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Buchhandlung am Kleistpark – Ein Kleinod

Artikel von Gastblogger Moritz, geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 “Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen” am Career Center der Humboldt Universität

Fast an historischer Stelle gelegen, ist die Fachbuchhandlung am Kleistpark schon so etwas wie eine Rarität in der Potse. Nicht alleine wegen des Fokus auf Botanik und Zoologie, sondern schon weil es eine Buchhandlung ist, und diese sind in der Tat rar geworden.

Die Buchhandlung in der Potsdamer Straße 180 gibt es schon fast 60 Jahre, seit 1954 um genau zu sein. Und das Mobiliar ist genauso alt, was man ihm aber nicht ansieht. Wenn man das Geschäft betritt, so tritt man in einen Raum der Ruhe. Die hektische und lärmende Potsdamer Straße rückt in weite Ferne, der Duft von Büchern und Wissen umfängt einen, aber auch der von Beständigkeit mischt sich unter.

Wer sich in dem Geschäft ein wenig umschaut, findet auch den Grund für Letzteren. Zwischen den verschweißten Neuerscheinungen und den leuchtenden Buchrücken des neueren Bestands, erblickt das Auge auch die matten Buchrücken von Büchern aus anderen Zeiten. Bücher, die wegen des Inhalts gekauft wurden, nicht aufgrund von Marketingmaßnahmen. Hier stehen ein paar, dort stehen ein paar, fast versteckt, einfach herrlich.

Es sei so schon häufiger vorgekommen, dass Kunden beim Anblick eines älteren Buches ein freudiges „genau dieses Buch habe ich lange gesucht“ entfährt.

Fachbuchhandlung für Botanik und Zoologie mit Geschichte

Es ist zwar eine Fachbuchhandlung, aber das war die Buchhandlung am Kleistpark nicht immer. Am Anfang war es eine „normale“ Buchhandlung, und keine Fachbuchhandlung, zwar in derselben Räumlichkeit, allerdings mit gesonderten Büros, einem Keller und einem begehbaren zweiten Stock im Hauptraum dazu.

Die heutige Inhaberin, Frau Gajewsky, leitet das Geschäft zwar erst sei Mai letzten Jahres, aber das Datum täuscht. Sie hat das Geschäft von ihrem Mann übernommen, der dies schon 1995 von den damaligen Eigentümern übernahm, bei denen er seit 1974 angestellt war. Kein Wunder also, dass sie über das Geschäft, aber auch über Berlin, so einiges erzählen kann. Und eigentlich kommt sie gar aus Schweden, aber das ist schon mehr als 40 Jahre her. Auch wenn sie jetzt das Geschäft leitet, so ist ihr Mann weiter mit dabei und kümmert sich vor allem um die älteren Schätze, nur eben nicht mehr den ganzen Tag. Wer also einen speziellen Wunsch hat, sollte sich vormittags auf den Weg in die Buchhandlung machen.

Kleiner aber feiner

Das gleiche Angebot konnte nicht behalten werden, dafür war nach dem Verkauf des die Buchhandlung beherbergenden Gebäudes einfach nicht genügend Platz. Eine neue Ausrichtung musste her und da der andere Buchladen in der Straße sich auf Karten und Atlanten spezialisiert hatte, entschied man sich eben für Botanik. Dass dies auch genau dem Interesse des Ehepaars Gajewsky entsprach, wird hier wohl den Ausschlag gegeben haben – und weniger die Tatsache, dass dann eine Fachbuchhandlung für Botanik und Zoologie wieder fast an historischer Stelle stünde.

Denn der Heinrich-von-Kleist-Park, der auch der Buchhandlung seinen Namen verlieh, war tatsächlich früher ein botanischer Garten. Der Bestand an Pflanzen und Bäumen wurde zwar bis auf einen vor längerem bereits nach Berlin-Dahlem gebracht, um den dortigen Botanischen Garten aufzubauen, trotzdem schließt sich der Kreis. Immer dann, wenn dort eine Ausstellung oder ein Markt stattfindet, ist auch die Buchhandlung mit einem Stand vertreten.

Buchhandlung bleibt Buchhandlung

Trotz der Fachausrichtung hat die Buchhandlung natürlich auch das normale Angebot an Büchern im Sortiment. Wer eine Sprache lernen will oder kochen möchte, findet hier sein Nachschlagewerk, und wer Spannung mag, dem wird mit einer guten Auswahl an Krimis gedient.

Joseph-Roth-Diele in der Potsdamer Str. 75

Die einladende Gast-und Lesestube an der Potse hält alles was sie verspricht- und mehr.

Von HU-Gastblogger Jan Radoch

Täglich von 10- 24 Uhr gibt es wechselnde Tagesgerichte für einen schmalen Taler (ca. 4-7€ für hochwertige Hausmannskost) und die Dauerbrenner wie z.B. Wienerschnitzel oder Käsespätzle sind immer erhältlich. Alle Speisen sind liebevoll angerichtet und schmecken hervorragend.

