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STADT-entwicklung und Entwicklung-sPOLITIK

Eine Veranstaltung bei Listros zum Thema „Kunst und Entwicklungspolitik“ brachte mich auf den Gedanken, einige der an dem Abend vorgestellten Ideen doch mal auf das Thema Stadtentwicklung und Potsdamer Straße zu übertragen.

Doch bevor ich dazu komme, noch ein Hinweis auf die Veranstaltung „Kiezperspektiven – Erst Kunststraße jetzt Kunstmeile“, zu der LISTROS am 12. Mai um 19 Uhr gemeinsam mit dem Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke einlädt. Hier wird es um Perspektiven an der Potsdamer Straße im Angesicht der gegenwärtigen Entwicklung zur Galerieszene gehen.

Zurück zum Thema: Bei der Gründung Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vor 50 Jahren wurde klargestellt, dass Kulturpolitik als Begriff in keinem BMZ-Papier zu erscheinen habe. Die kulturelle Dimension menschlichen Lebens war per definitionem kein Bestandteil von Entwicklungspolitik.

Mit diesem Hinweis auf eine heute unvorstellbare Herangehensweise eröffnete Konrad Melchers, (eh. Chefredakteur der “Zeitschrift Entwicklungspolitik” – heute “Welt-Sichten“) die Veranstaltung KUNST UND ENTWICKLUNGSPOLITIK, die im Rahmen der Ausstellung “im listrosjahr 2010″ von Prof. H. H. Grimmling in der letzten Woche stattfand. Natürlich ist immer noch zu fragen, ob Kunst in solch einen Funktionszusammenhang gestellt werden sollte. Denn es besteht die Gefahr der Instrumentalisierung, manche Künstler beschreiben solch ein Vorgehen als Propaganda.

Beim Quartiersmanagementverfahren ist es doch ganz ähnlich. Nach einer langen Zeit der Bauprojekte, wurde der Fokus doch erst in den letzten Jahren auf das Erreichen nachhaltiger Strukturen durch Kultur und Bildung gelegt.

Foto: Thabo Thindi - Jozi.tv

Deshalb war es umso spannender zu hören, wie Annette Braun (eh. Kunstbeauftragte des Evangelischen Entwicklungsdiensts – eed ), Randa Kourieh-Ranarivelo, Koordinatorin für Kultur und Entwicklung, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – GIZ ) und Cornelia Dümcke, Kulturökonomin und Projektentwicklerin, Culture Concepts auf dem LISTROS-Panel diskutierten, inwieweit sich die alten Positionen überholt haben und wie Kunst und Entwicklungspolitik heute zusammen gehen.

Während die United Nations - Milleniumsziele im Jahr 2000 Kultur noch überhaupt nicht mit einschlossen, gab es zehn Jahre später die Vereinbarung, dieses Versäumnis nachzuholen. Der Evangelische Entwicklungsdienst (eed) hingegen befasst sich schon länger mit der Vereinbarkeit von Kultur und Entwicklungspolitik. „Kultur ist eine ergänzende Dimension und vermag etwas, das Entwicklungspolitik nicht kann,“ sagte Annette Braun. „Kunst geht über die kognitive Dimension hinaus und kann unter die Haut gehen. Kulturelle Vielfalt kann Menschen helfen, ihre eigenen Stärken zu entdecken und zu leben. Gleichzeitig initiiert Kunst gegenseitige Wertschätzung und kann durch den Abbau von Vorurteilen Heilungsprozesse anstoßen.“

Foto: Thabo Thindi - Jozi.tv

In ihrem Beitrag kam Cornelia Dümcke sehr schnell zu den noch existierenden Stolpersteinen zurück. „Das Begriffspaar Kultur und Entwicklung hat an Bedeutung gewonnen und es wird nicht mehr bestritten, dass Kultur in den Entwicklungszusammenhang gehört,“ bestätigte sie zunächst, um gleich hinzuzufügen, dass eine strategische Verankerung noch immer unendlich schwierig sei. „Viele politische Beamte betrachten die kulturellen Sektoren als untergeordnet, denn sie verbrauchen mehr Geld als sie generieren. Aber diese Arbeit und Beschäftigung nur auf Umsatz abzuklopfen, reduziert die Debatte. Es entspricht nicht der Arbeitsweise von Kunst, immer Resultate zu erzeugen.“ Hier sei Übersetzungsarbeit nötig, denn Künstler und Entwicklungspolitiker sprächen völlig unterschiedliche Sprachen.

