekt Brunnengärten im Weddinger Brunnenviertel sowie ein weiteres Gemeinschaftsgarten-Projekt in Staaken.“

Der Sitzungsraum füllt sich gegen 17 Uhr sehr rasch, der Andrang ist so groß, dass die vorhandenen Sitzgelegenheiten zu Beginn der Veranstaltung nicht ausreichend sind. Mehr als 15 Personen – Anwohner und ehrenamtlich Aktive – nehmen an dem Gartenplausch teil.

150 grüne Orte im Schöneberger Norden – kartiert von der Gruppe F für das Projekt Gartenaktiv

Unter den Anwesenden sind auch zwei Mitarbeiterinnen der  Gewobag MB, die für den dortigen Bereich im Schöneberger Norden als Wohn/Hausverwaltung zuständig sind. Zum einen  ist es Frau Silke Jensen, von der Mieterberatung der Gewobag, zum anderen ist es Frau Brigitte Naumann, die zuständige Kundenbetreuerin  der Gewobag für diesen Bereich des Schöneberger Nordens.

Das heutige Hauptthema lautet: Wasser sammeln /gewinnen mit der Gewobag und der gruppe F

Nach den gemachten Erfahrungen der letzten Jahre mit einer, immer wieder aufkommenden Wasserknappheit in warmen Sommermonaten ist seit längerem der Wunsch der Anwohner präsent, für die Pflege von Hoch-Beeten und sonstigen Grünpflanzen und Gemüseanbau,  alternative Bewässerungs-und Wassersammlungsmöglichkeiten zu entwickeln bzw. neue Möglichkeiten nachzufragen. Dabei geht es heute konkret um die Aufstellung von ,,Regenwassertonnen“.

Entstehende Problematiken
Hier treten sogleich erhebliche Probleme auf. ,,Die Gewobag hat mit dieser Art von Projekt noch relativ wenig Erfahrung,“ bemerkt Brigitte Naumann. ,,Auch muss die technische Machbarkeit und die Wartungsverantwortung für diese Wassertonnen für die Erfordernisse der Gewobag –Hausverwaltung sicher gestellt werden.“

Zu beachten ist hierbei unter anderem, dass die Regen –bzw. Wassertonnen nach oben hin nicht offen sein dürfen, da darin dann kleine Kinder verunfallen könnten. Auch müssen diese Tonnen auf versickerungsfähiger Fläche stehen und mit einem Fallrohranschluss an der Hauswand angebunden sein.

Klar, dass die Gewobag generell bereit ist, zur Aufstellung von Wassertonnen. Voraussetzung ist jedoch auch die technische Machbarkeit und das Sicherstellen, wer für die Wassertonnen verantwortlich sein wird. Eine Veranstaltungsteilnehmerin fragt nach, ob die Wassertonnen auch vor dem Haus auf dem Bürgersteig stehen könnten? Die Antwort erfolgt prompt, dass die Aufstellung von Regen-oder Wassertonnen auf der Straße durch die Gewobag aufgrund der Sicherungspflicht im öffentlichen Straßenraum und der erhöhten Vandalismusgefahr keine Zustimmung erhalten kann.

Wasser marsch?
In der Gruppe beginnen nun Diskussionen über die Möglichkeit der Installierung von Wasserhähnen an den Gebäudewänden. Leider sind auch hier die technischen Voraussetzungen nicht unerheblich. Frau Naumann von der Gewobag weist daraufhin, dass bereits viele existierende Wasserhähne zurück gebaut werden mussten.

Gemeinsam mit den ExpertInnen von der gruppeF werden dann weitere Informationen gegeben. Bei der Nutzung von Außenwasserhähnen am Haus müssen diese mit einem notwendigen Wasserrücklaufstopp ausgestattet sein, aufgrund der Legionellen–Gefahr. Denn bei „toten Ecken“ im Wassersystem, wo abgestandenes Wasser verbleibt, besteht die Gefahr, dass sich diese gefährlichen Bakterien bilden. Das Wasser muss also immer im ,,Fluß“ sein. Ein Rücklaufstopp ist notwendig. Auch wird der Einbau von Wasserzählern empfohlen, denn sonst werden die Kosten für’s Blumengießen auf die gesamte Hausgemeinschaft umgelegt. Die entsprechenden Kosten für die regelmäßige Wartung müssten von der gärtnerisch aktiven Nutzergruppe getragen werden.