Typisch Berlin – denkt man, nachdem man die Joseph-Roth-Diele zur Hauptbetriebszeit verlässt. Hier treffen besonders zur Mittagszeit zwei Welten aufeinander. Das alte, charmante Berlin der 20er Jahre und das rasante Mittagsgeschäfte der medialen Neuzeit. Das alte Tagesspiegel-Gebäude ist nur einen Steinwurf entfernt und somit ist die Diele auch heute noch von vielen Media- Unternehmen umzingelt. Die hippen Mitarbeiter kehren hier, gerne für eine Mahlzeit und eine naturtrübe Apfelschorle oder ein Glas Wein, ein.

Zu den Hauptzeiten herrscht konstante Bewegung in der Diele – ein ständiges kommen und gehen – gegessen wird hier eher zur schnellen und guten Nahrungsaufnahme und nicht nur zum reinen Genuss. Auf einen Platz zu warten, gehört hier genauso dazu wie das bezahlen an der Theke. Eine Speisekarte erhält man meistens nur auf Nachfrage, denn die Speisen des Tages stehen auf einem großen Schild vor der Tür- man ist hier eben praktisch veranlagt. Durch die übersichtliche Speisekarte mit 4-5 täglich wechselnden Tagesgerichten fällt die Auswahl leicht und man muss selten länger als 5 Minuten auf sein essen warten.

 

 

 

 

 

 

Das besondere an der Roth-Diele ist aber nicht nur die hohe Qualität des Essens, sonder das Ambiente. Die Wände, Theken und Einrichtung sind mit einem dunklen Holz versehen. Die vielen Bilder an den Wänden gemeinsam mit Zitaten und den gesammelten Werke von Joseph-Roth, die man hier auch käuflich erwerben kann, sorgen für das einzigartige an diesem Gasthaus. Ein echter Geheim-Tipp.

Der Namensgeber Joseph Roth war im übrigen Schriftsteller und Journalist und lebte von 1894- 1939. Er soll mal in dem Haus nebenan gewohnt haben- wird gemunkelt. Er schrieb für verschiedene Berliner Zeitungen wie z.B. für den Berliner Kurier. Wenn Sie mehr über Joseph Roth erfahren wollen -> hier geht´s zum Wikipediaeintrag

Die Internetpräsenz der Joseph-Roth-Diele finden sie hier.

Empfehlungen:

Die Diele ist auch in vielen Onlinemagazinen hoch gelobt. Erfahren Sie mehr darüber was anderen schreiben:

Tip Berlin: hier klicken

Prinz Berlin: hier klicken

Tripadvisor: hier klicken


Größere Kartenansicht

ANDREAS MURKUDIS, Design- Oase fernab vom Moderummel in Berlin Mitte

Von HU-Gastblogger Carina

Laufkundschaft verirrt sich nicht so schnell hier hin

Es ist nicht einfach den neuen Standort von ANDREAS MURKUDIS in der Potsdamer Straße 81E ausfindig zu machen. Befragt man Passanten nach dem Luxusgeschäft, bekommt man nur ein Schulterzucken oder noch fragwürdigeren Blick zurück. Bei einer zweiten Frage, wo sich denn das ehemalige Tagesspiegel-gelände befindet, wird kurzer Hand Auskunft gegeben. Kommt man dem Gebäude näher wird ein dezenter Hinweis auf einer Steinwand ersichtlich. Kein Schild oder Pfeil, nur die schwarzen Großbuchstaben auf grauer Steinwand lassen erahnen, dass man die Einfahrt durchqueren sollte, um ans Ziel zu gelangen.

Kaum verlässt man die pulsierende Potsdamer Straße, sinkt der Geräuschpegel und man entschleunigt schlagartig durch die plötzliche Ruhe im Innenhof. Geradezu futuristisch erleuchten die weißen, hell beleuchteten Räum-lichkeiten im Gegensatz zum Umfeld. Die Eingangspforten öffnen sich und man betritt die edle Welt des ANDREAS MURKUDIS. Bei diesem Anblick muss man den grauen, tristen Alltag einfach hinter sich lassen.

 Gegensätzliches zieht sich an

Vielleicht ist es der Kontrast zwischen schön und hässlich, fertigem und unfertigem, der den Inhaber in diese Gegend zog. Vielleicht wird gerade durch diesen Kontrast das eigentliche Produkt noch edler und perfekter inszeniert. Die Umgebung ist so gegensätzlich zum Interieur, dass es schon wieder anziehend wirkt.

Andreas Murkudis hat Luxusartikel in Berlin etabliert, aber auf eine andere Art und Weise… unkonventionell und mit einer eigenen Handschrift, ein inneres Gespür von Ästhetik, wie man es sonst eher von Künstlern kennt. Die museale Inszenierung der Ware gleicht eher einer Galerie, als einem Laden. Damit reiht er sich in die Galerienlandschaft ein, die sich seit einigen Jahren rund um die Potsdamer Straße ausbreitet und es erklärt wahrscheinlich auch die Flucht aus Berlins schicker Mitte in diese auf dem ersten Blick trostlos erscheinende Gegend.

Doch seine designaffinen Stammkunden bleiben ihm treu und suchen gern das ehemalige Tagesspiegelgebäude auf. In den Hallen, wo einst, Geschichten des Alltags, Tag für Tag, gedruckt wurden, erzählen nun Luxusartikel ihre ganz eigenen Geschichten.

