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Aktivisten im Kiez: Mit Engagement das Stadtbild beeinflussen

Geschrieben von Gastblogger Tobias

Was treibt einen Menschen dazu an, sich jahrzehntelang seinem Stadtteil zu widmen? Oder in frustrierenden Situationen nicht aufzugeben und sich weiter für eine Sache einzusetzen? Die Frage nach der Motivation und den Menschen dahinter, mit ihren persönlichen Geschichten wird in diesem Artikel beleuchtet.

Gleisdreieck 2

Das Gleisdreieck ist eine der letzten großen Brachflächen in der Mitte Berlins. Das ermöglicht einerseits viel Freiraum zur Gestaltung. Andererseits sind aber Konflikte zwischen Anwohnern und Investoren, die jeweils ihre Ideen vom Stadtbild verwirklichen wollen, vorprogrammiert. Am Beispiel der aktuellen Entwicklungen am Gleisdreieck wollte ich die Geschichten von Menschen hören, die sich jahrelang engagieren, um den Stadtteil lebenswerter zu machen.

Für eine bessere Atmosphäre

Josef Lückerath, ein alteingesessener Kiezbewohner, hat eine Menge erlebt. Seit nun mehr 43 Jahren lebt und engagiert er sich im Kiez. „In den 1980er Jahren fing ich auf eigene Faust an, mich bei verschiedenen Projekten und Aktionen im Stadtteil einzubringen“, erzählt er. Bei diesen ging es zum Beispiel darum, Baumfällungen und Parkplatzbauten zu verhindern. Überzeugen konnte er, da er auch selbst Ideen und Vorschläge einbrachte und nicht einfach nur dagegen war.

Motivation für seine aufwendige und zeitintensive Einbringung ist, die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern. „Mein Wunsch ist es, der Anonymität in der Großstadt entgegen zu wirken und eine angenehme Atmosphäre im Kiez zu schaffen“, sagt Josef Lückerath. Daher ist er auch über Bekannte in den Quartiersrat Tiergarten Süd gekommen, wo er seit 5 Jahren tätig ist. „Mir ist vor allem der Kontakt zu den Menschen hier wichtig“, betont er.

Das neue Gesicht des Gleisdreiecks

Gleisdreieck 1

Besondere Erfolge zeigen, dass sich die Arbeit und Energie lohnt. „Wir sind froh darüber, dass das Kurfürstenzentrum umgestaltet wird. Das ist schon ein Erfolg“, erzählt Josef Lückerath, „Aber es gibt noch genug zu tun“. Die Entwicklung am Gleisdreieck sieht er kritisch. „Durch die Neubauten erwarten wir einen Bevölkerungszuwachs von 18 bis 20 Prozent. Die Frage ist, wie man damit umgeht“, bemerkt er. Er sieht die Lage realistisch: „Natürlich wäre mehr Park und Grünfläche schöner, aber es muss hingenommen werden, dass teilweise bebaut wird“. Seine eigentliche Befürchtung ist, dass durch den Zuzug von wohlhabenderen Bevölkerungsschichten die Mieten steigen. Ihm ist es wichtig, die neuen Bewohner einzubinden.

Für die Zukunft erhofft er sich einen lebenswerteren Stadtteil. Die bereits erreichten Erfolge „müssen aber gepflegt werden“, betont er. „Ich wünsche mir einfach eine gute Stimmung im Kiez“.

Engagement zahlt sich aus, hat aber seinen Preis

Gabriele Hulitschke ist über Umwege Mediengestalterin geworden. Ihre Erfahrungen im Beruf helfen ihr auch beim Ehrenamt. So hat sie die Öffentlichkeitsarbeit der Kinder-Magistrale übernommen und nach kurzer Zeit sogar die Leitung. Die Initiative organisiert zum Beispiel Kunstaktionen für Kindergruppen. „Da erfahren wir von allen Seiten positive Resonanz“, sagt Gabriele Hulitschke. Durch ihr Interesse für ihren Kiez ist sie schnell ins Ehrenamt gerutscht. Als Mediengestalterin vermisste sie einen Ort für Gleichgesinnte. „Da wurde ich direkt angesprochen, mich doch auch gleich für andere einzusetzen“, erzählt sie. „Engagement ist für mich lebensbereichernd, es ist ein Lernprozess. Wenn man selbst beginnt Projekte zu initiieren oder Verantwortung zu übernehmen, ist der Wandel aber deutlich zu merken“, sagt sie. Ansonsten kann man sich schnell überfordern und verausgaben. „Ich musste auch lernen nein zu sagen“, schmunzelt sie.

Bei ihren vielen Tätigkeiten, stellt sich die Frage, wie das eigentlich zu schaffen ist. Denn neben der Kinder-Magistrale unterstützt sie auch die projektbegleitende Arbeitsgruppe (PAG) zum Gleisdreieck und ist als Quartierrätin aktiv. „Man braucht eine Menge Kraft“, sagt Gabriele Hulitschke, „Aber es macht ja auch Spaß“. Sie meint, dass man die wichtigen Dinge im Hinterkopf behalten muss, um mit dem Druck umzugehen. „Es hilft auf jeden Fall Gleichgesinnte um sich zu haben“, stellt sie fest, „Manchmal gibt es mehr Unterstützer als man denkt“.

Ein Ausblick

Im Kiez

Bezahlbare Mieten sind ihr Hauptziel für die Zukunft. „Außerdem wünsche ich mir Baugemeinschaften, die soziales Wohnen und WG-Formen ermöglichen“. Mit mehreren Kunstaktionen möchte sie den Menschen Probleme im Kiez vor Augen führen. „Mit Kunst kann man das auf eine ganz andere Art und Weise erreichen“, findet Gabriele Hulitschke.

Beide Aktivisten üben mit ihrem Engagement einen entscheidenden Einfluss auf das Stadtgebiet um die Potsdamer Straße aus und tragen ihren Teil dazu bei die Gegend lebenswerter zu machen. Mitmachen lohnt sich!

Handwerksladen Klaus Geschke

Klaus Geschke hinter der Kasse

Artikel von Gastbloggerin Jana, geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 “Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen” am Career Center der Humboldt Universität

Dieser Laden hat Geschichte, denke ich erstaunt, als ich den Laden von Herrn Geschke betrete und den Blick durch die Räume schweifen lasse. Neben dem Stuck an der Decke entdecke ich auch originale Tapeten, deren Muster so alt scheinen, dass sie schon wieder modern sein könnten.

Besonders begeistert mich der Kassen- bzw. Eingangsbereich in dem nicht nur eine altertümlich anmutende Kasse steht. Hier befindet sich auch eine 30 Jahre alte Waage, wie ich sie bisher nur aus dem Tante-Emma-Laden in meiner Kindheit kannte und die für Messungen über ein Kilogramm mit Gegengewichten bestückt werden muss.

Farben selbstgemacht – wie vor 50 Jahren

Das Highlight des Handwerksladens befindet sich gegenüber der Waage: Ein Regal mit so kraftvoll leuchtenden Farbpulvern, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Ich erfahre, dass es sich dabei um Farbpigmente handelt, mit denen sich die Kunden ihre Farben vor Ort selbst zusammenstellen können. Völlig begeistert und ein bisschen neidisch, weil ich gerade keinen Grund habe meine Wohnung zu streichen, frage ich Herrn Geschke, ob es diese Möglichkeit schon immer gab.

Die Tradition wird aufrechterhalten

Mit einem Nicken bestätigt der Ladenbesitzer meine Vermutung und erklärt mir, dass er die Tradition  aufrechterhalten möchte und der Laden deshalb weitestgehend unverändert geblieben ist. Auf meine Frage, was sich denn überhaupt verändert hätte, antwortet er mir, dass die Nachfrage nach Teppichen, zugunsten von Parkett, zurückgegangen ist und er nun hauptsächlich Holzzuschnitte und Farben verkauft. Die Fragen und Probleme der Kunden seien aber immer noch die gleichen. Meistens würde er schief gesägte Platten und Leisten korrigieren und seine Kunden beraten, wenn ihnen nach dem Streichen die Deckenfarbe entgegenkommt. 

Alles in allem ist der Handwerksladen Klaus Geschke zwar keine Konkurrenz zum Sortiment der großen Baumärkte. Wer aber Wert auf persönliche Beratung legt oder einfach gern in besonderen Läden einkauft, für den lohnt sich ein Besuch der Großgörschenstraße 8. Hier bekommt man noch individuellen Service und erlebt eine seltene Idylle, die entsteht, wenn der Ladenbesitzer eben nicht von der Gier nach schnellem Geld angetrieben ist und sogar der Hausverwalter Kuchen vorbei bringt.

