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Kunst und Kontroverses auf der Kurfürstenstraße

von HU-Gastbloggerin Carina

Meine ersten Eindrücke von der Kurfürstenstraße waren zunächst virtueller Art. Mit der modernen Technik ist alles möglich. In Sekundenschnelle kann man sich online an einen Ort begeben, denn google maps eröffnet neue Horizonte. So öffnete ich ein neues Fenster und suchte nach den Begriffen Kurfürstenstraße und Berlin. Eine Übersichtskarte der Umgebung war zu sehen und verschaffte mir einen groben Eindruck. Nach dem Aktivieren der streetview - Option begann mein digitaler Spaziergang entlang der Kurfürstenstraße.

Plötzlich befand ich mich in einer Wohn-gegend und lief virtuell über das Kopfstein-pflaster bis zur Ecke Potsdamer Straße. Dort werden die weichen Steine der Straße von glatten asphaltierten Flächen verdrängt. Das Straßenbild wird lebendiger und Auf-nahmen von Geschäften wie Woolworth, einem Erotikkaufhaus oder einem türkischen Supermarkt sind zu sehen.

 

Nach diesen eher oberflächlichen Impressionen wollte ich mich von der Realität überzeugen und fuhr mit der U1 in Richtung Kurfürstenstraße. Kaum angekommen, erkannte ich schon die Geschäfte und Straßenzüge wieder. Ein wenig enttäuscht darüber, wie gut man sich online schon vorinformieren kann, begann ich mich umzuschauen. Auf den ersten Blick erscheint alles gleich. Doch ein zweiter Blick lohnt sich, oder besser ein dritter! Denn die ursprünglichen Hinterhöfe und interessanten Ecken kann man nicht mit der Kamera erfassen. Diese sind nur für diejenigen zugänglich, die sie auch entdecken wollen. So finden Kunst- und Kulturbegeisterte in den Hinterhöfen der Kurfürstenstraße 12 und 13 die Ausstellungsräume der Galeristin Giti Nourbakhsch. Außerdem ließ sich dort die Galerie Sommer&Kohl in einer ehemaligen Bettfedermanufaktur nieder.

Sucht man weiter,  entpuppen sich auch die grauen Fassaden zu bunten Schmetterlingen, denn beeindruckende Galerien und Kunstoasen verstecken sich in Kellergewölben oder in den höheren Etagen der Wohnhäuser.

In den Räumen der Tanya Leighton Galerie, Reception, Galerie Listros oder des angesagten, alternativen OFF-SPACE U37 präsentieren renommierte, internationale und nationale Künstler ihre Werke zeitgenössischer Kunst. Hier treffen die verschiedensten Stile von Malerei, Skulptur und Fotografie, bis hin zur Illustration und Installation aufeinander.
Warum die Kunstszene sich immer mehr in diese Richtung bewegt, lässt sich nur erahnen. Kunst sucht das Unfertige, Kontroverse und Skurrile. Da bleibt nur zu hoffen, dass dieser künstlerischen Wandel und der daraus entstehende Austausch auf interkultureller Ebene, früher oder später auch das Rotlicht- Milieu verdrängt.

 

 

 

 

Die Kurfürstenstraße

U-Bahnhof Kurfürstenstraße

Der Anfang sieht eigentlich eher aus wie das Ende. Ein Bauzaun, dahinter Sand und Schotter, aufgeschobene Erde. Der zukünftige Park am Gleisdreieck. Hier baut das Land Berlin ist dort zu lesen. Im Hintergrund fährt die U2 vorüber, zur Linken überquert die Linie 1 die Dennewitzstraße und verschwindet im Untergrund. Hier beginnt die Kurfürstenstraße. Die Bezirke Schöneberg und Tiergarten teilend, verläuft sie quer zur Potsdamer Straße, bis sie nach ungefähr zweieinhalb Kilometern am Zoologischen Garten endet.

Dort, wo die Kurfürsten auf die Potsdamer trifft, pulsiert das Leben. Es ist laut und lebendig. Menschen eilen vorbei, treten mit Tüten bepackt aus dem nahen Supermarkt, verweilen eventuell kurz, um mit Bekannten zu sprechen, verschwinden dann im Aufgang der U-Bahn oder bei Woolworth. An die Ampel geklebt, versucht ein Plakat die Vorbeieilenden für Yoga und Meditation zu interessieren. So manch einer scheint Entspannung jedoch lieber im gegenüberliegenden Love, Sex & Dreams-Shop zu suchen. Dort läuft derzeit eine spezielle DVD-AKTION! Wem ein Film nicht reicht, dem bietet die Kurfürstenstraße auf den nächsten Metern mehr. Berlins wohl berüchtigtster Straßenstrich befindet sich hier.

Ein Stückchen weiter wirbt das geborstene Lächeln eines Clowns für eine Zirkusvorstellung. Tierquäler hat jemand auf das zertretene Schild geschrieben. Dahinter eingezäunt, ein Birkenwäldchen. Eine Imbissbude bietet Bratwurst an. Und Currywurst natürlich. Von hier hat man einen guten Blick auf die 12-Apostel-Kirche. Und auf die auf Grün wartenden Autos. Auf den leeren Parkplatz. Und auf das dahinterliegende Möbelhaus. Auf die kaputte Telefonzelle. Erlebe mehr verspricht ein Werbeplakat. Unter den Füßen vibriert der Boden, biegt die U1 in Richtung Nollendorfplatz ab.

Am Café Einstein vorbei und schon in Sichtweite des Zoos, erreicht man die Kleine Nachtrevue. Recht unscheinbar von außen, enthüllen die Plakate neben dem Eingang doch sehr anschaulich, was den Besucher drinnen erwartet. Hier gibt es die Anleitung zur Domina, daneben entführt ein Cancan, zügellos und wild, die Phantasie der Zuschauer ins Paris des 19. Jahrhunderts. Überhaupt wird Fiktion hier großgeschrieben. Und mit c vor dem k. Auf der anderen Straßenseite hat man für orthographische Willkür wohl eher wenig Sinn. Hinter dem DIN-Platz befindet sich dort das Deutsche Institut für Normung, sorgen 550 Angestellte dafür, dass  ein gewisser Standard möglich ist. Und wirklich, die Gegend um den DIN-Platz erscheint ein wenig geordneter. Im Schaufenster des Souvenirgeschäfts stehen die Berliner Bären in Reih und Glied, daneben -stillgestanden!- eine ganze Kompanie Maneki Neko. Mauerstücke gibt es hier zu kaufen. Natürlich mit Zertifikat. Und im Nachbarhaus wirbt ein Zertifiziertes Institut für Thaimassage. Weniger Erfolg scheinen dagegen die Bemühungen der Berliner Stadtreinigung zu haben. Haufenweise gute Taten steht in weißen Lettern auf orangem Grund, was den meisten Hundebesitzern jedoch herzlich egal zu sein scheint. Aber das findet man ja auch in Friedrichshain.