Was bedeutet Luxus?

Luxus hat viele Gesichter. Im Sinne von Murkudis beschränkt er sich auf RAUM, ZEIT und QUALITÄT.

RAUM ist Luxus. Er steht für Freiheit und Entfaltung. Auf rund 1000 Quadratmetern Fläche und einer Deckenhöhe bis zu 10 Metern ist genug Platz für eine hochwertige Präsentation. Hier kommt jedes noch so kleine Teil, der sorgfältig ausgewählten Objekte zur Geltung.

ZEIT ist Luxus. Zeit zu haben für essentielle Dinge, ohne dabei Zeit zu verlieren ist in der heutigen Schnelllebigkeit nicht einfach. Die Objekte im Murkudisstore strahlen eine Dauerhaftigkeit aus. Sie wechseln nicht jede Saison, mit der Entwicklung einer neuen Kollektion, sondern bleiben und wirken.

QUALITÄT ist Luxus. Heutzutage verdrängt die Massenware immer mehr das Handwerk und einhergehend damit das Wissen über die Herstellung eines Produktes. Wir wissen immer weniger über die Herkunft. Für viele Konsumenten beginnt die Herkunft ihrer Ware oft auf dem Ladentisch, sie fragen nicht nach dem WO? WER? Und vor allem WIE? Ihre Güter hergestellt wurden. Andreas Murkudis fragt nach bis ins kleinste Detail und legt viel Wert auf Qualität und Tradition.

Vor diesem Hintergrund wird der Luxusbegriff eventuell etwas greifbarer und die Dimensionen der Murkudiswelt klarer. Die Auswahl an Accessoires, Mode, Möbel und Design von Marken wie Dries Van Noten, Maison Margiela, E 15, Nymphenburg und natürlich die Kollektion seines Bruders Kostas spricht für sich und zeigt, dass es sich lohnt manchmal Umwege in Kauf zu nehmen und versteckte Hinterhöfe zu erkunden.

Wirklichen Luxus muss man erst sehen und verstehen lernen. So erfährt man die wahren Geschichten der Qualitätsprodukte nur, wenn man viel Zeit mitbringt und vor Ort durch Gespräche die ANDREAS MURKUDIS Design-Oase verstehen lernt und in eine neue Konsumdimension eintaucht. Es ist ein langsamer und bewusster Einkauf, der den Kunden nachhaltig beeindruckt und verändert.

Poetische Potse – Teil 3 – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU
Fortsetzung vom 24. September 2011

Lützowufer

Unser Weg kanalisiert sich dem Lützowufer entgegen, immer gedankenversunken heimgesucht von Lesser Urys ausufernden Stadtverschwimmungen, zu denen sich Walter Benjamin auditiv ins Bild rückt, wie er gerade das erste Telephon bestaunt oder – sich ihnen arnohaft angleichend – Schmetterlinge beobachtet und einzufangen trachtet.

Eine Gruppe lärmender Schulkinder rennt mit ihren Ranzen an uns vorüber, mich am Ellenbogen streifend. Um diese Tageszeit? Doch eine alte Frau mit wachen Augen, die Pfeife rauchend am Kanal spaziert, wendet sich uns zu und hebt an, dass sie Marie Luise Kaschnitz sei, und dies die Straße ihrer Kindheit. Vor ungefähr einhundert Jahren habe tagtäglich ihr Schulweg hier begonnen: ein einziges „Rennen und Trödeln“:

Lützowufer

„Früh am Morgen, vor der Schule, stellen die Kinder einen Schnürstiefelfuß auf die Stufe des Erkers, schnüren und reißen die brüchigen Senkel ab, knoten und schnüren wieder, starren in das daneben aufgeschlagene Schulbuch, trinken angewidert ihren Eichelkaffee.[..] Die Von der Heydt-Straße, in der die Kinder zu Hause sind, ist langweilig, mit schmalen Vorgärten und überhaupt keinen Geschäften“. Daran hat sich auch heute nichts geändert, die Gegend hat sich ihrer Heimeligkeit vollends entäußert, ist zum reinen Transit-Ort, eigentlich zu einem Nicht-Ort geworden. „Ob auf der Herkulesbrücke wirklich ein bronzener Herkules gestanden hat, werden sich die Kinder viele Jahrzehnte später, wenn die ganze Gegend Ödland ist, nicht mehr erinnern [..] Auf der Brücke muß man stehen bleiben und nach einer Leiche Ausschau halten, es schwamm eine Leiche im Landwehrkanal, Landwehrkanal, das Lied wird zu Hause im Chor gesungen und die Mutter hält sich die Ohren zu. Der Schulweg besteht aus Rennen und Trödeln, der hübsche, mit Bäumen und Büschen bestandene Lützowplatz wird im Laufschritt überquert.“ Der Schulweg lässt die Primaner an gruseligen Sarggeschäften und dem KaDeWe vorbei mit „klappernden Federkästen“ schließlich in die Passauer Straße einbiegen, wo sie spreizbeinig zur Eingangspforte hasten – das Rennen ist in der Nähe des Schulhauses nicht gestattet. „In der Türe steht die Direktorin und mustert finster die Nachzügler, sie ist überaus gescheit und leidet an einem schlimmen Nervenzucken, das bei ihrem Anblick auch die Kinder überfällt. [..] Erst wenn sie, getrennt nun, in ihre Klassenzimmer treten, werden sie ruhig und setzten sich, furchtbar gähnend, jedes auf seinen Platz.“