Nach der Schule ist vor der Schule – Nachhilfe bei Kiezbildung e.V.

Von HU-Gastblogger Verena Schöbel

Draußen dämmert es schon, als Feti Bayram in der Kluckstr. 11 die Treppen zum 2. Stock erklimmt. Bis zu unserem Treffen war er noch unterwegs und in einer halben Stunde muss er auch schon wieder weg – ein vielbeschäftigter Mann. Wir treten in einen kahlen Gang, von dem kahle Zimmer abgehen. „Noch sind wir noch nicht ganz angekommen, wir nutzen diese Räume erst seit Kurzem“, erklärt er.

‚Wir’ ist in diesem Fall die Kiezbildung Tiergarten e.V., eine von engagierten Eltern gegründete Initiative, die sich vor allem um schulische Nachhilfe für Kinder im Kiez kümmert. Die Idee zu diesem Projekt ist entstanden, als zwei vom Senat geförderte Nachhilfeprojekte aus finanziellen Gründen eingestellt wurden. So war Eigenengagement der Eltern gefragt, welches leider auch mit einigen Problemen einhergeht: Da die Initiative ehrenamtlich ist, gibt es keine Einnahmequelle, und wo kein Geld ist, kann weder Miete noch Mitarbeiter bezahlt werden. Kiezbildung Tiergarten e.V. ist daher auf kostenlose Räume sowie auf freiwillige Helfer angewiesen.

Momentan unterrichten in der Kluckstraße circa fünf Eltern und einige weitere Anwohner des Kiezes um die 15 Grundschüler jeweils montags und freitags ab 18 Uhr. Bis zu den Sommerferien dürfen sie den zweiten Stock des Jugendtreffs nutzen, dann muss neu verhandelt werden.

Bringt Licht ins Dunkel: Nachhilfe der Kiezbildung e.V. in der Kluckstraße (2.OG)

Gerne würde Herr Bayram das Angebot ausbauen und mehr Schüler betreuen, denn die Nachfrage ist riesig. Doch es mangelt an Helfern. „Es wäre schön, wenn wir auch Oberschülern helfen und sie auf den Schulabschluss vorbereiten könnten. Dazu benötigen wir aber Lehrer.“ Und die sind noch nicht in Sicht.

Als zweites großes Ziel will sich Kiezbildung Tiergarten e.V. auch der Beratung von Eltern und Senioren widmen. Viele ältere Anwohner sprechen nur geringfügig deutsch und sind mit Amtsgängen und dem deutschen Schulsystem überfordert, weiß Feti Bayram zu berichten. Informationen sickern meist nicht bis zu ihnen durch, so wissen schätzungsweise nur 1-2 % der ausländischen Eltern, dass sie ihre Grundschulkinder nach der vierten Klasse auch auf ein Gymnasium schicken können. Empfehlungen dafür werden von der Schule kaum ausgeschrieben – „die Lehrer wollen die guten Schüler solange wie möglich in der Grundschule halten.

Spricht Herr Bayram über die Schule und die dortigen Probleme, merkt man sofort: Bildung ist sein Thema hier im Kiez. Hier sieht er die größten Probleme und den Schlüssel zu einer gelungenen Integration. Es fange schon damit an, dass die Grundschule Tiergarten-Süd eine Ganztagsschule ist und damit ein außerschulisches Nachhilfeangebot eigentlich überflüssig macht. Zumindest in der Theorie. In der Realität kommen die Schüler abends trotzdem mit ungelösten Hausaufgaben nach Hause.

Auch befinden sich in den Klassen kaum deutsche Schüler, da die deutschen Familien im Kiez ihre Kinder lieber auf außerhalb liegende Schulen verteilen: „Die Deutschen haben Angst, dass ihre Kinder schlechter in der Schule werden, wenn sie mit zu vielen ausländischen Kindern in einer Klasse sind. Da stellt sich doch die Frage, wer sich hier nicht integriert.

Eine Mitschuld am negativen Bild von ausländischen Jugendlichen und Kindern sieht Herr Bayram auch bei den Medien, die in Sachen Integration konstant über Negativbeispiele berichten. „Wenn den Kindern ständig vorgehalten wird ‚So seid ihr!’, dann ist es ihnen irgendwann egal und sie denken sich ‚Nagut, dann sind wir halt so’“, sagt er. Und „wir brauchen mehr Positivbeispiele in den Medien, Cem Özdemir zum Beispiel.

Am Ende des Interviews ist klar: Feti Bayram ist wütend, und das zu Recht. Engagiert man sich in der Bildungs- und Integrationsarbeit, ist der Aufwand hoch und der Ertrag verhältnismäßig klein. Doch er gibt nicht auf und hofft, dass sich auch die neue Initiative Kiezbildung Tiergarten e.V. langfristig etablieren und ausbauen lässt.

Toleranz ist kein Gen – Homophobie auch nicht

Klar war Botschaft von Larissa Neu bei der Vorstellung des Projektes Raduga auf dem Präventionsrat Schöneberger Norden: „Russische Jugendliche haben ein Problem sich zu outen,“ sagte sie. „Viele verlieren dann ihren Familienzusammenhalt. Jugendliche dürfen oft ihre homosexuelle Freunde nicht zu sich nach Hause bringen.“

Projektträger ist das Integrationszentrum Berlin , das sich vornehmlich mit Fragen der Integration von Spätaussiedlern und Kontingentflüchtlingen aus den GUS-Staaten befasst und seit kurzem in der Katzlerstraße lokalisiert ist.

Raduga ist russisch und heißt Regenbogen. Das Projekt wird gefördert im Rahmen der LADS/Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“

Raduga wird Multiplikatoren schulen, um die Einstellung in der russischen Einwanderungsgesellschaft zu sexuellen Orientierungen zu liberalisieren. Hilfesuchende homosexuelle Menschen werden beraten, russischen Migrantinnen mit einer Transidentität soll aus der Isolation geholfen werden.

„Wir sind das erste Projekt, in dem heterosexuelle Russen sich dieses Problems annehmen,“ sagte Frau Neu. „Das ist eine große Verantwortung für uns, und es ist ganz wichtig, das viele von uns wissen.“

Ja, das ist es.

Im Juni 2010 wurden fünf Männer Opfer einer homophoben Attacke vor dem Eingang des Pallasseums. Sie gingen die Potsdamer Straße entlang, als sie sich plötzlich von circa 50 Jugendlichen umringt sahen, die sie wüst beschimpften, mit Wasserbomben bewarfen und aus Wasserpistolen bespritzten. Erwachsene, die in der Nähe standen, schauten zu.

„Schminke bei Männer, das ist doch einfach so eklig,“ warf ihnen ein Junge entgegen. Beherzt und verbal verteidigten sie sich. „Menschen müssen respektiert werden, ganz egal wie sie aussehen oder wo sie herkommen,“ sagte einer von ihnen. Als die Situation weiter eskalierte, riefen sie die Polizei.

Die fünf Männer gingen die Straße nicht in dezenten Nadelstreifenanzügen entlang. Sie waren unterwegs als AgentInnen des Ministeriums für Tuntensicherheit ( kurz: TunSi ). Dann werfen sie sich in weibliche Stasiklamotten, donnern sich auf mit Make-up und Perücke. Hören sie auf der Straße dumme Sprüche oder Bemerkungen, machen sie auf dem Absatz kehrt, gehen auf die Person zu und stellen sie zur Rede.

Provokation und Überzeichnung sind Merkmale ihrer Mission. Sie gehen bewusst in heterosexuelle Milieus. An diesem Tag sollten sie bei einem Einsatz an einem ganz anderen Ort in Berlin für einen Bericht im rbb gefilmt werden. Ihr Aufenthalt auf der Potsdamer Straße war lediglich einem vergessenen Schlüssel zu verdanken. Was dann passierte, kam für alle als ein Schock. (Direkt zum Vorfall: Minute 2:41 )

Von dem gedrehten Material des rbb wurden nur wenige Minuten in diesen Abendschaubericht eingebaut, denn andere Szenen hätten für einige der Jugendlichen strafrechtliche Konsequenzen haben können.

