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Kunst an der Potsdamer Straße: Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern

von Christian Kaiser

Die Gegend um die Potsdamer Straße ist zu einem Kunstquartier geworden. Im Straßenbild sind die Galerien und Ateliers deutlich sichtbar. Fährt man etwa die Potsdamer Straße entlang, so kann man vom Doppeldecker aus in die weißen Räume von Galerien hineinschauen. In deren Inneren sieht man mitunter ein Paar Stiefel schrittweit auseinander stehen oder einen Farbklecks an der Wand – „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist ja längst ein Running Gag.

Wie aber sehen Künstler und Galeristen eigentlich ihre jeweilige Tätigkeit, was bedeutet sie ihnen persönlich?

Was macht überhaupt ein Galerist genau? Und wie wird man zum Künstler? Ist Kunst noch immer gelebte Selbstentfaltung? Und wie gehen dann Künstler und Galeristen mit der Notwendigkeit um, ihre Werke vermarkten zu müssen?

Wieso gibt es eigentlich so viele Galerien und Künstler im Gebiet der Potsdamer Straße?

Gibt es eine Vernetzung zwischen den Galerien und den hier ansässigen Künstlern? Wer kauft denn Kunst, wer besucht Galerien? Kann man tatsächlich von einem Kunst-Boom sprechen?

Gesprochen habe ich über diese Fragen mit zwei Künstlern, die in den U-Bahnbögen der Pohlstraße 11 ihre Ateliers haben, Bettina Lüdicke und Rolf Hemmerich, mit der Managerin der Krome Gallery in der Potsdamer Straße 98, Selina Lai, und mit Alfons Klosterfelde, dem Galeristen der Helga Maria Klosterfelde Galerie in der Potsdamer Straße 97, sowie mit zufällig angetroffenen Besuchern dieser beiden Galerien.

Von diesen Begegnungen berichte ich in fünf Artikeln, zu deren Lektüre ich Sie herzlich einladen möchte:

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Wer besucht eigentlich Galerien? Touristen? Wohlhabende? Junge Leute, für die es einfach cool ist?
Um das herauszufinden, stelle ich mich an einem sonnigen, aber ziemlich frostigen Samstagnachmittag im März für eine gute Stunde so auf die Potsdamer Straße, dass ich beide Galerien zugleich, die Krome Gallery und die Klosterfelde Galerie, im Blick habe. Denn  von Besucheranstürmen kann keine Rede sein, im Gegenteil, beide Galerien sind die meiste Zeit meiner Beobachtungsphase über einfach leer.

Besucher Krome GalleryEinige, die die Krome Gallery betreten, wollen nur in den Kunstbuchladen nebenan, der aber nur durch die Tür der Galerie zu betreten ist.
Meine ersten echten Galeriebesucher sind zwei Herren im mittleren Alter. Ich spreche sie an, doch Deutsch verstehen sie nicht. In englischen Satzstücken erklären sie mir dann, dass sie zwei Kunstlehrer aus Sienna seien und nur spontan in die Galerie gegangen wären, nein, Kunst wollten sie nicht kaufen, und eigentlich seien sie auch nur auf dem Weg ins Hotel. Ich lasse sie also schnell weiterziehen.

Lange Zeit kommt niemand. Mir wird langsam kalt. Ich bin schon froh über die beiden Kunstlehrer aus Sienna. Ich gönne mir erst mal eine Aufwärmpause beim Kiosk im nahegelegenen U-Bahnhof und versuche mein Glück erneut.

Und tatsächlich, in der Krome Gallery sind zwei Besucher! Erwartungsfroh gedulde ich mich, bis sie aus der Galerie kommen. Zuerst sind die beiden Herren etwas wortkarg angesichts meiner Frage, aus welchem Grund sie in der Galerie waren. Doch dann kommen sie ins Erzählen: Sie seien beide Künstler, die nach Berlin gezogen seien und eine Galerie in Paris hätten. Nein, nicht der Inspiration wegen seien sie heute hier, sondern um einen Überblick zu bekommen, um zu schauen, was andere Künstler so machten, naja, eigentlich würden sie auch eher einen gemeinsamen Spaziergang unternehmen, ein bisschen hier schauen, ein bisschen da, mit „professionellem Blick“, um sich dann schließlich dort, wo es ihnen gefalle, zu einem Kaffee niederzulassen. Na dann, noch einen sonnigen Kunstnachmittag!

Unterdessen haben drei ‚asiatisch‘ aussehende junge Leute die Galerie betreten. Ich beobachte sie, wie sie sich umschauen und durch den Durchgang zum Kunstbuchladen nebenan gehen. Sie blättern hier und da in den ausliegenden Büchern und scheinen sich tatsächlich festgelesen zu haben. Dann kommen sie schließlich doch noch heraus. Bei ihnen hilft wieder nur die englische Sprache weiter. Wie sich herausstellt, studiert der junge Mann unter ihnen Kunst und besucht seine beiden Begleiterinnen in Berlin, von denen die eine Kunstgeschichte hier an einer privaten Akademie in Berlin studiert. Sie hätten sich bloß ein bisschen umgesehen, mehr im Kunst-Buchladen als in der Galerie und wollen mich auch gleich, als sie hören, dass ich Philosophie studiere, in ein Gespräch über ‚Nieeje‘ verwickeln. Es dauert einen Moment bei mir. Ah! Sie wollen über Nietzsches Kunstphilosophie mit mir sprechen! Ich lehne dankend ab und wünsche einen schönen Tag.

Gut, das reicht jetzt, denke ich auf dem Weg zum U-Bahnhof. Da sehe ich just in diesem Moment einen jungen Besucher aus der Helga Maria Klosterfelde Galerie treten.

