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Analoge Fotografie gestern, heute und morgen

von HU-Gastbloggerin Jennifer Borth

Wie sich die klassische Fotografie behaupted, zum Beispiel im Fotolabor Gröger und Gerstenberg in der Genthiner Straße

Fotografie hat sich in den letzten Jahren immer weiter entwickelt und wurde zunehmend automatisiert und digitalisiert. Parallel existieren jedoch analoge Techniken weiter. Sie bleiben relevant, nicht nur trotz, sondern vorallem aufgrund der Digitalisierung.

Das digitale Bild ist omnipräsent. Jeder knipst und lädt Bilder hoch. Soll es etwas “retro” wirken, wird einfach die entsprechende Application benutzt und das Bild erscheint im Polaroid-, Lomo-, oder Holga-Style. Der allgemeine Fokus liegt auf dem digitalen Umgang mit Bildmaterial. In vielen Bereichen ist es jedoch nicht mit einer App getan und das digitale Bild kann schlichtweg nicht das klassisch analoge ersetzen.

"pcd 4" von Daniel Gonzales Fuster

Das Analoge birgt Optionen, die dem Digitalen entgleiten. Die qualitativen Vorteile liegen im Bereich Schwarz Weiß Film und künstlerische Fotografie- das macht Labore für klassische Fotografie unverzichtbar. Ein Labor dieser Art findet sich um die Ecke der Potsdamer Straße in der Genthiner Straße 3. Seit 1983 arbeiten hier Horst Gröger und Hans-Joachim Gerstenberg in ihrem Labor für klassische Photographie:

“Wir sind sozusagen die Analog-Opas”, bezeichnet Hans-Joachim Gerstenberg sich und seinen Kollegen mit einem Schmunzeln aber selbstbewusst. Tatsächlich teilen die beiden langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Fotomaterial. Als Gerstenberg Anfang der 1970er Jahre privat in die Genthiner Straße 3 zog, wählte er auch die direkte Nachbarschaft zu einer renommierten Adresse für Fotografie. Damals befand sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Genthiner Straße 8, das Fotofachlabor Niggemeyer.

Zunächst arbeitete der Fotograf Gerstenberg in der eigenen Wohnung, bis er 1983 mit Horst Gröger das Farbumkehr und Schwarz Weiss Labor im Souterrain desselben Hauses etablierte. Später schloss Niggemeyer und hinterließ orientierungslose Kunden. “Mir taten die Leute auf der Straße mir ihren Diakästen leid”, erinnert sich Gerstenberg. Sie erweiterten daraufhin auf Diaentwicklung und fingen diese Kunden auf.

"caroline special (1964)" von Hunter-Desportes

Die Kundschaft des Labors heute beschreibt Horst Gröger als bunt gemischt: Viele Interessierte stammen aus dem Kunstbereich, darunter seien professionelle bis semiprofessionelle. Regelmäßige Besucher seien auch Liebhaberfotografen, wie sogenannte trainspotter: ihre Motive sind ausschließlich Lokomotiven und viele reisen für ihre Bilder durch ganz Europa. Aus den Erzählungen wird deutlich, es gibt Stammkundschaft und Kunden, die das Labor gezielt aufsuchen. Denn vergleichbare Fotofachlabore sind inzwischen eine Rarität- und zwar bundesweit.

Der Schwerpunkt der Anfragen liegt auf Schwarz Weiß Arbeiten, welche von Horst Gröger neben Negativentwicklungen und Vergrößerungen bearbeitet werden. Hans-Joachim Gerstenberg ist derweil Ansprechpartner für alle Fragen zur Diaentwicklung und Belichtung von digitalen Daten auf Diamaterial. Dieser umgekehrte Weg von digital nach analog wird zum Beispiel für Dauerprojektionen in Kunstausstellungen genutzt. So sind auch die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf klassische Fototechniken angewiesen. Oder die Galerie Bassenge, eines der ältesten Auktionshäuser Berlins mit der Abteilung Fotografie, die sich mit dem Medium von den Anfängen des 19. Jahrhunderts bis zur zeitgenössischen Fotokunst befasst.

"canal" von Daniel Gonzales Fuster

Gerstenberg spricht außerdem einen wichtigen Aspekt an, der abgesehen von Nostalgie oder künstlerischem Anspruch für die analoge Form spricht. Es geht um den Datenträger an sich. Er beschreibt, wie nach wie vor riesige Filmarchive existieren, in denen analoges Material teilweise seit einhundert Jahren lagert. So wird einem bewusst, dass heute noch niemand wissen kann, wie lange und in welcher Qualität digitale Daten halten werden. Sichere Aufbewahrung und langfristige Archivierung liegen also nahe in analoger Form. Hinzu kommt, dass entsprechende Anschlüsse für Datenträger sich weiterhin immer wieder ablösen werden, man muss nur erste Disketten und USB-Sticks vergleichen.

Auf der Website von Gröger und Gerstenberg findet sich übrigens auch ein Verweis auf “die Wiedergeburt des Polaroid”. Man landet über einen Link auf der Seite von the impossible project, einem Projekt das von Florian Kaps ins Leben gerufen wurde. Als Polaroid 2008 die Produktion der Sofortbilder einstellte, machte er es sich zum Ziel wieder Polaroidfilme herzustellen. Diese Initiative fand viele Unterstützer, für die beim Fotografieren der künstlerische Aspekt wichtiger ist als digitale Auflösungsperfektion. Inzwischen ist sogar von einer “Analog-Wiedergeburt” die Rede und das Comeback des Polaroid ist Teil eines Lifestyle geworden.

Im Verhältnis zur dominierenden Digitalisierung scheint zwar die Nachfrage nach analogen Materialien und Techniken zu schwinden, klassische Fototechnik, vor allem aber auch die Belichtung von gängigen Datenformaten auf klassisches Diamaterial werden dennoch bedeutend und gefragt bleiben. Impossible? Possible.