Na, das haben wir ja gerade bei den (immer noch andauernden) Kürzungsdebatten erlebt. Liest man die Verlautbarungen aus dem Bauministerium, ist eine gemeinsame Sprache nicht zu erkennen. Vermittlungs- und Übersetzungsarbeit ist auch hier dringend notwendig.

Foto: Thabo Thindi Jozi.tv

Alle waren sich einig, dass durch die Besinnung auf den Begriff der aktiven kulturellen Teilhabe einiges erreicht werden könne. Cornelia Dümcke verwies auf Studien, die klar zeigen, dass Individuen sich durch kulturelle Teilhabe verändern, dass ein enger Zusammenhang zwischen kultureller Teilhabe und Wohlbefinden besteht und dass sich all dies positiv auf die Volkswirtschaft auswirkt. Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen kultureller Partizipation, Bildung und Ökologie. Und nicht zuletzt bedeutet lebenslanges Lernen eine kulturelle und darüber hinaus eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft.

Da gäb es aus allen QM-Gebieten zahlreiche praktische Beispiele zu liefern.

Über die Kreativwirtschaft, so Konrad Melchers in einem weiteren Gedankengang, sei es möglich deutlich zu machen, dass alle Kulturen ihre eigenen Kulturstärken haben. „Damit sind Begegnungen auf Augenhöhe möglich,“ fügte er hinzu. „So können Veränderungen leichter erreicht werden.“

Diesen Gedanken finde ich ja gerade in Hinblick auf die sich ansiedelnden Galerien spannend. Bei meinem Spaziergang durch die Potsdamer Straße am Gallery Weekend hatte ich nicht den Eindruck, dass die Nachbarschaft unterwegs war. Die Frage ist, wie zwischen diesen beiden Welten vermittelt werden kann.

(Nebenbemerkung: Leider hat das örtliche Gewerbe auch nicht die Chance genutzt, die BesucherInnen willkommen zu heißen. Sonntag um 15 Uhr war kein Krümelchen Kuchen mehr zu finden.)

All dies ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation,“ ist Randa Kourieh-Ranarivelo überzeugt. „In unseren Projekten geht es allerdings nicht um reine Kultur. Diese steht immer im Zusammenhang mit strukturellen Bedingungen. Doch ist Kultur die vierte Dimension einer nachhaltigen Entwicklung. Wenn man sich in Afrika nicht um Kultur kümmert, kann man Ziele nicht erreichen. Das ist eine international anerkannte Tatsache.“

Dito Potsdamer Straße.

Inwieweit internationale und damit auch deutsche Hilfe in Afrika wichtig ist, dazu gab es abschließend zwei gegensätzliche Bemerkungen. „Im südlichen Afrika sind es die internationalen Organisationen, die gerade auch kritischen Künstlern die Möglichkeit einer Stimme geben, indem sie finanzielle Unterstützung für Projekte zur Verfügung stellen,“ sagte Cornelia Dümcke.

Annette Braun hingegen vertraut eher auf die Eigenständigkeit. „Wir brauchen keine Sorge zu haben,“ sagte sie. „Künstler in Afrika machen das auch ohne GIZ und eed.“

Frage bleibt, wie wir es hier ohne Quartiersmanagementverfahren machen. Doch da bahnen sich ja mit dem Projekt INITIATIVE Bürgerstiftung auch neue Wege an.