„Wir haben lange überlegt, ob wir mit dem Vorfall überhaupt an die Öffentlichkeit gehen sollen,“ sagte Agentin Ginnifer Hartz alias Agentin G auf der Veranstaltung „Der Schöneberger Norden gehört uns allen“, die Marijke Höppner, SPD Sprecherin für Integrationspolitik in der BVV Tempelhof-Schöneberg, am 15. Oktober im Rathaus Schöneberg organisiert hatte. „Doch es war für uns alle eine sehr einschneidende Situation. Was die Leute denken, ist mir schnurzpiepegal. Aber wenn ich unterwegs bin, dann will ich tun und lassen können, was ich will, ohne belästigt zu werden.“

Schwule und Lesben sind in Schöneberg – von der Bülowstraße bis zu Motzstraße – schon seit den 1920er Jahren zu Hause. Ihre Bars, Kneipen, Geschäfte belebten und beleben den Kiez. Mal schmückt sich die heterosexuelle Gesellschaft mit ihrem Flair, mal werden die Homosexuellen massiv bekämpft.

Im Februar 2010 gründeten 29 Vereine, Institutionen und Unternehmen den Regenbogenschutzkreis – Schöneberg gegen Rassismus und Homophobie. Sie alle wollen ein Zeichen setzen gegen Fremden- und Homosexuellenfeindlichkeit, gegen Hass, Diskriminierung und Gewalt.

„Unsere Aufgabe ist es, Schwule, Lesben und Transmenschen in ihren Rechten zu bestärken,“ sagte Bastian Finke vom schwulen Anti-Gewalt Projekt Maneo in der Bülowstraße. „Keiner kann ihnen verbieten, Hand in Hand zu gehen. Und wenn das passiert, können sie Strafanzeige erstatten.“

Doch wie umgehen mit Pöbeleien, schrägen Blicken. „Was die Kinder in der Potsdamer Straße gesagt haben, ist in den Köpfen von vielen Menschen drin,“ gab Saideh Saadat-Lendle zu bedenken. Sie vertrat LesMigraS das Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.. Die Lesbenberatung ist seit den 80er Jahren in der Kulmer Straße angesiedelt. LesMigraS steht für Lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen. Saideh Saadat-Lendle wies darauf hin, dass 50% deutscher männlicher Jugendlicher es abstoßend finden, wenn sich zwei Männer auf der Straße küssen.

Gegen öffentliche Zeichen der Zuneigung zwischen Schwulen und Lesben hatte sich im Frühjahr auch der Betreiber des Eiscafés „Dolce Freddo“ in der Maaßenstraße vehement und verbal verwehrt. Er pöbelte Lesben und Schwule an und weigerte sich, sie zu bedienen, wenn sie sich seinem Tresen Hand in Hand näherte. Im Mai 2009 reagierte die Szene mit einem Kiss-In.

Doch humorvolle Aktionen können nicht die Kränkungen und auch Ängste beheben, die durch homophobe Attacken entstehen. 2004 zog das Café Posithiv aus der Alvenslebenstraße in die Bülowstraße nahe Nollendorfplatz. Das 1989 gegründete Selbsthilfeprojekt war 1994 aus der Großgörschenstraße hierher gezogen. Es bot HIV-erkrankten Menschen einen Raum, in dem sie sich mit ihrem veränderten Lebenssituation auseinandersetzten konnten, ohne sich zu verstecken. Neben den Problemen durch ihre Krankheit waren die Pöbeleien aus der Nachbarschaft irgendwann nicht mehr zu ertragen.

„Es sind meistens männliche Jugendliche, die auffällig werden,“ sagte Koray Yılmaz-Günay , von GLADT e.V. , der einzigen unabhängigen Selbst-Organisation von türkeistämmigen Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen und Transgendern (LSBTT) außerhalb der Türkei und in der Kluckstraße lokalisiert. „Es ist ganz schwierig für sie /Sexualität zwischen Männern/ auszuhalten, wenn man sie damit konfrontiert.“

Im August 2009 wurde eine Sexarbeiterin in der Frobenstraße so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. In dieser Attacke kulminierten die Beleidigungen und Angriffe mit Eisenstangen und Flaschen gegen Trans*frauen, die bereits vorher stattgefunden hatten.

Im September 2009 riefen die Berliner Vereine GLADT, Hydra, Subway, Treberhilfe und TransInterQueer gemeinsam zu einer Demonstration gegen Gewalt an Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Schöneberg auf. Doch bereits auf der Kundgebung kam es zu weiteren homophoben, verbalen Attacken durch AnwohnerInnen.

Darunter auch die Ökumenische Rogate-Initiative e.V., die sich im kurz zuvor in der Zwölf-Apostelgemeinde gegründet hatte. Neben einer ökumenischen Andachtsarbeit, will sie gegen Hassgewalt und Homophobie eintreten und übergemeindlich-überkonfessionell nachhaltig zusammenarbeiten.

Der Schöneberger-Norden gehört uns allen.

Die Veranstaltung im Schöneberger Rathaus hat einen Weg aufgezeigt, wie TunSi sich mit StreetworkerInnen und SozialarbeiterInnen in Kontakt setzen können. Gespräche ermöglichen dann vielleicht einen Kontakt mit Jugendlichen, die das im Juni noch nicht wussten und sich nicht danach verhielten.

Sag beim Abschied leise Servus ODER Brauchen wir Linksautonome?

Die Künstlerinnen Anita Staud und Freda Heyden sind nicht mehr im Quartier. 16 respektive 18 Jahre arbeiteten sie dem Anton-von-Werner-Haus, der Villa des wilheminischen Hofmalers. Dieses Kleinod liegt ihm Hof des ehemaligen Tagesspiegel Gebäudes.

Anita Staud und Freda Heyden waren ein fester Bestandteil im kulturellen Leben des Kiezes. Sie stellten ihre Werke aus, gaben Malkurse für die AnwohnerInnen – jung und alt, migrantisch, herkunftsdeutsch, gut situiert und prekär lebend. Sie waren dabei beim jährlichen Kunstevent Magistrale. Anita Staud engagierte sich im Bürgergremium Quartiersrat Magdeburger Platz, unterrichtete an Grips- und Fritzlar-Homberg-Grundschule und initiierte im letzten Jahr gemeinsam mit dem Frauentreff Olga ein Projekt mit Prostitutierten.

Die Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Umgebung war für beide Teil ihrer Kunst.

Ein Nachruf? In gewisser Weise schon. Dabei sind die beiden nicht gestorben, sondern haben selbst gekündigt. Freda Heyden ging Ende Mai. Heute hat auch Anita Staud ihr Atelier geräumt.

Es ist nicht logisch, dass zwei Künstlerinnen genau zu dem Zeitpunkt ausziehen, an dem die Potsdamer Straße und Umgebung sich zu einem kulturellen Hotspot entwickelt. Ihr Auszug ist Folge der Preispolitik des neuen Besitzers des Tagesspiegel Geländes, der Kuthe GmbH.

Die Begegnung begann für die beiden Künstlerinnen einige Tage nachdem die Kuthe GmbH den Zuschlag für das Gelände bei der Zwangsversteigerung Anfang Dezember erhalten hatte. Umgehend wurde am 15. Dezember eine Sonderkündigung und ein Angebot auf Vertragsverhandlungen zur Fortsetzung des Mietverhältnisses an die Mieterinnen entsandt.

Gewiss, ein Besitzerwechsel bringt Mietpreisänderungen und nach jahrelangen paradiesischen Mietkonditionen waren beide auf eine höhere Miete vorbereitet. So trafen sie mit Oliver Freymuth, dem Vertreter der Kuthe GmbH. Doch ein konkretes neues Angebot erhielten sie erst drei Monate später, Mitte März.

Bei den informellen Gesprächen hatten die Mietforderungen bei € 600 plus Heizung begonnen, dann kamen Betriebskosten hinzu, dann Versicherung. Wenn auch alles andere insgesamt vage blieb, die Mietforderungen stiegen und stiegen und standen in klarem Widerspruch zu den gleichzeitigen Hinweisen des neuen Besitzers auf den maroden Zustand der Bausubstanz.

„Ich dachte wir würden uns bei den Verhandlungen in der Mitte treffen,“ sagt Anita Staud. „Doch die Angebote des Vermieters wurden von Mal zu Mal höher.“ Die Verhandlungstemperaturen kühlten ab. Und draußen kam der Winter nicht zum Ende. Am 8. Mai wurde die Heizung abgestellt, obwohl im Haus nur 12 Grad waren.