Ein Teilnehmer stellt resümierend fest, dass die Gewobag generell zum Aufstellen von Regenwassertonnen bereit, soweit die technische Machbarkeit und deren Verantwortung für die Tonnen sicher gestellt werden kann. Die Vertereterinnen der Gewobag und der gruppeF versichern, dass sie diesbezüglich in Kontakt bleiben werden, um die Modalitäten zu klären. Alle Beteiligten sind daran natürlich interessiert und wollen selbst auch am Ball bleiben. Das Thema des effektiven Wassersammelns wird weiterhin ein wichtiger Gesprächspunkt bleiben.

Neben ein paar kleineren anderen Thematiken kommt es zu einem weiteren für mich interessanten, überraschenden, weil nicht angekündigten  Thema: Der Beschaffung und Verwendung von Pflanzenerde. Aber! Wer braucht denn jemals so viel Erde?

Einige der Teilnehmer erwähnen zu Beginn: Den groben Kompost, der aus Grünschnitt des Straßen- und Grünflächenamtes hergestellt wird, kriegen wir ja unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Die Qualität reicht aber nicht für den Anbau von Nutzpflanzen aus. Letztes Jahr hatten wir ja bereits einen größeren Umfang an Erde aus Aktionsfonds-Mitteln erhalten.“

Lieferung von 5 Tonnen Erde auf einem nur 3,5 Tonnen  tragenden LKW
,,Es wurden uns ja im letzten Jahr  mit einem 3,5 Tonnen LKW  ganze 5 Tonnen zu verwendende Erde geliefert,“ merkt ein Veranstaltungsteilnehmer an. Ich bin ziemlich beeindruckt von der angegebenen  Menge und kann mir nur sehr schwer vorstellen, wie diese Massen an Pflanzenerde Verwendung finden können. Und ob nun wirklich so viel Erde verbraucht werden kann?

Kurz darauf werde ich jedoch diesbezüglich von zwei Anwesenden eines Besseren belehrt: ,,Zu Beginn dachten wir, es sei uns sehr viel Erde geliefert worden,“ sagt eine Gärtnerin. Doch dann sei es doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen.

Neuer Bedarf für 2017: Ganze 15 Tonnen Erde!!
Diesmal liegt der Bedarf allein für diese Initiative locker bei circa 15 Tonnen Erde für das Jahr 2017. Das bedeutet 300% Mehrbedarf, gar nicht schlecht! Im Anschluss wurden von den anwesenden Gärtnern bereits Wünsche für die diesjährige Oberboden-Lieferung an das Projekt GartenAktiv gesammelt. Als spätester Liefertermin für die Erde wurde der 12.05.2017 genannt.

Auch gab es an diesem Diskussionsabend noch weitere sehr interessante Themenschwerpunkte, wie das Durchführen von Bodenproben in bestehenden Beeten sowie die Qualität der gelieferten Erde. Viele Gärtner wollen wissen, ob der Oberboden ,,schadstoffbelastungsfrei“ für den Gemüseanbau verwendbar ist oder aber wie man auch die Herstellung von hochwertiger Pflanzenerde selbstständig in Angriff nehmen kann, z.B. durch das sog. „Kon-Tiki“ System.

Ebenso wurde angesprochen, in wieweit es Pflanzenarten gibt, die wenig Pflege und Wasser benötigen wie z.B. Steppengräser, Lavendel oder auch spezielle Züchtungen. All diese Themen werden zu einem am 13. April beim nächsten GartenPlausch aufgegriffen.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Cnters an der Humboldt Universität zu Berlin.