Von HU-Gastblogger Sven

“von dort bis hier” – Zeitgenössische KünstlerInnen von der afrikanischen Diaspora in Deutschland stellen aus

Yassine Balbzioui zeichnet und malt wo er geht und steht. Schon immer. In Casablanca, Bordeaux, Berkeley, Paris, Dakar, und Berlin. Es ist eine natürliche Handlung für ihn, wie Aus- und Einatmen. So ist er in permanentem Austausch mit dem Raum, der ihn umgibt. „Ich brauche Raum und den gibt es in Berlin, so wie in Marokko“ sagt er. „Hier kann ich atmen. Es gibt hier freien wilden Raum. Ich habe hier auch schon viele Füchse gehesen. Für mich ist es wichtig, diese Art von Freiheit in einer Stadt zu finden.“

Am 26. Januar eröffnet Yassine Balbziouis Ausstellung „PARADE“ in der GALERIE LISTROS. Sie ist der Auftakt der Ausstellungsreihe „von dort bis hier – Künstlerische Reflexionen translokaler Autobiografien“. Hier setzen sich bis April 2013 elf KünstlerInnen aus der afrikanischen Diaspora mit ihrer biographischen Herkunft künstlerisch auseinander und führen einen Diskurs über ihre persönlichen Erfahrungen und Prägungen in zwei Kulturen.

Vernissage: Yassine Balbzioui PARADE
Donnerstag, den 26. Januar, 19 Uhr
GALERIE LISTROS
Kurfürstenstrasse 33, 10785 Berlin

 

Mit dabei sind zum einen KünstlerInnen wie El Loko, Mansour Ciss, Manuela Sambo, David Amaechi Dibiah und Ivor Sias, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Zum anderen beteiligen sich KünstlerInnen, die erst in den vergangenen Jahren Deutschland als Lebensort gewählt haben wie Christophe Ndabananiye, Engdaget Legesse oder Dalila Dalléas Bouzar. Auch der Aspekt, in der zweiten Generation zwar afrikanische Wurzeln zu haben jedoch in Deutschland aufgewachsen zu sein, wird mit der Präsentation von Werken des Afro-Deutschen Künstlers Ransome Stanley berücksichtigt.

Die Biografie jedes Menschen ist prägender Bestandteil seiner Existenz. Individuelle zwischenmenschliche Begegnungen und Erfahrungen sowie kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten definieren seine Persönlichkeit und Sicht auf die Welt. Insbesondere KünstlerInnen schöpfen in ihrem kreativen Schaffensprozess häufig aus den eigenen biografischen Erlebnissen.

So zeigt Christophe Ndabananiye unter anderem „schlafende Menschen“, eine Serie von Zeichnungen. „Ich habe sehr viele Menschen so liegen sehen, tot, und ich wünschte, sie würden schlafen,“ sagt Christophe Ndabananiye. „Ich setze mich mit Vergangenem oder Gegenwärtigem auseinander und halte dies mittels unterschiedlicher künstlerischer Medien fest.“

Für einige KünstlerInnen eröffnet die Außenperspektive auf ihre afrikanische Heimat einen Raum der Untersuchungen und Entdeckungen, der von Neu- oder Deplatzierung geprägt ist.

„In meiner Arbeit als Künstler habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren verschiedene Einflüsse aufgesaugt und verarbeitet, nach dem gesucht, was meine Bilder zu dem Besten von mir selbst macht,“ erklärt Engdaget Legesse sein Konzept der „Empty Spaces“. „Ich habe meine alten Bilder übermalt. Es sind neue „leere Räume“ auf den alten Leinwänden entstanden.“

Nicht immer verweisen die Arbeiten der teilnehmenden KünstlerInnen offensichtlich auf Motive afrikanischer Kulturen oder kommentieren sozio-politische Begebenheiten auf dem Kontinent. In „von dort bis hier“ geht es vielmehr um die Art und Weise, wie der persönliche Lebensweg zwischen verschiedenen Kulturen die Arbeit der KünstlerInnen prägt, was die jeweiligen KünstlerInnen ausmacht. Ihr individuelle Werdegang ist dabei eine Leitlinie.

So stellen Manuela Sambo und Daniel Sambo-Richter in ihrer Ausstellung „Magnetfeld“ ihre künstlerischen Positionen gegenüber. Durch die langjährige Auseinandersetzung mit der Arbeit des jeweils anderen, sieht das Künstlerpaar Gemeinsamkeiten, die auf den ersten Blick für den Außenstehenden nicht deutlich sind. Damit geht es in ihrer Ausstellung auch um einen starken und fast intimen Dialog der Kulturen mit den Mittel der Kunst, der Malerei.

Mit der Ausstellungsserie „von dort bis hie“ erweitert die GALERIE LISTROS ihr Konzept, das seit der Gründung 2003 zu einem Perspektivwechsel auf das gängige Afrikabild einlädt. Themenbezogene Schwerpunkte wählend arbeitete sie bisher hauptsächlich mit nicht-afrikanischen KünstlerInnen in Deutschland, die sich mit afrikanischen Themen auseinandersetzen. Eine wichtige Frage hierbei war immer wieder: „Wie schafft es Kunst, eine gesellschaftliche Realität durch unterschiedliche Strategien zu reflektieren?“

Diese Frage beschäftig auch einige der Diaspora KünstlerInnen. In „Think Traces“ bezieht sich David Amaechi Dibiah auf das Prinzip der „Zero Spiral“ von den Mathematiker Lere O Shankunle und will die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Handelns und Regierens aufzeigen. Nicht nur in Afrika sondern weltweit.

„Themen wie Unterdrückung, Ignoranz, Identität, Religion, Umweltmanagement dürfen und sollten keine Problemfelder mehr sein. Völkerwanderungen, die in der Geschichte der Menschheit schon immer stattgefunden haben, müssen positiv gesehen werden, denn sie sind eine Chance zur Weiterentwicklung,“ betont David Dibiah. “Was wäre denn zum Beispiel Berlin heute ohne die Sueben namens Semnonen, ohne die slawischen Stämme, die sich damals hier niedergelassen haben?“

 

Fühlen sich alle Leute in Berlin auch so wohl, wie ich?

Polen an der Kurfürstenstraße

von HU-Gastbloggerin Kristina Lapickaja

Wenn man durch die Kurfürstenstraße läuft, sieht man verschiedene Leute da und stellt sich sogar viele Fragen. Eine der Fragen, die ich mir sogar gestellt habe, war:
- Fühlen sich alle Leute in Berlin auch so wohl, wie ich?
Sofort habe ich erfahren, dass an dieser Straße sich eine besonders große Seele den Polen steckt. Da in meinem Land, in Litauen, es auch viele Polen gibt, dachte ich mir, dass die Geschichte, Kultur und das Leben den Polen hier in Berlin und in Litauen für mich besonders interessant und wichtig ist. So fange ich zu recherchieren an.
Ich fing mit den Daten und Fakten an. Für mich war besonders interessant, ob in Litauen wirklich so viele Polen wohnen, wie es immer gesagt wurde. Meine Recherheergebnisse zeigten, dass in Litauen, stand 2011 , 3.225.246 Menschen wohnen und aus allen Leuten, 205.000 sind Polen. Das ist ein bisschen mehr als 6,3% der Population des Litauens. Im Jahr 1959 waren in Litauen sogar 8,5% der litauische Bevölkerung die Polen. Die meisten Polen wohnen in Vilnius, in der Hauptstadt des Litauens, so dass im Jahr 2001 waren in Vilnius schon 25,4% Polen von die ganze Population der Stadt. Ich dachte nie, dass es so viele Polen in Litauen wohnen, deswegen will ich jetzt noch mehr über die ganze polnische Geschichte und Kultur erfahren.