Da hatte sich Freda Heyden schon für einen Umzug ins Bethanien entschloss. Anita Staud sah zu der Zeit noch Verhandlungsmöglichkeiten. „Wir hatten in den vielen Jahren Besitzerwechsel erlebt, doch waren wir immer an ein sehr kooperatives Verhältnis zu unseren Vermietern gewöhnt,“ sagt Anita Staud. „Und so verhielten wir uns auch dem neuen Vermieter gegenüber.“

Sie selbst war schon vor dem Zwangsversteigerungstermin des Tagesspiegel Geländes mit verschiedenen am Anton-von-Werner-Haus interessierten Kreisen in Gespräch getreten, um zu überlegen, wie das Haus und die Umgebung erhalten und aufgewertet werden könnte. Dann holte sie auch den Atelierbeauftragte des Landes Berlin, Florian Schöttle, hinzu, der sich mit Oliver Freymuth zu einem Gespräch traf.

Selbst Mitte Mai deutete Oliver Freymuth noch an, den Standort Potsdamer Straße 81 unter Einbeziehung des Anton-von-Werner-Hauses in einen Kulturstandort entwickeln zu wollen. Für Anita Staud solle dort ein Platz sein.

Freda Heyden zog am 31. Mai aus. Am nächsten Tag wurde ohne Ankündigung oder Hinweis auf einen Schadensfall im ganzen Haus das Wasser abgestellt. Erst mit nachdrücklichem Einschreiten eines Anwaltes fing es zwei Tage später wieder an zu laufen – das kalte Wasser. Warmes Wasser gibt es sowieso nicht.

Gleichzeitig bekam Anita Staud am 2. Juni eine Räumungsaufforderung und die Androhung einer Räumungsklage, wenn sie dieser nicht nachkäme. Für den Fall, dass der Auszug nicht fristgerecht erfolgte, wurde ihr ein Mietausfallschaden von € 3.500,00 zzgl Beitriebs- und Nebenkosten zzgl. MwST angekündigt. Für eine 160qm große Atelierwohnung, die zwar unter Denkmalschutzaspekten wertvoll, deren Infrastruktur (Wasser, Heizung etc) jedoch miserabel ist.

Das ging Anita Staud gegen den Pinselstrich. Aus Prinzip. Sie kündigte zu Ende Juni 2010.

„Wir sind zu allem bereit,“ hatte Stefan Freymuth im Dezember 2009 kurz nach der überraschenden Ersteigerung des Geländes in einem Gespräch mit potseblog gesagt. „Wenn jemand eine tolle Idee hat, dann sind wir sehr aufgeschlossen.“

Unter einer Prämisse: „Es muss sich aber rentieren.“

Dieses Statement fand sich in etwas abgewandelter Form im Programm der „Fabelhaften Meret Becker Show“ wieder, der ersten Show der Kuthe Arnold Kuthe Entertainment GmbH im Wintergarten Varieté. Bei Nichterfüllung erneute Schließung.

Und im April 2010 wiederholte es Stefan Freymuth freundlich unverbindlich bei einem Gewerbegespräch zum Thema „Kreativwirtschaft in der Potsdamer Straße – Ambivalenzen und Chancen der Ansiedlung der Kreativen Szene im Gebiet rund um die Potsdamer Straße“, zu dem das Quartiersmanagement des Schöneberger Nordens geladen hatte. Nachfragen zu der Situation der Künstlerinnen im Anton von Werner Haus beantwortete er zugeknöpft bestimmter mit dem Hinweis auf den bisher lächerlich niedrigen Mietpreis, der sich nun gar nicht mehr rechnete.

Rendite als oberste Maxime der Geschäftsphilosophie ist in der Immobilienbrachen nicht überraschend. Und möglich, da die Kuthe GmbH nun zwei Filetstücke in der Potsdamer Straße besitzt.

In der Potsdamer Straße 96 – dem Gebäude des Wintergarten Varietés – werden zur Zeit circa 4.000 qm Bürofläche zum Preis ab 6,70 €/m² zzgl. MwSt.  Auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Potsdamer Straße 77-87 (ungerade Zahlen) und der parallel verlaufenden Körnerstraße 1-10 gibt es weitere 13.100 m² Nutzfläche, ohne Preisangabe. (Internetseite www.kuthe.de am 26. Juni 2010)

Als Nutzungsart werden Medien-, Künstler- und Galeriequartier, Büroensemble, Hotel/Hostel, Seniorenwohnen, Dienstleistungskomplex, Gründerzentrum anvisiert. Und der Standort wird folgendermaßen angepriesen:

Der neue Galeriestandort – Wintergarten Quartier – im Herz der Stadt
Schon jetzt haben über 100 Künstler, Künstlerinnen und Galerien ihre Heimat in der direkten Nachbarschaft gefunden. Mit dem Wintergarten Quartier wollen wir diesem Standort ein neues kulturelles Herz geben.

Welch Herz schlug denn in den vergangenen Jahrzehnten an der Potsdamer Straße?

Durch die Mauer zur Sackgasse geworden, hatte die Hausbesetzerszene in den 80er Jahren eine Aufwertung der Potsdamer Straße durch Kahlschlagsanierung verhindert. Es entstand ein bizarres Biotop, eine Mischung aus LebenskünstlerInnen, Prostitutionsszene, MigrantInnen, Medienschaffenden.

Nach der Maueröffnung wurde die Straße in Stadtplanung und Neugestaltung des Potsdamer Platzes nicht mitgedacht und verpasste den Anschluss. Seit 1999 wird mit Mitteln der Sozialen Stadt versucht, die Gegend zwischen Landwehrkanal und Kleistpark vor dem Abkippen zu bewahren. Sie ist in zwei Quartiersmanagementgebiete aufgeteilt.

Ein wichtiger Punkt ist die Bürgeraktivierung, d.h. die Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen in demokratische Prozesse und aktive Teilhabe an der Gestaltung des Lebens- und Wohnumfeldes. Dies ist zu einem guten Stück gelungen.

Sowohl im Quartiersrat Schöneberger Norden als auch in Tiergarten-Süd spiegelt sich die Bevölkerungsstruktur der Gebiete wieder, d.h. circa 50% der Sitze sind von Menschen mit deutschem Hintergrund, 50% der Sitze von Menschen mit migrantischem Hintergrund besetzt. Es gibt ein interreligiöses, seit kurzem auch ein interkulturelles Netzwerk. Elterncafés aktivieren, das Mehrgenerationenhaus Kiezoase bringt Menschen zusammen und Jugendliche von der Straße, die Fritzlar-Homberg-Grundschule und Neumark Grundschule haben eine Musikbetonung. Und und und, die Liste der positiven Entwicklungen könnte noch lange fortgesetzt werden.

All dies ist nicht renditeträchtig. Das Quartiersmanagementverfahren zielt auf eine andere Art der Aufwertung.

Und es ist in den letzten drei, vier Jahren gelungen die Potsdamer Straße langsam aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Seit Jahren leerstehende Immobilien werden in Hotels und Bürogebäude umgewandelt. Es gibt das Mediennetzwerk °mstreet, die Brache des Gleisdreieck wird in den kommenden Jahren zu einem öffentlichen Park gestaltet, Genossenschaften bauen an der Flottwellstraße und die Vivico Real Estate GmbH besitzt am Park weitere Baugrundstücke, über deren Gestaltung ein Mantel des Schweigens liegt.

All dies ist zu begrüßen. Auch, dass die Lichter des Wintergarten nachts wieder leuchten, dass das Tagsspiegelgebäude nicht verfällt und dass die Galerienkultur wieder an den Ort zurückkehrt, den sie im Dritten Reich aufgrund von Arisierung und Vertreibung verlassen musste.

Zur Zeit leben die neuangekommenen Galeristen sowie die teils lang-ansässigen Medienschaffenen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – an den AnwohnerInnen vorbei. Und umgekehrt. Schnittpunkte gibt es wenig.

Sprung nach Kreuzberg – Biennale im Mai 2010. Nach Jahren im ehemaligen Berliner Osten, wählte die Kuratorin Kathrin Rhomberg dieses Mal ein seit zehn Jahren größtenteils leer stehendes Geschäftshaus in Kreuzberg als zentralen Ausstellungsort. Sie ging also in einen Teil Berlins, der bekannt ist durch eine Feier- und Krawalltradition am 1. Mai, eine große türkische Bevölkerungsgruppe und eine alternative Kunst- und Kulturszene. Ein Ort, an dem die Immobilienpreise langsam und stetig steigen.

