Schlagwort-Archiv: Pohlstraße

Kunst an der Potsdamer Straße: Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern

von Christian Kaiser

Die Gegend um die Potsdamer Straße ist zu einem Kunstquartier geworden. Im Straßenbild sind die Galerien und Ateliers deutlich sichtbar. Fährt man etwa die Potsdamer Straße entlang, so kann man vom Doppeldecker aus in die weißen Räume von Galerien hineinschauen. In deren Inneren sieht man mitunter ein Paar Stiefel schrittweit auseinander stehen oder einen Farbklecks an der Wand – „Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist ja längst ein Running Gag.

Wie aber sehen Künstler und Galeristen eigentlich ihre jeweilige Tätigkeit, was bedeutet sie ihnen persönlich?

Was macht überhaupt ein Galerist genau? Und wie wird man zum Künstler? Ist Kunst noch immer gelebte Selbstentfaltung? Und wie gehen dann Künstler und Galeristen mit der Notwendigkeit um, ihre Werke vermarkten zu müssen?

Wieso gibt es eigentlich so viele Galerien und Künstler im Gebiet der Potsdamer Straße?

Gibt es eine Vernetzung zwischen den Galerien und den hier ansässigen Künstlern? Wer kauft denn Kunst, wer besucht Galerien? Kann man tatsächlich von einem Kunst-Boom sprechen?

Gesprochen habe ich über diese Fragen mit zwei Künstlern, die in den U-Bahnbögen der Pohlstraße 11 ihre Ateliers haben, Bettina Lüdicke und Rolf Hemmerich, mit der Managerin der Krome Gallery in der Potsdamer Straße 98, Selina Lai, und mit Alfons Klosterfelde, dem Galeristen der Helga Maria Klosterfelde Galerie in der Potsdamer Straße 97, sowie mit zufällig angetroffenen Besuchern dieser beiden Galerien.

Von diesen Begegnungen berichte ich in fünf Artikeln, zu deren Lektüre ich Sie herzlich einladen möchte:

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller. Eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstraße 11

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Atelier Rolf HemmerichParallel zur Pohlstraße, nahe am neuen Gleisdreieck-Park, lässt eine Kuriosität des U-Bahnbaus Raum für Ateliers entstehen: Denn die zunächst oberirdisch über eine eiserne Brücke geleitete U-Bahnlinie 1 fährt hier plötzlich mitten durch die zweite Etage eines roten Mietshauses und wird dann von einem ebenfalls noch oberirdisch verlaufenden Tunnel peu a peu in den Untergrund geführt. Die Besonderheit dieses Tunnels nimmt, wer von der Pohlstraße herüberschaut, nicht wahr, doch läuft man nun zwischen Spielplatz und Neubau durch einen versteckten Torbogen hindurch, findet man sich unerwartet in einer geschützten, aber dennoch sonnenbestrahlten langgestreckten Grünanlage wieder, in der man vom angenehmen Flair eines mediterranen Dorfes meint empfangen zu werden; geht der Besucher nun den Weg am Tunnel entlang, so wird er sehen, dass der Tunnel von Gewölben getragen wird, in denen sich Jugendtreff, Metall- und Holzwerkstatt, Flamenco-Tanzschule und mehrere Künstler mit ihren Ateliers und Ausstellungsräumen eingerichtet haben, unter ihnen auch Rolf Hemmerich, mit dem ich heute verabredet bin.

Herr Hemmerich begrüßt mich und führt mich ins Innere seines Ateliers in der Pohlstraße 11. Ich setze mich an einen langen Holztisch und blicke mich um: Es ist ein hohes, lichtes Gewölbe, über das ab und an die U-Bahn rumpelt. Kunstwerke sind im Raum verteilt: am Fenster ein zackiges Sonnenrad, von einer Stange getragen, daneben ein feingliedriger metallener Strahlenkreis, umrahmt und halb verdeckt von hölzernen Rechtecken. An der Wand gegenüber eine Art plastisches Bild, in dessen Mitte das Innere eines alten Türschlosses zu sehen ist, um das herum schwarze Hölzer angeordnet sind.

Schattenwesen IV,  Mooreiche 100x100, Rolf Hemmerich

Schattenwesen IV, Mooreiche 100×100, Rolf Hemmerich, Foto: Rolf Hemmerich

An einer anderen Wand des Ateliers hängen „Schattenwesen“ aus braun-schwarzer Mooreiche. Das Rohmaterial liegt auf einem Tisch in der Ecke, viel ist nicht mehr da. „In den letzten zwei Jahren habe ich mich bemüht, neue Formen, neue Ausdrucksmittel zu entwickeln“, erzählt Rolf Hemmerich. „Ich hatte dabei das Glück, in Polen dieses schwarze Holz zu bekommen, das ist Mooreiche, die ist ein paar Tausend Jahre alt.
Ich war immer schon fasziniert von der Evolutionsgeschichte der gesamten existierenden Lebenswelt, wie sich das Neue aus dem Alten herausbildet bei gleichzeitiger Beibehaltung dessen, was mal war. Das Alte verschwindet ja nicht, das taucht in anderen Formen immer wieder auf. Das konnte ich mit diesem Material, der Mooreiche, zeigen.“

Fossilien sind für seine künstlerische Arbeit eine seiner Inspirationsquellen. Herr Hemmerich hat selbst an Ausgrabungen in einem Steinbruch teilgenommen, in „Solnhofen, wo sie den Urvogel gefunden haben“, und im Rahmen seiner 30-jährigen Tätigkeit als Studienrat für Biologie Evolutionstheorie gelehrt.