Besucher Galerie KlosterfeldeZügig wechsle ich die Straßenseite und spreche ihn an, während er gerade auf sein Fahrrad steigt. Klar, prinzipiell würde er mir gerne antworten, doch er habe es gerade total eilig, weil er noch unbedingt eine andere Ausstellung in einer anderen Galerie sehen wolle, die heute zu Ende gehe, er müsse jetzt wirklich schnell los. Während er anfährt, ruft er mir zu: Berliner Künstler sei er,  er werde durch eine eigene Galerie vertreten und schaue sich aus beruflichen Gründen die Ausstellungen an. Und weg ist er. Allerdings nur um 50 Meter weiter wieder sein Fahrrad an einen Baum zu lehnen und in einer Hofeinfahrt zu verschwinden.

Meine Glückssträhne reißt nicht: Ein Mann, ebenso jung wie der vorherige, tritt aus der Galerie. Hier hilft wieder nur Englisch weiter. Als er hört, wer ich bin und dass ich einen Artikel über die Kunstszene an der Potsdamer Straße schreibe, erzählt er sehr freundlich, geradezu freundschaftlich von sich: Er käme aus New York, habe dort Kunst an diversen Collages studiert und wäre dort auch gerne geblieben. Hier müsse er sich nun erst neue Kontakte in die Kunstszene hinein aufbauen, deshalb besuche er Galerien. In der Galerie Klosterfelde stelle zum Beispiel gerade ein Künstler aus, mit dem er demnächst in einem größeren Projekt zusammenarbeiten werde. Nein, nicht der Kunstszene wegen sei er nach Berlin gekommen, durch den Umzug nach Berlin habe er sich eher seiner Karriere beraubt, sagt er mit einem leichten Lächeln, in New York hätte er  nämlich die Kontakte seiner Professoren nutzen können! Er sei aus dem anderen Grund, aus dem man seine Heimat verlassen könne, nach Berlin gekommen: der Liebe wegen!

Bei meiner kleinen Befragung fällt also eines auf: die Menschen, die Galerien besuchen, sind vom Fach, oft selbst sogar Künstler. Wer dann aber dieses Kunstgeschäft überhaupt möglich macht, wer die Künstler finanziert, wer ihre Kunst kauft, bleibt ein Rätsel.

 

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„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen.“ Ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Krome GalleryNeben dem Wintergarten Varieté liegt die elegant wirkende Krome Gallery, deren Eingang, drei Stufen erhöht, vollständig verglast ist, so dass jeder ungehindert von außen  in den hohen weißen Innenraum hineinschauen kann. Ein klarer, etwas kühler Eindruck. Die ausgestellten Werke fallen dadurch umso mehr auf: Im Eingang steht ein Paar schwarzer Stiefel so zueinander versetzt, als machten die Stiefel soeben einen Schritt. An einer Wand hängt ein großer Flachbildschirm, auf dem vor schwarzem Hintergrund ständig ein weißes Ei sich dreht und dabei fortwährend sprudelnde Bläschen aufzuwirbeln scheint. Die Werke gehören zu einer Ausstellung des Künstlers Tarje Eikanger Gullaksen, die bis vor kurzem in der Krome Gallery zu sehen war.

Die Managerin der Krome Gallery, Selina Lai, wird – begleitet von ihrer Assistentin, Elisabeth Pallentin – im Folgenden erzählen, wie ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Galerie aussieht, was sie an ihrer Arbeit mit Kunst schätzt und warum die Krome Gallery gerade die Potsdamer Straße als Standort ausgewählt hat.

Wie würden Sie die Tätigkeit einer Galerie und Ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Galerie beschreiben?

Selina Lai: Eine Galerie ist der Schnittpunkt zwischen dem Künstler und dem Sammler, zwischen Künstler und Museum. Was der Besucher hier in der Galerie sieht, das fertige Produkt, ist aber nur die Oberfläche. Es geht  nicht darum, eine Ausstellung zu eröffnen, man muss hinter der Kulisse weiterarbeiten. Vor allem muss es einen ständigen Fluss zwischen Künstler, Galerist und Käufer geben: Der Künstler profitiert von den Kontakten, die der Galerist hat, und umgekehrt genauso. Ziel der Galerie ist es natürlich, den Künstler so gut zu vermarkten, dass der Künstler von seiner Kunst leben kann.

Aber es geht auch darum, einen gewissen Wert zu schaffen: Man hilft dem Künstler, eine eigene künstlerische Position zu formen. Dazu gibt es einen beständigen Austausch, nicht nur bezüglich der Arbeiten, sondern über die eigene Weltanschauung. Die Beziehung zwischen Galerist und Künstler ist daher im besten Fall sehr menschlich: Viele Künstler und Mitarbeiter von Galerien werden sogar Freunde.

Ihre Tätigkeit besteht also darin, nicht abstrakt über die ausgestellten Werke zu sprechen, sondern vielmehr mit dem Menschen, der hinter diesen Werken steht?

Selina Lai: Ich glaube, was einen guten Galeristen auszeichnet, ist die Fähigkeit, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen. Nur so können die Mitarbeiter der Galerie auch den Wert der Arbeiten einem Sammler oder einem Museumskurator vermitteln.

Elisabeth Pallentin: Kunst ist ja generell kein anonymes Produkt, es steckt immer der Künstler und seine ganze Persönlichkeit im Kunstwerk, darauf gründet die Beziehung zwischen Galeristen und Künstler.

Selina Lai: Es ist wie so eine Art Boutique, wo sich hinter der Mode eine Geschichte versteckt.