Die Biennale wurde also argwöhnisch beäugt, weiß man doch nur zu gut, wie schnell sich Kunst als Aufwertung der Kieze in Verdrängung Ärmerer verwandelt. Und weil in Kreuzberg Widerstand eine lange Tradition hat, wurden die Bienale-Macherinnen von ihren GegnerInnen offensiv mit Plakaten begrüßt: „Guten Tag, mein Name ist Gabriele Horn/Kathrin Rhomberg. Ich bin Gentrifiziererin!“ Fotos und Kontaktdaten anbei.

Die Bienale-Macherinnen nahmen es gelassen, ließen die Plakate hängen und schwärzten ihre Kontaktdaten. Die Polizei schickte ungefragt mehrere Polizeiwannen zur Sicherung der Eröffnung. Viel mehr passierte nicht. Und die Berliner Medien entfachten eine teils klischeehaft geführte Gentrifizierungsdebatte.

Die Berliner Zeitung titelte „Gentrifizierung: Auf die Bohème folgen die Makler“ und behauptete, dass es in Kreuzberg nicht die Kunst ist, die Touristen, Erlebnishungrigen und Immobilienentwickler anzieht.

Der Artikel schloß mit zwei bedenkenswerten / bedenklichen Sätze: „Die zur Zeit “heißeste” Nachbarschaft, die sich die Galerienszene derzeit erschließt und wo die Limousinen der Sammler vorfahren, ist die Potsdamer Straße in ihrem einst verruchtesten Abschnitt. Dort gibt es aber kaum Linksautonome, die sich dagegen wehren.“

Auf dem “Gentrification Blog – Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen” schreibt Andrej Holm am 16. Juni zur Situation rund um die Biennale: „Eine Diskussion über die Rolle von Kunst und Kulturschaffenden an städtischen Aufwertungsprozessen wird so abgebrochen, bevor sie überhaupt begonnen hat.“

Diese Diskussion muss an der Potsdamer Straße sehr bald begonnen werden. Die Neuankömmlinge müssten für den Dialog gewonnen werden. Gleichzeitig wäre es mehr als wünschenswert, wenn die Kulturschaffenden, die den Kiez seit Jahren positiv geprägt haben, auch dabei sein könnten. Zum Beispiel Freda Heyden und Anita Staud.

Spieltag 12 – WM an der Potse

Frankreich Flagge Frankreich

Lycée Francais
wer französich kann ist klar im Vorteil, schon seit 1701 in Berlin, damit das älteste Gymnasium in Berlin, seit 1974 in der Derfflinger Straße, deutsch/franzöische SchülerInnen, so erfolgreiches Profil, daß Mitterand es 1987 als
un lycée qui est unique au monde bezeichnete, bekommt bald kleine Schwester, das Collège Voltaire, eine französische Grundschule, dessen Ankündigung im Quartier aufgrund einer Fusion zweier Grundschulen einen Schock auslöste, doch dann letztendlich hoffentlich eine Bereicherung sein wird.

Nigeria Flagge Nigeria

Agnes Folaji
Fast schon ein Urgestein an der Potse 96 mit vielen Querverbindungen im Kiez. Beruflich dem Fotofinder Bildportal seit 7 Jahren verbunden, damit Fotografie von unabhängigen Fotografen und Agenturen auch in 5 Jahren noch außerhalb der Big Player einen Platz in der Medienlandschaft hat. Bruder, Mutter und noch ein Bruder haben ihren Arbeitsplatz nur wenige Meter entfernt. Und wenn sich der Tag seinem Ende zuneigt, verzieht sie sich in die Nummer 139 mit Blick in einen verwunschenen Garten. Manchmal liegt das Gute eben doch sehr nah.

Homo gleich deutsch, migrantisch gleich homophob? Das kann’s nicht sein.

GLADT e.V.

Am Sonntag hat die amerikanische Philosophin Judith Butler (54), den Zivilcourage-Preis des Berliner CSD e.V. abgelehnt. Judith Butler, die an der European Graduate School und an der University of California, Berkeley lehrt beschäftigt sich schwerpunktmässig mit den Themen Macht, Gender, Sexualität und Identität.

Ihre Ablehnung begründete sie damit, dass auf dem CSD die Interessen von doppelt-diskriminierten – wie zum Beispiel lesbischen oder schwulen Migrantinnen und Migranten – zu wenig beachtet werden. Außerdem kritisierte sie die Tatsache, dass Homophobie und Transphobie routinemäßig zu sehr mit einem migrantischen Umfeld in Verbindung gebracht werden. „In diesem Sinne muss ich mich von der Komplizenschaft mit Rassismus, einschließlich anti-muslimischen Rassismus, distanzieren,” sagte Judith Butler.

Als mögliche Gewinner eines Preises für Zivilcourage nannte Judith Butler die Organisationen LesMigraS, SUSPECT und ReachOut und GLADT.

Der in der Kluckstraße ansässige Verein GLADT e.V. ist die einzige unabhängige Organisation türkeistämmiger Lesben, Schwuler, Bi- und Transsexueller und Transgender (LSBTT) außerhalb der Türkei. Zur regelmäßigen Arbeit gehört Erstberatungsstelle zu den Themen Coming Out, Familie, Ausländer/innen- und Lebenspartnerschaftsrecht, Sucht, Gesundheit, Gewalt, Diskriminierung an. GLADT e.V. engagiert sich auf unterschiedlichen Ebenen gegen Rassismus, Sexismus, Trans*- und Homophobie sowie andere Formen der Diskriminierung. Vor kurzem hat der Verein Handreichungen veröffentlicht zum Thema: “Sexismus & Homophobie in der Arbeit mit (nicht nur) männlichen Jugendlichen“ .

In einer heute veröffentlichten Erklärung begrüßt GLADT die Entscheidung von Judith Butler. „Ob es um den Einwanderungs- und Integrationsdiskurs in Deutschland geht oder um die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Irak oder in Afghanistan: Immer geht es offiziell auch um uns,“ schreibt Tülin Duman, Geschäftsführerin von GLADT. „Als Frauen und queere Menschen sollen wir verteidigt werden gegen die sexistischen und homophoben Muslime und Migrant_innen. Einige feministische und schwule Aktivist_innen sind Teil einer Maschinerie, die die Welt gern in zwei Blöcke teilen würde: Hier die Guten, dort die Bösen.

Unsere Welt lässt sich nicht teilen – so wenig wie sich unsere Erfahrungen teilen lassen in Sexismus/Homophobie oder Rassismus. Von Butlers Rede bei der Abschlusskundgebung des CSD und ihrer Ablehnung des Zivilcourage-Preises geht das wichtige Signal aus, Mehrfachzugehörigkeiten und Mehrfachdiskriminierung in den Fokus zu nehmen. Nur so werden wir wirksame Arbeit leisten können, die in einer globalisierten Welt und in komplexer gewordenen Gesellschaften funktioniert. Homo gleich deutsch, migrantisch gleich homophob lässt sich heute niemandem mehr verkaufen.“

GLADT e.V. ist in der Kluckstraße ansässig, die zum QM-Gebiet Madgeburger Platz gehört. Dort befindet sich neben Jugendeinrichtungen von Fipp e.V. und dem Stadtteilverein Tiergarten e.V. auch KomBi, eine Berliner Bildungseinrichtung zu Diversity, Gender und Sexueller Identität.

Am Tag des CSDs wurde hier an diesem Ort der Familiengarten eröffnet, ein Begegnungsort für Menschen unterschiedlichster Herkunft und Orientierung.

Zehlendorf oder Neukölln – Egal – Hauptsache weg!

Im Mai fand in der Kita Sonnenschein, Pohlstraße, ein Elterncafé zum Thema Prostitution statt. Elterncafés sollen die Begegnungs-, Gesprächs- und Informationsmöglichkeiten für Eltern in Schulen und Kitas in Tiergarten-Süd ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist die Eigeninitiative und Teilhabe von Eltern zu stärken und ihr Bewusstseins und ihre Bereitschaft für die Erziehungsverantwortung zu mehren.

In Tiergarten-Süd gibt es seit Ende 2009 Elterncafés und und für diesen Tag im April stand das Thema „Prostitution im Kiez“ auf dem Programm. Circa 40 Mütter waren anwesend, die überwiegende Mehrheit mit Migrationshintergrund, denn trotz einer fünfzig-fünfzig Mischung in der Gesamtbevölkerung von Tiergarten-Süd sind Kinder mit Migrationshintergrund in den Bildungseinrichtungen überproportional vertreten.

Zusammenhänge interessieren nicht

Ich war von der Projektleiterin Yasmin Masch gebeten worden, die Geschichte der Prostitution zu behandeln. Durch die 3.000 jährige Prostituionsgeschichte flog ich ein etwa vier Minuten und widmete mich dann der Situation vor Ort. Hier gibt es den Straßenstrich in verschiedenen Ausformungen seit ungefähr 1880.

