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Designerladen neben Dönerbude – jeht nich‘ jibt´s nich‘?

Die Zeit, sie eilt und mit ihr verändert sich die Potsdamer Straße zusehends. Heute beginnt ein neuer Kurs am HU-Career Center und wieder werden StudentInnen ins Gebiet der Potsdamer Straße kommen, hier recherchieren, Interviews führen und in Artikeln auch uns allen neue Aspekte unseres Kiez auf ihre Art und Weise bekannt machen.

Da ist es auch Zeit eine Nachlese zu betreiben. Drei StudentInnen des letzten Kurses im Frühjar 2016 machten es sich zur Aufgabe, die Entwicklungen an der Potsdamer Straße zu beobachten und auch die Folgen zu bedenken. Das ist eine Mammutaufgabe und im Rahmen eines Semesterferienkurses nicht zu bewältigen. Doch Ihre Versuche sind Wert zu schätzen.

Hier Artikel Nummer 1

von HU-Gastbloggerin Luisa

Manche nennen sie liebevoll die „Potse“, andere sind ihr gegenüber eher misstrauisch – die Potsdamer Straße in Berlin ist wohl eine der vielfältigsten Straßen der Hauptstadt. Doch die Straße verändert sich – immer mehr High End Läden finden hier ihren Platz. Einige Stimmen zu der Frage: „Pro Vielfalt oder Angst vor Verdrängung?“

Trist & chaotisch – das sind die wohl ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, als ich am U Bahnhof Bülowstraße ausgestieg. Das soll die berühmt berüchtigte Potsdamer Straße sein? Als frisch Zugezogene schaue ich mir eher misstrauisch die von dem Leben gezeichneten Menschen und die heruntergekommenen Häuser an. So ganz habe ich nicht verstanden, um was genau es jetzt geht, wenn die Berliner von der Schönheit und Vielfalt der „Potse“ sprechen. In mir löste das Ganze eher einen Fluchtreflex aus.

Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Denn traut man sich erst einmal in die Seitenstraßen und Hinterhöfe, erkennt man Stück für Stück, was es mit der Faszination „Potse“ auf sich hat. In einem Moment kauft man sich Avocados vom netten türkischen Gemüsehändler und im anderen Moment befindet man sich in einem High-Fashion Laden mit New York Potential. Überraschter und verwirrter hätte ich nicht sein können.

Früher lebten hier die Hausbesetzer, potse2unter ihnen  Klaus-Jürgen Rattay, welcher damals ums Leben gekommen ist. Um ihm zu Gedenken, wurde in der Potsdamer Straße Ecke Bülowstraße eine kleine Gedenkstätte errichtet.  Tagein tagaus wurde hier diskutiert  und demonstriert. Mittlerweile sind die meisten von ihnen weiter gezogen. Sie machten Designerläden wie den Acne Studios und Kunstgalerien Platz. Und genau das ist eine Tatsache, die man an der Potse sehr gut beobachten kann. Immer mehr solcher High End Geschäfte finden hier ihren Platz.

Doch was halten eigentlich die Berliner von diesem Wandel? Freuen sie sich über die neue Vielfalt oder vermissen sie den alten Charakter der Potsdamer Straße? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, habe ich mit mehreren Studenten gesprochen.
potse1Zuerst sprach ich mit Julian. Julian ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihm gefällt die Veränderung an der Potsdamer Straße: „Berlin ist eine Stadt, die sich ständig verändert und trotzdem irgendwie immer gleich bleibt. Die Veränderung der Potse gehört für mich da irgendwie mit dazu – warum sollte man die Veränderung hier stoppen?      So kommt doch erst die Vielfalt zustande. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass direkt gegenüber dem 10 Jahre alten Döner Pascha Grill eine Kunstgalerie wie die Zwitschermaschine aufmacht. Für mich bedeutet das, dass die Toleranz in meiner Stadt wächst. Und das ist ja potse 3eigentlich genau das, worauf Berlin immer so stolz ist – also Toleranz und Vielfalt. Natürlich hat  das Ganze nicht nur Vorteile, das ist mir auch klar – aber für mich gehören diese Veränderungen nunmal dazu. Welcher Kiez hat sich nicht schon mal verändert?“.