Wonach treffen Sie denn Ihre Auswahl, welchen Künstler Sie in das Programm der Krome Gallery aufnehmen? Entscheiden Sie das subjektiv oder haben Sie irgendein Schema bewusst im Kopf? Orientieren Sie sich vielleicht an einem Trend?

Selina Lai: Wenn man versucht, nach dem Trend zu gehen, ist man schon gescheitert. Natürlich ist man trotzdem auch davon beeinflusst, was man in den anderen Galerien sieht, aber eher  unbewusst.
Was ist also stattdessen wichtig? Es ist das Gefühl, dass Galerist und Künstler auf der gleichen Ebene stehen, dass sie sich auch persönlich gut verstehen, dass man Gemeinsamkeiten findet. Dann ist es auch leichter, die Kunst des Künstlers zu verstehen. Der Unterschied macht auch, was man denn eigentlich in den Arbeiten sieht. Wenn man ein Werk ansieht, ist es zunächst wie eine geschlossene Schachtel. Aber du stellst keine geschlossene Schachtel einfach aus. Du musst erst mal die Schachtel aufmachen, verstehen, was drinnen ist, und dann entscheiden, ob du das ausstellst oder nicht.
Du musst die Kunst des Künstlers strukturieren, auseinandernehmen und verstehen.

Wie haben sich denn die Kontakte zu den Künstlern, deren Werke Sie ausstellen, ergeben?

Selina Lai: Man trifft Künstler bei Eröffnungen oder Events, etwa bei Biennalen oder bei Messen, man liest Magazine, Interviews in Blogs. Und plötzlich stellt man fest, dass man mit einem Künstler gemeinsame Freunde oder Bekannte hat.

Gibt es denn auch Gründe, dass Sie einen Künstler aufgeben? Ist das schon mal vorgekommen?

Selina Lai: Es gibt auch Sammler, die zum Beispiel einen Künstler aufgeben. Es ist eine Frage der Entwicklung. Das ist so wie in einer Beziehung: Manchmal leben sich die zwei Partner auseinander. Man kann dann nicht mehr eine gemeinsame Sprache finden. Das ist sicherlich traurig, muss es aber auch nicht sein.

Welche Rolle spielt das Interesse, Kunstwerke auch verkaufen zu wollen, für Ihre Tätigkeit als Beraterin eines Künstlers? Gibt es spezielle Erwartungen der Kundschaft, auf die Sie Künstler hinweisen müssen?

Selina Lai: Es ist klar, dass man nicht die Arbeiten von allen Künstlern auf dieselbe Art und Weise bzw. in derselben Menge verkaufen kann. Es gibt Künstler, die sich besser verkaufen, und andere weniger…

Elisabeth Pallentin: … aber das liegt einfach auch daran, dass es gut verkaufbare Kunstwerke gibt, und dann wiederum welche, die schlechter verkaufbar sind, Videoarbeiten zum Beispiel lassen sich nicht so leicht verkaufen wie etwa ein kleines Gemälde von dreißig mal dreißig Zentimetern oder eine Fotografie.

Selina Lai: Es gibt tatsächlich Kategorien, die leichter zu verkaufen sind, aber es ist immer eine Frage, an welches Publikum man sich wendet.
Aber es kommt immer eine Zeit, in der ein Künstler besonders viel Aufmerksamkeit genießt, so eine Art 15-Minuten-Ruhm und in diesem Moment ist es sicherlich einfacher seine Arbeiten zu verkaufen. Aber ob man es schafft, ist in erster Linie eine Frage der Vermittlung, wie und was man dem Kunden erzählt.

Man könnte diesen ‚15-Minuten-Ruhm‘ ja auch negativ verstehen. ‚15 kurze Minuten‘ berühmt sein und dann?! Dass es einfach nach ‚15 Minuten‘ vorbei ist…

Selina Lai: Vorbei ist es nur in dem Moment, wenn der Künstler aufhört zu arbeiten.
Und Ruhm ist auch nicht immer positiv. Es gibt viele Künstler, denen es lieber ist, ganz langsam zu wachsen, und immer ein wenig im Untergrund zu bleiben.

Visieren Sie denn ein spezielles Publikum, eine spezielle Kundschaft an? Hat sich die Krome Gallery deshalb gerade die Potsdamer Straße als Standort ausgesucht?

Selina Lai: Der Grund, warum wir hierher an die Potsdamer Straße gezogen sind, war mehr eine Frage der Synergie: Auf Grund der hohen Anzahl von Galerien in diesem Viertel kann man bei Eröffnungen von einem gemeinsamem Publikum profitieren. Es macht auch viel mehr Spaß, an einem Ort zu sein, wo zu gewissen Events viele Leute unterwegs sind, die einfach so in die Galerie kommen, die fragen und interessiert sind. So haben sich auch in vielen anderen Städten Kunstquartiere entwickelt. Es blieb nie eine Galerie alleine, es sei denn, die Galerie ist so stark, dass sie nicht diese Synergie braucht. Das ist aber eher die Ausnahme und nicht die Regel.

Aber es ist nicht so sehr das anonyme Laufpublikum, das eine Galerie eigentlich interessiert. Ich will jetzt dieses Publikum nicht abwerten, weil es auch schön für uns ist, uns mit genau solchen Leuten zu unterhalten. Aber das Publikum, die Kundschaft, die die Arbeiten der ausgestellten Künstler als Multiplikator weiterverbreitet, ist eine andere Art von Publikum, das nur bei ausgewählten Ausstellungen auftaucht und sich gezielt herauspickt, was sie interessiert.
Wer ist unsere Kundschaft? Das ist ganz unterschiedlich: Von Studenten bis Museums- oder Sammlerdirektoren. Je nachdem, kommuniziert man dann mit diesen Leuten auf eine andere Art und Weise.