Demnächst habe ich über die Polen in Berlin recherchiert. In Berlin sind 3.471.756 Leute und erstes, was mich überrascht hat, dass das sind mehrere Leute als in das ganze Litauen! Bald habe ich erfahren, dass fast 200.000 Menschen mit polnischen Wurzeln in Berlin leben. Das sind fast so viele Leute, wie auch in meinem Land.

Bald habe ich die Polonia-Berlin Seite gefunden. Das ist eine Internet-Seite, wo es die ganze Information gibt, was und wo in Berlin stattfindet. Sie ist leider auf Polnisch, aber sieht so interessant aus, dass ich auch langsam die polnische Sprache lernen wollen werde.

Ich habe weiter über die polnische Kultur recherchiert und habe die Internet-Seite von der polnische Kultur in Berlin gefunden. Vom 9. September bis zum 9. Oktober findet in Berlin “Polonia Viva” an der Kurfürstenstraße 137 statt. Das sind die Kulturtage, wo jeder die Kultur den Polen besser kennenlernen kann und wo verschiedene polnische Künstler seine Talente zeigen.

Imbiss

Um mehr über die polnische Kultur zu erfahren dachte ich mir, dass ich den polnischen Imbiss an der Kurfürstenstraße besuchen muss. So habe ich noch mich an die Reise durch Polen erinnert. Als ich und meine Eltern in Polen waren, besuchten wir das polnische Restaurant. Da ich was richtig polnisches probieren wollte, habe ich die Suppe, die Flaki, oder eventuell Flaczki heißt, bestellt. Das ist die meist leicht gebundene Suppe aus Kutteln, die einen sehr guten Geschmack hat, deswegen stand  ich an einen wunderschönem Morgen auf und nachdem ich fertig war, ging ich aus meinem Zuhause direkt zu dem U-Bahn. Nach 15 Minuten und einem Umstieg  war ich schon im U-Bahnhof Kurfürstenstraße und ging die Treppen hoch, zur Kurfürstenstraße. Erst habe ich den Imbiss nicht gemerkt, aber die gelbe Farbe von das Wagen lasste mal sich schnell erkennen. Als ich zum Wagen kam, habe ich gesehen, das der Imbiss leider zu war und ist erst ab 10.00 geöffnet.

Nach einige Sekunden sah ich eine kommende Frau, die auch da irgendwas bestellen wollte, aber Sie merkte sofort auch, dass der Imbiss zu ist. Ich fragte Sie, ob Sie sich da oft was polnisches kauft, Sie antwortete sofort, dass Sie die polnische Küche oft mit Ihrer Familie genießt und wollte heute sich irgendwas an dem Tag vor der Arbeit kaufen. So ging ich die Kurfürstenstraße weiter gerade aus.

VOX-Möbelhaus

Wenn man durch die Kurfürstenstraße weiter geht, sieht man rechts die Genthinerstraße. Und wenn man weiter durch die Genthinerstraße geht, sieht man links den VOX-Möbelhaus, der auch polnisch ist.

Stanisław Dróżdż

Da ich da früh war, war das Möbelhaus auch zu, aber durch das Fenster konnte man sich die schöne Möbel anschauen. Auf dem Fenster habe ich einen Plakat über die Ausstellung von dem polnischen Künstler Stanisław Dróżdż gemerkt. Die Ausstellung findet vom 14. September bis 25. November in die Guardini Galerie statt.

Danach, um die Antwort auf meine Hauptfrage zu kriegen, habe ich dem vorsitzenden des Polnischen Kongresses, Wieslaw Lewicki, die Fragen gestellt. Meine allererste Frage, auf der Antwort ich gespannt war, war ob sich heutzutage viele junge Leute für seine polnische Würzeln interessieren und ob auch viele zu den polnischen Veranstaltungen kommen. Die Antwort auf die Frage hat mich sehr gefreut, da Herr Lewicki antwortete:

- Aus meiner Erfahrung Junge Leute polnischer Abstammung kommen gerne zu Veranstaltungen und haben Interesse über eigene Herkunft mehr wissen.

Meine nächste Frage war:

– Wie fühlen Sie sich in Deutschland? Würden Sie jetzt, wenn es möglich wäre, nach Polen zurückkommen?

Da habe ich auch eine strikte Antwort gekriegt:

- Deutschland ist für die eine neue Heimat geworden und durch europäische Vereinigung Polen ist gesehen als zweite Heimat. Sie denken dann nicht mehr über einen Rückert. Vielleicht im Falle einen Job zu bekommen wird es dann überlegt, wobei internationale Projekte sind interessant.

Danach habe ich mich hundertprozentig überzeugt, dass alle Polen
sich in Deutschland auch genau so wohl fühlen, wie ich – Sie besuchen die deutsche und auch die polnische Schulen, Universitäten, Sie interessieren sich sowohl auch für die polnische Kultur, Sie haben sich da fest bewohnt und sie genießen einfach das Leben.

Poetische Potse – Teil 4 und Ende – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU
Fortsetzung vom 1. Oktober 2011

In allen Farben schillern wir die belebte Potsdamer Straße in südliche Gefilde hinunter, zwar nicht bis Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, aber doch bis zur Ecke Kurfürstenstraße. Nicht nur Joseph Roth, sondern auch unser zeitversetzter Audio-Guide Walter Benjamin emigriert zu düster weltkriegerischer Zeit nach Frankreich, nachdem er seine Kindheit in Berlin-Tiergarten verbringt. Am Magdeburger Platz wird er in die Welt geworfen und zieht nach einem Jahr – bis etwa zu seinem siebten Lebensjahr – in die Kurfürstenstraße 154. Angekommen am Hort seiner kostbaren Kindheit benötigen wir ja die Kopfhörer nicht mehr, setzen sie ab, und fast ist es so, als hörten wir weiter eine Stimme zu uns über erste erotische Erfahrungen oder das unvergleichliche Flair der umliegenden Treppenhäuser sprechen. Schweift der Blick nach rechterhand sieht man sie wieder stehen; hochbehackte Frauen osteuropäischer Herkunft. Auch der mittlerweile in die Adoleszenz gekommene Benjamin kann, libidinös erweckt, der geschlechtlichen Versuchung nicht widerstehen: „Stunden konnte es dauern, bis es dahin kam, auf offener Straße eine Hure anzusprechen. Das Grauen, das ich dabei fühlte, war das gleiche, mit dem mich ein Automat erfüllt hätte, den in Betrieb zu setzen, es an einer Frage genug gewesen wäre. Und so warf ich denn meine Stimme durch den Schlitz. Dann sauste das Blut in meinen Ohren und ich war nicht fähig, die Worte, die da vor mir aus dem stark geschminkten Munde fielen, aufzulesen. Ich lief davon, um in der gleichen Nacht – wie häufig noch –
den tollkühnen Versuch zu wiederholen. Wenn ich dann, manchesmal schon gegen Morgen, in einer Toreinfahrt innehielt, hatte ich mich in die asphaltenen Bänder der Straße hoffnungslos verstrickt, und die saubersten Hände waren es nicht, die mich freimachten.“