Herzlich willkommen, es ist alles bereit

Am gestrigen Morgen die Sorge vor dem Probelauf. Wie wird es am Nachmittag klappen? Noch eine Woche, dann soll die Donnerstags-Tafel an der Zwölf Apostel starten.

Um 16 Uhr: freudige Überraschungen und Dankbarkeit.
*Eine neue Helferin hat uns gefunden. Sie hat schon in einer Großküche gearbeitet, möchte Verantwortung übernehmen.
*Die erfahrenen HelferInnen von der Mittwochsinitiative sind geduldig mit den Neulingen an diesem Nachmittag.
*Der Besuch bei REWE macht glücklich. So spontan die Zusage von Geschäftsführer Sulaf Ahmed war, die neue Tafel an der Zwölf Apostel Gemeinde zu unterstützen, so großzügig die Spende. Ein Wagen mit Obst, Gemüse, Mehl, Nudeln, Schokolade und Keksen.

Dank an REWE

Doch warum eine Donnerstags-Tafel bei Zwölf Apostel?

Ev. Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
An der Apostelkirche 1
10783 Berlin

Weil der Andrang zum Essen bei der Mittwochs-Initiative e.V. , die seit zwanzig Jahren Drogenabhängige und Prostituierte mit Essen, Material zur Aidsprävention und einer Kleiderkammer versorgt, über den ursprünglich angesprochenen Personenkreis immer größer geworden ist. Deshalb initiieren das Ökumenische Rogate-Kloster St. Michael und die Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde einen zweiten Abend, an dem Menschen mit geringem oder ohne Einkommen Essen erhalten. Diese soll am Donnerstag, den 5. Mai starten.

Zurück zum Probelauf. Nach einer Inspektion der geschenkten Zutaten wird entschieden, was gekocht werden kann: Spargelcremsuppe, Apfelkompott, frischer Salat mit Möhren- Stangensellerie- Chicoree, Tortelettes mit Erdbeeren und als Stärkung einen Tee mit frischen Zitronengras und Minze oder frisch gepresster Orangensaft. Hätten wir heute schon Gäste wäre das doch ein fulminantes Menu.

Doch weiter. Es wird geschnippelt, dann gekocht. Jeder findet selbst seine/ihre Aufgaben, schaut sich um was noch zu tun ist. Wischt die Tische ab, wäscht zwischendurch Messer und Brettchen ab. Dabei immer wieder beraten: wo werden wir das Essen servieren? Was müssen wir noch bedenken? Wer sollte angerufen und noch einmal kontaktiert werden?

Um 18 Uhr ist der Tisch für uns im Garten des Gemeindehauses gedeckt. Wir genießen, was wir uns bereitet haben. Alle Schritte der wirklichen Tafel haben wir heute noch nicht durchlaufen. Es gibt noch keine festen Teams. Auch die Koordination könnte besser sein. Da wird es in der kommenden Woche noch einiges an Improvisation geben.

Danke

Doch wir sind zuversichtlich, dass wir ab kommender Woche, Donnerstag, den 5. Mai wöchentlich um 19 Uhr werden sagen können: Herzlich willkommen, es ist alles bereit.

Wir suchen noch weitere HelferInnen, die entweder regelmäßig oder von Zeit zu Zeit entweder bei der Zubereitung des Essens zwischen 16 und 19 Uhr oder bei der Ausgabe ab 19 Uhr helfen möchten. Melden können sie sich bei

Regine Wosnitza
potseblog@wosnitza-berlin.de
Telefon: 23639903

Afrika & die innere Haltung

von HU-Gastblogger Janosch Werzl

Glücklicherweise ist die Geschäftsführerin von AfricAvenir International e.V., Judith Strohm, für kurzfristig anberaumte Interviews zu haben. So treffe ich sie nur wenige Stunden nach meiner Anfrage in der Galerie Listros, Kurfürstenstraße 33, in welcher der Verein AfricAvenir seit letztem August sein Büro unterhält.