Sie sprechen von Synergien mit anderen Galerien. Nun gibt es im Gebiet der Potsdamer Straße ja auch einige Ateliers. Arbeiten Sie denn auch mit lokal ansässigen Künstlern zusammen? Gibt es auch in dieser Hinsicht Synergien?

Selina Lai: Im Programm haben wir keinen Künstler, der hier auf der Potsdamer Str. ein Atelier hat. Denn es spielt eigentlich keine Rolle, wo der Künstler sein Atelier hat.

Hat sich denn das Profil der Krome Gallery durch den Umzug von der Karl-Marx-Allee an die Potsdamer Straße verändert?

Selina Lai: Das Programm der Galerie hat sich nach dem Umzug nicht verändert. Es entwickelt sich jedoch vielmehr ständig weiter. Das eigene Interesse des Galeristen verändert sich und deshalb ist es immer eine Art ‚Work in Progress‘.

Ihre Galerie ist ja seit April 2011 hier. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber schon einige Galerien hier. Wie hat sich das Kunstquartier hier an der Potsdamer Straße aus ihrer Sicht entwickelt?

Selina Lai: Es waren, glaube ich, zwei Faktoren, die den Umzug von Galerien hierher verursacht haben:

Erstens der Umzug von Giti Nourbakhsch, die hier, in der Kurfürstenstraße, im Jahr 2005 oder 2006 als Erste eine Galerie eröffnet hat, die es heute allerdings nicht mehr gibt. Giti Nourbakhsch war schon davor in der Gegend um den Rosenthaler Platz eine der ersten überhaupt, die dort eine Galerie aufgemacht hatten.  Berlin lebt ja gerade von solchen Orten, die an der Schnittstelle zwischen zwei Welten sind. Und die Potsdamer Straße ist so ein Ort: Man erreicht den Potsdamer Platz in fünf Minuten, aber gleichzeitig liegt der bekannteste Straßenstrich Berlins vor der eigenen Haustür. Es ist ein Ort mit einer widersprüchlichen Identität. Der Charme von Berlin, wenigstens bisher, war, dass es immer noch solche Orte gibt.

Elisabeth Pallentin: …die aber immer weniger werden.

Selina Lai: Der zweite Grund für den Umzug vieler Galerien waren wahrscheinlich die Mietpreise in den Jahren 2005 / 2006.
Mittlerweise hat sich aber eine feste Struktur von mitunter auch ziemlich großen Galerien gebildet, unter anderem im ehemaligen ‚Tagesspiegel‘-Gebäude. Dadurch wird es länger dauern, bis dieser Hotspot nicht mehr interessant sein könnte.

Abschließend würde ich gerne noch von Ihnen wissen, wie Sie eigentlich selbst Managerin einer Galerie geworden sind. Haben Sie Kunst in irgendeiner Weise studiert?

Selina Lai: Ich habe Kunstgeschichte studiert, auf eine sehr humanistische Art und Weise, sehr akademisch auch, in Italien und an der Humboldt-Universität in Berlin.
Ja, warum diese Arbeit? Es ist das Gefühl, jedes Mal neu in eine Welt einzutauchen, in der andere Regeln gelten, Regeln, die von den Künstlern geschaffen werden. Ich bin fasziniert von diesen Künstlerpersönlichkeiten, die eine Vision der Welt geben, die nicht unbedingt der entspricht, die man normalerweise sieht. Man fängt an, die eigene Welt anders zu sehen, dank dieser Visionen, die die Künstler haben.

Frau Lai, Frau Pallentin, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

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Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

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Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

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von Christian Kaiser

Was mag das bloß für ein Geschäft sein, über dessen Schaufenstern in großen Schreibschrift-Lettern prangt „Vincenz Sala“? Dessen Schaufenster bisweilen mit Pergamentpapier zugehängt werden, bis auf ein extra ausgespartes, kleines rechteckiges Guckloch, das die Sicht ins Innere ermöglicht, auf eine große, dunkelbraune Regalwand an der rechten Seite?

Ein Din-A4-Blatt neben dem Guckloch erläutert mir: Eine neue Ausstellung werde gerade aufgehängt, am kommenden Mittwochabend sei Vernissage!

Galerie KlosterfeldeEinige Tage später nimmt sich Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie, Zeit für ein Gespräch mit mir. Dabei klärt sich auch, was es mit der rätselhaften Namensbezeichnung und der alten hölzernen Einrichtung auf sich hat. „Die Einrichtung stammt von dem Schreibwarenladen, der hier vorher war, ‚Vincenz Sala‘ steht ja noch draußen dran, sie ist hier geblieben, weil sie hier einfach gut hineinpasst.“

Im Jahr 2009 ist die Klosterfelde Galerie hier eingezogen. Geleitet wird sie von Alfons Klosterfelde und seiner Mutter, Helga Maria Klosterfelde: „Ich bin damit aufgewachsen“, erzählt Herr Klosterfelde. „Meine Eltern haben sich für Kunst interessiert, das hat mich geprägt. Ich habe Jura studiert und nebenher in Galerien gearbeitet, bis ich irgendwann beschlossen habe, das ganz zu machen.“

Die Tätigkeit des Galeristen, die er heute ausübt, hat aus seiner Sicht zwei Facetten: „Man hat ein kaufmännisches Büro für die Buchhaltung, da müssen Lagerbestände auf dem Laufenden gehalten werden und es muss in die Zukunft geplant werden, und man hat einen Ausstellungsraum, da kommen Besucher herein und man leistet Vermittlungsarbeit. Ich glaube, dass Leute immer denken, es sei so anders als irgendeine andere Geschäftstätigkeit. Das ist es gar nicht, es ist nur so, dass der Gegenstand, mit dem man sein Geld verdient, Bilder oder Skulpturen sind.
Das Schöne und zugleich Schwierige ist, dass man mit etwas handelt, das zum Glück auch noch etwas mit Subjektivität zu tun hat, so dass die Bewertung anders funktioniert als sonst.“