Noch kurz heften wir den Hausgeistigen ans Klingelbrett – wäre es nicht reizvoll in einer Welt ohne Argwohn das Anheften eines Familienbildes an den Klingelschildern zur Regel werden zu lassen? Wie unendlich spannungsvoll, persönlich, und über-raschungsfreudig wäre dies wohl? Natürlich ist die Welt, wie sie ist, aber solange man noch träumen darf, ist auch nichts verloren.
Die Spannung von Faktizität und Utopie ist auch der inhaltliche Dreh- und Angelpunkt der Poesie Nelly Sachs’: Nun endet also unser Labyrinthengang mit einer Nobelpreisträgerin, der sich eigens ein nach ihr benannter Park gewidmet hat, den man fußläufig von Walter Benjamin straßenabwärts rechts liegen findet. Abendsonne, Wasserreflexionen, Vogelgeschrei vom Zoo herüber, Lärm aus den unter der U1-Trasse befindlichen „Akademischen Bierhallen“, wo vor hundert Jahren der Berliner Bär steppte, und die sich nunmehr in ein tristes Wohnhaus verformt haben. Und dieses Etablissement am Ende der Straße des Benjamin, dem die Universität die Habilitation nicht anerkennen wollte, denken wir. Dies ist wohl der Preis dafür, dass sie ihn einhundert Jahre später mit Vorliebe zitiert.
Nelly Sachs – eine Dame mit schwarzer Haube und schönen Augen – können wir im Parke allerdings nirgendwo erspähen. Lediglich einen Stein mit ihrer Namensgravur sitzt gemütlich auf der Wiese. Ein Mann hastet an uns vorüber zur nahegelegenen Bahnstation hin, erblickt unsere suchenden Köpfe und ruft uns, rückwärts vorwärts laufend, zu: „Wenn sie Nelly Sachs suchen – die ist in Schweden. Ich fahre sie heute besuchen…“ Schöne Grüße! – irgendwie kommt uns der Mann bekannt vor; seine hohe, eindringliche Stimme und sein stechschwarzes Augenpaar erinnern an Paul Celan.
Mit buchstäblich einem der letzten Flüge entgeht Nelly dem sicheren Fall ins Grab, als sie mit ihrer Mutter 1940 nach Stockholm flieht, und dem bereits ausgestellten Deportations-Befehl nicht Folge leistet. Nationalschriftstellerin Selma Lagerlöf hatte es der fünfzehnjährigen Nelly angetan, ein jahrelanger Briefwechsel und eine zentrale geographische Veränderung der Lebenslinie nehmen ihren Lauf. Ihren unbekannten Geliebten muss sie in Deutschland zurücklassen und ihn dem Sterben im Konzentrationslager überantworten. Es ist bezeichnend für den Charakter Nelly Sachs, dass die akribisch detektive Forschung es nicht vermocht hat, den Namen ihres „toten Bräutigams“, aus dessen Tod ihre „ganze Dichtung erwachsen ist“, zu ermitteln, denn das mystische Nicht-Sagen, Aussparen und Verschweigen gehört ganz fest zu ihrem Wer, welches hier an die Negative Theologie gemahnt. „Aus dem Schweigen“ erstehe die Kraft, die der Schöpfung und sämtlichen Lebenslinien ihren Lauf gibt. „Im Park Spazierengehen – /die Eingeweihten/ nur vom Stimmband des Blitzes aufgeklärt/ an den Kreuzwegen das unbeschriebene Pergament/ der Schöpfung einatmend/ wo Gott wie ein fremder Saft im Blute/ seine Herrlichkeit anzeigt.“

Auch diesen Gott durften wir heute schließlich noch kennenlernen, umrankt von letzten Abendstrahlen, die perlweinerne Flasche grundlos immer von neuem mit rauschhafter Poesie leerend. Flankiert von allen Köpfen, Lasker-Schüler, Wedekind, Arno und Joseph Roth, die heute über unseren Weg rollten, setzen wir uns freigeistig in Richtung Nelly Sachs’ Geburtshaus in der Maaßenstraße in Bewegung, und fast ist es so, als hörte man sie allesamt Wörter biegen, als hörte man zwanzig Radiosendungen gleichzeitig. Mal spielt sich die eine Stimme in den Vordergrund, bald eine andere, teils singen sie Duett. Am Nollendorfplatz sehen wir wieder die Kinder mit den Schulmappen rennen „Hier ist aus einem Kellerlokal einmal ein Betrunkener  auf die Kinder zugetorkelt und hat sie gestreichelt und dann plötzlich geschlagen, ein weinig weiter, auf dem Platz schon, ist gerade neben ihnen eine Frau zusammengebrochen, eigentlich in sich zusammengesunken, kreideweiß, knochenlos und die rasch herbeigeeilten Erwachsenen haben die Köpfe geschüttelt, haben Hunger, nichts als Hunger gemurmelt und nach der Polizei gerufen.“
Wir können die Kinder nicht mehr weit verfolgen, denn „hier biegen sie schon in die Kleiststraße und rennen wieder, aber mit aufmerksam nach links gewendeten Köpfen, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem die rote U-Bahn aus der Tiefe auftaucht oder sich vom hohen Damm in die Tiefe hinabstürtzt, der Station Wittenbergplatz zu.“ Die in sich zusammensinkende Frau und die zahllosen sich vor dem Bahnhofsgebäude verlebenden Obdachlosen haben den eben noch in seiner vollen luziden Größe vor unserem inneren Auge oszillierenden mystischen Gott binnen Sekunden aus unserem Bewusstsein gedrängt, und eine andere Stimmkurve schallt mehr und mehr angesichts des grauen omnipräsenten Unglücks durch unsere angefüllten Köpfe – die Georg Heyms, die den Tauben Gehör und den Stummen Rede schenken möchte. Ganz einhellig stimmen wir zu und ein, in das Stimmengeflecht, das sich wie von fern gesteuert auf unsere Stimmbänder überträgt, und wir unwillkürlich zu Mitpoeten werden, die Ganzheit unseres momentanen und geistigen Gesichtsfeldes zu Worten gerinnen lassend, klagt auch der andere Gott, oder seine tiefschwarze Seite ihr Recht ein: „dort flattern und schwingen sie/ mit müdem und doch so nervösem/ flügelschlag und warten dass ihnen/ die zwölfteste stunde schlägt –/ die tauben vom nollendorfplatz/ laut dröhnend lachend sitzt er/ hoch oben auf seinem thronigen/ turm umrauscht von schwarzen/ günstlingen krähend verkünden/ sie sein credo – gott der stadt/ taubstumm unterwerfen sich alle/ tauben seinem richtspruch, sie die/ immer untergeben sind stimmlos/ vergebens hausen sie unter eisernen/ unterführungen und ducken/ geworfenheitig unter gottes/ führung ihr haupt/“

Die Wellen der Stimmenflut interferieren, das Knäuel umspannt uns in Lebenslinien und Stimmfetzen wie einen Kokon, auf der obersten Schallwelle wellenritten wir noch bis ganz in den Moment selbststimmig mit, die Stimmenflut zieht wie ein Gewitter weiter ins Nirgendwo, verhallenderweise setzt sie sich wie ein Tee-Satz in unsere sandbänkenen Köpfe ab und wir, – wir kehren unterdes gedankenversunken Heym.
unter Verwendung von „Literarisches Berlin“ Michael Bienert, Verlag Jena1800.
Ende