Biobistro Radieschen

Von HU-Gastblogger Sebastian

Ein Besuch im Biobistro Radieschen in der Pohlstr. 61

Mittagszeit. Zeit für eine gesunde Stärkung! Montag bis Freitag von 9-16 Uhr öffnet das Biobistro Radieschen seine Pforten, um hungrige Büroangestellte, Anwohner und alte Stammkunden gleichermaßen zu verköstigen. Ich durfte mit der Besitzerin Semira Sahyazici über das vegan-vegetarische Konzept ihres Bistros sprechen:

Es ist kurz vor 11 Uhr, die Ruhe vor dem (An)Sturm. Spezialisiert auf den Mittagstisch, findet der Hochbetrieb meistens von 12-14 Uhr statt. Während in der Küche die Vorbereitungen noch auf Hochtouren laufen, beginnen Semira und ich mit unserem Interview. Sie empfängt mich sehr freundlich, alles wirkt hier sehr familiär und vertraut. Noch bevor wir überhaupt zum eigentlichen Interview kommen, fragt sie mich nach meinem leiblichen Wohlbefinden, ob ich nicht gern etwas zu Essen oder Trinken mag und bietet mir einen Powersmoothie an, den ich dankend annehme. Wirklich sehr zuvorkommend und ein Sinnbild für Semiras Ansichten und Überzeugungen, auf die ich im Verlaufe noch zu sprechen komme.

Das Konzept vom Biobistro

Beim ersten Eintreten fällt sofort das große Bild eines Radieschen an der Wand hinter dem Tresen auf. Das Biobistro gibt es in der Form schon länger, damals noch unter dem Namen „Ölweide Bistro“ neben fast gleichnamigen Ölweide Bistro. Semira arbeitete bereits seit der Eröffnung 2010 im Ölweide Bistro, bevor sie es schließlich 2015 unter neuem Namen übernahm. Das Radieschen zierte bereits damals die Wand und so war die Namensgebung für sie ein Leichtes.

„Welche konkreten Schwierigkeiten gab es vor der Eröffnung?“ und Semira entgegnete mir damit, dass anfangs war vor allem das männliche Publikum skeptisch war. So fiel die Frage „gibt es da nicht etwas mit Fleisch?“ wohl öfter als erwartet. Aber ihr gelang es, selbst diese größten Kritiker schnell umzustimmen! „Wir bereiteten auch Gerichte mit Seitan zu, dieser hat einen sehr fleischähnlichen Geschmack“ versicherte sie mir.

Alles biologisch-ökologisch

Das Bistro bot schon immer ein vegetarisches Angebot mitsamt Suppen an, seit Semiras Übernahme wurde es auf vegan erweitert. Die Lebensmittel werden regional von Terra bezogen und nach Möglichkeit auch nur saisonal verwendet (z.B. Rotkohl in der Herbst- und Winterzeit). Backwaren kommen aus der Backstube in der Wassertorstraße in Kreuzberg. Man will damit vor allem die Kleinbauern und regionale Anbieter unterstützen. Es wird darauf geachtet, dass nichts weggeworfen und nicht unnötig viel Abfall produziert wird. Oft bleibt nichts übrig und die Speisen sind komplett ausverkauft. Dafür sorgt die jahrelange Erfahrung von Semira & Co., die genau wissen, wie viel an Essen vorzubereiten ist.

Der USP (unique selling point) ist, dass wirklich alles BIO-Qualität besitzt, bis hin zu den Gewürzen! Das ist hier im Umfeld der Potsdamer Straße wirklich einzigartig. Trotzdem sind die Preise sehr human!

Bei einem Powersmoothie lässt es sich noch angenehmer interviewen

Was gibt es zu essen?

Neben Kaffee und hausgemachtem Kuchen zum Frühstück, die aber auch ganztägig verfügbar sind, den frisch gepressten Säften und Powerdrinks, liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf dem Mittagstisch, der zwei täglich wechselnde und frisch zubereitete Tagesgerichte bereit hält. Eines davon ist auf jeden Fall vegan. Die Rezepte sind aus aller Welt inspiriert, weshalb es keine feste Richtung gibt. Ob ukrainischer Bortsch, Rote-Beete-Cremesuppe, Pastinaken-Apfel-Suppe oder italienische Küche, hier ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Wer kommt hier zusammen?