„Ich habe Kunst überhaupt nicht studiert. Vor 10 Jahren wollte ich mal an die Akademie gehen, aber dachte dann, dass das doch lieber ein Prozess sein soll, der ganz aus mir selber herauskommt.“ Angefangen hat seine künstlerische Tätigkeit vor etwa 30 Jahren, „mit Fundstücken aus Holz, die ich dann mit dem Messer bearbeitet habe. In einem solchen Prozess  entwickelt man dann eine bestimmte Ästhetik, ein bestimmtes Gefallen an der Sache.“
Heute hat er als pensionierter Studienrat den „Vorteil, dass ich nicht Klinkenputzen gehen muss, sondern wirklich machen kann, was ich will“.

Rolf Hemmerich führt mich in den Keller seines Ateliers, den er mit einiger technischer Raffinesse als Ausstellungsraum hergerichtet hat, so dass jedes seiner Kunstwerke ausgeleuchtet ist. Mein Blick fällt auf eine Art bronzenen Ritterhelm, den er zusammen mit einem Freund selbst gegossen hat. Und auf eine Hunde-Figur (spanisch „Perro“) aus der aztekischen Kultur.
Doch Herr Hemmerich will mir noch etwas Spezielles zeigen: Er dunkelt den Raum ab, steckt einen Stecker in eine Leiste und – plötzlich ist der Raum ganz in Schwarz-Licht getaucht. Aber in Kniehöhe funkeln tausende Farbpunkte auf, gruppiert auf einem x-förmigen Holzgebilde und umrahmt von einem leuchtenden Uhr-Kreis am Boden. Eine kurze, beeindruckte Stille in der farbigen Dunkelheit. Dann seine Erklärung: „Der Urknall!!“
„Da steckt ganz viel Leidenschaft drin. Wenn ich in diesem künstlerischen Schaffensprozess bin, dann vergesse ich Zeit und Raum. Und ich kann mich dem so lange hergeben, wie meine Schaffenskraft an einem Tag reicht. Da freut man sich auch jahrelang über die Produkte, die bedeuten einem was.“

Wieder oben am Tageslicht erläutert mir Herr Hemmerich, warum ihn Inka-Figuren, bronzene Ritterhelme oder der Urknall im Schwarz-Licht interessieren:

Helm-Maske, Esche, 45cm, Rolf Hemmerich

Helm-Maske, Esche, 45cm, Rolf Hemmerich, Foto: Rolf Hemmerich

„Mich interessiert das, was sich im Laufe der Menschheitsgeschichte an Symboliken entwickelt hat, mit denen wir heute noch genauso leben, ohne dass sie uns so bewusst sind, und wir stattdessen so tun, als ob das Alltägliche für uns das allein Ausschlag Gebende wäre. „Archetypen“  – der Begriff stammt von C.G. Jung – ist beispielsweise ein Begriff, der mir sehr viel sagt. Er bezeichnet Strukturen, die sich im Laufe der Entwicklung von Welt und Menschheit immer wieder in anderen Konstellationen verdeutlicht haben. In uns stecken bestimmt auch bildliche Archetypen, woher soll sonst dieses Gefühl von Ästhetik herkommen, wenn viele Leute bestimmte Dinge, Naturerscheinungen etwa, als schön bezeichnen?“

Rolf Hemmerich legt allerdings Wert darauf, seinen Besuchern keine Interpretation oder Sichtweise nahezulegen oder gar vorzuschreiben, im Gegenteil, „ich bin wahnsinnig neugierig darauf, wie die Leute reagieren. Die Rezeption eröffnet ganze Horizonte, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Dann gefallen manche Dinge, von denen ich mir das gar nicht hätte vorstellen können.“
„Soll ich ein Beispiel erzählen?“, fragt mich Herr Hemmerich. Aber gerne! „Vor zwei Jahren wurde dieses Gebäude da draußen gebaut und dann lag da auf der Baustelle so ein alter Zinkeimer rum, bisschen verbeult, so einen, wie man ihn vor Jahren benutzt hat. Und mir kam die Idee, den müsste man jetzt irgendwie platt machen. Ja, dann habe ich den Zinkeimer zwischen zwei Holzbretter gelegt und hab` den Baggerfahrer gebeten, da mal drüber zu fahren. Das hat er auch gemacht! Und dann sah das gleich ganz anders aus, nämlich richtig platt, ausgewalzt. Diesen plattgewalzten Eimer habe ich durch die Schlosserei nebenan links und rechts so knicken lassen, dass er genau in eine ehemalige Weinkiste hineinpasst. Den Kasten habe ich schwarz eingefärbt und dann blinkte natürlich dieser Eimer, den habe ich dann poliert, und das sah ganz nett aus. Dieses Objekt lag da anderthalb Jahre und jetzt, auf der letzten Ausstellung, da ging ein Besucher genau darauf zu und sagte: ‚Ach, das ist ja toll, das erinnert mich an so viele Sachen aus meiner Vergangenheit, das muss ich unbedingt haben!‘
Das bestätigt einen immer wieder: Da hast du eine Sache gesehen, die Wirkung auf jemanden hat. Von solchen Dingen bin ich fasziniert!“