Doch schon nach wenigen Minuten wurde ich unterbrochen: „Die Geschichte interessiert uns nicht, wir sind aus anderen Gründen hier.“ Als andere Mütter widersprachen fuhr ich mit meiner Schilderung fort. Doch mit der Erwähnung des Prostitutionsgesetz von 2002 und der damit verbundenen grundsätzlichen Legalisierung von Prostitution auch auf dem Straße um die Kurfürsten- und Frobenstraße war mein Vortrag zu Ende.

„Immer hören wir von den Rechten der Prostitutierten,“ kam eine erboste Reaktion. Es folgte: „Was sind denn unsere Rechte?“ und „Ich möchte wissen, ob die Frauen auf dem Podium Kinder haben, sonst können Sie überhaupt nicht mitreden.“

Erboste AnwohnerInnen gegen den Strich.

Ich habe mir die Namen der circa fünf Frauen, die sich an der eineinhalbstündigen Diskussion am intensivsten beteiligten nicht notiert. Es geht nicht um Einzelpersonen. Sondern um die Bevölkerungsgruppen, die den Straßenstrich hier weg haben wollen und dabei wenig kompromissbereit sind.

So gab es vor einiger Zeit eine Initiative von AnwohnerInnen in der Zietenstraße hinter der Zwölf-Apostel-Kirche, die nachts auf die Straße gingen, um Freier und Prostituierte von unziemlichen Treiben in dieser Sackgasse und den Nachbarstraßen abzuhalten. Beim letzten Sonderpräventionsrat Prostitution im November 2009 in Schöneberg-Nord ging es so lautstark und heftig zu, wie es meistens der Fall ist, wenn dieses Thema verhandelt wird.  In diesen beiden Fällen waren AnwohnerInnen ohne Migrationshintergrund die protestierenden WortführerInnen. Die Argumente beider Gruppen sind kongruent.

Verständnis erbeten

An dem erwähnten Morgen wurden zumindest die erklärenden und zum Verständnis auffordernden Statements von Michaela Klose, der Leiterin des Frauentreffs Olga in der Kurfürstenstraße, höflich angenommen, doch eigentlich auch nicht weiter beachtet.

Anzeigen von Straftaten

Großes Interesse hingegen fand der Kontaktbereichsbeamte. Heftigen Vorwürfen, dass die Polizei ja doch nichts tue, erklärte er mehrere Male die einzige Vorgehensweise mit der AnwohnerInnen einen vermehrten Einsatz der Polizei erreichen können: Anzeigen, Anzeigen, Anzeigen von Straftaten.

Denn die Frauen berichteten von Vorkommnissen, bei denen eine Anzeige notwendig gewesen wäre. Eine Mutter berichtete, dass ihr Sohn und sein Großvater auf dem Weg zur Schule durch die Kurfürstenstraße gefahren seien und eine Prostituierte den Großvater sehr deutlich und vehement durch das offene Fenster hindurch als potenziellen Kunden angesprochen hatte. Eine andere Frau hatte offenen Vollzug der sexuellen Dienstleistung auf dem Parkplatz von Möbel Hübner beobachtet, einer weiteren war dies an der Schnittstelle Kluck- und Pohlstraße passiert. Glücklicherweise schauten ihre Kinder zu dem Zeitpunkt in eine andere Richtung. Eine weitere Frau berichtete von dem regelmäßigen Vollzug von Dienstleistungen in einem Hinterhof in der Pohlstraße.  Die nächste hatte eine Messerstecherei im Umkreis des LSD Sexkaufhauses beobachtet.

Die Frauen hätten Angst, sagte eine ihrer Sprecherinnen, die Polizei zu rufen. Sie wollten in Zukunft jedoch die Vorfälle auflisten und diese dann einmal im Monat an die Polizei übergeben. Doch auch dies kann von der Polizei nicht als ein Hinweis vermehrter Straftaten im Kiez angenommen werden.

Den Frauen wurde geraten, sich in sichere Entfernung zu der von ihnen beobachteten Straftat begeben und dann die Polizei rufen und eine Anzeige machen. Unumgänglich ist dabei die Nennung des Names. Anonyme Anzeigen tauchen in keiner Statistik auf. Doch es sei nicht gefährlich den Namen zu nennen, wurde immer wieder versichert, denn in den seltensten Fällen würden die Täter den Menschen nachstellen, die sie angezeigt hätten.

Doch warum ist es so wichtig, diese Fälle zur Anzeige zu bringen? Solange kein vermehrtes Anzeigenaufkommen statistisch nachweisbar ist, fährt die Polizei nicht vermehrt Streife durch die Straßen im Kiez. Auch die Zahl der Zivilbeamten, die regelmäßig vor Ort sind und natürlich nicht von der Bevölkerung als solche erkannt werden, kann nicht aufgestockt werden.

Die Frauen horchten auch interessiert auf, dass sie Vorfälle auch bei Olga melden könnten. Die Sozialarbeiterinnen suchen dann das Gespräch mit den Prostituierten und weisen immer wieder darauf hin, dass hier kein Sperrbezirk ist, sondern sie sich in einem Mischgebiet mit einem hohen Anteil an kinderreichen Familien befinden. Sie werden dann gebeten, sich an gewisse Spielregeln und Gesetze zu halten, zum Bespiel nicht direkt vor Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen zu stehen, PassantInnen nicht auf Deubel komm raus akquirieren zu wollen und auch das Umfeld der Moschee in Ruhe zu lassen.

Sperrbezirk oder am besten ganz weg

Der Kampf gegen den Straßenstrich hat die Mütter inzwischen soweit aktiviert, dass sie eine Unterschriftenaktion gestartet haben. „Wir Anwohner in Berlin-Tiergarten,“ heißt es da, „freuen uns über die Initiative von Stadtrat Carsten Spallek, die Prostitution örtlich und zeitlich zu begrenzen (Berliner Woche vom 14.4.2010). Es ist uns unbegreiflich, warum Bezirksbürgermeister Hanke seit Jahren nichts unternommen hat. Wir fordern eine zeitliche Begrenzung von 21 bis 6 Uhr und weitere Maßnahmen.“

Ob ein Sperrbezirk in Berlin durchsetzbar ist, ob er die Situation entschärfen oder im Gegenteil kriminalisieren wird – diese Fragen wurden im Elterncafé nicht diskutiert. Es war anscheinend nicht von Interesse. Die Mehrzahl der Frauen wollen den Straßenstrich nicht, Punktum.
Und so brausten zum Schluss die Emotionen auch noch einmal hoch. Soll der Straßenstrich doch woanders hin verlagert werden! Nach Zehlendorf? „Gute Idee, da haben wir keine Verwandte und Bekannte“. Nach Neukölln? „Egal, Hauptsache weg.“

Denunziationen im Pfarrhaus waren an der Tagesordnung ODER Die ersten Türken an der Potsdamer Straße waren Juden

Ein langer Titel. Wo sich doch über die Enthüllung einer Gedenktafel kurz und knapp berichten ließe:

Sonntag, 14. März, 10:00 Uhr in der Zwölf-Apostel-Kirche
Gedenkgottesdienst, die Predigt hält Pfarrer Dr. Andreas Fuhr
Anschließend Enthüllung der Gedenktafel für Pfarrer Adolf Kurtz am Pfarrhaus und Empfang.

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So könnte es sein. Doch der Geehrte hat für mich die Potsdamer Straße noch einmal in ganz andere Zusammenhänge gesetzt. Was passierte?

1922 kam der damals 31jährige Adolf Kurtz an die Zwölf Apostel Kirche in Berlin-Schöneberg. Er fand eine florierende Gemeinde, die 1880 um einen Kirchenneubau am Dennewitzplatz hatte erweitert werden müssen. Die Potsdamer Straße war die große Ausfallstraße nach Süden. Die Bevölkerung des Gebietes mischte sich aus allen sozialen und kulturellen Schichten. Christen und Juden lebten Haus an Haus.

Am Landwehrkanal war die Tiergarten-Synagoge e.V., eine orthodoxe Synagoge für circa 100 Mitglieder, eine markante Landmarke. Zu ihren Mitgliedern gehörte u.a. der Vater des Malers Max Liebermann. Doch die Gemeindemitglieder zogen weiter in den Westen Berlins. 1928 verkaufte der Verein an die Firma Loeser und Wolff, die das heute noch stehende Geschäftshaus dort erbaute.

