Tag Archives: Munch’s Hus

Ja, mir sein mitm Radel da – und nach Leipzig kommen wir auch noch

“Seit drei Jahren senden uns Leser ihre Bilder von gefährlichen Stellen im Berliner Radverkehr. Diese zeugen vom Unwillen, das Fahrrad als Verkehrsmittel ernst zu nehmen,” war der Teaser des gestrigen Tagesspiegel-Artikels Kampfparker, Fehlplanungen und wilde Baustellen.

Ich finde es prima, dass sich LeserInnen dieses Mediums des Themas in einer Art Langzeitbeobachtung annehmen. Und ich danke dem Tagesspiegel, das er diese Missstände mit einer Auswahl von Zeitzeugenbildern und ausführlichen Erklärungen schonungslos und bis auf die Felge offen legt. Continue reading

Die Bülowstraße, bunt wie das Leben

von HU-Gastbloggerin Rita Danz

Vom U-Bahnhof Kurfürstenstraße aus mache ich mich auf den Weg. Es ist ein sonniger Nachmittag und schon vom Ausgang des Bahnsteiges her kann ich die U-Bahnbögen der Bülowstraße sehen und den Verkehrslärm gedämpft hören.

Auf der Straße angekommen, blendet mich die Sonne und ich entscheide mich Richtung Osten zu laufen. Ich passiere das Finanzamt Schöneberg in den Hausnummern 88-85, dass sich zur Zeit hinter einem Baugerüst verbirgt. Ich muss mich an den vielen Leuten an der Bushaltestelle vorbei quetschen. An der Ecke habe ich den U-Bahnhof Bülowstraße genau in meinem Blickfeld. Bereits 1902 war er hier – im Jugendstil als Teil der Hochbahnstrecke erbaut, hat er bereits 109 Jahre Bülowstraße miterlebt.

U-Bahnhof Bülowstraße

Nach einem kurzen Blick auf die gut erhaltenen Gründerzeithäuser auf der anderen Straßenseite, überquere ich die Kreuzung. Eine Prostituierte tut es mir beim Aufleuchten der grünen Ampel gleich. Ich sehe sie nur von hinten, sie trägt weiße High Heels mit unfassbar hoher Plateausohle. Trotzdem ist sie ein wenig schneller als ich. Die Uhr zeigt gerade einmal 15.15 Uhr.

Zu meiner Linken ragt das moderne Commerzbank-Forum in den Himmel. Es nimmt auch die Hausnummer 80 ein. Diese ist Schauplatz des historischen Romans Bülowstraße 80a von Gabriele Beyerlein, der sich um das Leben zweier Frauen dreht, die sich im Berlin der Kaiserzeit emanzipieren. Schwer vorstellbar, wenn man sich die Männer in Anzug und Krawatte vor der Türe des modernen Glasbaus anschaut. Die Zeiten ändern sich eben.

Die American Church am Dennewitzplatz

Mittlerweile umrunde ich den Dennewitzplatz, wo sich die American Church befindet. Es ist ein schöner roter Backsteinbau mit mehreren Türmen. Auf der Grünfläche vor der Kirche liegt bereits ein wenig Laub unter den Bäumen. Autos sind hier kaum zu hören und ich genieße die Ruhe. Mein Blick wendet sich noch einmal zurück zur Hochbahn. Hier am Dennewitzplatz durchquerte sie einst ein Wohnhaus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Ziel für Schaulustige.

U-Bahn am Dennewitzplatz

Heute klafft hier eine Lücke, die von den Leuten als Durchgang zum Gleisdreieckpark genutzt wird. Ein paar Häuser weiter, in der Nummer 66, steht ein Warnschild mit Elch vor der Tür. Ich bin am Munch’s Hus, dem einzigen norwegischen Restaurant Deutschlands im Gewerbehof Bülowbogen. Ich setze meinen Spaziergang fort und spreche kurz darauf einen Mann im Anzug an.

Er arbeitet in der Commerzbank, die ich nun von der anderen Straßenseite aus über dem Dach des U-Bahnhofes hinweg wieder sehen kann. Ich frage ihn, ob ich etwas Besonderes über die Straße wissen sollte. „Kennen Sie diese Serie? Praxis Bülowbogen? Die wurde hier gedreht.“ Er wirkt nett, ist vielleicht Ende 30. Ich muss wieder an die Prostituierte von der Kreuzung denken, da diese nicht mehr weit entfernt ist, und meine Vermutung wird von ihm bestätigt. „Jaja, die stehen um die Zeit auch schon hier.“

Ich schlendere nun wieder über die Kreuzung in Richtung Westen. Neben mir läuft eine Frau in einem pinken Sari, der in der Sonne leuchtet. Ein Auto hupt ungeduldig.

Schon fast am Straßenende angekommen, spreche ich eine Frau an. „Schon seit 50 Jahren wohne ich hier!“. Ich schaue interessiert und sie bleibt stehen. Eine ältere Dame mit Brille und gelocktem Haar; sie trägt ein paar leere Bananenkisten in der Hand. „Im Moment hat sich die Gegend etwas positiver entwickelt, finde ich. Aber ich ziehe sowieso bald um.“. Ihr gefällt die zentrale Lage, doch sonst hält sie hier nichts. Sie erzählt mir vieles. Dass der Straßenstrich heute schon viel weniger präsent ist als früher. Ich muss an Christiane F. denken. Sie sagt, dass man auf der Straße zwar ein sehr gemischtes Publikum findet, aber eigentlich wenig Touristen. „Die Leute zieht es eher Richtung Nöldnerplatz.“

Ich mache mich wieder auf den Rückweg. Vorbei an der Bülowstraße 107, dem Laden „Berliner Flohmarkt“. Ein paar alte Stühle, Lampen und Kommoden stehen davor. Aus der offenen Türe weht mir der typische Geruch von alten Büchern und Klamotten entgegen. Ich biege um die Ecke und kann schon wieder das blaue U-Bahnhof-Schild sehen.