„Ja, ich fühle mich hier ausgesprochen wohl.“ Im Frühjahr könne er draußen im Freien arbeiten und komme dabei mit Passanten ins Gespräch. Wie er denn an dieses Atelier in der Pohlstraße 11 gekommen ist? „Ich wohne seit 30, 35 Jahren in dieser Gegend. Durch meine Tätigkeit im Quartiersrat und im Quartier habe ich einige Projekte mit durchgeführt und dabei einen guten Einblick  bekommen, nicht nur in das soziale und ökonomische Geschehen, sondern auch in die Gebäude, die es hier gibt, und was mit diesen Gebäuden geschieht.“

Und zum Schluss erzählt mir Herr Hemmerich noch verschmitzt, wofür so ein Atelier in einem U-Bahnbogen noch so alles gut sei: Für eine Geburtstagsfeier zum Beispiel! In jenem Keller mit dem Schwarz-Licht rückten dann nämlich die Kunstwerke an den Rand des Raumes, Bierbänke würden hineingestellt, der Raum werde geschmückt – und in der Ecke, in der der „Urknall“ zu sehen war, da spiele dann eine Band, mit sattem Klang und ordentlicher Laustärke!

 

Hier geht`s weiter:

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Skulpturen schaffen, um Raum zu gewinnen – Bettina Lüdicke erzählt in ihrem Atelier in der Pohlstraße 11 von ihrer künstlerischen Arbeit

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße. Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern.

von Christian Kaiser

Als ich zum ersten Mal an den U-Bahnbögen der hofartigen Grünanlage in der Pohlstraße 11 entlang ging, um zu sehen, welche Künstler hier tätig sind, spielten drei Kinder vor dem Jugendtreff gleich neben dem Torbogen, die mich, kaum dass sie mich sahen, ansprachen und neugierig wissen wollten, was ich denn hier suche. Ich fragte sie, ob es denn hier in der Pohlstraße 11 Ateliers gäbe. „Aber klar“, antworteten sie, „kommen Sie mal mit!“ Und schon liefen sie voran, ich hinterher, bis wir vor den Fenstern einiger Werkstätten stehenblieben. Es war allerdings kein Künstler da, die Werkstätten waren geschlossen. „Was wollten Sie denn von denen?“, fragten mich die Kinder. „Ein Gespräch mit ihnen führen, über ihre Kunst sprechen.“ „Wollen Sie da nicht lieber mit uns sprechen? Wir malen nämlich auch! Wollen Sie mal sehen?“ Und zurück liefen sie in ihren Jugendtreffpunkt, kamen wieder heraus und zeigten mir stolz drei große selbstgemalte Osterbilder mit Eiern, Schleifen und Gräsern. „10 Euro!“, riefen sie. Doch da kam die Leiterin des Jugendtreffs herbei, verwickelte mich in ein Gespräch und die verkaufsbegeisterten jungen Künstler zogen ab.

Atelier Bettina LüdickeAn einem kühlen Montag Mittag im März bin ich dann mit der Bildhauerin Bettina Lüdicke verabredet, die sich vor acht Jahren ihr Atelier in einem dieser sonnenbelichteten Gewölbe unter der U-Bahnlinie 1 in der Pohlstraße 11 eingerichtet hat. Lächelnd empfängt sie mich an der Tür ihres Ateliers und bittet mich herein. Wir setzen uns an einen kleinen weißen Tisch und ich sehe mich erst mal um.

Die rechte Seite des Raumes ist wohl ihr Arbeitsbereich, hier steht jedenfalls ihr Zeichentisch, hier lagern ihre Materialien, während den größeren Teil des Raumes linkerhand fertige oder zumindest fast fertige Skulpturen einnehmen, die auf weißen Podesten stehend den Blick des Betrachters einfangen.

Bettina Lüdicke, Schattenrot

Bettina Lüdicke, Schattenrot, 2012, 42x42x30cm,
Foto: Bettina Lüdicke

„Meine Arbeiten kann man als Zeichnungen im Raum sehen“, erläutert mir Bettina Lüdicke. „Diese metallischen Linien, die ich verwende, umschreiben einen Raum, bilden aber auch gleichzeitig einen Körper. Es geht mir darum, die Welt nicht immer weiter mit Masse zu füllen, sondern Skulpturen zu schaffen, um Raum zu gewinnen.
Damit das Offene sichtbar wird, muss ich andere Teile verdichten und schließen. Diese verdichteten Partien bringen auch eine Dynamik hinein, je nachdem, in welche Richtung diese Linien gespannt sind oder ob sie kreisförmig oder spiralförmig verlaufen.
Die Arbeit besteht aus Linien und Punkten und aus einem ständigen Kreisen, von dem kleinsten Punkt bis zur größten Form, so dass letztlich offene Räume entstehen, die durchlässig und transparent sind, in die man von allen Seiten schauen kann.“

„Im Studium machte jeder Student eine Abformung vom eigenen Oberkörper. Als ich die Abformung dann in der Hand hatte, ist mir aufgefallen, dass der Blick hinein viel interessanter war als der Blick von außen! Mein eigener Oberkörper war mir von der anderen Seite her gesehen unbekannt, das führte zu einer ganz anderen Welt.“

Bettina Lüdicke, Besucher 4

Bettina Lüdicke, Besucher 4, 2011, 70x40x38cm,
Foto: Bettina Lüdicke

„Meine Arbeit braucht einen Betrachter, der um das Werk herumgeht und wirklich hineinguckt und sich fragt: Was sehe ich denn da?
In einer Skulptur gibt es immer Achsen, verschiedene Richtungen: Ein bestimmter Punkt, die Spitze einer Form deutet ja auf eine Vertiefung einer anderen Form. Die eine Form antwortet auf die andere, es ist ein Dialog zwischen verschiedenen Teilen.
Eine für mich spannende Frage ist es, wie ein an sich fremdes Teil, ein Fundstück oder ein farbiges Segment, eine Verbindung mit einem Raum eingehen kann. Was passiert dann zwischen beiden Formen? Da gibt es dann auch einen Raum dazwischen, wo sie sich noch nicht berühren, aber doch gegenüberstehen. Ab wann fängt dann die Spannung an?“

„Nach dem Studium habe ich erst mal gedacht, weg von diesen ganzen feinen Sachen, jetzt mal was ganz Schweres, also das genaue Gegenteil.“ Sie zeigt mir ihre ersten Arbeiten, verborgen in einer Nische hinter einer Pappwand: schwere Steine, Marmorblöcke usw.