Der Verein AfricAvenir e.V., dessen Geschäftsführerin Judith Strohm ist, wurde 2004 von Studenten der Politikwissenschaft am Otto-Suhr Institut der FU Berlin gegründet und versteht sich als deutsche Sektion der ursprünglich in Douala, Kamerun, beheimateten Organisation AfricAvenir. „Dort steht auch das Mutterhaus von AfricAvenir“, so Judith Strohm. Continue reading

im listrosjahr 2010 – 12 MALEREIEN VON GRIMMLING

Seine Bilder sind fast immer schwarz. Seine Autobiographie die umerziehung der vögel beginnt mit dem Kapitel ”Das Schwarz.” Schwarz ist er gekleidet.

Nur zu Jahresbeginn, da gibt es immer diese Farbtupfer. Das passiert. Auch Anfang 2011.

„Rot-grün-gelb,“ sagt Hans-Hendrik Grimmling belustigt. „Ich habe diesmal unbewusst die äthiopischen Flaggenfarben gewählt.“ Continue reading

Was wir von äthiopischen Listros lernen können

Stellen Sie sich vor, Sie würden hier in Berlin für einen Tag oder auch nur wenige Stunden als SchuhputzerIn arbeiten: Wem würden Sie die Schuhe putzen wollen? Und von wem würden Sie sich die Schuhe putzen lassen?

Dies ist eine Frage, die Dawit Shanko vom Listros e.V. regelmäßig Berliner SchülerInnen stellt (Listro werden in Äthiopien Schuhputzer genannt. Übersetzt heißt es so viel wie „glänzend machen.“)

In den Räumen von Listros

Dawit Shanko mit Berliner SchülerInnen

Einige Achtklässler, die in der vergangenen Woche für ein Halb-Tagesprojekt zu Listros in die Kurfürstenstraße kamen, reagierten nicht nur auf diese Frage, sondern auch auf die Übung, sich gegenseitig die Schuhe zu putzen, extrem.

Schuhe putzen ist keine Selbstverständlichkeit

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Eine Jungengruppe, erzählt Dawit Shanko, kam sich beim gegenseitigen Schuhe putzen „gedemütigt“ vor, doch als sie die Rolle des Kunden einnahmen fühlten sie sich als „King – toll – mächtig – überlegen“. Ihre Präsentation begannen sie vorsichtshalber mit „Nicht falsch verstehen“. Dann erklärten sie: nie würden sie selbst jemandem die Schuhe putzen. Sollten sie die Arbeit in Anspruch nehmen, dann nur „von Schwarzen, Türken und Ausländern inklusive Polen“. In der Pause änderten sie dann plötzlich ihre Meinung, schnappten sich Schuhputzkästen und gingen hinaus auf die Kurfürstenstraße zu den Prostituierten.

Dawit Shanko lacht beim Erzählen. Aus Erfahrung mit vielen Schulklassen weiß er, dass es Zeit braucht, bis sich die Sichtweisen ändern. In einem dreistündigen Schulprojekt kommt er mit seiner Botschaft nicht gleich rüber.

Dennoch lauschen die SchülerInnen besonders aufmerksam, wenn er seine eigene Geschichte erzählt. Wie er erst Schuhe putzte („Je dreckiger, je besser, denn dann verdiente ich mehr Geld“), dann Eier verkaufte („Das war ein Schritt nach oben, denn jeder braucht auch Eier“), sich weiter Geld für die eigenen Bildung verdiente, bis er dann als Student nach Deutschland kommen konnte.

Er weiß also aus eigener Erfahrung, dass in Äthiopien die oft sehr jungen Schuhputzer viel Engagement und Selbstständigkeit zeigen, als Kleinunternehmer fungieren und sich so viel Respekt verdienen.