Es ist ein kleiner, familiärer Laden, der Platz für maximal 30 Leute umfasst, wobei bei gutem Wetter noch einmal zusätzlich 20 im Außenbereich Platz finden. WLAN sucht man hier vergebens und zwar ganz bewusst! Vor allem basiert das Konzept darauf, dass sich die Menschen vor Ort treffen, sich unterhalten und genießen. „Die Kunden fühlen sich hier wie zuhause“, es wird geduzt und Semira kennt viele Kunden namentlich, da es sich um Wiederholungsesser handelt. Umso weniger verwunderlich also, das viele das erste Mal auf Empfehlung hierherkommen.

Überhaupt ist das Klientel sehr viel bunter und farbiger geworden, als es vor ein paar Jahren noch der Fall war. „Es ist sehr interessant, wie sich die Potsdamer Straße weiterentwickelt hat und immer noch tut“ stellt Semira fest. Wo früher noch hauptsächlich Anwohner und Weltenbummler kamen, die auch heute noch zu ihren Gästen zählen, finden durch die neuen Galerien und Büros auch immer mehr Künstler, Touristen und viele Englischsprachige den Weg ins Bistro.

Semira würde jedenfalls alles noch einmal genauso machen. Sie ist sehr überzeugt von dem Konzept, da sie sich selbst schon von Kindheit an vegetarisch ernährt. Qualität hat für sie oberste Priorität und man spürt förmlich wie wichtig es ihr ist, „etwas Gesundes und Gutes anzubieten!“.

Deswegen ist sie jeden Tag hier, außer am Wochenende, wo auch geschlossen ist. „Es ist mir sehr wichtig, die Zeit mit den Liebenden zu verbringen. Es ist kein Familienbetrieb, aber die Arbeit ist sehr familiär“. Diese Gedanken übertragen sich auf den ganzen Betrieb und vielleicht werden wir in der Zukunft sogar die Eröffnung eines weiteren Biobistros unter gleichem Namen miterleben?! „Warum nicht, alles ist möglich!“ entgegnet sie mir engagiert.

So bleibt mir am Ende noch zu sagen, dass sich ein Besuch immer wieder lohnt, allein schon wegen der täglich wechselnden Tagesgerichte, oder um mit Semira persönlich zu quatschen, so wie ich es tat.

(Kontakt: semira.sahyazici@googlemail.com)

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität.

„Wer schreibt unsere Geschichten, wenn nicht wir selbst?“

von HU-Gastbloggerin Cagla

Kuse

Quelle: http://www.fembio.org

Die meisten jungen Erwachsenen stehen irgendwann an einem Punkt, an dem sie sich fragen müssen: „wer bin ich und wer möchte ich sein?“ Den wenigsten Menschen fällt diese Aufgabe leicht und mehr als die Hälfte können diese Frage auch im voranschreitenden Alter nicht eindeutig beantworten. So auch Käthe Kuse, genannt Kitty. Sie liebte Frauen, aber dass sie homosexuell war, kam ihr nicht in den Sinn. Als ihre damalige Freundin fragte: „Weißt du eigentlich, dass du homosexuell bist?“ war sie erst einmal verstört und fassungslos. Als sie in Ruhe darüber nachdenken konnte, suchte sie ihre Freundin auf und sagte: „Jawohl, ich bin homosexuell und ich liebe dich.“  Weiterlesen

Kleingartenidylle à la Kreuzberg

von Gastbloggerin Lisa

Die Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof POG gibt es schon seit 1948 und ist für viele AnwohnerInnen ein Ort zum Verschnaufen. Denn hier verliert man schnell das Gefühl von Großstadt und taucht in die Kreuzberger Kleingartenidylle ein.