Studiert hat Bettina Lüdicke zunächst Design und Textildesign, bevor sie einen künstlerischen Studiengang zur Textilgestaltung an der Hochschule der Künste in Berlin besuchte. „Ich konnte mich dort frei entfalten, weg von der Anwendung hin zur Kunst. Das Wissen um Textiles habe ich natürlich im Gepäck gehabt. Die älteste Form des Verbindens ist ja das Wickeln, dass man zwei Teile zusammenlegt, überkreuzt und darum etwas wickelt. Auf diese Weise werden ja auch immer noch die Gerüste in Asien gebaut, mit Bambusstäben. So bin ich auf diese Methode gekommen, mit der ich eine Form von innen heraus entwickeln und auch sehen kann. Anfangs waren die Arbeiten zwar noch viel statischer, aber bei diesem Material (Kupferlegierung) bin ich geblieben.“

Neben ihrer eigentlichen künstlerischen Arbeit kümmert sich Bettina Lüdicke auch um die Präsenz ihrer Kunstwerke in Ausstellungen. Über ihre beiden, übrigens nicht in Berlin ansässigen Galerien, die sie vertreten, verkauft sie ihre Kunstwerke, vor allem, so ihr Eindruck, an Menschen, die sich schon lange mit Kunst beschäftigt hätten. Mitunter hat sie die Gelegenheit, sich ihre eigenen Kunstwerke im Hause eines Käufers anzuschauen: „Ich habe mich manchmal schon sehr gefreut, wenn eine Arbeit einen richtig guten Platz in einem Haus gefunden hat. Wenn man denkt, genau da passt diese Arbeit toll hin, und wenn ich dann auch von den Leuten höre, dass sie damit glücklich sind und gerne damit leben, ist das schön! Das freut mich natürlich.“

Von einem aktuellen Kunst-Boom spürt Bettina Lüdicke allerdings wenig. „Es gibt vielleicht ein paar wenige, die davon profitieren. Es wird eher ein Rahmen geboten für Leute, sich unterhalten zu lassen. Aber wer kauft denn dann wirklich die Kunst? Ich sehe da viel Show und Entertainment.“

Auf das Verhältnis zwischen Vermarktung und künstlerischem Schaffen angesprochen, hat sie eine klare Meinung: „Ich wüsste schon, was man tun müsste, um am Markt anzukommen! Aber das kann ich selber doch nicht machen! Da würde ich mich doch selbst belügen.“
Denn, so betont sie zum Ende unseres Gespräches, es ist doch „die Freiheit, schöpferisch zu arbeiten und weitgehend unabhängig zu sein“, auf die es ihr ankommt.

 

Hier geht`s weiter:

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Urknall im Keller – eine Begegnung mit dem Künstler Rolf Hemmerich in seinem Atelier in der Pohlstaße 11

Die kleine(n) Kneipe(n) in unserer Straße…

Geschrieben von Tanja

Bierdurstigen mangelt es an Gelegenheiten in der Potse nicht. Doch was und vor allem wer verbirgt sich hinter den magischen Toren? Ich wollte es genau wissen und testete 2 Spelunken. Etablissements, in die ich vielleicht aus freien Stücken nicht eingekehrt wäre, aus Angst vor einer Überdosis Schlager und Fußball.

19:15 Uhr

Ein Montagabend im verschneiten Januar. Mit einer guten Freundin treffe ich mich an der Kurfürstenstraße. Erhobenen Hauptes bPuschel's Pubetreten wir Puschels Pub.

Direkt zwischen Kurfürstenstraße und Pohlstraße gelegen, ein wahrer Magnet für alle, die aus diversen Gründen noch nicht nach Hause wollen – oder gerade von dort kommen.

Eine Rauchwolke erschwert uns den Weg zum fast leeren Tresen. 2 ältere Herren am Tisch nahe des Eingangs schauen kurz auf, diskutieren jedoch gleich weiter, nippen am Bier, entzünden ein weiteres Lungenbrötchen. Im hinteren Bereich zwei weitere Herren, die selbiges tun. Weiterlesen

Galerie cubus-m – Kunst an der Potsdamer Straße

Geschrieben von Gastblogger Jan im Rahmen des Sommerkurses 2012 „Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ am CareerCenter der Humboldt-Universität

Das Bild der Potsdamer Straße befindet sich im Wandel. Einen festen Bestandteil  bilden dabei die vielen Galerien, die sich in den letzten Jahren rund um das Gebiert niedergelassen haben. Im Jahr 2010 wurde in der Pohlstraße 75 schließlich die Galerie cubus-m eröffnet. Auf zwei Ebenen und rund 80 m² finden hier pro Jahr bis zu acht Ausstellungen statt. Weiterlesen

Künstler inszenieren eine Straße…

von HU-Gastbloggerin Rita Danz

Vor ein paar Wochen unternahm ich einen Spaziergang durch die Pohlstraße. Aus der Nummer 75 dringt weißer Staub, die Jalousie ist halb heruntergelassen und Baulärm erklingt. Ich frage nach und die Arbeiter erzählen mir: „Hier wird eine Weinhandlung und –bar eröffnet. Les Climats. Wir hoffen, dass wir es mit der Pre-Opening bis zu Pohl-Position schaffen!“ In einer benachbarten Galerie hängt ein passendes Plakat: „Künstler inszenieren eine Straße“ am 24. September. Ich frage mich, ob sie die Weinhandlung in nur einer verbleibenden Woche fertig bekommen.