Ähnlich wie andere Geschäfte kauft die Galerie Klosterfelde auch wieder Kunst von Käufern an. „Man handelt mit Kunst, so wie ein Möbelhändler mit Möbeln oder ein Autohändler mit Autos handelt.“ Nur mit einem Unterschied: „Das Auto ist vor allem ein Gebrauchsgegenstand, es hat einen anderen Nutzen und einen anderen Stellenwert. Ein Bild anzusehen hat ja im Grunde genommen mit Genuss zu tun, es soll ja anregen, so wie man ins Theater geht oder wie man ein Konzert hört oder ein Buch liest … Genuss ist vielleicht nicht so ein schönes Wort… Genuss klingt irgendwie nach Kaffeebohnen…“

Die Galerie Klosterfelde konzipiert etwa fünf Ausstellungen im Jahr. Eine solche Ausstellung betrachtet Herr Klosterfelde dann als gelungen, „wenn viele Leute sie gesehen und wir Reaktionen erhalten haben – und wenn wir etwas aus der Ausstellung verkauft haben. Denn eine Galerie ist ja ein kommerzieller Betrieb. Man macht die Ausstellung, um Kunstwerke aus der Ausstellung zu verkaufen. Man freut sich, wenn man noch mehr verkauft, als man vorher verkauft hat. Und man hat Freude daran, den Besuchern die Kunst zu vermitteln und die eigene Begeisterung auf andere Leute zu übertragen.“
Seine Kundschaft, auf die Herr Klosterfelde seine Begeisterung bereits übertragen hat, sei aber so heterogen, dass er diese nicht mit bestimmten Kategorien umschreiben kann.

Derzeit sieht Herr Klosterfelde vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit und Berichterstattung über moderne Kunst. Denn „Ausstellungseröffnungen und Kunstmessen werden zusehends zu einem Life-Style-Thema“. Dass aber schlage sich nicht unbedingt in den Verkaufszahlen von Kunst wieder: „Der kleinste Teil der Künstler in Berlin kann von der Kunst leben. Auch für die Galerien ist es nicht einfach.“ Dennoch gibt es ja viele Galerien in Berlin, was Herr Klosterfelde darauf zurückführt, dass es auch viele Künstler in Berlin gibt. Diese Kunstszene habe sich hier entwickelt, „weil man hier günstig leben kann bzw. weil man hier günstig leben konnte – das ändert sich ja gerade massiv – und weil es schon immer eine interessante Stadt war, in der man sich gegenseitig angeregt hat“.

Der Kontakt zu den Künstlern ist wesentlicher Teil seiner Arbeit. Künstler für Ausstellungen in der Galerie auszuwählen, sei ein „laufender Prozess, man fängt an, mal mit neuen Künstlern zu arbeiten. Dann macht man mal wieder etwas mit jemandem, den man schon lange kennt“. Dabei spielen Künstler, die im Umfeld der Potsdamer Straße ihr Atelier haben, bisher keine Rolle im Programm der Klosterfelde Galerie.

Welche Künstler und welche Werke hier in der Galerie ausgestellt werden, entscheidet Herr Klosterfelde nach einem naheliegenden Kriterium: „Entweder es gefällt einem oder eben nicht.“

 

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„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

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Tradition und Moderne – Der Arts Club Berlin im Verein Berliner Künstler

von Gastblogger Daniel

Tradition und Moderne

Im Zeichen dieser zwei Begriffe findet am Schöneberger Ufer 57 eine Begegnung mit dem traditionsreichen Verein Berliner Künstler statt, der sich dieser Tage mit dem ihm angegliederten Arts Club Berlin nicht nur durch konstante Wandlungsfähigkeit, sondern auch einem internationalen Kunstpublikum präsentiert. Dass der VBK als dienstältester Künstlerverein Deutschlands schon seit längerer Zeit seinen Kurs behutsam in Richtung des Problemfeldes „Zweite Moderne“ lenkt und damit auch einigen vormaligen Anschauungen den Rücken zukehrt, ist schon seit einigen Jahren klar absehbar.

Vereinshaus - Schaufenster der Galerieräume

Foto © Verein Berliner Künstler

Kunsträume und Vernetzungen

Der Arts Club Berlin versucht hierbei mit seiner Konzeption den verschiedenen Vorstellungen, die im aktuellen und globalen Kunstdiskurs und auch in der Kunstproduktion sichtbar werden, Räume zu eröffnen, ohne jedoch die eigene spezielle Verortung aufgeben zu müssen. Das Letzteres nicht einer Notwendigkeit unterliegt, ist einerseits der Konstituierung als Verein zu verdanken, mit der sich der VBK laut Projektleitung und 1. Vorsitzende Sabine Schneider als professionelle Plattform „für Künstler von Künstlern“ versteht.

Andererseits wirkt der Umstand förderlich, dass Berlin sich mittlerweile als beliebte Kunstmetropole positionieren konnte und damit auch der stadtzentrale Standort Potsdamer Platz/Potsdamer Str. sich zunehmender Attraktivität erfreut. Eine Studie des Instituts für Stadtentwicklung  (IFSE) unterlegt diese Aussage und schätzt die Anzahl Kunstschaffender in Berlin auf 6000 deutsche und internationale Künstler_innen, wobei der internationale Anteil aus ca. 30 Ländern sich auf ein Viertel der Gesamtzahl bemisst.