Poetische Potse – Teil 2 – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU

Fortsetzung vom 16. September 2011

Einige langbestiefelte Prostituierte hinter uns lassend, schweben wir, von Ostermaier und der U-Bahn hitzewallend energetisiert, die Kurfürstenstraße entlang. Vorbei am „Wartesaal der Poesie“, wie Hermann Kesten das Café Einstein Stammhaus nannte, das sich selbst als Intellektuellen-Hort stilisiert, bei Preisen, die mittlerweile nicht nur Künstler mit Lasker-Schüler-Budget einen Besuch erschweren. „Verliebt in Berlin“-Star Alexandra Neldel flankierte unlängst meinen Tisch. Aber so ist es wohl mit allen einst kultbehafteten Orten, Cafés oder Plätzen: Wenn die Aura verschwunden ist, wird sie als künstliches Simulakrum wiedergeboren, was meistens Zwecken der Geldwanderung dient. Überhaupt läuft der moderne Mensch permanent zu Zwecken der Individualisierung der Aura hinterher

Etwas weiter umwirbelt uns wieder etwas Echtheit. “Berlin ist eben keine Stadt, sondern ein trauriger Notbehelf“ schreibt ein „vermummter Herr“ in einem Brief. Derselbe, der von sich selbst sagt: „Im Übrigen, und das sage ich mit einem gewissen Stolz, ist im Augenblick kein Schriftstellername in Berlin verufener als der meine.“ Frank Wedekind hat von 1906-1908 im zerstörten Haus Kurfürstenstraße 125 seine Tochter Pamela zur Welt bringen lassen, und sicherlich auch Berührpunkte mit der Prostitution gefunden, die er später vor allem in „Lulu“ (1913) papierlich fixiert hat. Obszönität als geballter Angriff auf die bürgerliche Sexualmoral ist Wedekinds Waffe, die ihn nebst Verboten zum „verufensten“ König Berlins werden lassen. Themen wie sexuelle Aufklärung, Homosexualität und Sadomasochismus klagen in Werken wie „Frühlings Erwachen“ ihr Recht auf Rezeption ein, dabei das expressionistische Drama vorwegnehmend. Wedekind stirbt so, wie er gelebt hat: seine Beerdigung, bei der zahlreiche Prostituierte anwesend sind, gerät zum Skandal.

Am Lützowplatz überhängt uns tropfend die reinste Gräue, sodass der Eindruck entsteht, die alte mythische Angst der Gallier drohe sich zu erfüllen: dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Aber das rußig staubige Grau passt zu ihm: „Schornsteine stehn in großem Zwischenraum/ Im Wintertag, und tragen seine Last,/ Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.“, zu Georg Heym, der die vorigen Verse mit „Berlin III“ überschrieb. Apokalyptische Bilder werden mit formaler Durchkomponiertheit in Prosa und Gedichte gezwungen, die der ungestüme Heym, der sich selbst für noch „viel vitaler“ als Nietzsche, Kleist und Grabbe hält, am Schreibtisch zähneknirschend niederschreibt, wenn ihm die vom Vater aufoktroyierte „Scheiß-Arsch-Scheiß-Sau juristische Scheiße“ zum Halse heraushängt. Zwar wohnte Heym nicht am Lützowplatz, sondern in der unweiten Martin-Luther-Straße 5, doch der lastende Himmel und das städtische Umfeld vergegenwärtigen überzeugend den Expressionisten, der im Jahr 1900 nach Berlin kommt, und vergebens den lieben Gott sucht: „Gäbe es einen Gott, man müsste ihn an seinem Schlafrock auf das Schafott zerren für seine endlose Grausamkeit.“ Fündig wird der erratische Stadtjüngling schließlich doch, aber der liebe Gott hat sein heilig Antlitz imzuge der asthmatischen Industrialisierung gewandelt: „DER GOTT DER STADT //Auf einem Häuserblocke sitzt er breit./ Die Winde lagern schwarz um seine Stirn./ Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit/ Die letzten Häuser in das Land verirrn.// […] Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen./ Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt./ Die Stürme flattern, die wie Geier schauen/ Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.// Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust./ Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt/ Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust/ Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.“

Heym notiert bisweilen seine Träume, bisweilen spielen sie im Tiergarten mit seinen Flüssen und Seen, immer haben sie eine existentielle Dimension: „Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein. Manchmal sah es aus wie die Haut, die sich auf Milch zieht. Es gingen einige Menschen darüber hin, Leute mit Tragelasten oder Körben, die wohl zu einem Markt gehen mochten. Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, dass sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Ich war eine ganze Weile gegangen, da begegnete mir eine Frau, die meinte ich sollte umkehren, die Platten würden nun bald brüchig. Doch ich ging weiter. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, Schlingpflanzenreiches Wasser.“ träumt Heym am 2. Juli 1910. Nicht einmal zwei Jahre später, am 16. Januar 1912 bricht er, beim Versuch einen Freund zu retten, auf der Havel beim Eislaufen ein – und ertrinkt. Heym, der Sänger der gesellschaftlichen Apokalypse, antizipiert seine eigene, die doch mit der Erlösung endet, wenn er den eisigen Julitraum enden lässt: „Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mir wenigen Stößen landete ich in einer sandigen, sonnigen Bucht.“

„Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal“ avanciert in den 1920er Jahren zum Berliner Gassenhauer, der die suizidale Verzweiflung der armen Nachkriegsbevölkerung paraphrasiert und natürlich an den Tod Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts erinnert, die am 15. Januar 1919 im Berliner Grandhotel Eden, dem Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützendivision, eingeliefert undumgebracht wurden, und schließlich in den Landwehrkanal geworfen wurden. „Die Sau muß schwimmen“ – hieß die Parole. Wir stehen am Geländer des Kanals, wo ein metallener grauer Schriftzug mit Luxemburgs Namen ihren Fall als Monument wiederholt. Aus dem Gefängnis schreibt sie: „So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.” Zustimmend nickend lassen wir Rozalias Konterfei der Schwerkraft folgend in den Kanal propellern und wechseln die Wasserseite.