Es ist nun schon einige Zeit gestundet seit unserer Abreise, und so lassen wir die Dame ihres Weges ziehen, und beschließen uns etwas zu stärken, erblicken ein ruhiges Plätzchen an der brausigen Potsdamer Straße, mit roter Marquise überdacht und einigen Tischlein darunter. Mit Korkenknall senden wir dem gegenüberigen Wintergarten-Varieté einen ihm geziemenden Gruß und gießen erfrischenden Perlwein in die mitgeführten Dekadenz-Sektengläser. Gerade als wir anstoßen wollen, kommt ein Mann um die 50 mit aufgeschwemmtem Gesicht aus der Tür und hält delirös lächelnd, einen Mundwinkel nach oben ziehend, sein Glas hinzu. Natürlich, das musste er sein: Joseph Roth. Schließlich wohnt er hier in der Potsdamer Straße 73 einige Zeit in den 1920er-Jahren, denkt an die Zeit des ersten Weltkrieges und die anschließende Gefangenschaft zurück und verarbeitet das Ganze zu seinem Kurz-Roman „Hotel Savoy“. Und dem Alkohol huldigt er auch regelmäßig, unser Gegenüber. Unter eine Zeichnung von 1938 in Paris, die ihn über Absinth-Gläsern zeigt, schreibt er nüchtern: „Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit.“ Ein Jahr später erliegt er in Paris seiner Körperverwahrlosung und den psychischen Strapazen der Emigration. „Prost!“ stoßen wir an, heften einen Mann mittleren Alters als Miniaturbild an die Pforte, über der schon ein Jugend- und ein Altersbild prangen, und lauschen dem träumenden Herren, Gabriel Dan, der als Protagonist und Bewohner eines billigen Zimmers im „Hotel Savoy“ dort – wenn er nur wollte – „mit einem Hemd anlangen und es verlassen konnte als der Gebieter über zwanzig Koffer“: „Ich lebe in einer weißen Welt aus Himmel und Schnee, Baracken bedecken die Erde wie ein gelber Aussatz. Ich schmecke den letzten Zug aus einem aufgeklaubten Zigarettenstummel, lese die Inseratenseite einer heimatlichen, uralten Zeitung, aus der man vertraute Straßennamen wiederholen kann, den Gemischtwarenhändler erkennt, einen Portier, eine Agnes, mit der man geschlafen hat. Ich höre den wonnigen Regen in durchwachter Nacht, die hurtig schmelzenden Eiszapfen in lächelnder Morgensonne, ich greife die mächtigen Brüste einer Frau, die man unterwegs getroffen, ins Moos gelegt hat, die weiße Pracht ihrer Schenkel. Ich schlafe den betäubenden Schlaf auf dem Heuboden, in der Scheune. Ich schreite über zerfurchte Äcker und lausche dem dünnen Sang einer Balalaika.“

Die Gläser sind leer, der Mann wischt sich mit einem karierten Tuch die Stirn, schließt das Buch und steckt es in das Futteral seines Jacketts. Wie er so gelesen hatte, waren seine Augen ganz blinkerig geworden und ein Pfundsgeist war aus der Ruine hervorgekrochen, und selbst der ältliche Torso hatte sich wachsend gebäumt. Als wir ihm das sagen, lacht er bequem und zitiert sich selbst, schon etwas weise, ja alt und klug wirkend: „So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein, von der gleichen Farbenskala.“

Fortsetzung folgt

Go for your dream – sagt LISTROS und der Kenianer Patrick Makau läuft Weltrekord

Heute morgen an der Potsdamer Straße:

Kenianer Patrick Makau in der Potsdamer Straße

LISTROS e.V. - Go for your dream - Beim Berlin-Marathon ging heute für den Kenianer Patrick Makau ein Traum in Erfüllung. WELTREKORD!

Pumpe, Kumpel und Maultaschen

Schnellen Schrittes am Casino vorbei. Dann rechts um die Ecke. Ich bin angekommen: Lützowstraße, Berlin, Tiergarten Süd. Viel Zeit habe ich nicht. Mal sehn ob mir die Straße in unserem spontanen Blitzdate trotzdem etwas offenbart.

Frischer Asphalt liegt ihr zugrunde. Nicht minder frisch der Wind, der mir entgegen schlägt. In beide Richtungen breite Fahrradstreifen. Mangels Drahtesel ziehe ich notgedrungen den Gehweg vor. Doch das erweist sich als Glücksfall. So fällt mir nach wenigen Metern sofort die bunt bemalte Backsteinmauer auf. Jeder Backstein hält ein eigenes Bild für das wachsame Auge parat. Teils das Übliche wie es in alte Bäume in Parks geritzt ist: Menschen die ihre Zuneigung für einander verewigen. Aber auch Steine, die kleine bescheidene Gemälde andeuten. Und andere, die einfach schlicht bemalt sind. Was ist das bloß? Ein Blick in den Hauseingang verschafft Aufklärung: Ich habe das Kiezmosaik entdeckt.