Pohl-Position, im Vordergrund: Urban Chill von Uwe Tabatt

Initiator Andreas Kuhn, seine Galerie Kuhn & Partner befindet sich in der Pohlstraße 71, erzählt: „Ich wollte einfach ein Fest für den Kunst-Kiez ins Leben rufen, also kein klassisches Straßenfest als solches. Viele Menschen haben oft eine „Schwellenangst“ und trauen sich nicht in die Galerien zu gehen. Ich wollte mit meiner Idee dieser Entfremdung von der Kunst entgegen treten und die Leute mit einbeziehen. Wenn die Leute nicht zur Kunst kommen, dann kommt die Kunst eben einfach zu den Leuten.“ Das macht mich neugierig auf mehr.

Peter Herrmann, Sonja Zunker und Andreas Kuhn

Bei der Pohl-Position sind neben den Ausstellungen in den Galerien etwa 40 Objekte von Künstlern aus aller Welt auf der Straße und zum Teil in den Fenstern und Hauseingängen der anliegenden Wohnungen zu sehen. Die Anwohner wurden mit Hilfe von Handzetteln um Ihre Mithilfe gebeten. Ich erfahre, dass die Pohl-Position das Ergebnis einer etwa 3 Monate langen Planungsphase ist. „Die Hauptarbeit hatte hierbei Sonja Zunker von Zunker Kongresse & Events. Es gab eigentlich kaum wirkliche Rückschläge bei der Planung, da hatten wir Glück. Peter Hermann, mit seiner Galerie in der Potsdamer Straße 98a, ist als Mitveranstalter eingesprungen.“ Am 24. September ist die Pohlstraße selbst halbseitig für den Verkehr gesperrt; die Aufbauarbeiten beginnen bereits um 8 Uhr.

Les Climats…eine Weinhandlung mit Charme

Nach nur 6 Stunden Aufbauzeit geht es los. Es ist ein sonniger Nachmittag und einige Leute sind schon auf der Pohlstraße unterwegs. Männer, Frauen, Alte, Junge aller Couleur bestaunen die Objekte auf der Straße. Mein erster Weg führt mich zu Les Climats, ich möchte wissen, was sich seit meinem Spaziergang getan hat. Statt Staub sehe ich Champagnerkübel – Inhaber Roland Kretschmer begrüßt mich freundlich. Im Fenster ist eine Installation aus Flügeln der finnischen Künstlerin Terhi Heino zu sehen. Seit meinem letzten Besuch hat sich einiges verändert. Der alte Dielenboden, teilweise noch original von 1895 erhalten, glänzt dunkelbraun in der Sonne. Neben der Eingangstür eine Backsteinwand, vor der Wein und Kuchen verkauft wird und wo man sich angeregt unterhalten kann. Die restlichen Wände sind gestreift – bunt oder in warmem schokobraun und beige. Der Stuck an der Decke ist bis zur offiziellen Eröffnung am 15. Oktober noch verhangen. „Wir sind eine Weinhandlung mit Bar, die sich fast ausschließlich auf burgundische Weine und französische Delikatessen spezialisiert hat.“, erzählt mir Roland Kretschmer. „Natürlich gibt es auch ein kleines, ausgewähltes Sortiment mit Weinen aus anderen Regionen. Wir arbeiten ohne Zwischenhändler, der Importeur bin ich. Um die Weine auszusuchen fahre ich ungefähr 5 mal im Jahr nach Frankreich.“ Bei diesem Satz sticht mich kurz das Fernweh.

Roland Kretschmer, Besitzer von Les Climats

Bei der Pohl-Position beteiligt sich Les Climats vor allem um die Nachbarschaft besser kennenzulernen. Sich in der Pohlstraße anzusiedeln war eine ganz bewusste Entscheidung. „Ich wohne hier in der Gegend und sie gefällt mir einfach. Es ist eine sehr kunstaffine Ecke, vor allem die Pohlstraße. Ich war begeistert von diesem Haus, im Juli haben wir bereits mit den Renovierungs- und Abrissarbeiten begonnen. Der Kiez ist einfach noch sehr heterogen und besitzt trotzdem eine ganz spezielle eigene Struktur.“ Noch mit dem Geräusch eines Korkens, der sich mühsam aus einer Weinflasche windet, im Ohr, beginne ich meinen Rundgang durch die Galerien.