Jetzt sitzen wir von Zoogeruch umspielt am südlichen Beginn des menschendurchfluteten Tiergartens. „Ich gehe im Tiergaren spazieren und denke an Bismarck oder an eine Berliner Schrippe oder an einen Spritzfleck auf meinem Stiefel und da fällt mir was ein“ antwortet Theodor Fontane zur Technik seines künstlerischen Schaffens. Sein Zeitgenosse Gottfried Keller dichtet im Tiergarten: „Ich bin ein Fremder hier zu lande,/ Doch dieser Hain erfreut mein Herz“, was verständlich ist, da er sich erfolgreich hier vor der ständigen Bespitzelung durch die Polizei im Unterholz verbergen kann. Selbst schon die auf dem nahen Schöneberger Alten St. Matthäus Kirchhof begrabenen Gebrüder Grimm wissen den grünen Ruhepol zu schätzen. Wilhelm schreibt 1841 „Daß ich meinen Spaziergang machen kann, ohne die geräuschvolle heiße Stadt zu berühren, ist auch etwas wert.“

Ganz unbeschreiblich wird uns unser Zeitenfasching durch den Naturalisten Arno Holz erleichtert, der wohl oft den Tiergarten durchstreift, und dabei Ästhetik treibend zu Forderungen, wie „Kunst = Natur – x“, gelangt. Und wo böte es sich besser an, die Gedanken auch in die Tat umzusetzen, als in der Natur selbst. Folgerichtig setzt sich Arno im Jahr 1898 auf unseren Schoß und dichtet sein Gesichtsfeld ab: „Brücke zum Zoo// Im Tiergarten, auf einer Bank,/ behaglich,/ ein Knie über das andere, bequem-nachlässig zurückgelehnt,/ sitze ich/ und rauche und/ freue mich über die Vormittagssonne!// Vor mir,/ glitzernd, der Kanal:/ den/ Himmel spiegelnd, beide Ufer/ Leise schaukelnd.// “ All das Glitzern können wir auch sehen, aber heute kommen uns fortwährend Japaner, Kinderwägen und Hunde über das Brücklein entgegen. „Arno, bist du sicher, dass du das wirklich siehst?“ fragen wir ihn, nachdem er fortführt: „Über die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant./ Unter ihm,/ zwischen den dunkelen, schwimmenden, blütenkerzigen/ Kastanienkronen,/ pfropfenzieherartig,/ ins Wasser gedreht,/ den/ Kragen siegellackrot,/ sein Spiegelbild.//“

Er gibt uns Feuer und genüsslich frühabendlich rauchend, verschwinden doch die Halluzinations-Vorwürfe gegen ihn, wenn er – ganz wie wir – weiter beobachtet: „Aus den hohen Uferulmen/ Schmettern die Finken,/ vom nahen/ Zoo,/ erfreulich ohrenbeleidigend, metallischschrillgell,/ markdurchdringlich,/ verliebt./ Erhebt sich ein Affengekreisch;/ Ein ganz/ Wahrhaftiger/ wahrer und wirklicher/ Kuckuck,/ irgendwo, hinter mir,/ siebenmal,/ ruft.“

„Verbindungslinien II “

Eine künstlerische Intervention
in der 12-Apostel-Kirche

von Anita Staud

Anita Staud

Die Idee zu einer Ausstellung in der 12 – Apostel – Kirche als der zweiten Station einer Ausstellungsreihe an sakralen Orten entwickelte sich seit 2010 im Dialog zwischen Pfarrer Dr. Andreas Fuhr und der Künstlerin, die ihr Atelier von 1995 – 2010 in der ersten Etage des Anton – von – Werner – Hauses im früheren Innenhof des Tagesspiegels hatte. Durch vielfältige künstlerische und pädagogische Projekte im Stadtteil bestand über Jahre hinweg enger Kontakt zur 12 – Apostel – Gemeinde so wie auch zur Grips-Grundschule.

Eröffnung: 4. September 2011 um 12 Uhr
Garten des Gemeindehauses
Zwölf-Apostel-Gemeinde
An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin

Verbindungslinien I - Kreuzkirche Schmargendorf

Der Begriff „Verbindungslinien“ entstand schon bei der ersten Ausstellung dieser Reihe in der Kreuzkirche Schmargendorf. Hiermit beschrieb Pfarrer Wolfgang Wagner die Kommunikation und die ersten Skizzen während der künstlerischen Arbeitsphase von Anita Staud im Sommer 2008 in der Kreuzkirche: im spirituell vorgeprägten Raum ermöglicht eine kalligrafische Bahn abstrakte Variationen zu Materie und Geist, Kunst und Religion… und zu noch weiteren gegensätzlichen Prinzipien der menschlichen Existenz…

Anita Staud - Kreuz und Quer

“Anita Staud bevorzugt für ihre künstlerische Arbeit wechselnde Örtlichkeiten, arbeitet mit Stimmungen und Atmosphäre, spürt Lebensräumen und Wirkungsstätten nach und übersetzt ihre Wahrnehmung in Gesten, die sie aufs Papier oder auf die Leinwand bringt. Sie wählt dabei historisch interessante Orte, Orte mit Geschichte und Geschichten. Das Auskundschaften, Sich-dort-Niederlassen, Sich-darauf-Einlassen ist Teil der Arbeit und geht dem künstlerischen Handeln voraus. Fundstücke wie Papiere, Grundrisse, alte Rechnungen oder Inventarlisten werden mit skripturalen Tuschezeichnungen überarbeitet und lassen so ganze Werkzyklen entstehen, die bestimmte Orte dokumentieren und in eine freie künstlerische Ebene transportieren.” (nach C. Gerner)

Verbindungslinien I

„Die in Berlin geborene Künstlerin studierte nach einem Studium der Germanistik von 1987 bis 1991 an der Hochschule der Künste Berlin Malerei bei Prof. H.- J. Diehl und wurde 1994 seine Meisterschülerin. Anita Staud stellt seit 1987 in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen aus. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und beteiligte sich an internationalen Austauschprogrammen.“ TU Berlin, Pressestelle

Wenn Zwiebelschneiden in Freudentränen endet

Seit Anfang Mai geht es im Gemeindesaal der Zwölf-Apostel-Kirche jeden Donnerstag kulinarisch spontan zu. Um 16 Uhr weiß niemand, was um 19 Uhr auf dem Tisch stehen wird. Das entscheidet sich erst nach einem Besuch bei REWE auf der Potsdamer Straße, dessen Besitzer Sulaf Ahmed großzügig die wöchentliche Lebensmittelspende tätigt. Darüber hinaus unterstützen Gemeindespenden die wöchentlichen Zukäufe.

Aus den bunt zusammen gewürfelten Zutaten wird dann ein zwei bis drei Gänge Menü zusammen gestellt. Ist die Speisenfolge entschieden, entwickelt sich ein geschäftiges Treiben. Die einen schnippeln Gemüse, die nächsten Obst, waschen Salat, wieder andere stellen Stühle und Tische auf. Derweil wird in der Küche bereits der Herd in Gang gesetzt. Und nebenbei gibt es viele Gespräche der ernsten und lustigen Art zwischen den SuppenküchlerInnen die vom Alter und Biographien her, nicht unterschiedlicher sein könnten.

“Mir gefällt die Atmosphäre hier,“ sagt die 17-jährige Céline. „Alle gehen respektvoll miteinander um, und es sind interessante Leute hier zum unterhalten. Ich hab gerade viel freie Zeit. Da ist es für mich selbstverständlich etwas Soziales zu machen.”

Melanie (35) hatte beim Gemeindesommerfest von der Initiative erfahren. „Ich bin hier, weil ich gerne etwas für andere machen und es sind nette Leute in der Gruppe,“ sagt sie. Dann wendet sie sich schnell wieder der Kartoffelsuppe zu, denn so oft kocht sie nicht für über 40 Leute.