Doch ich muss weiter. Die Lützowstraße ist lang und die Zeit knapp. Vorbei an der Elisabeth-Klinik, die sich hinter einem flachen Bauzaun nicht zu verstecken vermag. Dann folgt ein kleines Ensemble an Bauten, die einer Bungalowsiedlung ähneln. Die halbrunden Dächer fallen ins Auge. Wirkt irgendwie einladend. Und das ist auch gut so. Viel zu oft wirken Bibliotheken mehr abschreckend. Wer die Kommode am Bebelplatz kennt, weiß wovon ich rede. Aber die Stadtteilbibliothek Tiergarten-Süd heißt jeden bereits mit ihrer Architektur willkommen. Und wer viel Lesefutter seinem Hirn einverleibt, der braucht auch was für den Magen. Da hilft der Familiengarten gleich direkt neben der Bibliothek weiter. Doch wer hier etwas essen will, der muss auch vorher auch etwas angebaut haben.

Ohne Stärkung zieht es mich weiter. Von weitem sehe ich ein Schild, das mich nach links zum Arbeitsgericht schicken will. Passend dazu erkenne ich, dass de Gruyter seinen Sitz gleich um die Ecke hat. Man hat wohl nie so ganz Semesterferien. Doch meine Aufmerksamkeit wird von einer anderen Richtung her in den Bann gezogen: Calumet Photographics. Ein Blick durch die Schaufenster und ich bin mir sicher, dass Handykameras niemals eine richtige Spiegelreflex ersetzen werden können. Ein Geschäft als Paradies für Fotografen jeder Art: ob professionell oder auch nur hobbymäßig.

Mich von der Schaufensterscheibe wegzuzwingen fällt mir schwer. Doch lohnt es sich. Ein paar Schritte weiter, ein Blick um die Ecke und ich werde daran erinnert, dass Berlin vor langer Zeit einmal eine Industriestadt war. Ein hoher schmaler Schornstein aus Backstein lugt aus der Tiefe des Raumes hervor. Früher befand sich hier das alte Pumpwerk VII. Heutzutage ist hier die Eventlocation Alte Pumpe angesiedelt. Auf demselben Gelände unterhält die AWO das Jugendkulturzentrum Pumpe.

Fast habe ich das westliche Ende der Lützowstraße erreicht, welches am Lützowplatz mündet. Vorbeigehend an Backsteinhäuser 2.0 denke ich mir, es wäre angebracht ein wenig Namensforschung zu betreiben. Das Handy mit dem abgebissenen Apfel hilft mir weiter. Namensgeber für die Straße ist das ehemalige Dorf Lützow, welches 1719 von Charlottenburg okkupiert wurde. Handy schnell weggesteckt. Man möchte schließlich den morgendlichen Biertrinkern am Späti keine unnötige Angriffsfläche bieten.

Kehrtmarsch. Rückzug gen Osten. Ein Ziel hat die Lützow für mich noch zu bieten. Auf ein Absacker denke ich mir. Um die Eindrücke zu verarbeiten. Die Potsdamer ist erreicht nach einer Zigarettenlänge. Geschwind überquert. Schon stehe ich davor. Berlins berühmteste Absackerbar: Das Kumpelnest. Oder halt! Habe ich mich falsch erinnert? Sieht etwas marode aus. Ach ja: Berlin berühmteste Absturzbar. Das kommt der Sache begrifflich deutlich näher. Dann lieber konservativ. Man soll schließlich bei dem bleiben, was man ist. Die Maultaschen Manufaktur in unmittelbarer Nachbarschaft empfinde ich als einladender. Die schwäbische Kultur hat also nicht im Prenzlberg halt gemacht. Schlecht zu wissen.

Poetische Potse – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Gastblogger Alexander Skrzipczyk
studiert Germanistik und Philosophie

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn alle Menschen, die einmal an einem Ort waren, mit einem Mal zeitgleich wieder dort lebendig würden. Sicher, dichtes Gedränge wäre das, besonders an so einem Fleckchen wie Berlin, aber dennoch wäre es doch ungeheuer interessant und wahrscheinlich auch grotesk Offiziere auf Pferden, Manager mit Freisprechanlage und Herren mit Barockperücke sich ungläubig die Augen reiben zu sehen.

Inmitten des Gedränges um meinen Wohnort nahe der Potsdamer Straße wäre es nicht unwahrscheinlich Schulter an Schulter mit den Persönlichkeiten zu stehen, deren Buch ich gerade in der Manteltasche trage. Und da dieses Gedankenspiel ja nicht mehr als ein klaustrophiles Hirngespinst ist, mache ich mich mit einigen Poesie-Enthusiasten an einem regnerischen Nachsommertag auf, die Zeitreise rein imaginativ doch noch zu erleben.

„Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen.“ schreibt Max Dauthendey, in seinen Geschichten aus den vier Winden von 1915. Und auch heute noch hat Berlin einiges von diesem rauen Charme gewahrt, besonders in der Bülowstraße, in der unsere Reise ihren Anstoß nimmt: Lärm, U-Bahn, Prostitution gehören zur Tagesordnung, Literatur und Poesie scheinen ferner als alles andere an diesem urbanen Hitzeknäuel.

Die schwelende Mietskasernen-Zeit wurde Ende des 19. Jahrhunderts besonders vom S. Fischer-Verlag literarisch verlegt. Knotenpunkt der naturalistischen Autoren wurde der Firmenhauptsitz im kriegsbedingt verschwundenen Hauskomplex Bülowstraße 90/91. „Ich hab’ gar nichts in mir. Ich weiß nicht mal, was das ist, Grundsätze“ heißt es in Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, in dem der Zerfall einer von Alkoholdunst umwehten Bauersfamilie die Décadence der pseudo-bürgerlichen Tünche um 1900 ins Licht rückt; „Moderner Luxus auf bäuerische Dürftigkeit gepfropft“ komponiert Hauptmann, dem dieses Drama, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, zum Durchbruch verhilft.

Nachdem der verträumte Robert Musil sein Weiterleben durch „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906) erst einmal gesichert hat, geht er ab 1914 regelmäßig bei S. Fischer in der Bülow-straße ein und aus, wo er Redakteur der Neu-en Rundschau ist, und wahrscheinlich schwingt bereits hier das immense Gedankengut seines monolithischen Epos, seines tausendseitigen Zeit-Gips-Abdrucks „Der Mann ohne Eigenschaften“ durch die staubig end-wilhelminische Berliner Luft, der Musil seine Phantasmen an den Grenzen der Unendlichkeit entgegenschleudert: „Denn das ist es, was eine ergreifende große Idee von einer gewöhnlichen, vielleicht sogar unbegreiflich gewöhnlichen und verkehrten unterscheidet, daß sie sich in einer Art Schmelzzustand befindet, durch den das Ich in unendliche Weiten gerät und umgekehrt die Weite der Welten in das Ich eintreten, wobei man nicht mehr erkennen kann, was zum eigenen und was zum Unendlichen gehört.“

Mir fällt hier, wie sooft an diesem Tage noch, ein Bild der nächtlichen Bülowstraße des zeitgleich schaffenden Malers Lesser Ury ein, in dem die wenigen Lichtpunkte das Ausufern der unendlichen Nachtschwärze nicht verhindern können und sich schließlich alles „in einer Art Schmelzzustand befindet“.


In solche Bilder versunken treibt es uns in Richtung Nollendorfplatz, an dem das Wohnhaus Lesser Urys stand, und der durch seine metallene Haube, die der ursprünglichen nachempfunden ist, sinnbildlich für unsere Zeitreise steht.

Um nicht der Unmittelbarkeit der rauschig belebten Straßen anheim zu fallen, setzen wir allesamt Kopfhörer auf, die uns den Rest des Weges pausenhaft mit Christian Brückners kraftvoller Stimme an einer „Berliner Kindheit um 1900“ teilhaben lassen. Derjenigen Walter Benjamins, dem wir heute an späterer Wegmarke noch persönlich über den Weg laufen werden.

„Die Fenster des Zimmers 61 gingen auf den Nollendorfplatz.“ kästnert es an unserem nächsten Ziel „Und als Herr Grundeis am nächsten Morgen, als er sich die Haare kämmte, hinuntersah, fiel ihm auf, daß sich zahllose Kinder herumtrieben“. Emil und die Detektive verfolgen nach Emils Ankunft am Bahnhof Friedrichstraße den verdächtigen Herren quer durch Berlin. Am Zoo, an Litfaßsäulen der Bundesallee und eben auch am „Nolli“ wird dem zwielichtigen Gesellen Grundeis nachspioniert.

Wir lassen den Blick schweifen über den Platz, die Bahnhofskuppel, helfen unserer Vorstellungskraft mit Bildern aus Zeiten nach, als der Platz noch begrünt und herrschaftlich Stadtoase war, sehen wie er im grell expressionistischem Gelb Ernst Ludwig Kirchners sich der apokalyptischen Moderne beugen muss, und gewinnen doch mit Lesser Urys Nachtimpressionen wieder eine gewisse, verwegene Schönheit wieder. Wir lesen allerlei über den Platz – lernen dabei, dass zahlreiche der umliegenden Straßengiganten nach preußischen Militärs aus den Napoleonischen Befreiungskriegen benannt sind und denken an die groteske Bipolarität von Preußentum und Schwulenkiez.

Überragt werden wir vom imposanten Gebäude des „Neuen Schauspielhauses“, an dem mittlerweile der Club „goya“ sein Sigel angebracht hat. Ursprünglich war dies aber das Experimentierpodium des Theater-Avantgardisten Erwin Piscator, der hier 1927/1928 technisch dramaturgisch die Theaterlandschaft veränderte. John Heartfield entwarf Bühnenbilder, George Grosz Programmhefte und Bertolt Brecht arbeitete einige Zeit in der Dramaturgie. Die letztlich finanziell zu umfangreichen Projekte wurden finanziert vom Brauereiindustriellen Ludwig Katzenellenbogen, dessen Name fast selbst schon eine Komödie für sich ist. Das Gebäude wurde seit seinen frühen Tagen auch als Kino genutzt: die Premiere von „Im Westen nichts neues“ wurde 1930 von Joseph Goebbels und NSDAP-Anhängern mit Stinkbomben und Zwischenrufen boykottiert.