Eine Armee von Gartenzwergen starrt mich an. Im Hintergrund weht die Deutschlandfahne. Ich bin in einer Kleingartenkolonie. Und wenn ich mir diesen Garten so ansehe, ist es hier genauso wie in allen anderen deutschen Kleingartenkolonien. Perfekt gestutzter Rasen, konzeptionell angelegte Beete. Es erinnert an einen Minigolf-Parcours.

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Im nächsten Garten ist davon nichts zu erkennen. Hier wächst alles so, wie es will, es wurden nur zwischendurch ein paar Beete eingezogen, in denen allerdings auch die Natur die Überhand gewonnen hat. Die Laube sieht aus, als wäre sie von jemandem mit Liebe aber ohne genaueres Fachwissen selbst zusammengezimmert worden und überall in den Bäumen, am Eingang der Laube und auf dem Boden hängt und steht Krimskrams wie ein Windspiel und Skulpturen aus Fundstücken. Ein Gartenzwerg ist nicht dabei.

Ich bin in der POG Kleingartenkolonie am Gleisdreieck, die schon seit rund 60 Jahren existiert. Damals hatten die AnwohnerInnen auf den Trümmern des Potsdamer Güterbahnhofs ihre Lauben errichtet und manche stehen da immer noch genau so. 75 Kleingärten gibt es auf dem Gelände, das inzwischen an den Park am Gleisdreieck angrenzt. Dafür musste gekämpft werden. 2009 – bei der Planung des Parks sollten eigentlich 50 Parzellen sechs Sportplätzen weichen.

Gemeinsam mit vielen AnwohnerInnen und lokalen Initiativen hat Klaus Trappmann, der Vorsitzende des Vereins, jahrelang gekämpft und nun ist die POG Kleingartenkolonie Teil des Parks am Gleisdreieck. Der nördlichste Teil ist sogar in den Park integriert. „Gärten im Garten“ heißt das Konzept.

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Das Erste, was mir beim Hineingehen über den „Eingang Westpark“ ins Auge sprang, war der „Naturraum“, ein eingezäunter Bereich, in dem, wie auf einem Schild erklärt wird, die Natur machen soll, was sie will, und besonders von Kindern erlebt werden kann.

Hinter dem Naturraum und den ersten Kleingärten öffnet sich der Marktplatz mit dem „Café Eule“, wo einige Familien trotz des durchwachsenen Wetters selbstgemachten Kuchen auf Baumstämmen und Weinkisten genossen. Keine der Familien hat eine Laube, doch kommen sie gerne am Wochenende hierher, um ein bisschen auszuspannen. Die Kleingartenanlage sei ihre „Oase in der Großstadt“, sagte eine junge Mutter. Der ganze Park sei eine tolle Möglichkeit für Stadtkinder, auch mal wieder ein Stück Natur zu erleben. „Und wenn man mal ein bisschen Ruhe will, kommt man hier her und spaziert durch die Anlage.“

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Der Marktplatz in den „Gärten im Garten“

Tatsächlich kam sofort Kleingartenidylle auf, als ich weiter in die Anlage hineinlief. Der repräsentative Teil der Gärten ist vorbei, hier wird gelebt. Kleine, verwunschene, teilweise verwucherte Wege führen an den unterschiedlichsten Lauben vorbei. Die meisten Menschen, die ich antreffe, sind gerade dabei, ihren Garten fit für den Sommer zu machen. Es wird gepflanzt und geharkt. Das Gemeinschaftsgefühl sei durch den Kampf um den Erhalt der Kolonie auf jeden Fall größer geworden, sagt ein älterer Mann, der gerade mit einer Schubkarre zu seinem Garten geht. Ansonsten könne man hier aber trotzdem schön seine Ruhe haben, wenn man will.