Judith kommt meist direkt von der Arbeit aus dem Archiv hierher. „Ich mag gerne mit Menschen etwas Praktisches machen,“ sagt sie. „Und dann finde ich wunderbar, wenn ich sehen kann, dass meine Taten anderen Menschen gut tut.“

Das ist klar zu beobachten, wenn sich um 19 Uhr die Türen öffnen und die Gäste herein strömen. In den letzten Wochen war es bereits über 40 Menschen. Manche kommen nur zum Essen. Andere bleiben, bis die Suppenküche um 21 Uhr schließt. Und so schlägt einem beim Betreten des Gemeindesaals gute Laune und angeregtes Stimmengewirr entgegen.

Das Wichtigste bleibt natürlich der Gang zum Buffet. Dies geschieht sehr höflich und mit freundlichem Entgegenkommen. Die SuppenküchlerInnen erfahren viel Dank für ihre ehrenamtliche Arbeit. Und Lob.

“Das Essen ist hervorragend in seiner Vielfalt und Ausgewogenheit,“ sagt eine Frau. „Ich bin sehr zufrieden,“ sagt ein Mann. „Es ist immer schön gedeckt und eine familiäre Atmosphäre,“ fügt sein Nachbar hinzu. Eine Frau bedankt sich für die Freundlichkeit der SuppenküchlerInnen. „Mit denen kann man wirklich reden,“ sagt der Nächste. „Und sie geben auch Hilfestellung, wenn man es braucht.“

Die Suppenküche am Donnerstag wurde im Frühjahr 2011 initiiert, weil die Mittwochsinitiative der Gemeinde mit bis zu 80 Gästen am Abend völlig überlastet war. In der jetzigen Einarbeitung steht ihnen Bernd Weiß mit geduldiger Unterstützung zur Seite. Auch auf der Essensebene gibt es einen guten Austausch.

So stehen die SuppenküchlerInnen noch am Anfang und ein im Suppenküchenmilieu erfahrener Gast äußert sich nach viel Lob dann doch noch skeptisch. „Am Anfang sind diese Initiativen immer toll,“ sagt er. „Doch nach einem Dreivierteljahr lässt es dann nach.“


Ihn im kommende März in seiner Prognose zu enttäuschen, würde den SuppenküchlerInnen ein großes Vergnügen bereiten. Weitere freiwillige Helfer/innen sind jederzeit herzlich willkommen, um dieses Ziel zu erreichen. Worauf dann garantiert beim Zwiebelschneiden Freudentränen vergossen werden.

Informationen für ehrenamtliche Helferinnen
Die Suppenküche findet jeden Donnerstag im Gemeindehaus der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde statt.
An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin
So können Sie praktisch helfen:
16 – 19 Uhr: Vorbereitung des Essens und des Speisesaals
19 – 21.30 Uhr: Ausgabe des Essens und Aufräumen des Speisesaals
So können Sie auch helfen:
Zur Zeit stellen wir unsere Küchenutensilien zusammen. Wenn Sie große Kochtöpfe, Siebe, Schneidebretter, also allgemeine Kochutensilien zu verschenken haben, sprechen Sie uns an.

Weitere Informationen und Anmeldung:
Regine Wosnitza
Tel. 23639903
Email: regine[@}wosnitza-berlin.de

Geopolitik in der Kurfürstenstraße

Folgende Fragen tauchten gestern in der Kufürstenstraße auf:

Betritt man die Botschaft eines Landes befindet man sich auf dem nationalen Territorium dieses Landes, nicht wahr?

Wie ist es, wenn ich Grund und Boden betrete, der einem anderen Land gehört. So besitzen zum Beispiel Litauen und Polen noch Grundstücke in der Kurfürstenstraße. Kann ich also europäische Spaziergänge machen.

Wäre das Tor in diesem Zaun offen und ich schritte hindurch, befände ich mich dann in Litauen?

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Litauisches Birkenwäldchen?

Hier ist der blaue Bauzaun gefallen. Befinden sich nun HundebesitzerInnen, BallspielerInnen, SpaziergängerInnen flugs in Polen?

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Freiflächiges Polen?

“Wo im Keller noch Käthe Kollwitz spukt”: …

Von Gastbloggerin Fotografin und Journalistin Susanne Wolkenhauer

Die Gegend rund um die Potsdamer Straße wird mehr und mehr zur Kunstmeile: Galerien und Künstler/innen siedeln sich an, auch in Medienberichten ist zunehmend vom „Kunst-Hotspot Potsdamer Straße“ die Rede, an dem die Kulturszene den „rauen Charme“ schätzt.

Wie läuft die Entwicklung weiter und was bedeutet das für den Kiez?

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Moderatorin Regine Wosnitza verliest ein Grußwort von Professor Hans-Hendrick Grimmling

Dass diese Frage viele beschäftigt, zeigte sich am 12. Mai 2011 bei einer Gesprächsrunde in der LISTROS-Galerie, die innerhalb der Ausstellung “im listrosjahr” von Hans-Hendrik Grimmling stattfand.

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Viel Interesse für Perspektiven an der Potsdamer Straße.JPG

Direkt vor Ort an der Kurfürstenstraße hatte sich eine bunte Mischung an Kulturinteressierten und Anwohner/innen zusammen gefunden, die fast die schönen Räumlichkeiten sprengte. Gemeinsam wollten sie mit Professorin Talja Blokland, Bezirksbürgermeister Christian Hanke MMM und dem Galeristen Peter Herrmann als Afrika-Kunst-Spezialisten nach einer Lesung der Potsdamer-Straße-Spezialisten Sibylle Nägele und Joy Markert dieser Fragestellung auf den Grund gehen.

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Autoren Sibylle Nägele und Joy Markert

Mit ihrer Lesung spannten Nägele und Markert einen kulturhistorischen Baldachin auf: Das Besondere der Potsdamer Straße gegenüber anderen Kunstquartieren Berlins ist eine zweihundertjährige Kunst-Geschichte, die immer noch spürbar ist und fortwirkt. Kunsthandlungen, Galerien und Verlage säumten die Straße, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Publizisten und Bildende Künstler/innen saßen hier neben Lithographen, Vergoldern oder anderen Kunsthandwerkern – ein Sammelbecken für jene, die wir heute als „Kreative“ und „Medienschaffende“ bezeichnen.

Damals wie heute trägt das „Halbseidene“ zum Charakter des Kiezes bei: Wo früher engagierte Schriftsteller gegen soziale Ungerechtigkeit oder für die Rechte der Frauen schrieben und heute Bilder und Skulpturen in ehemaligen Werkstätten ausgestellt werden, wo sich Künstler-Vereine gründeten und Kunsthochschulen niederließen, waren Cabarets und Vergnügungsstätten nie weit.

Eine spannende Mischung mit Geschichte, die die Journalistin Carmen Gräf in Markerts und Nägeles Broschüre „Charme-Offensive Potsdamer Straße“ so beschreibt: „Die Potsdamer Straße ist für mich wie Berlin: keine aufgetakelte Madame, sondern eine aufregende Frau, die gern gelebt hat und das offensichtlich immer noch tut.“

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Foto: Recep Aydinlar

In den letzten Jahren sind sehr viele neue Galerien ins Gebiet rund um die Potsdamer Straße gezogen, da stimmte Dr. Talja Blokland, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der HU Berlin, mit Nägele und Markert überein. Ein Unterschied zu früher sei aber die stärker internationale Ausrichtung der Neuankömmlinge, und dass heute, in Zeiten des Internets und des „schnellen“ Lebens, soziale Bezüge weniger an das lokale Umfeld gebunden seien. Der Effekt: Es bilde sich eine Gruppe von Leuten mit weniger Kiezbezug als bei den Alteingesessenen heraus, von Leuten, die mit ihrem Arbeits- oder Wohnort nicht so sehr das Verlangen nach netter, sauberer Kuscheligkeit verknüpfen und gerade deswegen sehr tolerant gegenüber dem Geschehen vor der eigenen Türe sind. Ein guter Mittelbau zwischen dem „Schmuddel-Kiez“ mit Straßenstrich und Trinkern und der Kleinbürgerlichkeit, vielleicht könnten die Zugezogenen sogar einen Mediatorenrolle einnehmen.