Bei soviel stürmischer Aufregung und Geschichtsträchtigkeit verlassen wir den Platz, pinnen noch schnell das Konterfei Erich Kästners an einen Baum und treiben über die Kreuzung zu einem Straßenschild, an das wir ein Bildchen Else Lasker-Schülers heften. Auf ihm steht: „Else Lasker-Schüler-Straße“. Dieser Fortsatz der Motzstraße ist also nach der lyrischen Schwarzhaarigen mit den stechschwarzen Augen benannt, obwohl sie etwas südlich in einem Hotel in der Motzstraße Unterschlupf gefunden hat, welches sich inzwischen ihrer per Gedenktafel rühmt. Die chronisch unter Geldnot leidende Lyrikerin war wohl ehedem ganz und gar nicht mit Kusshand empfangen worden. Wir lesen ihre Liebesgedichte, der graue Himmel antwortet unbarmherzig mit nassen Tränen: „Ich weine – / meine Träume fallen in die Welt“.

Verträumt Walter Benjamins Kindheitserinnerungen lauschend visieren wir den nächsten, etwas ungewöhnlichen Standpunkt an: ein U-Bahnschacht-Gitter aus dem das Quietschen der gelben Loren, Gummigeruch und heiß stobende Luft zu uns durchdringt. Wir setzen uns direkt auf den Schacht vor der 12-Apostel-Kirche und könnten – wäre da nicht dieses beleuchtete Bahnhofsskelett – kilometerweit die Motzstraße hinuntersehen, wie sie von Platanen gesäumt in die Bundesallee mündet. Immer unterhalb ihrer Asphalt-Decke fährt Berlins kürzeste U-Bahnlinie U4 seit 1910 an den Schöneberger Plätzen entlang.

Die U-Bahn ist bezeichnend für Großstadthektik, Stress, Existentialität, die ausladend zum Ausbrechen einladen, wie in Albert Ostermaiers „Lebenslauf“: „lass uns nachts mitten auf/ der strasse durch die stadt/ rennen uns den hupenden/ autos in den weg stellen &/ unsere hemden über die/ schilder hängen wenn sie/ mit ihren gaspedalen an/ den ampeln drängen & sich/ an unseren verschlungenen/ körpern vorbeizwängen &/ uns der teufel weiss was/ nennen nein wir lassen uns/ nur von den zebrastreifen/ trennen die wie wir nichts/ als nackte haut & das/ einsame brennen auf dem/ asphalt kennen weil wir uns/ lieben müssen wir immer/ weiterrennen & wenn wir/ nicht mehr können für eine/ stunde auf den gittern der/ lüftungsschächte pennen/ bis sich uns vom heissen/ wind die haare im nacken/ wie antennen aufstellen &/ wir hochschnellen zurück/ auf die mitte der strasse &/ uns die streunenden hunde an/ den mülltonnen wachbellen &/ wir rennen & rennen bis die/ ersten strahlen des morgens/ die stadt & die gesichter ihrer/ müden menschen aufhellen &/ wie den offenen mündern von/ unserer reise erzählen“.

Fortsetzung folgt in einer Woche

Über Erinnerung stolpern

Von HU-Gastbloggerin Hannah Frühauf

Eine Musiklehrerin die den Freitod wählt um einer Verschleppung nach Theresienstadt zu entkommen. Ein Geschäftsmann der mit seinen beiden Söhnen deportiert und ermordet wird. Eine Familie die im Widerstand aktiv war und dafür sterben musste.

Über diese drei Schicksale kann man – neben vielen anderen – rund um die Potsdamer Straße „stolpern“. Kleine Messingplatten, die in den Boden gesetzt wurden erinnern als „Stolpersteine“ an das Leben von Maria Leo, an das von Abraham Fromm und an das von Betty, Peter und Hans Lippmann. Sie alle wurden von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ermordet.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat mit der Verlegung von so genannten „Stolpersteinen“ in den 90er Jahren begonnen. Er möchte so an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Die „Stolpersteine“ enthalten die biographischen Eckdaten einzelner Personen. Ihr Name, ihr Geburtsjahr, das Datum ihrer Deportation oder der Ort ihrer Ermordung – werden in eine Messingplatte eingraviert und von Demnig in den Boden gesetzt. Die Steine werden meist dort verlegt, wo die Menschen gelebt oder gearbeitet haben – bevor sie deportiert beziehungsweise ermordet wurden.

Vor den Hausnummern 3 und 12 der Pallassstraße (Berlin-Schöneberg) findet man die „Stolpersteine“ die an Betty, Peter, Hans Lippmann und an Maria Leo erinnern. Der Stein, der in Gedenken an Abraham Fromm gesetzt wurde, befindet sich in der Potsdamer Straße 102 (Tiergarten-Süd).