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In der Lützowstraße 16 war 1898 eine große liberale Synagoge mit 2.000 Sitzplätzen eingeweiht worden. An ihrer großen Orgel wurde 1932 die bedeutende Freitagsabend Liturgie von Heinrich Schalit uraufgeführt.  Als in den 20er Jahren die Sitzplätze nicht ausreichten, mietete die Jüdisch Gemeinde zusätzlich den Blüthner- und Feurichsaal in der Lützowstraße 76 (nahe Genthiner Straße), ein Konzert- und Vorführraum der Klavierfabriken.

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Ecke Flottwellstraße mietete der Israelitisch-Sephardische Verein sich 1905 in einer Wohnung der Familie Wertheim ein. 1891 war bereits der erste Gottesdienst nach sephardischem Ritus in Berlin abgehalten worden und dies war nun die erste Synagoge osmanischer und türkischer Juden in der Stadt. Als Nachkommen spanischer und portugiesischer Juden waren sie während der Inquisition des 13. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal in die Türkei geflüchtet und dann von Wilhelm II. als Handwerker, Gewerbetreibende und Handelsleute nach Berlin geholt worden. Zu Beginn zählte die Gemeinde nicht viel mehr als ein Dutzend Mitglieder, doch seit 1915 besuchten 70 SchülerInnen die Schule und in den 30er Jahren wuchs die Mitgliederzahl auf 500.

Außerdem fand Pfarrer Adolf Kurtz in der Umgebung der Zwölf Apostel Kirche Mietkasernen, Nachtlokale, Vergnügungsetablissements und aufgrund der Inflation so viel Armut, dass er bereits 1923 Notküchen in der Kirche eröffnete.

So wie in ganz Berlin erstarkte auch in den christlichen Gemeinden entlang der Potsdamer Straße das anti-demokratische Gebaren. Die Mehrzahl der Christen begrüßte das Ende der Weimarer Republik mit einem Aufatmen und gingen freiwillig eine Verbindung zu den Nationalsozialisten ein.

Gleichzeitig wurde die Potsdamer Straße Ende der 20er Jahre zur nationalsozialistischen Einfallsschneise. 1927 eröffnete die zweite Geschäftsstelle der NSDAP in Berlin in der Lützowstraße 44. (Ecke Derfflinger Straße). Mit der Machtergreifung verboten die Nazis alle politischen Kundgebungen im Sportpalast (auf dem Gelände des heutigen Pallasseum), um den Ort ausschließlich für ihre eigenen Propagandazwecke nutzen zu können.

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Aufmärsche der SA und der NSDAP waren auf den breiten Straßen an der Tagesordnung. Während des Krieges befand sich das von Adolf Eichmann geleitete “Judenreferat” IV B 4 in der Kurfürstenstraße 115/116 (heute Hotel “Sylter Hof”). Die Deutsche Arbeitsfront befand sich in der Potsdamer Straße 182 (heute PallasT) und im Krankensaal des „Deutschen Frauenordens“ in der Kurfürstenstraße wurden verwundete SA-Männer wieder gesund gepflegt.

In der Zwölf Apostel Kirche fanden Massentrauungen von SA-Mitgliedern statt. „Die damalige Kirche stand nicht ZWISCHEN  Kreuz und Hakenkreuz sondern FÜR Kreuz und Hakenkreuz“,“ sagte Pfarrer Heinz-Hermann Tschaikowsky in einem Vortrag am 11. März 2010 im Gemeindehaus.

Am 13. November 1933 tagten die Deutschen Christen im nahen Sportpalast. Sie forderten die restlose Durchführung des Arierparagraphen, einen Verzicht auf das „undeutsche“ alte Testament, da es sowieso nur “jüdische Lohnmoral, Viehhändler- und Zuhältergeschichten” enthalte und die Verkündung eines heldisch, germanischen Jesus.

Auch ein Pfarrer der Zwölf Apostel Kirche war unter den 20.000 begeisterten Zuhörern. Er wurde zu einem vehementen Widersacher von Adolf Kurtz und versäumte keine Gelegenheit ihn zu denunzieren.

Und derer ergaben sich viele. Adolf Kurtz’ Ehefrau Eva war die Tochter des jüdischen Chirurgen Moritz Borchardt und in Zwölf Apostel getauft.

Adolf Kurtz war von Anfang an aktives Mitglied der Bekennenden Kirche und damit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Im April 1934, als SA-Führer Peter Voss unter Fahnen und mit großem Aufgebot in der Zwölf Apostel Kirche beigesetzt wurde, ließ Kurtz sich nicht von Gestapo und SS beirren und trat in lauter, offener Fürbitte für die verfolgten Brüder und Schwestern der Bekennenden Kirche ein.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 eröffnete Kurtz für Christen jüdischer Herkunft ein Hilfsbüro (Vorläufer “Büro Grüber”) und richtete eine Schule für vertriebene Kinder jüdischer Herkunft in der Oranienburger Straße ein. Seit 1935 hielt er ständig Kontakt mit Widerstandsgruppen und mit ausländischen kirchlichen Persönlichkeiten aus der Ökumene.

Die Bekennende Kirche protestierte erst im Mai 1936 – im Jahr der Olympiade in Berlin – das erste Mal öffentlich gegen die Rassenpolitik der Nazis. In einer von Friedrich Weißler und Ernst Tillich verfassten Denkschrift, die an die ausländische Presse verteilt wurde, stellten sie das christliche Gebot der Nächstenliebe gegen die Verpflichtung zum Judenhass, prangerten die Konzentrationslager an und sahen in Juden den hilfsbedürftigen Bruder und nicht den Rassefeind. Pfarrer Kurtz organisierte die Bekenntnisversammlungen mit Rednern aus dem Ausland.

Doch die Bekennende Kirche schwieg im Verlauf der Reichspogromnacht im November 1938. Wie überall in Berlin tobte der Mob auch an der Potsdamer Straße. In der Synagoge Lützowstraße randalierte sie hauptsächlich im Inneren, denn die umstehenden Häuser wären bei einem Brand in Mitleidenschaft gezogen worden. So blieb das Gotteshaus erhalten und im April 1942 wurde der letzte Festgottesdienst dort abgehalten.

Die sephardischen Juden hatten bis weit in die Nazizeit hinein ihre türkischen Pässe behalten, was sie als Ausländer für einige Jahre vor der Deportation schützte. Doch dann fielen sie der türkischen Politik zum Opfer. Diese bürgerte ihre in Deutschland lebenden Juden aus, und sie wurde zu Freiwild in Nazideutschland. Am 25. Januar 1943 wurde Rabbiner Eli J. Uziel ins Ghetto Riga deportiert und getötet. Von anderen Gemeindemitglieder gibt es keine genauen Angaben.

Pfarrer Adolf Kurtz tat sein Möglichstes um getaufte Juden zu schützen. Am 16. Oktober 1941 sprach er zusammen mit dem katholischen Bischof Heinrich Wienken bei Adolf Eichmann vor. „Wir beschlossen, wie wir es schon öfters getan hatten, in die Höhle des Löwen zu gehen und mit dem Höchstverantwortlichen in der Gestapo zu verhandeln. […] Man warnte uns dringend, zu Eichmann zu gehen. […] Die wildesten Gerüchte kursierten über ihn, schlimmer noch als über Himmler. Allgemein wurde er als der ‚Judenmörder‘ bezeichnet,“ erinnerte sich Kurtz 1960.  Der Besuch war erfolgreich und die Schule in der Oranienburger Straße konnte vorerst weitergeführt werden.

Die Zwölf Apostel Kirche wurde zur Bekennenden Kirche mit circa 1.000 Mitgliedern, von denen etwa 250 getaufte Christen waren. Noch in der Karwoche 1942 ließ Kurtz Christen mit und ohne Judenstern am Abendmahl teilnehmen. Die (deutsche) Mutter eines gerade konfirmierten Jungens protestierte dagegen bei der Partei, denn sie war schockiert, dass ihr Sohn so etwas erleben musste.

Die Nazis sahen den Ereignissen in Zwölf Apostel teils ohnmächtig zu und nannten sie „Synagoge am Nollendorfplatz.“ SA-Trupps besuchten die Gottesdienste und forderten, dass der „Judenknecht“ Kurtz von der Kanzel herunter steigen sollte.