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„Hier geht es zum Glück nicht so streng zu wie in anderen Kleingartenkolonien“, erzählt mir ein Gartenbesitzer, den ich ungefähr auf dreißig schätzen würde. Zusammen mit einem Freund befreit er gerade den Rasen von Laub. „Bis jetzt habe ich von niemandem mitbekommen, dem irgendwie reingeredet wurde.“ So wirkt es hier auch. Die Kulisse der U-Bahnbrücke, die über die Gärten führt, und die bemalten Häuserwände passen zum Lebensgefühl. HobbygärtnerInnen seien auch viele junge Leute, „und auch nicht immer nur Deutsche.“

Er empfiehlt mir noch im Deutschen Technikmuseum, das auch an den Park am Gleisdreieck angrenzt, das Modell der früheren Bahnhofsanlage rund um den Anhalter Bahnhof und das Gleisdreieck anzusehen, dann verabschiedet er sich und harkt weiter Laub.

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Bienen gibt es auch in der POG Kleingartenkolonie

 

 

Die obligatorischen Deutschlandfahnen wehen hier zwar und Gartenzwerge bewachen das ein oder andere Grundstück, aber trotzdem scheinen in der Kleingartenkolonie am ehemaligen Potsdamer Güterbahnhof alle ihr Plätzchen gefunden zu haben. Und da kriegt man sie so schnell auch nicht mehr weg.

An einem schwarzen Brett am Wegesrand hängt ein Zettel, auf dem steht: „An alle Interessenten für Lauben: Bitte NICHT anrufen, mailen oder faxen! Die Warteliste für Lauben ist unendlich groß und es wird kaum was frei! Tut uns Leid!“

 

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität

 

Ernährung für Geist und Seele im Café Tietz

Das Café Tietz besticht mit Energie in Raum und Speisen. Ein neues Kaffeehaus in der Potsdamer Straße 77.

von HU-Gastbloggerin Miriam

Aus dem M85 an der Haltestelle Lützowsztraße/Potsdamer Straße gesprungen, einmal über die Straße und nach rechts geguckt, fallen einem Neuling in  der Potsdamer Straße sofort die dunkelbeigefarbenen Flaggen des Café Tietz & Cie ins Auge, die sich im seichten Frühlingswind wiegen. Wie die eines Hoteleingangs erscheint die Tür des Cafés, die in das biologisch wertvolle Geschmacksparadies führt. Ich bin heute überpünktlich dort und werde auf Englisch von den drei Mitarbeiterinnen begrüßt. Herr Tietz würde gleich kommen sagen sie, ob ich die drei Minuten Wartezeit mit einem Café Latte überbücken könnte? Kann ich. Weiterlesen

Forward-Fashion im Kiez


Skandinavisches Flair zwischen Edelstahl und Beton, geradlinig und schlicht. Im minimalistischen Stil präsentiert Acne Studios an der Potsdamer Straße seine neue Kollektion.
 

von HU-Gastbloggerin Cagla

Ein Dönerladen neben einem Sexshop, zwischen verschiedenen Galerien und der Kurfürstenstraße. So lässt sich die Potsdamer Straße in Berlin – Schöneberg wohl am einfachsten skizzieren. Die verschiedensten Unternehmen bilden einen Nachbarschaftskreis, jedes mit eigenen Charme. Die im Volksmund gern als  „Potse“ bezeichnete Straße punktet also mit Diversität, nicht nur bei Touristen –
„Teilweise zwielichtig, aber lebhaft“, beschreibt eine Passantin aus Berlin lächelnd die Umgebung. Die Straße wandelt sich und ihr Publikum mit ihr. Besonders durch die aneinandergereihten Modelabels. Weiterlesen

Portrait Magda

Porträtiert von Cagla

Die Entfernung zwischen Berlin und ihrer Heimat beträgt 516,72 km.
Nach dem Abitur und einer bestandenen Staatsprüfung hat sich Magda entschieden, in Deutschland zu studieren. In der Hauptstadt Polens ist sie bilingual aufgewachsen – „ich dachte mir, ich könnte das nutzen“.Magda
Polen sei nicht weit weg, gleichzeitig sei ein Besuch der Familie immer mit einer kleinen Rundreise verbunden, da alle Familienmitglieder in Polen verteilt wären- besonders in Breslau, wo Magda geboren wurde. „Wir stehen die ganzeZeit in Kontakt, das finde ich wichtig“.