Zwei weitere Möglichkeiten warf Blokland in ihrer engagiert vorgetragenen Rollensuche für die Galerien in die Runde: Von der Arzt-Empfehlung bis zum Ausflugstipp – an allen Treffpunkten für Gruppen mit einem gleichen Interesse, in Sportclubs ebenso wie in Galerien, findet ganz nebenher ein Austausch auch über „fachfremde“ Themen statt, die Leute vernetzen sich. Galerien als Treffpunkte: Ob das funktioniere, sei nicht klar, aber jedenfalls eher als bei Veranstaltungen direkt unter dem Motto „vernetzt euch!“
Und nicht zu vernachlässigen seien die Galeristen als Unternehmer: Schließlich kommen ihretwegen Kunden mit Geld oder hohem sozialen Engagement in den Kiez – das gilt es zu nutzen, für Projekte oder als Fundraising-Quelle. Mal davon abgesehen, dass ja auch die Galerien selbst Arbeit schüfen: Den Boden zu putzen oder das Catering für die Vernissage zu machen bedeutet Jobs – im besten Falle für Leute aus dem Kiez.

Vor der viel befürchteten Gentrifizierung, der Vertreibung ärmerer Nachbarn aus einem sich verteuernden Kiez wie im Prenzlauer Berg, müsse man in Tiergarten Süd eher weniger Angst haben: „Hier ist die Ausgangslage ganz anders: Es gibt viele einzelne Hausbesitzer, die jeweils für sich handeln, hoffentlich auch verantwortungsbewusst gegenüber ihren Mietern.“ Wichtig sei einen Weg zu finden, um die Diversität, die Unterschiedlichkeit im Stadtteil zu behalten, die ja gerade auch seinen großen Reiz ausmache.

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Bezirksbürgermeister Mitte - Dr. Christian Hanke Foto: Recep Aydinlar

Die Vielfalt erhalten und die Nachbarschaften stärken – das sind auch für Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke entscheidende Ziele für „seinen“ Stadtteil. Dass Künstler und Galerien Einzug halten, gerade auch die kleineren, ärmeren mit Kiezbezug, begrüßt er sehr. „Die Leute finden das schön und interessant, so gewinnt ihre eigene Gegend für sie an Wertschätzung.“ Nach dem Schock über den Wegzug des Tagesspiegels sei das auch bitter nötig gewesen: Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Gebiet auch dank der wachsenden Kunstszene nicht abgerutscht. Aber die Gegend hier lebe auch gerade vom bunten „Außenrum“ mit Läden, Cafés, dem Kiosk an der Ecke. „Die Potsdamer Straße ganz ausschließlich mit aneinandergereihten Galerien – bei dem Gedanken bekomme ich ja Depressionen, die Mischung hier ist das Schöne!“

Zur Mischung innerhalb der Kunstszene trägt auch die wachsende afrikanische Community im Bezirk bei, die auch mit afrikanischer Kunst im Gepäck kommt – und nicht nur mit typischer „Ethnokultur“. So bietet sich die Möglichkeit, afrikanische Literatur, Musik und Kunst besser kennen zu lernen und das eurozentrische Bild „Afrika gleich Hunger, AIDS, Malaria und Bürgerkriege“ zu erweitern. Eine Möglichkeit in gerade entstehenden Netzwerken, die Hanke durchaus auch durch Kommunalpolitik stärken möchte.

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Galerist Peter Herrmann

Peter Herrmann, dessen Galerie an der Potsdamer Straße den Schwerpunkt Afrika hat, kann da auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen. Ein großes Problem sei die mangelnde Wertschätzung eigener Kunst und Kultur in den afrikanischen Ländern. Die Vermittlungsebene fehle, auch Verbindungen über Botschaften in Berlin – für andere Länder oft selbstverständlich – seien mager.

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Dawit Shanko - Initiator und Leiter der LISTROS Galerie

Eine Einschätzung, die Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie teilt. Beide wünschen sich, dass Kunst und Kultur dazu beiträgt, Afrika eine ganz normale Rolle in Berlin spielen zu lassen. Herrmann: „Gerade in der Potsdamer Straße, wo Käthe Kollwitz noch im Keller der Häuser spukt, sehe ich da gute Möglichkeiten.“

Was macht einen Kunst-Ort aus? Diese Frage trieb die Beteiligten an einer kleinen Diskussionsrunde um: Ist das Kulturforum eine wüstenartige Brache, auf der man etwas Neues schaffen muss, und sei es, indem man – so Bloklands Idee – bunte Karussells dort aufstellt? Oder sind solche „unfertigen“, ungeregelten Orte etwas Wunderbares, an denen von selber etwas entstehen kann und die man auch mal ganz anders nutzen könnte?

Wie werden Kunst-Orte zu Begegnungs-Orten? Indem man auf dem Kulturforums-Platz ein Barbecue veranstaltet? Oder wie im Verein Berliner Künstler Führungen und Programm für ein gemischtes Publikum anbietet? Oder wenn man nach der diesjährigen „Kindermagistrale“, auf der im Sommer an mehreren Tagen Kunstaktionen mit Kindern stattfinden werden, eine Ausstellung der entstandenen Werke in einer „echten“ Galerie macht, die so zum Projektraum wird, den auch Eltern und Verwandte besuchen? – Für letztere Idee ließ sich Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie spontan begeistern: Wir dürfen also schon jetzt gespannt sein!

Alle Anwesenden konnten von dem ungemein anregenden Abend im schönen Rahmen der LISTROS-Galerie etwas mitnehmen: Das zeigte sich schon an den zahlreichen Grüppchen von Leuten, die trotz der vorgerückten Stunden noch eifrig weiter diskutierend mit einem Glas Wein oder einem Tässchen äthiopischen Kaffees zusammen standen.

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Dr. Hanke erhält die Listros-Box

Eine Besonderheit zum Anfassen bekam Bürgermeister Hanke mit auf den Weg: Ihm überreichte Dawit Shanko eine echte abgegriffene LISTROS-Schuhputzerbox. Diese Boxen ermöglichen Straßenkindern im äthiopischen Adis Abeba, mit ihrer Arbeit zum eigenen Unterhalt und dem ihrer Familien beizutragen – und im Rahmen eines Kunstprojekts sind über 3.000 von ihnen, mit Sätzen von den Kindern selbst im Inneren, als Kultur-Botschaften in der Galerie gelandet.

Hankes Box enthält den kurzen Brief eines fünfzehnjährigen Mädchens: „Liebe Welt, ich freue mich, dass ich dir schreiben kann! Aber hörst du mich auch?“