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Durch den Regen

Von Gastblogger Frank Haberland

Ich muss mich beeilen.

Mit der U-Bahn gibt es Probleme. Die BVG baut. Also steige ich schon Yorckstraße aus.

Nieselregen hängt wie feiner kalter Dunst in der Luft. Durchnässt mich so vollständig wie ein Bad im Landwehrkanal.

Ich folge der Kulmer Straße, bis sie in die Bülow übergeht. Auf dem Dennewitzplatz freut sich ein Hund. Er darf einem Stock hinterherjagen, den sein Frauchen gerade weggeworfen hat. Das Tier bringt ihn sogar zurück. Hoffentlich macht er das nicht auch mit dem Hausmüll. Oder Schienbeinen.

Vorsorglich wechsle ich die Straßenseite. Gehe an der Commerzbank vorbei. Ich mochte das alte Logo lieber. Aber ich verstehe den Wechsel. Irgendwie muss man den Mitarbeitern der Dresdner Bank zeigen, dass sie ein willkommener Teil des Konzerns sind – und nicht nur zusätzliche Kapitalmasse.

Die Potsdamer Straße schneidet meinen Weg. Ein Strom aus Geschäften und Wohnhäusern und Autos und Menschen, der sich durch die halbe Innenstadt ergießt.

Es nieselt nicht mehr. Jetzt regnet es. Der Beton ist nass. In Pfützen spiegelt sich die Werbung eines Telekommunikationsgeschäfts. Die Luft ist durchwebt von Abgasen und Feuchtigkeit. Aber ich sehe nur wenige Regenschirme. Vielleicht fehlt die Zeit, sie aufzuspannen?

Der Wind treibt die Gerüche eines Asiaimbisses heran, vermengt mit den Stimmfetzen eines Obsthändlers. Orangen sind im Angebot. Vielleicht später, jetzt drängt die Zeit.

Ich sehe viele Gesichter, ich vergesse viele Gesichter. In der Großstadt bist du nie allein, aber schnell einsam.

Was geht vor in diesen Menschen? Welche Gedanken hängen hinter der nassen Stirn? Jeder hat seine Ziele und Wünsche. Jeder eilt durch die Welt, den Kragen hochgeschlagen, die Kapuze ins Gesicht gezogen.

Die Menschen gehen ihrem Tagwerk nicht nach – sie hetzen.

Ich passe mich dem Tempo an. Das Herz der Stadt diktiert unhörbar seinen Takt in die Seelen der Menschen. Es ist schwer sich dem Rhythmus zu entziehen. Aber den Versuch ist es wert.

Nicht gegen den Strom schwimmen – aber langsamer schwimmen. Auch das ein Kuriosum. In Berlin beeilt sich der Mensch. Immer hat man das Gefühl, gerade zu spät zu kommen, zu spät zu sein. Ob du zur S-Bahn oder Bushaltestelle läufst, es treibt dich; etwas treibt dich an. Beweg dich schneller, flüstert es. Sonst verpasst du den Zug. Sonst verpasst du die Vorlesung. Sonst verpasst du den Frisörbesuch. Irgendetwas verpasst du immer.

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Und so eile ich Straße entlang. Weil das Leben nicht wartet. Und Berlin schon gar nicht. Da muss sich auch die Zukunft ranhalten, damit sie nicht überholt wird.

Ich versenke die Hände in den Tiefen meiner Taschen. Natürlich zu Fäusten geballt. Zwischen einem Geschäft, das Kleidung für Bauchtänzer verkauft und Wintergarten-Plakaten, liegt mein Ziel. Ich bin viel zu früh am Freien Museum.

Eine halbe Stunde. Eine Ewigkeit.

Also noch eine Runde. Ich wandere weiter.

Der Potsdamer Platz erhebt sich gegen den grauen Himmel. Riecht nach Tourismus und Geld. Aber am Anfang der Potsdamer Straße mischt sich ein modriger Hauch hinzu.

Viele Gebäude stehen leer. Die Fenster sind blind. Die Türen verschlossen, in den Schaufenstern liegen nur vertrocknete Insektenpanzer und Staub. Die Investoren warten ab. Hast schadet den Geschäften. Ich blicke auf die Uhr – nur noch vier Minuten. Schnell zurück!

Ich muss mich beeilen.