Der Pluralog und die Perspektive

Galerieräume des Vereins Berliner Künstler

Foto © Verein Berliner Künstler

In einem Interview mit Sabine Schneider und der Produktionsleitung Katarzyna Sekulla, situiert hinter den Schaufenstern der Galerieräume des denkmalgeschützten Vereinshauses, wurden einige Hintergründe bezüglich des Projektes verständlich gemacht. Ausgehend von einer erhöhten Nachfrage an einem kontinuierlichen Austausch in Berlin permanent und auch temporär residierender Künstlern entstand mit dem Arts Club Berlin ein Basisentwurf, um ein internationales, interdisziplinäres und generationsübergreifendes Kommunikationsforum für Kunst zu schaffen, welches durch die etablierten Strukturen, Vernetzungen und Möglichkeiten des Verein Berliner Künstler gefördert wird.

So berichtet Katarzyna Sekulla, dass unter diesem pluralogischen Ansatz zwischen den vielschichtigen und unterschiedlichen Formen der Kunstproduktionen und Kunstauffassungen integrativ vermittelt werden kann. Hinzu kommt, dass gerade die Bewusstmachung von Varianz und Spektrum innerhalb von Kunstprozessen der Gegenwart als auch der Historien und deren räumliche Vernetzungen einen Deutungshorizont für zukünftige Entwicklungen auch außerhalb des Kunstsektors schaffen kann, ergänzt Sabine Schneider.

Der offene Diskurs

So dient die Einrichtung von sogenannten ‚public discourses‚ dazu, in performativen Vortragsreihen und anschließenden Diskussionsrunden den gegenwärtigen Kunstdiskurs in seinen partikularen und globalen Bildern zu betrachten.

Die 'public discourses' des Arts Club Berlin

Foto © Verein Berliner Künstler

Die aktuelle Vortragsreihe will mit einer zentralen Problemstellung in den Worten „Überwindung des Territorialen“  Lösungsvorschläge unterbreiten und so wurde am 18.04.2013 zu einem Vortrag der türkischen Künstlerin Kinay Olcaytu mit dem Thema „Ikonographische Beweise: Über die Absurdität jeglicher Kulturvergleiche“ geladen. Der allen Interessierten zugängige Vortrag fand zur abendlichen Stunde in den Galerieräumen auf trapezförmigen Sitzmöglichkeiten bei durchmischten Publikum statt, eine Bar war ebenso geöffnet und so kulminierte der Abend in einer angenehmen und freundlichen Atmosphäre.

Okzident Reisen - Kinay Olcaytu

Foto © Verein Berliner Künstler, © Kinay Olcaytu

Die Künstlerin präsentierte mit ihren Arbeiten eine Kritik am Begriffspaar Okzidentalismus/ Orientalismus. Ihr thematisches Anliegen, sicherlich auch Phänomen einer Gegenmoderne, ist u.a. die Reduktion dieses Begriffspaares auf sexuelle, ökonomische und politische aber auch wissenschaftsbegriffliche Machtverhältnisse und so blieb in der Folge eine kurze politische Diskussion nicht aus.  Eine Alternative stellte die Künstlerin dabei nicht in Aussicht, aber dafür eine lehrreiche Übung im Dekonstruieren.

Kontemporäres und Zukünftiges

Momentan befinden sich in den Ausstellungsräumen der Galerie Werkinstallationen unter dem Titel „… Rudel …“ von der mit dem Benninghauspreis 2012 ausgezeichneten Tine Schuhman.

Weitere Vortragsreihen (Folgethema: „Kunst und Wirtschaft“), Projekte und Kooperation stehen bereits an und so kann in der Tat von einer gelungenen Neubelebung des Verein Berliner Künstler mit dem Arts Club Berlin gesprochen werden.

Artek – Von der Potsdamer Straße nach Kopenhagen

Geschrieben von Tobias

Im Tagesspiegelgebäude in der Potsdamer Straße 85C befindet sich Artek, ein finnischer Anbieter von Designermöbeln. Der Besuch des versteckten Ladens gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht.

Artek

Mit dem Aufzug zu Artek

In der Kiezzeitung mitteNdran fand ich auf Seite 8 der aktuellen Ausgabe einen kurzen Artikel zur Artek Deutschland Gmbh. Im 10. und 11. Stock des ehemaligen Tagesspiegelgebäudes werden demnach finnische Designmöbel angeboten. Per Fahrstuhl in den Laden, à la „Beam me up Scotty“? Das klang von Anfang an vielversprechend und außergewöhnlich. Denn wie Ikea von innen aussieht, wissen wir alle. Die individuellen Produkte von echten Designstars wie Alvar Aalto zu sehen, ist dagegen etwas besonderes. Weiterlesen

Halluzinogenes Kriterium und kritische Kunst

Geschrieben von Gastblogger Daniel 

Nomen est omen

Am 7. September 2012 eröffnete an der geschichtsträchtigen Potsdamer Straße die LSD Galerie Berlin ihre Räumlichkeiten. In der Hausnummer 65 wird seitdem unter dem Credo „Die Krise ist nicht nur politisch, ökologisch, energetisch oder ökonomisch. Sie ist philosophischer Art.“ mit künstlerisch-deskriptiven Mitteln versucht De- und Rekonstruktion zu betreiben. Es ist gerade kein Zufall, dass der Name der Galerie den synästhetischen bzw. halluzinogenen Zustand als Symbol für die grenzüberschreitende Erfahrung präsentierbar zu machen versucht. Dies soll genauso intentional stehen, wie die Proklamation im Statement der Webpräsenz, gängige Denkkonventionen und Annehmlichkeiten mit dem künstlerischen Ausdruck durchbrechen zu wollen. So dient die eigentümliche Konnotation im Namen zuerst als Aufruf zum Hinterfragen durch Transzendierung bzw. Rekombination von Sinnen und anschließend der Kommunizierung der dabei im Erblicken hinzugewonnenen Horizonte.