„Es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Die Ausstellung "Sex, Crime, Beasts &Tenderness" bei Gilla Lörcher

Bei Schulz & Schulz sind Werke von Henry Anno zu sehen. Im Fenster liegt eine Kettensäge mit weißer Aufschrift auf dem Sägeblatt: „With Love“ ist auch gleichzeitig Name der Ausstellung. Kuhn & Partner zeigt „Kong at Work“ mit Werken von Sandra Rauch und Jens Becker, die die Eindrücke einer gemeinsamen USA-Reise in Bildern und Installationen verewigt haben. Zwei Becken rotieren und empfinden scheppernd den Lärm auf New Yorks Straßen nach. Die beiden großformatigen Bilder im Raum ziehen sofort die Blicke auf sich. Eines zeigt ein großes Poster von King Kong vor einer Häuserfront. Gleich nebenan bei Gilla Lörcher sind Objekte von Iris Musolf zu sehen, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema „Sexpuppen“ entstanden sind. Während ich die Tiere aus Beton bestaune, stelle ich fest: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Die Galeristin muss lächeln und sagt, dass Kunst da ist, um genau das zu zeigen.

Schließlich bietet sich bei cubus.m in der Hausnummer 75 ein völlig konträres Bild. Gezeigt wird die Installation „IF hope exist…there is no wasted land“ von Anne Duk Hee Jordan. Ein Pfad durch einen Urwald aus Pflanzen führt mich in den ersten Stock. Schon vom Flur aus duftet es nach Erdbeeren. Eine Familie macht sich im Raum an der „Erdbeerkanone“ zu schaffen – ein umgebautes Fahrrad mit dessen Hilfe die köstlichen Früchte auf ein weißes Laken gefeuert werden. Das Leinentuch repräsentiert hierbei die Unschuld, während die Erdbeeren mit Sinnlichkeit assoziiert werden. Die Inspiration war ein Gedicht von Bertolt Brecht.

"Erdbeerkanone" in der Galerie cubus.m

Mit vielen neuen Impressionen und bei einem kühlen Getränk betrachte ich die Objekte auf der Straße. Ein riesiges Mobile mit Augen und Spiegelfolie hängt von einem Balkon auf die Straße und wird neugierig bestaunt. LISTROS e.V. zeigt die namensgebenden Schuhputzerkästen aus Afrika. Wolf Klein gibt den Gärtner und verkauft Blumen aus Plastik. Daneben noch vieles mehr, das mal mit einem Schmunzeln, mal ernst auf die guten und schlechten Seiten der Menschen und der Welt hinweist.

Michaele Brüll – „Riesenhose II, Gespannte Intimität“

Die Künstlerin

Fasziniert bin ich vor allem von der „Riesenhose II, Gespannte Intimität“ von Michaele Brüll. Zwischen zwei Bäumen aufgehängt, erinnert das Objekt an einen riesigen Tanga und ist mit Ausmaßen von 2,30×2,50m wohl das größte auf der Straße gezeigte Kunstwerk. Michaele Brüll hat das Objekt extra für die Pohl-Position geschaffen. „Ich wollte Sinnlichkeit und Intimität auf die Straße bringen. Die Riesenhose besitzt eine bunte Tagesseite, die das Sinnliche, aber auch Fröhliche und Authentische der Sexualität zeigt. Die in schwarz-weiß gehaltene Nachtseite weist nicht zuletzt auf den Straßenstrich im Kiez hin und repräsentiert, mit Schwarzlicht angeleuchtet, das Verruchte und Verführerische der „Dunklen Seite“.“, erzählt sie mir.

Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke

Auch dem Schirmherrn der Pohl-Position, Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke, laufe ich noch über Weg. Seine Rede hält er aufgrund technischer Probleme aus dem Polizeiauto heraus. „Hallo, hallo, hier spricht der Bezirksbürgermeister von Mitte.“, beginnt er. Die Leute bleiben überrascht stehen und beginnen zu schmunzeln. „Die Schirmherrschaft habe ich übernommen, weil ich es gut finde in Tiergarten-Süd ein niveauvolles Kunstfest zu veranstalten. Es zeigt das Potential & die Kreativität hier im öffentlichen Raum. Die Vernetzung der Galerien hat zahlreiche positive Effekte für die Szene.“, erzählt er mir fröhlich. „Ich glaube, dass die Pohl-Position das Lebensgefühl hier positiv beeinflussen kann und auf die Veränderungen in der Gegend hinweist – die Leute übernehmen hier Verantwortung.“

Dr. Christian Hanke und Andreas Kuhn hoffen, mit der ersten Pohl-Position den Auftakt für eine jährliche Veranstaltung gebildet zu haben. Als ich mich von der Potsdamer Straße aus noch einmal umdrehe und das bunte Treiben von Galeristen, Künstlern und Anwohnern sehe, dann wünsche auch ich mir nächstes Jahr wieder zurückzukehren.

Licht und Schatten in der Pohlstraße

Von HU-Gastbloggerin Katarina Wagner

Die Pohlstraße erscheint mir ein ruhiger Rückzugsort vom Trubel der Potsdamer Straße. Breite Gehwegen, ein paar Büsche und Bäumen und die Sonne scheint auch noch. Gerade scheint sie nur auf die eine Straßenseite, auf der ich dich Häuser schöner finde. Auf der „Schattenseite“ stehen einige Häuser des sozialen Wohnungsbaus. Nun ja, die Mieter_innen haben hier allerdings ganz andere Probleme, denn die Sozialbauten sind vor einiger Zeit verkauft worden und die Mieten stark erhöht worden.

Ich setze mich einen Moment auf eine Bank unter einem Baum an der Ecke zur Körnerstraße. Ein Mädchen mit gelben Haaren läuft an mir vorbei. Ein Mann in Latzhose und langem grauen Pferdeschwanz fährt pfeifend auf dem Fahrrad die Straße entlang und Kinder fahren auf Rollern. Eigentlich scheint die Welt hier noch in Ordnung zu sein.