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Doch 1942 drohte auch Kurtz die Deportation nach Dachau. Dank der Verbindungen seines Schwiegervaters zum später ermordeten Rechtsanwalt Carl Langbehn und zu einem Kreis von Prominenten – darunter Theodor Heuss, Otto Dibelius, Ferdinand Sauerbruch – wurde er gerettet.

Nicht so die jüdischen Gemeindehäuser. Das Gelände, auf dem sich das Haus mit der Synagoge der sephardischen Gemeinde befand, ist seit Kriegsende eine Brache. Nichts erinnert mehr an das, was dort einmal stattfand.

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Die Reste der zerbombten liberalen Synagoge wurden 1954 abgetragen.

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1948 übersiedelte Adolf Kurtz nach Oxford und wurde dort Pfarrer der deutschen Gemeinde. Von hier gründete er Tochtergemeinden – unter anderem in Coventry – und leistete Versöhnungsarbeit.

Doch die Versöhnungsarbeit und die Begegnungen zwischen Juden und Christen in Deutschland gestaltete sich schwierig. In Berlin gründeten die Amerikaner 1949 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Pfarrer beteiligten sich daran zunächst nur sehr zögerlich.

Der Berliner Kirchentag 1961 war der erste mit einer Arbeitsgemeinschaft von Christen und Juden. Sie wollten über Gemeinsamkeiten und Trennendes. Das Aufeinandertreffen war so heftig, dass der Dialog schon kurz nach Beginn fast wieder beendet war.

1991 bekannten sich die Christen zur Mitschuld am Holocaust. Im Jahr 2000 wurde die Judenmission – durchaus gegen Widerstand – definitiv verworfen. Erst seit 2006 treffen sich in Deutschland einmal jährlich Vertreter von katholischer Bischofskonferenz und evangelischer Kirche mit Repräsentanten der beiden Rabbinerkonferenzen.

1975 verstarb Adolf Kurtz in England und wurde auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in der Kolonnenstraße begraben. Im Juni 2001 folgte ihm seine Frau.

Das Gemeindehaus der Zwölf Apostel Kirche wurde schon vor einiger Zeit nach diesem besonderen Pfarrer benannt. Im Jahr 2008 begannen die ersten Überlegungen für einen Gedenktafel Diese wurde am 14. März 2010 im Rahmen eine Gedenkgottesdienst enthüllt.

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Nachklang:
Auf Initiative der Quartiersmanagements treffen sich seit 2006 VertreterInnen der verschiedenen Religionsgemeinschaften in Tiergarten-Süd und Schöneberg Nord. Sie alle wollen eine stärkere Mitverantwortung für das soziale Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen im Kiez übernehmen. Hierzu gehören:
Zwölf Apostel Gemeinde
Lukas Gemeinde
Syrisch-Orthodoxe Gemeinde
Semerkand Moschee
American Church
St. Matthias
Anadolu Moschee
Eine Synagoge ist nicht dabei, denn es gibt kein jüdisches Gemeindeleben mehr an der Potsdamer Straße.
Hinweis:
Vom Bosporus an die Spree – Türkische Juden in Berlin
Eine Ausstellung des Centrum Judaicum
4. Februar bis 3. Mai 2010
Oranienburger Straße 20, 10117 Berlin
Reminiszenzen
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Quellen:
* Vorträge von Pfarrer Heinz-Hermann Wittrowsky und Dr. Harmut Ludwig
* Sibylle Nägele und Joy Markert: Literatur-Salon Potsdamer Straße: »Die Potsdamer Straße. Geschichten, Mythen und Metamorphosen« Frühzeit und Entwicklung der Gemeinden
* Ulrich Eckhardt /Andreas Nachama: Jüdische Orte in Berlin, Nicolai Verlag 1996
* Jörg Krohmer: Foto Stolperstein Abraham Fromm, Potsdamer Straße 102

Wie finster ist das denn?

Am letzten Sonntag fand meine erste Straßenführung „Verruchte Potse“ in diesem Jahr statt. Spricht man mit Ortsfremden über die Gegend an der Potsdamer Straße, landet man mehr oder weniger schnell beim Schatten, bei der Straßenprostitution, beim Sportpalast mit Goebbel’s Rede vom totalen Krieg und bei Freisler’s Schauprozessen im Kammergericht im Kleistpark. Also habe ich mich entschieden, diese dunklen Themen zum Ausgangspunkt meiner Führung zu nehmen. Als „subversive Lebenskraft“ beschreibt die Psychoanalytikerin Verena Kast den Schatten, das Dunkle.

Am nächsten Tag las ich die News-Ticker: „Mädchen im Kleistpark vergewaltigt.“ Die Tat sollte am Samstagnacht geschehen sein. Trotz der dünnen Nachrichtenlagen stürzten sich die Zeitung auf diese Meldung. Sogar die Süddeutsche – wozu?

Gleich am Montag war RTL vor Ort und wollte von AnwohnerInnen und SozialarbeiterInnen Zitate haben vor laufender Kamera. Es gab aus dem Schmuddelkiez mal wieder was zu berichten. Die Bildzeitung spürte schon Angst in ganz Berlin. So ein Quatsch.

Am Sonntag Vormittag hatten wir nichts von der Tat gewusst. Trotz der vereisten Fußwege entschieden wir uns für den Weg durch den Park. Die Sonne ließ den Schnee glitzern, das Kammergericht war majestätisch und durch die winterlich entlaubten Blätter konnten wir das Pallasseum und den gewaltigen Bunker sehen, den es überspannt.

Jetzt verdunkelte sich der Park für mich aufgrund der begangenen Tat. Die Sichtweise bestimmt das Objekt. Meine Gedanken und meine Fantasie gingen in ein Wechselspiel.

Die Sophie-Scholl-Oberschule grenzt an den Park, die örtliche Bücherei, es gibt dort Bolzplätze, einen Spielplatz, den Kindertreff PallasT. Was bedeutet diese Tat für sie?

Meine pragmatische Seite dachte – an die Öffnungszeiten im Park/War er um 22.45 Uhr nicht längst geschlossen? – an die Kälte/Wie hält man das so lange aus? Mein Gedanke, dass Mädchen nicht durch dunkle Parks gehen dürfen, wurde gleich von meinem Trotz gestoppt: egal wie dunkel, Mädchen sollen sich überall aufhalten können.

Meine Gedanken gingen zu den Tätern. Waren es Jugendliche, die ich durch meine Aktivitäten hier im Kiez kenne? Ich ließ sie an meinem geistigen Auge defilieren und konnte es mir nicht vorstellen. Von keinem. Die Meldungen berichteten von „südländisch“ Tätern, in der Abgrenzung zu „türkisch“/„arabisch“ versuchte ich sicheren Boden zu behalten.

Versuche mit diesem neuen Dunkel hier im Kiez fertig zu werden. Ein dunkler Schatten fiel auf einen Ort, der hier als friedlich Oase gilt. In einer Gegend, in der sich seit 10 Jahren darin engagieren, Gewalt und Chaos in gutes Miteinander und Chancen zu verwandeln. Der nicht frei von Probleme ist, aber liebenswert in seiner Entwicklung.

Am Montag kam die Meldung, dass die Vergewaltigung wahrscheinlich erfunden sei. Zunächst Erleichterung. Dann wieder Fragen. Warum denkt sich ein Mädchen so etwas aus? Warum geht die Polizei so schnell an die Presse? Warum liebt die Presse dunkle Themen und zwar in einer Weise, die nicht Licht ins Dunkle bringt, sondern seinen Kitzel liebt. Die Fehlermeldungen sind nur kurz. Allein der Tagesspiegel macht noch einmal eine ganze Geschichte draus.

Was bleibt?

Ich bin traurig aufgrund der Ereignisse.

Die „subversive Lebenskraft“ dessen, was da in zwei Tagen abgelaufen ist für mich darin zu spüren, wie sehr ich mich hier mit der Gegend identifiziere, wie sehr ich zu ihr halte und zu allen, die seit vielen Jahren, engagiert und zuverlässig mit den dunklen Themen hier arbeiten, seien es SozialarbeiterInnen, StreetworkerInnen, Drogendienste, QuartiermanagerInnen, QuartiersrätInnen, Prostituiertenorganisationen, GeschichtslehrerInnen und viele mehr. Zu allen, die nicht weggucken, nicht schönreden, sondern mit dem arbeiten, was ist.

Und gleichzeitig bleibt mein Blick mehr als sonst an gewalttätigen Notizen hängen. Am abstrusesten finde ich die Reklame für ein Duschgel, das aussieht wie Blut und einen Duschvorhang mit Blutspuren à la Psycho?  Wie krank ist das denn?