LSD_Galerie_Berlin_Copyright2013_LSD_Galerie_Berlin

LSD Galerie Berlin © 2013 – LSD Galerie Berlin

Insbesondere ist zu berücksichtigen, dass die Gegend um die Potsdamer Str./Potsdamer Platz als gefragtes Einzugsgebiet vieler Kunstschaffender auch für die LSD Galerie Berlin mehr als nur Standort ist, sondern ebenso eine glückliche Fügung, erklärt der Galeriebetreiber Gianni Hilgemann stolz und auch im Namen der Künstler der LSD Galerie Berlin. Man fühlt sich am Ort gut aufgehoben.

Betrachtet man die Umgebung rund um die Potsdamer Str. genauer, so sticht eine Parallele zumindest im Namenskürzel mit einem gewissen Etablissement Ecke Potsdamer Str./Kurfürstenstr. ins Auge (hier allerdings nicht stellvertretend für Lysergsäurediethylamid, sondern für LoveSexDreams). Absicht steckt dahinter laut Hilgemann allerdings nicht. Zwar ist dieser Umstand erst später mit einem gewissen Amüsement bewusst geworden, passt im Endeffekt jedoch  die Galerie gut in die Umgebung ein.

Dimensionen der Kunst

Hinter der Namensgebung verbergen sich national und international renommierte Künstler (Sabine Dehnel, Peter Freitag, Viola Kamp, Anna Lehmann-Brauns und Melissa Steckbauer), die sich mit diesem Konzept im September durch eine Gruppenausstellung „Lucy in the Sky with Diamonds“ als lose assoziiertes Kollektiv vorstellten. Thematisch exponierte diese Initiationsveranstaltung den Beatles-Evergreen als Repräsentant eines Bedeutungsfeldes in welchem sich scheinbare Begriffspaare wie „Realität und Fiktion, Imagination und Traum, Halluzination und Erinnerung“ einander annähern, um das Unerwartete zu evozieren und letztlich auch zu produzieren.

Für die organisatorische und wirtschaftliche Umsetzung zeigen sich hier der bereits oben genannte Galerist Gianni Hilgemann, der seinerseits in Amsterdam den Kunstbetrieb kennenlernte, und Wayra Schübel, studierte Sinologin, freie Kuratorin und Journalistin, zuständig.  Ein weiteres Kriterium ist somit auch die Wahrung der eigenen Unabhängigkeit und damit geht eine gesunde Distanz zum stark kommerzialisierenden Kunstmarkt einher. „Es erlaubt Experimentieren zu können, dass was Kunst jung hält“, so Hilgemann.

Sequenz und Individualität

Weitere Episoden der LSD Galerie Berlin folgten über die Wintermonate in drei Soloshows. Peter Freitag machte unter dem Titel “shocked, I had no idea that this world existed!” mit einer genuinen Dekonstruktion von Werbung in Collagen den Anfang. Mit Meslissa Steckbauer‘s – “A Sensuist’s Guide“ wurden neue Möglichkeiten zur Steigerung der Intensivität im Raum der Körper vermessen und eine Verlagerung der künstlerischen Akzente auf das Sensuelle möglich gemacht. In der Folgeexposition “Various Arists – Rapies Vol.1” von dem Marburger Moritz Stumm steht hingegen die Ikonographie von Gewalt, Protest und Macht im Vordergrund des Schaffensprozesses.

„contemporary“ 

Viola_Kamp_Copyright2013_LSD_Galerie_Berlin

Viola Kamp © 2013 – LSD Galerie Berlin

Aktuell positioniert sich die in Tokyo geborene Künstlerin Viola Kamp gezielt provokativ und selbst-plakativ mit ihren kunstbetriebskritischen Arbeiten unter der Schlagzeile “Komplex 200X”. Sie zählt bei einigen auch zu den prophezeiten Aufsteigern im Kunstmarkt.

coming up

Als abschließendes Plädoyer bleibt zu sagen, dass die Originalität und Themenvarianz mit der die Galerie und ihre Künstler aufwarten können unbestreitbar ist und ein Besuch lohnt in jedem Fall, zumal die nächsten Künstler bereits auf der LSD Galerie Berlin-Website gelistet sind.

 

Verein Berliner Künstler – Beständigkeit und Wandel am Kunst-Hotspot Potsdamer Straße

Artikel von Gastbloggerin Anne geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 “Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen” am Career Center der Humboldt Universität

Lange Zeit hielt sich der Verein Berliner Künstler der Tradition verpflichtet und verweigerte sich neuen Wegen der Kunst. Dies war sicherlich auch den Wirren der Nazi-Zeit geschuldet. Heute zeigt sich der Verein nicht zuletzt durch einen neuen Vorstand deutlich offener gegenüber internationalen Künstlern und Bewegungen, wie die Ausstellung ISTANBUL_related beweist. Weiterlesen

M & S Porzellanatelier- Handwerkskunst in Perfektion

Artikel von Gastbloggerin Rebekka geschrieben im Rahmen des Sommerkurses „Online-Journalismus- Recherchieren und Bloggen“ am Career Centre der Humboldt- Universität zu Berlin

Die Jugendlichen von heute sollten viel öfter einen Pinsel in die Hand nehmen“, findet Sergej Saidov, der zusammen mit seiner Frau Madina Labazanova das M & S Porzellanatelier in der Steinmetzstraße 17 betreibt, nur einen Hauch entfernt vom Trubel der Potsdamer Straße. Dass zumindest Herr Saidov dies in seiner Jugend getan hat, wird sofort beim Betreten des Ateliers klar. Der Laden selbst ist ein einziges Kunstwerk: von den selbstbemalten Wänden, über die ausgestellten Porzellanfiguren bis hin zu den Bildern an der Wand. Hier wird nicht nur einem Beruf nachgegangen, sondern einer Lebenseinstellung.