Hinter dem Spielplatz führt ein Durchgang zur den U-Bahnbögen, die Pohl 11. Gleich links befindet sich hier seit 15 Jahren das Jugendteam. Eine Einrichtung des Stadtteilverein Tiergarten. Heute spielt hier eine Gruppe Jungs am Computer und zwei weitere spielen Billiard. Chef hier ist Karsten Masch. Er erzählt mir von den von den Fußballturnieren, die sie hier unter anderem veranstalten. Hier spielen vor allem viele schwierige Jugendliche, die sonst nicht in den Vereinen genommen werden.

Denn eines stellt Masch klar: „Hier gibt es Licht und Schatten nebeneinander. Eigentlich ist es eine heiße Ecke hier. Die Straße erscheint zwar ruhig, aber die Sozialdaten sagen was ganz anderes“ Es gibt viele sozial schwache Familien, die meisten von ihnen mit Migrationshintergrund, außerdem viel Kriminalität. Auch ihm ist aufgefallen, dass sich immer mehr Künstler_innen ansiedeln, die Mieten gestiegen sind und auch auf der Freifläche vor ihrem Bogen werden Eigentumswohnungen entstehen. Denn mit der Nähe zum Potsdamer Platz sei das hier top Wohnraum. Deswegen ist die Straße auch eine Seltenheit in Berlin, meint Masch, einerseits starke soziale Probleme und andererseits kommende Eigentumswohnungen und Künstler_innen. Allerdings sieht er nicht, dass sich der Kiez so schnell verändern wird, schließlich lebten hier feinere Gesellschaften schon immer neben Bordellen und Wettbüros. Diese Spannung sei typisch für diese Ecke.

Ich laufe zurück, in Richtung Potsdamer Straße. Mittlerweile hat sich eine Gruppe von Müttern auf die Bänke an der Körnerstraße gesetzt. Sie sprechen arabisch, ihre Kinder deutsch miteinander. Ehrlich gesagt, habe ich noch immer den Eindruck, es sei eine friedliche Straße. Sie täuscht anscheinend sehr gut über ihre Probleme hinweg. Naja, im Sonnenschein sieht alles schöner aus.

Dann komme ich am Bioladen Ölweide vorbei. Das Bistro ist schon zu, aber im Laden wird noch verkauft. Am Türeingang kleben Sticker wie „I love Yoga“ und „Genfood, Nein Danke“. Ich fühle mich an den Prenzlauer Berg oder Kreuzberg erinnert. Ich unterhalte mich kurz mit Ahmed Gürez an der Kasse, ihm gehört der Laden. Seit acht Jahren hat er den, als dann auch daneben die Ladenfläche frei wurde, hat er sein Bistro nach nebenan verlagert. Viele kommen hier zur Mittagspause hin. Sein Laden läuft, es sei zwar schwierig in diesem Gebiet, aber er habe viele Stammkunden, erzählt er. Einer ist auch gerade herein gekommen. Er kauft ein Brot und einen Salatkopf und kommentiert die Frage nach einer möglichen Gentrifizierung der Straße und die zugezogenen Künstler_innen mit „Hoffentlich hauen die wieder ab!“ Er erzählt, dass ein benachbarter Künstler in seinem Haus (nicht in der Pohlstraße, aber in der Nähe) ausziehen musste, da sie ihm die Miete verdoppelt hätten. Jetzt kämen da „nur so Leute mit Goldkettchen und kleinen Hündchen aus London zu den Besichtigungen“, erzählt er, trotzdem lachend. Soweit scheint es in der Pohlstraße noch nicht zu sein.

Ich fahre nach Hause mit der Feststellung, dass in Berlin nicht immer alles so ist, wie es scheint und dass in einer kurzen Straße viele unterschiedliche Menschen ganz verschiedene Leben mit ganz verschiedenen Problemen haben können.

Afrika zieht um

oder: ein Bretterzaun, eine Künstlerin, viele Jugendliche, ein Besuch im Völkerkundemuseum und zwei Kiezaktionen

Kapitel 1
Wie Afrika in die Pohlstraße kam

In den Sommerferien kann man auf viele Weise verreisen. Die Künstlerin und die Jugendlichen gingen ins Völkerkundemuseum und schauten auf den Kontinent namens Afrika. Welche Länder, welche Sitten, welche Menschen? Dann gingen sie an einen Bretterzaun in der Pohl11. Malten mit gelb, orange, blau, grün farbenfroh was sie gesehen hatten.

So kam Afrika 2009 in die Pohlstraße 11 und wollte eigentlich dort bleiben.

Afrika - Pohl11

Kapitel 2
Wie Afrika in Gefahr geriet

Nun ist es soweit, hieß es vor einigen Monaten. Alle hatten es gewusst, doch niemand hatte es wahrhaben wollen, dass die Freifläche mit Beachvolleyball, Festen und Open Air Kino eines Tages wirklich einmal bebaut würde. Mit Wohnungen für Kinder, die nie in dem großen Sandkasten spielen und NeuwohnerInnen, die sich dort nie zum Grillen treffen würden. Die Bagger kamen und Afrika war in Gefahr zersägt und zu Müll zu werden.