Hinter den „Stolpersteinen“ verbergen sich zahlreiche ergreifende Biographien – wie beispielsweise die von Maria Leo (1873-1942). Maria Leo war eine engagierte Musiklehrerin und gründete das erste private Musik-Seminar für Frauen. Diesen war um 1911 offiziell der Zugang zum Institut für Kirchen- und Schulmusik verwehrt. Lange war das Seminar die einzige Möglichkeit für Frauen, ein Musikstudium zu absolvieren. Unter der Nationalsozialistischen-Herrschaft musste Maria Leo all ihre Ämter aufgeben, da sie Jüdin war. 1942 wählte sie den Freitod, um einer Verschleppung in das Konzentrationslager Theresienstadt zu entkommen.

Wer sich genauer über einzelne Schicksale informieren möchte, für den ist die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg eine interessante Anlaufstelle. Hier werden Biographien von Menschen vorgestellt, die im Zweiten Weltkrieg aus dem Bayerischen Viertel – genauer aus Schöneberg und Friedenau – deportiert wurden oder geflüchtet sind. Kleine Markierungen, die an einigen Portraits zu finden sind, deuten daraufhin, dass für diese Person auch ein Stolperstein verlegt wurde.

Eine Karteikartensammlung gehört ebenfalls zu der Ausstellung. Im Stil der „Stolpersteine“ findet man auf den Kärtchen biographische Eckdaten von 6.069 jüdischen Frauen und Männern, die während des Zweiten Weltkriegs gezwungen waren das Bayerischen Viertel zu verlassen. Die Informationen stammen aus Unterlagen der Geheimen Staatspolizei. Die Gestapo hatte damals ausführlich dokumentiert, welches Vermögen die Menschen bei ihrer Deportation aus Schöneberg zurückließen.  

Die Straßen und Hausnummern in denen die Jüdischen Familien zuletzt wohnten sind ebenfalls auf den Kärtchen vermerkt. Eine Mitarbeiterin der Ausstellung erzählt, dass viele Menschen aus der heutigen Nachbarschaft des Bayrischen Viertels die Ausstellung besuchen. Sie kommen um nachzusehen ob und wer aus dem Haus – in dem sie jetzt wohnen – deportiert wurde. Von manchen Adressen aus – wie zum Beispiel aus der Bozenerstr. 9 – wurden bis zu 30 Familien deportiert. Berührt von den Geschichten, die sich in ihren Häusern und Wohnungen abgespielt haben, entschließen sich einige der Besucher Stolpersteine für die Deportierten verlegen zu lassen. Aus bloßen Namen und Daten werden so lebendige und berührende Geschichten, die an den Schrecken und den Terror des Nationalsozialistischen Regimes im Zweiten Weltkrieg erinnern.

Von der Potse in die Welt – Multikulti im Olympiastadion beim World Culture Festival

Von HU-Gastbloggerin Serena Wetzel

Auf der Suche nach einem spannenden Thema aus dem Kiez am Tiergarten stoße ich im Treppenhaus des Hinterhofes der Potsdamer Straße 98 auf Susanne Kemp, die Leiterin der dortigen Yoga-Oase. Kurze Zeit später sitze ich mit ihr und Stephan Chopard in einem Gespräch über deren anstehendes Großprojekt in Berlin, dem World Culture Festival.

„Zuallererst: Worum geht es beim World Culture Festival, das am 2. und 3. Juli in Berlin stattfinden wird?“, frage ich den Direktionsleiter Stephan Chopard, und erfahre, dass das Festival das größte Yogafestival seiner Art in Europa ist. Die Absicht dabei ist, möglichst viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und sozialen Schichten zusammen zu bringen, um gemeinsam friedlich zu feiern und mehr Bewusstsein für sich und seine Umwelt aufzubauen. Getreu nach den Lebensweisheiten der Art of Living Foundation. Weiterlesen

Lieber Katholizismus als Eso-Krempel

Von HU-Gastblogger Verena Schöbel

Das Ave Maria

Das Ave Maria in der Potsdamer Straße 75

Das Ave Maria in der Potsdamer Straße 75 ist eine Oase. Eine Oase der Ruhe. Kaum betritt man den Laden, hört man keine Autos mehr, keine Menschen, keine Fahrräder, nur noch leise sakrale Musik im Hintergrund. Es riecht nach Weihrauch. Um die 40 Sorten davon gibt es hier zu kaufen. Sie reihen sich ein in ein Sortiment aus sakralen Figuren, Postkarten, Büchern, T-Shirts, Aufklebern, Taufkerzen, Rosenkränzen, Medaillons, Kruzifixen und Postern. Das Ave Maria lässt das Herz jedes Katholiken und Sammlers mit Leidenschaft für christlichen Nippes höher schlagen.

Aber warum macht man mitten im atheistisch geprägten Berlin, hier an der Potsdamer Straße in Tiergarten-Süd, einen Laden mit katholischen Devotionalien auf? „Nur Gott weiß es!“, sagt Frau Schuster und schmunzelt. Weiterlesen