Eine Mischung aus Talent aber auch viel Fleiß sei vonnöten, um die feinen und filigranen Arbeiten an den verschiedenen Materialien vornehmen zu können. Insgesamt sieben Jahre Ausbildung hat Herr Saidov dafür in seiner Heimat Dagestan im Kaukasus hinter sich gebracht und dabei den Umgang mit Stoffen wie Teppich, Leinwand und Keramik erlernt. Aber vor allem ein Material hat es ihm damals angetan und bis heute nicht mehr losgelassen: das Porzellan.

Porzellan: das weiße Gold

Nicht umsonst wird dieses auch als „weißes Gold“ bezeichnet und steht Pate für Alltagszitate wie „Mutter der Porzellankiste“ oder „Elefant im Porzellanladen“. Es ist härter als alle anderen Keramikarten und somit das edelste von allen.
Was auch immer sie schon mit ihrem Porzellan anstellen wollten, im M & S Porzellanatelier findet sich mit Sicherheit eine Möglichkeit. Von
der Restauration über die Reparatur bis hin zur individuellen Gestaltung oder Vergoldung, hier können ihre Wünsche verwirklicht werden. Und bei Bedarf gibt es einen historischen Abriss über die Geschichte des Porzellans gleich mit dazu.

Illustre Kundschaft

Seit nunmehr zwei Jahren befindet sich das M & S Porzellanatelier in der Steinmetzstraße 17. Und trotz dieser kurzen Zeit konnte das Atelier schon einen beachtlichen Kundenstamm aufbauen. Selbst das KaDeWe hat sich schon mit Anfragen an das Atelier gewandt und Teile ihres Porzellanbestandes in die Hände der Saidovs gegeben. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es nur 14 vergleichbare Ateliers gibt- deutschlandweit! Ob der Familienbetrieb auch in zweiter Generation von der Familie Saidov betrieben werden wird, ist noch ungewiss. Den Söhnen wurde das künstlerische Talent auf jeden Fall in die Wiege gelegt.

Und wer meint, dass Porzellan in Zeiten von Plastik und IKEA ein Schattendasein fristet, den weiß Herr Saidov eines Besseren zu belehren. Denn er ist sich sicher: „Porzellan werden die Menschen auch in 100 Jahren noch sammeln, Plastik wohl eher nicht.“

Handwerksladen Klaus Geschke

Klaus Geschke hinter der Kasse

Artikel von Gastbloggerin Jana, geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 „Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ am Career Center der Humboldt Universität

Dieser Laden hat Geschichte, denke ich erstaunt, als ich den Laden von Herrn Geschke betrete und den Blick durch die Räume schweifen lasse. Neben dem Stuck an der Decke entdecke ich auch originale Tapeten, deren Muster so alt scheinen, dass sie schon wieder modern sein könnten.

Besonders begeistert mich der Kassen- bzw. Eingangsbereich in dem nicht nur eine altertümlich anmutende Kasse steht. Hier befindet sich auch eine 30 Jahre alte Waage, wie ich sie bisher nur aus dem Tante-Emma-Laden in meiner Kindheit kannte und die für Messungen über ein Kilogramm mit Gegengewichten bestückt werden muss.

Farben selbstgemacht – wie vor 50 Jahren

Das Highlight des Handwerksladens befindet sich gegenüber der Waage: Ein Regal mit so kraftvoll leuchtenden Farbpulvern, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Ich erfahre, dass es sich dabei um Farbpigmente handelt, mit denen sich die Kunden ihre Farben vor Ort selbst zusammenstellen können. Völlig begeistert und ein bisschen neidisch, weil ich gerade keinen Grund habe meine Wohnung zu streichen, frage ich Herrn Geschke, ob es diese Möglichkeit schon immer gab.

Die Tradition wird aufrechterhalten

Mit einem Nicken bestätigt der Ladenbesitzer meine Vermutung und erklärt mir, dass er die Tradition  aufrechterhalten möchte und der Laden deshalb weitestgehend unverändert geblieben ist. Auf meine Frage, was sich denn überhaupt verändert hätte, antwortet er mir, dass die Nachfrage nach Teppichen, zugunsten von Parkett, zurückgegangen ist und er nun hauptsächlich Holzzuschnitte und Farben verkauft. Die Fragen und Probleme der Kunden seien aber immer noch die gleichen. Meistens würde er schief gesägte Platten und Leisten korrigieren und seine Kunden beraten, wenn ihnen nach dem Streichen die Deckenfarbe entgegenkommt. 

Alles in allem ist der Handwerksladen Klaus Geschke zwar keine Konkurrenz zum Sortiment der großen Baumärkte. Wer aber Wert auf persönliche Beratung legt oder einfach gern in besonderen Läden einkauft, für den lohnt sich ein Besuch der Großgörschenstraße 8. Hier bekommt man noch individuellen Service und erlebt eine seltene Idylle, die entsteht, wenn der Ladenbesitzer eben nicht von der Gier nach schnellem Geld angetrieben ist und sogar der Hausverwalter Kuchen vorbei bringt.