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Auch an diesem Morgen gibt er den SchülerInnen Briefe zu lesen, die Listros an die Welt geschrieben haben und die Teil der im Oktober in den Potsdamer Platz Arkaden gezeigten Ausstellung Berliner Glanzwerke waren. „Wir tun nicht nur etwas für uns, sondern auch für unsere Familie und unsere Nachbarn,“ schreibt ein Listros. „Wir sind wie jeder andere, der sein Leben verbessern möchte,“ ein anderer.

In einer Abschlussrunde wälzen die SchülerInnen dann Fragen, die in jeder Talkshow über Entwicklungshilfe auch von Erwachsenen ins Spiel gebracht werden und eher in der Luft hängen bleiben: Wie kann man ihnen helfen? Kommt das Geld an, das ich spende?

Bittet denn einer der Schuhputzer in einem Brief um Hilfe?“ fragt Shanko schließlich die SchülerInnen? Diese Frage müssen alle verneinen.

Und so tragen die Projekte, die Dawit Shanko seit 2004 inititiert, Titel wie „Ansehen statt Übersehen“ und  „Für mich die Liebe, Respekt für meine Arbeit“.

Denn Dawit Shanko ist überzeugt, dass SchülerInnen in Deutschland Haltungen wie Engagement und Selbstständigkeit von seinen jungen Landsleuten lernen können, wenn sie sich dieser unbekannten Arbeit unvoreingenommen nähern, in die Rolle eines Schuhputzers schlüpfen und mit Respekt vor andere treten.

Einige SchülerInnen nehmen diese Anregungen in ihren Abschlussbemerkungen auf. „Ich finde es gut, dass ohne Unterschied gearbeitet wird,“ schreibt einer. „Wenn es sein muss und mich niemand kennt, würde ich es für meine Familie tun,“ ein anderer.

P.S. Danke an Heinz V. für die Fotos.

Zeitlich durchgeschüttelt – 2

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Nur wenige Wochen währte die Öffnung dieses Cafès an der Kurfürstenstraße. Die Betreiber hatten doch völlig übersehen, dass die Baugenehmigung eines Cafés nicht das Aufstellen von Betten in Kellerräumen gestattet.

Beim dieser Art des Sofortvollzug waren die Ordnungsbehörden nachhaltiger.

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Zeitlich durchgeschüttelt – 1

Das Haus Kurfürstenstraße in der Kurfürstenstraße ist ein stattliches Gebäude erbaut in den Jahren 1910 bis 1914. Dennoch wird es meistens übersehen.

Noch weniger bekannt ist die Tatsache, dass sich dort die Gründerwerkstatt und die Laboratorien und Einrichtungen für den  Studiengang Augenoptik/Optometrie des Fachbereich VII der Beuth Hochschule für Technik Berlin darin befindet.

Plakatmässig geht es dort nun zeitmäßig hin und her:

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Ab in die Zukunft?

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Oder doch zurück?

Listros – Schuhputzer in den Potsdamer Platz Arkaden

Mit 11 Jahren wusste Dawit Shanko ganz genau, warum er im äthiopischen Addis Abbeba Schuhe putzte. Als Dienstleister wollte er Schuhe „glänzend machen“ (Listro, die äthiopische Bezeichnung für Schuhputzer, bedeutet wörtlich „glänzend machen“). Und als Junge wollte er für seine Bildung Geld verdienen, denn später als Erwachsener wollte er etwas bewirken.

Gestern eröffnete Dawit Shanko, als 42jähriger inzwischen in Berlin zu Hause und Initiatior und Vorstand von Listros e.V., die Veranstaltungsreihe „Berliner Glanzwerke“. Sie ist auf ein Jahr angelegt und wird Ausstellungen, Filme und Diskussionen zur Förderung des deutsch-afrikanischen Dialogs umfassen.