Viele ihrer Freunde studieren auch in Deutschland, keiner in Berlin, jedoch vermehrt in Frankfurt an der Oder „[Frankfurt] ist nicht ganz in Deutschland und auch nicht ganz in Polen“, zitiert sie lächelnd den deutschen Kabarettisten Steffen Möller, der in Polen mittlerweile seine Wahlheimat gefunden hat.

Im Großen und Ganzen ist sie aber zufrieden damit, alleine nach Berlin gereist zu sein. Der Vorteil bestehe darin kontaktfreudiger gegenüber Fremden zu sein. Ihre erste Erfahrung mit Deutschland hat sie schon im Alter von fünf Jahren gemacht. In einem Kindergarten in Polen, der mit dem deutschen Konsulat zusammen arbeitet, wurden Kinder aus Deutschland und Polen in Gruppen gemischt. Von zwei Betreuerin war einer jeweils deutsch beziehungsweise polnisch:
Ab und zu habe ich Zuhause unbewusst deutsch mit meinen Eltern gesprochen“. Auf die Frage, ob sie einen Unterschied zwischen den deutschen und den polnischen Kindern feststellen konnte antwortet sie schlicht:
„Wir waren einfach Kinder“.

Mehrere Jahre später bot sich ihr somit die Möglichkeit auf ein Studium in Deutschland in der Fachrichtung Volkswirtschaftslehre.
Berlin und Warschau seien gar nicht so unterschiedlich: „ z.B. [den] Prenzlauer Berg könnte man mit [dem Warschauer Bezirk] Powisle vergleichen“.

Auch auf kulinarischer Ebene lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und Polen finden. „Ich koche sehr gern…“ sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Sie experimentiert gern in der Küche. Lebensmittel seien im Vergleich zu den polnischen sehr ähnlich, dennoch gäbe es den ein oder anderen feinen Unterschied, der beispielsweise für die Zubereitung der berühmten Maultauschen pierogi von Bedeutung sei.

 

  • Wie würdest du dich mit drei Worten beschreiben?

    „ironisch, weltfreudig, kontaktfreudig“.

Das Portrait ist entstanden im Rahmen des Kurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Centers an der Humboldt Universität

Ayan Filipino Streetfood: Das ist es!

Von Gastbloggerin Lisa

Seit einem Jahr kann man im „Ayan Filipino Streetfood“ traditionell philippinisch essen gehen und einen besonderen Teil der Potsdamer Straße auf sich wirken lassen.

Von der Potsdamer Brücke aus sind es fünf Minuten Fußweg zum „Ayan Filipino Streetfood“. Vorbei an Carglass, der Galerie Michael Janssen und dem Blumenstudio Bohner. Ein Kontrastprogramm zum aufgedonnerten Potsdamer Platz, von dem ich gerade komme. „Ayan“ lässt sich hier leicht als neuer Laden identifizieren. Weiterlesen

Die vergessene Ära – Schönebergs Underground Szene

Von Gastblogger Alexander

Das Publikum kocht, der Boden bläht sich, die Wände rücken näher, die Luft ist dünn, Schweiß fließt in Strömen. Von der Bühne kreischt eine ewig junge Stimme der ersten Punkrock Generation, gesellschaftskritisch bis auf den letzten Knochen.

Der Bezirk Schöneberg war einst das Zentrum West-Berlins voll mit brodelndem Nachtleben und einer ergiebigen Kulturszene. In Klubs wie dem „Risiko“, der „Ruine“ oder dem „Dschungel“ spielte sich die Musikszene der 80er Jahre auf und ab. Die Westberliner Musikikone Blixa Bargeld gründete hier die Band „Einstürzende Neubaute“, Nick Cave formierte hier aufs Neue das Projekt „Nick Cave and the Bad Seeds“ und David Bowie fand hier zusammen mit Iggy Pop neue Inspiration für weitere Werke.

