Schlagwort-Archiv: Theodor Fontane

Poetische Potse – Teil 2 – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU

Fortsetzung vom 16. September 2011

Einige langbestiefelte Prostituierte hinter uns lassend, schweben wir, von Ostermaier und der U-Bahn hitzewallend energetisiert, die Kurfürstenstraße entlang. Vorbei am „Wartesaal der Poesie“, wie Hermann Kesten das Café Einstein Stammhaus nannte, das sich selbst als Intellektuellen-Hort stilisiert, bei Preisen, die mittlerweile nicht nur Künstler mit Lasker-Schüler-Budget einen Besuch erschweren. „Verliebt in Berlin“-Star Alexandra Neldel flankierte unlängst meinen Tisch. Aber so ist es wohl mit allen einst kultbehafteten Orten, Cafés oder Plätzen: Wenn die Aura verschwunden ist, wird sie als künstliches Simulakrum wiedergeboren, was meistens Zwecken der Geldwanderung dient. Überhaupt läuft der moderne Mensch permanent zu Zwecken der Individualisierung der Aura hinterher

Etwas weiter umwirbelt uns wieder etwas Echtheit. „Berlin ist eben keine Stadt, sondern ein trauriger Notbehelf“ schreibt ein „vermummter Herr“ in einem Brief. Derselbe, der von sich selbst sagt: „Im Übrigen, und das sage ich mit einem gewissen Stolz, ist im Augenblick kein Schriftstellername in Berlin verufener als der meine.“ Frank Wedekind hat von 1906-1908 im zerstörten Haus Kurfürstenstraße 125 seine Tochter Pamela zur Welt bringen lassen, und sicherlich auch Berührpunkte mit der Prostitution gefunden, die er später vor allem in „Lulu“ (1913) papierlich fixiert hat. Obszönität als geballter Angriff auf die bürgerliche Sexualmoral ist Wedekinds Waffe, die ihn nebst Verboten zum „verufensten“ König Berlins werden lassen. Themen wie sexuelle Aufklärung, Homosexualität und Sadomasochismus klagen in Werken wie „Frühlings Erwachen“ ihr Recht auf Rezeption ein, dabei das expressionistische Drama vorwegnehmend. Wedekind stirbt so, wie er gelebt hat: seine Beerdigung, bei der zahlreiche Prostituierte anwesend sind, gerät zum Skandal.

Am Lützowplatz überhängt uns tropfend die reinste Gräue, sodass der Eindruck entsteht, die alte mythische Angst der Gallier drohe sich zu erfüllen: dass uns der Himmel auf den Kopf fällt. Aber das rußig staubige Grau passt zu ihm: „Schornsteine stehn in großem Zwischenraum/ Im Wintertag, und tragen seine Last,/ Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.“, zu Georg Heym, der die vorigen Verse mit „Berlin III“ überschrieb. Apokalyptische Bilder werden mit formaler Durchkomponiertheit in Prosa und Gedichte gezwungen, die der ungestüme Heym, der sich selbst für noch „viel vitaler“ als Nietzsche, Kleist und Grabbe hält, am Schreibtisch zähneknirschend niederschreibt, wenn ihm die vom Vater aufoktroyierte „Scheiß-Arsch-Scheiß-Sau juristische Scheiße“ zum Halse heraushängt. Zwar wohnte Heym nicht am Lützowplatz, sondern in der unweiten Martin-Luther-Straße 5, doch der lastende Himmel und das städtische Umfeld vergegenwärtigen überzeugend den Expressionisten, der im Jahr 1900 nach Berlin kommt, und vergebens den lieben Gott sucht: „Gäbe es einen Gott, man müsste ihn an seinem Schlafrock auf das Schafott zerren für seine endlose Grausamkeit.“ Fündig wird der erratische Stadtjüngling schließlich doch, aber der liebe Gott hat sein heilig Antlitz imzuge der asthmatischen Industrialisierung gewandelt: „DER GOTT DER STADT //Auf einem Häuserblocke sitzt er breit./ Die Winde lagern schwarz um seine Stirn./ Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit/ Die letzten Häuser in das Land verirrn.// […] Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen./ Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt./ Die Stürme flattern, die wie Geier schauen/ Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.// Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust./ Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt/ Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust/ Und frisst sie auf, bis spät der Morgen tagt.“