In unserem Projekt geht es nicht um Kolonialismus und die Folgen,“ erklärte Dawit Shanko den 700 BesucherInnen, die zum Festaktes ins Atrium der Daimler Financial Services gekommen waren. Zuvor hatte er Bundespräsident Christian Wulff das erste Projekt der einjährigen Reihe – die Ausstellung „Perspektivwechsel“ in den Potsdamer Platz Arkaden – gezeigt.

Bild: Listros e.V.

Dawit Shanko als präsidialer Schuhputzer

„Es geht um einen Perspektivwechsel und darum, sich vom jungen schöpferischen Afrika inspirieren zu lassen,“ fuhr Dawit Shanko fort. „Zum Beispiel davon, wie persönliches Wachstum geschieht, wenn man sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt und aus der Opferrolle heraus tritt.“

Ausstellung Perspektivwechsel

Perspektivwechsel

Konstrate in Arkadien

Kontraste

Hans-Hendrik Grimmling

Dawit Shanko bedankte sich für den Satz „die Zukunft gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem” aus der Rede des Bundespräsidenten zum Tag der deutschen Einheit 2010 und fügte hinzu: „Wir Afrikaner können Deutschland bereichern.“

Dies ist ganz deutlich bei der Ausstellung „Perspektivwechsel“, die bis zum 7. November in den Potsdamer Platz Arkaden zu sehen ist. Sie vereinigt 120 Werke zum Thema von Malern, Bildhauern und Fotografen in Deutschland und Äthiopien.

Das Herzstück der Ausstellung sind 3.500 original Schuhputzboxen, in denen die Listros normalerweise ihre Schuhputzmaterialien aufbewahren, auf die die Kunden ihre Schuhe stellen und die in Wartezeiten auch als Sitzhocker benutzt werden.

Schuhputzboxen

Schuhputzboxen

Im Sommer 2010 schrieben dann 3.500 Listros einen persönlichen „Brief an die Welt“, verstauten ihn in ihre Schuhputzbox und schickten diese nach Deutschland. Im Projekt „Shine On“ fertigten sie dann mit Unterstützung des Unternehmen Sara Lee KIWI für sich neue Boxen.

Mit meiner Arbeit bringe ich mein Leben zum Glänzen.“

Ich sage euch, dass ich durch meine Arbeit eines Tages ein hohes Ansehen haben werde.“

Nur große Leute können kleine Arbeit machen.“

Wir wollen mit der Welt in Kontakt treten, wir warten auf eure Antwort.“

Jede Arbeit ist wichtig, deshalb lasst uns die Arbeit gemeinsam tun, in gegenseitigem Respekt.“

Auch wenn ich heute zu Füßen von anderen Menschen sitze, so habe ich doch einen Wert.“

Botschaften der Listros

Botschaften der Listros

Selbstbewusstsein, Ideen und Mitmenschlichkeit sprechen aus den Botschaften. In seiner Rede wies Bundespräsident Wulff darauf hin, dass Bilder von jungen Schuhputzern bei uns hingegen meist als „Symbol der Armut, Ausbeutung und Erniedrigung“ gelten.

„Dawit Shanko ist ein Architekt und Künstler, der große Kreise begeistern kann und ein Gewinn für unser Land ist,“ fuhr der Bundespräsident fort. „Mich freut, dass BürgerInnen mit Wurzeln in Afrika hier in Deutschland etwas tun, damit wir wiederum für Afrika etwas tun.“ Er betonte, dass die Ausstellung „Interesse aneinander, den Respekt voreinander und die Verantwortung füreinander“ fördere.

Dawit Shanko kam 1985 zunächst nach Leipzig und dann vor dem Fall der Mauer nach West-Berlin. Er studierte Architektur und gründete 2003 den Verein Listros e.V., um mit vielseitigen Projekten Kinder und Jugendliche in Äthiopien zu unterstützen. Damit unterstützt der Verein Kinder, die arbeiten, nicht aber Kinderarbeit.