Kapitel 3
Wie Afrika gerettet wurde

Eines Tages radelte eine Frau durch die Pohlstraße. Blickte auf Afrika in der Pohl11. Wurde wehmütig. Radelte weiter, kam noch nicht mal ganz bis zur Pohl52 und wusste: das isses, hier kanns hin. KiezbewohnerInnen waren schnell von der Idee begeistert und auch Retter zur Stelle.

berieten

schraubten

kippten

kippten

sägten

sägten

Kapitel 4
Wie Afrika auf Transport ging

Und dann kam der große Moment. Afrika war schwer, doch mit zwei Schubkarren und kräftigen Männern rollte es bald die Pohlstraße entlang.


los geht's

los geht's

fast da

Ebe Ano

Pohl52

Kapitel 4
Wo Afrika ein neues Zuhause fand

Denn was liegt näher als Afrika dorthin zu bringen, wo nix ist als eine weiße kahle Stelle und „wo es passiert“. Das ist die deutsche Übersetzung für Nigerianisch „Ebe Abo.“ Doch noch war Afrika nicht ganz am Ziel.

Es

es

wurde

aufgerichtet

aufgerichtet

ausgebessert

eingepasst

eingepasst

zurecht gerückt


Danke an alle, die geholfen haben. Stellvertretend für alle: dem Oberbaumeister Josef Lückerath.

Oberbaumeister

Afrika - Pohl52

Unser Kiez soll schöner werden – die Gestaltung von Baumscheiben

Von HU-Gastblogger Antje Drobig

Auch wenn es so klingt, sind Baumscheiben keine zersägten Bäume oder Holzfenster. Als Baumscheiben bezeichnet man den Bereich um einen Stadtbaum herum, der nicht betoniert, gepflastert oder geteert ist.

So bitte nicht mehr!

So bitte nicht mehr!

Kiesgrube - schön ist anders

Kiesgrube? Aus unerklärlichen Gründen wurde diese Baumscheibe bekieselt.

Josef Lückerath, seines Zeichens reguläres Mitglied des Quartiersrats Tiergarten Süd, hat einen ganz besonderen Faible für diese Nischen. Er kümmert sich im Projekt Quartiersbegrünung darum, dass besagte Baumscheiben nicht mehr nur NICHT betoniert, gepflastert oder geteert sind, sondern eine ganz besondere Nutzung erfahren, nämlich die der Begrünung, der Gestaltung, kurzum: der Aufwertung. Weiterlesen

MieterInnen in der Pohlstraße zwischen Angst und Wut

Hallo, wir unsere Studenten-WG sind auch ein Opfer der „Baumafia“ gängige Begrifflichkeit im Berliner Abgeordnetenhaus geworden. Im Juli wurden unsere 6 Häuser in der Pohlstraße sozialer Wohnungsbau aus der Insolvenz heraus an die Fa. D.V.I. / Mamrud & Smuskovics dazu gehörend die Hausverwaltung Walther Property Management und die Haus-/Gebäudeservicefirma Certus – alle unter der gleichen Adresse zu finden. Als im September der Eintrag im Grundbuch vollzogen war, kam auch gleich Mitte Oktober das erste Mieterhöhungsschreiben – 250 Euro sollten wir im Monat nun mehr zahlen wofür?, binnen 14 Tagen zum 1.11.. Müssen nun aus finanziellen Gründen auch raus hier, werden auch schon seit Monaten gemobbt Baulärm, Plündern unserer Briefkästen, Müllablagerungen im Garten, alles wurde dunkelgrau gestrichen usw..

Liest man diesen Kommentar auf  Berlin: Vom Sozialen Wohnungsbau zum Spekulationsobjekt « Gentrification Blog denkt man an Wild-West. Doch das Ganze spielt sich in Berlin-Mitte ab. Und gleich noch eine Unglaublichkeit: Gerade weil die Gebäude aus dem Sozialen Wohnungsbau stammen, sind sie mietpreislich nicht gebunden. Insgesamt sind gerade 30.000 Sozialwohnungen von ähnlichen Entwicklungen bedroht. Der Blog Sozialmieter sammelt alle Informationen.

Das ist der Hintergrund vor dem in der Pohlstraße und in der weiteren Umgebung der Potsdamer Straße Häuser entmietet werden und die Bevölkerung langsam ausgetauscht werden können. Neben den hier erwähnten Häusern, sind aus einem anderen Objekt in der Pohlstraße bereits viele Mieter ausgezogen. Angst spielt dabei eine große Rolle. Und da viele MieterInnen auch nicht genügend Informationen haben, verlässt sie schnell der Mut sich zumindest mit den legalen Mitteln zu erwehren, die Ihnen zur Verfügung stellen.

Mit gutem Grund: Robert Händler, Bewohner in der Pohlstraße und Mitglied des Quartiersrats Magdeburger Platz, ist Sprecher der MieterInnen-Initiative und versucht mit all seinen Kräften sich gegen die Entwicklung anzustemmen. Er nimmt kein Blatt vor seinen Mund. Er redet mit der Presse. Und was passiert: Kurz nach einem Artikel in der Berliner Zeitung , der die Sachlage schilderte, wird ihm gekündigt. Verständlich, dass viele aus Angst den Mund halten.

Die ganze Materie ist zugegebenermaßen hochkomplex. Der bereits erwähnte Artikel auf dem Gentrification Blog ist zum Verständnis sehr hilfreich.

Gleichzeitig ist zu beachten, dass es durchaus politischen Handlungsspielraum gibt. Der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain hat im vergangenen November eine Verwaltungsvorschrift erlassen, „nach der die Nutzung von zu Eigentumswohnungen umgewandelten Sozialwohnungen durch Käufer nur möglich ist, wenn diese die für den Wohnberechtigungsschein (WBS) geltenen Eigentumsgrenzen einhalten.“

Hallo, Berlin-Mitte, übernehmen Sie!