Der westliche Teil Berlins, eine westdeutsche Enklave inmitten der DDR, war dafür wie geschaffen, denn man wurde hier mit Subventionen regelrecht überschüttet. Es gab keinen Wehrdienst, geringere Steuersätze, niedrigere Preise und größere Freizügigkeit, welche man woanders so nicht kannte. Ausschlaggebend war jedoch die große Menge an Künstlern, welche der Stadt eine enorme Anziehungskraft verliehen. Gleichgesinnte aus aller Welt strömten nach West-Berlin, einem Kreativmekka der besonderen Art. Doch wie viel ist heute noch vom ruppigen Geist der wilden 80er in Schöneberg zu spüren?

Vereinsmitglied Jack an der Bar im Ex'n'Pop e.V.

Ex’n’Pop Vereinsmitglied Jack an der Bar im Ex’n’Pop e.V.

Der anarchistische Geist scheint nur noch im Gedächtnis geblieben zu sein, die Underground Szene ist so gut wie verschwunden und zahlreiche Klubs haben geschlossen. Nun säumen Matratzenläden und Apotheken all die glorreichen Ecken aus den alten Zeiten. Der zuvor stets in der Luft schwebende Nonkonformismus Westberlins scheint nicht mehr zu halten. „Der Staat ist nun viel präsenter geworden“, sagte Jack, ein Mitglied der damaligen Korona. „Das Parken auf dem Bürgersteig“, fügte er hinzu, „eine Lappalie nach damaliger Sicht und heute symbolträchtig für die ganze Entwicklung, ist nicht mehr möglich.“

Ein Stück jener Zeit wurde jedoch trotz zahlreicher Schließungen und Umzüge im Ex’n’Pop e.V. auf der Potsdamer Straße 157 erhalten. Ein Ort, den man heutzutage leicht übersehen kann, denn es finden sich hier keine großen Aushänge, offene Türen oder generell Fenster. Auffällig sind nur die auf dem Bürgersteig stehenden Badewannen gefüllt mit ungezähmter Natur. Nichts verrät jedoch über das wilde Treiben im Inneren. Der einzige Weg um hinter die Fassade zu blicken führt nach 22:00 Uhr an der Klingel, einer rabenschwarzen Schleuse und der Gesichtskon­t­rol­le vorbei.

Das Ex'n'Pop in der Potsdamer Straße 157

Das Ex’n’Pop in der Potsdamer Straße 157

Das Ex’n’Pop gibt es schon seit 30 Jahren und seit 2001 wurde daraus ein Verein. Die Betreiber sehen sich als eine Art Forum für alle möglichen kulturellen Veranstaltungen. Man bietet hier dem eingeweihten Publikum je nach Programm Musik, Theater, Kino oder Lesungen. Wenn jemand keinen Platz für seine Musik in der strikt kommerziell orientierten Nachbarschaft findet, kann er sich immer an den Verein wenden. So spielen hier freitags und sonnabends Bands aller Stilrichtungen und Gewichtsklassen. Von Anfängern über Underground-Bands bis Rock-Legenden, alle finden sie ihren Weg ins Ex’n’Pop.

T.V. Smith auf der Bühne im Ex'n'Pop.

T.V. Smith auf der Bühne im Ex’n’Pop.

So auch T.V. Smith, eine in Vergessenheit geratene englische Punkrockgröße. Dürr, eckig und kantig in eng anliegende Stofffetzen gehüllt, verbreitet er von der Bühne mit durchdringender Stimme eine ungewohnt vertrauenserweckende Atmosphäre. Die Worte fließen mal hypnotisch weich, mal zerrissen und scharf. Das Gesicht singt mit jeder Gesichtsfalte bis zur letzten Gefühlswallung mit. Nach fast 40 Jahren auf der Bühne scheint bereits jedes einzelne Wort mehrfach durchlitten und sorgfältig in Songs verpackt zu sein. Die rohe und ungeschliffene Wände des Ex’n’Pop bieten eine Lebensfülle, wie man sie woanders noch zu finden vermag. Punk’s not dead at Potsdamer Straße!