Doch es gibt auch Meinungen die den Wandel nicht befürworten… Anna ist Studentin und ebenfalls in Berlin groß geworden. Für sie hat das alles einen negativen Beigeschmack. „Ich will einfach nicht, dass ich irgendwann zu meinem Lieblingsrestaurant Sofram gehe und feststellen muss, dass er zu machen musste, weil die Mieten so gestiegen sind. Und dass dort dann anstelle des Restaurantes irgendein Schicki-Micki Laden ist. Das finde ich einfach nicht fair – Toleranz hin oder her. Die Geschäfte die in die Potse kommen, nur weil das grade ein angesagter Kiez ist nerven mich. Sie könnten sich auch einen teureren Standort leisten, aber kommen lieber hier her und sorgen dafür, dass Geschäfte, die schon seit meiner Kindheit hier sind zumachen müssen.“

Nach diesen Gesprächen ist mir klar geworden, dass ich den Wandel in der Potsdamer Straße eigentlich gut finde, aber jedoch nur bis zu einem gewissen Maße. Einer der Gründe, warum ich nach Berlin gezogen bin, war definitiv der ständige Wandel und auch die Vielfalt der Stadt. Allerdings finde ich es nicht in Ordnung, wenn kleine Läden aufgrund der Miete nicht mehr bestehen können. Denn diese kleinen, teilweise traditionellen Läden, sind unter anderem das, was Berlin so charmant macht. Und ohne sie hätte man an der Potsdamer Straße nicht diesen einmaligen Kontrast zwischen Designerladen und Dönerbude.

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Kurses „Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ des Career Centers an der Humboldt Universität

Manee-Massage in der Körnerstraße: Urlaub vom Alltag

geschrieben von HU-Gastbloggerin Bettina

Betritt man Manees Thai-Massagesalon, der in einer ruhigen Seitenstraße nur ein paar Schritte entfernt von der Potsdamer Straße gelegen ist, so wird man von gedämpftem Licht, dem leisen Plätschern eines Zimmerbrunnens und Manees freundlichem Lächeln empfangen. Manee, die vor etwa 12 Jahren aus Thailand gekommen ist, hat die Massageräume mit farbenfrohen Stoffen und Bildern aus ihrer Heimat dekoriert. Hier kann man sich einzeln in einem abgetrennten Raum massieren lassen oder aber auch, beispielsweise als Paar, auf zwei Liegen in einem Raum. Das meditativ-gemütliche Ambiente wirkt einladend und beruhigend. „Viele Leute gönnen sich einen kleinen Urlaub vom Alltag“, meint Manee, „manche schlafen sogar während der Massage ein, weil sie so entspannt sind.“ Unter den Kunden sind besonders viele Frauen, die sich eine Auszeit von der täglichen Hektik nehmen und sich den kundigen Händen von Manee und ihren Kolleginnen anvertrauen.

Massagesalon_Eingang

Seriöse, traditionelle Thaimassage im Potse-Kiez

Manee und Andreas Rothe führen in der Körnerstraße einen Thai-Massagesalon. Während Andreas das Organisatorische erledigt, die Website pflegt und eigenhändig die vom Tischler speziell vorgefertigten Massagebetten zusammenbaut, kümmert sich seine Frau Manee um die Kundinnen und Kunden, unterstützt von einer Angestellten und einer Praktikantin. Sie alle sind ausgebildete und zertifizierte Masseurinnen. Von klein auf mit Thai-Massage vertraut, haben Manee und ihre Kolleginnen ihre professionelle Ausbildung und ihr Diplom an der renommierten Tempelschule Wat Po Medical and Massage School in Bangkok erhalten.