Wir werben für einen Perspektivwechsel und fordern auf, über das Thema Kinderarbeit differenzierter nachzudenken,“ sagt Dawit Shanko in einem Interview. „60 % aller Äthiopier sind jünger als 18 Jahre. Weder die Familien noch der Staat haben genügend Geld, allen den Schulbesuch zu finanzieren. Die Listros übernehmen in jungen Jahren Verantwortung für ihre Leben und sind stolz darauf. Mit dem Geld kaufen sie oft Hefte oder eine Schuluniform. Wer das verbieten möchte, hat nichts von den Lebensrealitäten junger Afrikaner verstanden und weiß auch nicht, wie ermutigend die Erfahrung ist, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Diese Kultur der Eigenverantwortung unterstützen wir und helfen den Listros, ihre Ziele zu erreichen: Als Schüler oder als Selbständige. Jeder nach seinen Möglichkeiten.“

Gleichzeitig organisiert Listros e.V. Bildungsprojekte in Berlin und ganz Deutschland, die einen Perspektivwechsel ermöglichen. Seit vielen Jahren arbeitet er zum Beispiel mit einer Klasse an der Kreuzberger Hunsrückschule. Die Fünftklässler waren natürlich bei der Eröffnung dabei und sangen ihre Klassenhymne „Gemeinsam geht’s besser“, die im Rahmen der Arbeit entstanden ist.

Ein weiterer Ansatz von Listros e.V. ist die Einbindung von Menschen und den ihn eigenen Qualifikationen in die Projektarbeit. Sie lernen in der konkreten Arbeit an Projekten wiederum, die Lebenszusammenhänge der Listros anders einzuschätzen.

So wird das Projekt „Glanzwerke“ in enger Zusammenarbeit Professor Hans-Hendrik Grimmling und StudentInnen der Berliner Technischen Kunsthochschule (btk) in der Bernburger Straße realisiert. „Ich musste mich zu Beginn erstmal mit der Idee anfreunden, dass dies Kinderarbeit ist,“ sagt Elena Brandenstein. „Doch mit der Zeit wurden die Zusammenhänge für mich immer logischer und ich fand unsere Arbeit sehr spannend real und hilfreich.“

Mobile Schuhmacher - Ausbildungswerkstatt

Mobile Schuhmacher - Ausbildungswerkstatt

Elena Brandenstein studiert Information und Interface Design an der btk und gestaltete mit Kommilitoninnen und in Kooperation mit Listros e.V. und der Jettainer GmbH aus einem ausrangierten Luftfrachtcontainer eine mobile Schuhmacher-Ausbildungswerkstatt, die später in Äthiopien zum Einsatz kommen wird. Im Herbst 2011 werden Listros und Jettainer den Designwettberb „Business in a Box“ ausschreiben, in dem StudentInnen eingeladen sind, einen „Mobile Business Unit“ aus einem Luftfrachtcontainer zu gestalten.

Eric Berg studiert Kommunikationsdesign und war einer von sieben btk StudentInnen, die seit einem Jahr bei Listros e.V. in der Kurfürstenstraße das Ausstellungsprojekt mit entwickelten. „Es war ein schwieriger Anspruch, diese Ausstellung in einem Einkaufszentrum zu realisieren,“ sagt er. Doch mit der Zeit wurde aus der Herausforderung eine Botschaft. „Die Leute kommen in diesen Tempel, um Geld auszugeben. Und wir zeigen ihnen, dass in Äthiopien sehr gute Sachen gemacht werden.“

Kunst als Motor

Kunst als Motor

Drei StudentInnen der btk fuhren im Juli 2010 nach Addis Addeba und produzierten einen Dokumentarfilm über die Listros, ihre Arbeit und den Bau neuer Schuhputzboxen.

Und bei der Ausstellungseröffnung selbst schlüpften SchülerInnen von drei Berliner Partnerschulen in die Rolle der „Listros“. Dadurch hatten sie und die Gäste ebenfalls die Chance zu einem Perspektivwechsel.

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