Heym notiert bisweilen seine Träume, bisweilen spielen sie im Tiergarten mit seinen Flüssen und Seen, immer haben sie eine existentielle Dimension: „Ich stand an einem großen See, der ganz mit einer Art Steinplatten bedeckt war. Es schien mir eine Art gefrorenen Wassers zu sein. Manchmal sah es aus wie die Haut, die sich auf Milch zieht. Es gingen einige Menschen darüber hin, Leute mit Tragelasten oder Körben, die wohl zu einem Markt gehen mochten. Ich wagte einige Schritte, und die Platten hielten. Ich fühlte, dass sie sehr dünn waren; wenn ich eine betrat, so schwankte sie hin und her. Ich war eine ganze Weile gegangen, da begegnete mir eine Frau, die meinte ich sollte umkehren, die Platten würden nun bald brüchig. Doch ich ging weiter. Plötzlich fühlte ich, wie die Platten unter mir schwanden, aber ich fiel nicht. Ich ging noch eine Weile auf dem Wasser weiter. Da kam mir der Gedanke ich möchte fallen können. In diesem Augenblick versank ich auch schon in ein grünes schlammiges, Schlingpflanzenreiches Wasser.“ träumt Heym am 2. Juli 1910. Nicht einmal zwei Jahre später, am 16. Januar 1912 bricht er, beim Versuch einen Freund zu retten, auf der Havel beim Eislaufen ein – und ertrinkt. Heym, der Sänger der gesellschaftlichen Apokalypse, antizipiert seine eigene, die doch mit der Erlösung endet, wenn er den eisigen Julitraum enden lässt: „Doch ich gab mich nicht verloren, ich begann zu schwimmen. Wie durch ein Wunder rückte das ferne Land mir näher und näher. Mir wenigen Stößen landete ich in einer sandigen, sonnigen Bucht.“

„Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal“ avanciert in den 1920er Jahren zum Berliner Gassenhauer, der die suizidale Verzweiflung der armen Nachkriegsbevölkerung paraphrasiert und natürlich an den Tod Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts erinnert, die am 15. Januar 1919 im Berliner Grandhotel Eden, dem Stabsquartier der Garde-Kavallerie-Schützendivision, eingeliefert undumgebracht wurden, und schließlich in den Landwehrkanal geworfen wurden. „Die Sau muß schwimmen“ – hieß die Parole. Wir stehen am Geländer des Kanals, wo ein metallener grauer Schriftzug mit Luxemburgs Namen ihren Fall als Monument wiederholt. Aus dem Gefängnis schreibt sie: „So ist das Leben und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“ Zustimmend nickend lassen wir Rozalias Konterfei der Schwerkraft folgend in den Kanal propellern und wechseln die Wasserseite.

Jetzt sitzen wir von Zoogeruch umspielt am südlichen Beginn des menschendurchfluteten Tiergartens. „Ich gehe im Tiergaren spazieren und denke an Bismarck oder an eine Berliner Schrippe oder an einen Spritzfleck auf meinem Stiefel und da fällt mir was ein“ antwortet Theodor Fontane zur Technik seines künstlerischen Schaffens. Sein Zeitgenosse Gottfried Keller dichtet im Tiergarten: „Ich bin ein Fremder hier zu lande,/ Doch dieser Hain erfreut mein Herz“, was verständlich ist, da er sich erfolgreich hier vor der ständigen Bespitzelung durch die Polizei im Unterholz verbergen kann. Selbst schon die auf dem nahen Schöneberger Alten St. Matthäus Kirchhof begrabenen Gebrüder Grimm wissen den grünen Ruhepol zu schätzen. Wilhelm schreibt 1841 „Daß ich meinen Spaziergang machen kann, ohne die geräuschvolle heiße Stadt zu berühren, ist auch etwas wert.“

Ganz unbeschreiblich wird uns unser Zeitenfasching durch den Naturalisten Arno Holz erleichtert, der wohl oft den Tiergarten durchstreift, und dabei Ästhetik treibend zu Forderungen, wie „Kunst = Natur – x“, gelangt. Und wo böte es sich besser an, die Gedanken auch in die Tat umzusetzen, als in der Natur selbst. Folgerichtig setzt sich Arno im Jahr 1898 auf unseren Schoß und dichtet sein Gesichtsfeld ab: „Brücke zum Zoo// Im Tiergarten, auf einer Bank,/ behaglich,/ ein Knie über das andere, bequem-nachlässig zurückgelehnt,/ sitze ich/ und rauche und/ freue mich über die Vormittagssonne!// Vor mir,/ glitzernd, der Kanal:/ den/ Himmel spiegelnd, beide Ufer/ Leise schaukelnd.// “ All das Glitzern können wir auch sehen, aber heute kommen uns fortwährend Japaner, Kinderwägen und Hunde über das Brücklein entgegen. „Arno, bist du sicher, dass du das wirklich siehst?“ fragen wir ihn, nachdem er fortführt: „Über die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant./ Unter ihm,/ zwischen den dunkelen, schwimmenden, blütenkerzigen/ Kastanienkronen,/ pfropfenzieherartig,/ ins Wasser gedreht,/ den/ Kragen siegellackrot,/ sein Spiegelbild.//“

Er gibt uns Feuer und genüsslich frühabendlich rauchend, verschwinden doch die Halluzinations-Vorwürfe gegen ihn, wenn er – ganz wie wir – weiter beobachtet: „Aus den hohen Uferulmen/ Schmettern die Finken,/ vom nahen/ Zoo,/ erfreulich ohrenbeleidigend, metallischschrillgell,/ markdurchdringlich,/ verliebt./ Erhebt sich ein Affengekreisch;/ Ein ganz/ Wahrhaftiger/ wahrer und wirklicher/ Kuckuck,/ irgendwo, hinter mir,/ siebenmal,/ ruft.“