Was ist Thai-Massage?

Thai-Massage ist eine jahrhundertealte Massagemethode, die im Laufe der Zeit weiterentwickelt und perfektioniert wurde. Es ist eine sehr „körperliche“ Methode, die Masseure setzen hierbei fast ihren ganzen Körper ein, nicht nur die Hände, auch Ellenbogen, Knie und Füße kommen gegebenenfalls zum Einsatz. „Wir lernen Thai-Massage schon als Kinder“, erzählen Manee und ihre Kollegin, „wir gucken uns das bei unseren älteren Verwandten ab und man massiert sich gegenseitig.“

Interessant ist hierbei, dass Thai-Massage keineswegs eine reine Frauendomäne ist – auch Männer massieren. In den Großfamilien der dörflichen Gemeinschaften, wo viele Menschen harte körperliche Arbeit leisten, ist die Behandlung und Entspannung mithilfe von Thai-Massage eine alltäglich praktizierte Familientradition. Sie dient der Gesundheitsvorsorge, aber auch der Regeneration. Massiert wird mit Öl oder einem exotisch-würzig duftenden Balsam, der unter anderem Kampfer, Zimt und Minze enthält. Obwohl bei der „ganz alten echten Methode“ gar kein Öl verwendet wird, wie Manee schmunzelnd sagt – „aber das ist nur was für Leute, die hart im Nehmen sind“.

Manee_Lämpchen

Wirksam und heilend

In der Tat ist Thai-Massage nicht einfach nur Massage. Die Technik umfasst Dehnungen, Streckungen und Drehungen, welche die Muskulatur entspannen, die Gelenke lockern und beweglicher machen und sich insgesamt positiv auf die Körperhaltung und Beweglichkeit auswirken. Hierbei wird auch die Tiefenatmung stimuliert, was wiederum die Entspannung unterstützt. Die Druckpunktmassage, bei der bestimmte Punkte auf Energielinien stimuliert werden, führt zu einer Anregung des Stoffwechsels sowie Verbesserung der Durchblutung und des Lymphflusses. Thai-Massage ist für Leute jeden Alters geeignet. „Zu uns kommen jüngere und ältere Leute, übrigens auch viele Pärchen, die einen Gutschein geschenkt bekommen haben.“

Die eigens beim Tischler in Auftrag gegebenen Massageliegen sind aus ergonomischen Gründen höher als normale Betten, damit die Masseurinnen optimal behandeln können. „Die Liegen sind aus speziellem Hartholz“, erklärt Andreas Rothe, „der Tischler fertigt sie vor und ich baue sie selbst zusammen.“ Die Matratzen bestehen aus Kaltschaum und sind fest gelagert, damit die Kunden nicht zu tief einsinken.

Manee_Massageliegen

Individuelle Behandlung

Im Vordergrund steht die persönliche Beratung der Kunden. Neukunden wird die Massagemethode eingehend erläutert. „Wir fragen die Kunden, ob sie Schmerzen oder Problemzonen haben und wie intensiv sie massiert werden wollen“, erklärt Manee. „Manche vertragen es, sehr kräftig massiert zu werden, andere mögen es lieber etwas sanfter.“  Die medizinische Vorgeschichte und gesundheitliche Beschwerden oder Probleme werden abgeklärt und bei der Behandlung berücksichtigt. Eine Massage kann durchschnittlich eine, aber auch bis zu drei Stunden dauern, wobei bei Manee auch viertelstündige oder zwanzigminütige Kopf-, Nacken- und Gesichtsmassagen für die Mittagspause angeboten werden. Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Kundinnen und Kunden stehen im Vordergrund. Manee und ihre Kolleginnen gehen sehr verantwortungsbewusst und sorgsam damit um,  so dass man sich beruhigt in ihre Hände begeben kann.

Manee-Massage, Körnerstraße 16, 10785 Berlin

Alle Fotos © Manee und Andreas Rothe

 

 

 

 

Potse Eindrücke

Von HU Gastblogger Christian Döring

Potsdamer Straße 91 Freies Museum Berlin war die Adresse. Ich bin sowieso schon spät dran und nun find ich die Hausnummern nicht. Und das ganze Gewusel auf den Straßen und Bürgersteigen. Überall Läden im Erdgeschoss, und darüber Wohnungen. Die Straße wirkt wie ein Kanal für jegliche Bewegungen, es geht nur vorwärts. Hm Nr. 71, ich muss dran vorbei gelaufen sein. Also doch nochmal zurück. Ein Glück da hinten sind sie, ich hab sie noch erwischt. Und die Tour durch die Potse beginnt.

Man kann Orte erst richtig kennenlernen, wenn man sie durchläuft, durchquert und alles auf sich wirken lässt um ein Gefühl für das Lokale zu bekommen. Wir betreten Hinterhöfe, die spannender und geschichtsträchtiger sind, als sie im ersten Augenblick scheinen. Ein unscheinbarer Wohnblock Ecke Pallasstraße, der sog. Berliner Sozialpalast, ist der ehemalige Standort des Sportpalastes, einer im Jahr 1910 erbauten Mehrzweckhalle. Sie war Veranstaltungsort u. a. für Boxkämpfe, Reitturniere und Radrennen. Traurige Berühmtheit erhielt sie vor 67 Jahren als Joseph Goebbels seine berüchtigte Rede hielt, in welcher er den totalen Krieg ausrief. 1973 wurde die Halle abgerissen und der Sozialpalast errichtet.

Weiter geht’s auf unserer Tour. Doch halt! Warum ist es plötzlich so ruhig? Vor gut zweihundert Metern sind wir in eine quer zur Potse verlaufende Straße eingebogen. Der Stimmungswechsel auf so kurzer Distanz ist verblüffend. Nur vereinzelt befahren Autos die Straßen, die Anzahl an Bäumen sowie an Sträuchern hat sich vervielfacht und der Geräuschpegel ist drastisch gesunken. Ein Gefühl von Entspannung macht sich breit, das im völligen Gegensatz zum hektischen Gewusel auf der Potsdamer Straße steht.

Unser Rundgang führt uns zum Potsdamer Platz und in der Nähe gelegenen Haus Vaterland. Das Haus Vaterland war eine von der Firma Kempinski betriebene Vergnügungsstätte mit zwölf Restaurants, dem größten Café der Stadt, einem Ballsaal, einer amerikanischen Wild-West-Bar sowie musikalischen und artistischen Veranstaltungen. An selber Stelle befinden sich heute die Park Kolonnaden, ein Gebäudekomplex mit Raum zum Arbeiten, Wohnen und Einkaufen.
Wir beenden unsere Erkundungstour wieder südlich des Landwehrkanals mit der aktuellen Problemlage beim ehemaligen Wegert-Haus. Hier sollte über dem Erotikkaufhaus LSD ein Laufhaus entstehen, mit dem Ziel, die Prostitution von der Straße und aus dem Blickfeld der Anwohner zu holen. Dieser Ansatz war jedoch umstritten, da es keinen Beleg dafür gab, dass ein solches Laufhaus tatsächlich die Prostitution in die eigenen Betriebsräume verlagere. Vielmehr hatte man die Befürchtungen es entstünde lediglich ein neuer Zweig desselben Business und alles bliebe beim Alten oder verschlimmere sich sogar. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg lehnte den Bauantrag ab und wurde zuletzt vom Verwaltungsgericht bestätigt in seiner Entscheidung bestätigt.

Mit diesen vielfältigen, völlig unterschiedlichen, z. T. voneinander abweichenden Eindrücken verlassen wir die Potsdamer Straße. Hoffentlich schaff ich noch die nächste S-Bahn!