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“von dort bis hier” – Zeitgenössische KünstlerInnen von der afrikanischen Diaspora in Deutschland stellen aus

Yassine Balbzioui zeichnet und malt wo er geht und steht. Schon immer. In Casablanca, Bordeaux, Berkeley, Paris, Dakar, und Berlin. Es ist eine natürliche Handlung für ihn, wie Aus- und Einatmen. So ist er in permanentem Austausch mit dem Raum, der ihn umgibt. „Ich brauche Raum und den gibt es in Berlin, so wie in Marokko“ sagt er. „Hier kann ich atmen. Es gibt hier freien wilden Raum. Ich habe hier auch schon viele Füchse gehesen. Für mich ist es wichtig, diese Art von Freiheit in einer Stadt zu finden.“

Am 26. Januar eröffnet Yassine Balbziouis Ausstellung „PARADE“ in der GALERIE LISTROS. Sie ist der Auftakt der Ausstellungsreihe „von dort bis hier – Künstlerische Reflexionen translokaler Autobiografien“. Hier setzen sich bis April 2013 elf KünstlerInnen aus der afrikanischen Diaspora mit ihrer biographischen Herkunft künstlerisch auseinander und führen einen Diskurs über ihre persönlichen Erfahrungen und Prägungen in zwei Kulturen.

Vernissage: Yassine Balbzioui PARADE
Donnerstag, den 26. Januar, 19 Uhr
GALERIE LISTROS
Kurfürstenstrasse 33, 10785 Berlin

 

Mit dabei sind zum einen KünstlerInnen wie El Loko, Mansour Ciss, Manuela Sambo, David Amaechi Dibiah und Ivor Sias, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Zum anderen beteiligen sich KünstlerInnen, die erst in den vergangenen Jahren Deutschland als Lebensort gewählt haben wie Christophe Ndabananiye, Engdaget Legesse oder Dalila Dalléas Bouzar. Auch der Aspekt, in der zweiten Generation zwar afrikanische Wurzeln zu haben jedoch in Deutschland aufgewachsen zu sein, wird mit der Präsentation von Werken des Afro-Deutschen Künstlers Ransome Stanley berücksichtigt.

Die Biografie jedes Menschen ist prägender Bestandteil seiner Existenz. Individuelle zwischenmenschliche Begegnungen und Erfahrungen sowie kulturelle und gesellschaftliche Gegebenheiten definieren seine Persönlichkeit und Sicht auf die Welt. Insbesondere KünstlerInnen schöpfen in ihrem kreativen Schaffensprozess häufig aus den eigenen biografischen Erlebnissen.

So zeigt Christophe Ndabananiye unter anderem „schlafende Menschen“, eine Serie von Zeichnungen. „Ich habe sehr viele Menschen so liegen sehen, tot, und ich wünschte, sie würden schlafen,“ sagt Christophe Ndabananiye. „Ich setze mich mit Vergangenem oder Gegenwärtigem auseinander und halte dies mittels unterschiedlicher künstlerischer Medien fest.“

Für einige KünstlerInnen eröffnet die Außenperspektive auf ihre afrikanische Heimat einen Raum der Untersuchungen und Entdeckungen, der von Neu- oder Deplatzierung geprägt ist.

„In meiner Arbeit als Künstler habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren verschiedene Einflüsse aufgesaugt und verarbeitet, nach dem gesucht, was meine Bilder zu dem Besten von mir selbst macht,“ erklärt Engdaget Legesse sein Konzept der „Empty Spaces“. „Ich habe meine alten Bilder übermalt. Es sind neue „leere Räume“ auf den alten Leinwänden entstanden.“

Nicht immer verweisen die Arbeiten der teilnehmenden KünstlerInnen offensichtlich auf Motive afrikanischer Kulturen oder kommentieren sozio-politische Begebenheiten auf dem Kontinent. In „von dort bis hier“ geht es vielmehr um die Art und Weise, wie der persönliche Lebensweg zwischen verschiedenen Kulturen die Arbeit der KünstlerInnen prägt, was die jeweiligen KünstlerInnen ausmacht. Ihr individuelle Werdegang ist dabei eine Leitlinie.

So stellen Manuela Sambo und Daniel Sambo-Richter in ihrer Ausstellung „Magnetfeld“ ihre künstlerischen Positionen gegenüber. Durch die langjährige Auseinandersetzung mit der Arbeit des jeweils anderen, sieht das Künstlerpaar Gemeinsamkeiten, die auf den ersten Blick für den Außenstehenden nicht deutlich sind. Damit geht es in ihrer Ausstellung auch um einen starken und fast intimen Dialog der Kulturen mit den Mittel der Kunst, der Malerei.

Mit der Ausstellungsserie „von dort bis hie“ erweitert die GALERIE LISTROS ihr Konzept, das seit der Gründung 2003 zu einem Perspektivwechsel auf das gängige Afrikabild einlädt. Themenbezogene Schwerpunkte wählend arbeitete sie bisher hauptsächlich mit nicht-afrikanischen KünstlerInnen in Deutschland, die sich mit afrikanischen Themen auseinandersetzen. Eine wichtige Frage hierbei war immer wieder: „Wie schafft es Kunst, eine gesellschaftliche Realität durch unterschiedliche Strategien zu reflektieren?“

Diese Frage beschäftig auch einige der Diaspora KünstlerInnen. In „Think Traces“ bezieht sich David Amaechi Dibiah auf das Prinzip der „Zero Spiral“ von den Mathematiker Lere O Shankunle und will die Notwendigkeit eines verantwortungsbewussten Handelns und Regierens aufzeigen. Nicht nur in Afrika sondern weltweit.

„Themen wie Unterdrückung, Ignoranz, Identität, Religion, Umweltmanagement dürfen und sollten keine Problemfelder mehr sein. Völkerwanderungen, die in der Geschichte der Menschheit schon immer stattgefunden haben, müssen positiv gesehen werden, denn sie sind eine Chance zur Weiterentwicklung,“ betont David Dibiah. “Was wäre denn zum Beispiel Berlin heute ohne die Sueben namens Semnonen, ohne die slawischen Stämme, die sich damals hier niedergelassen haben?“

 

Wer sind die Aramäer der Potsdamerstraße 94?

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien und das Volk der christlichen Aramäer.

von HU-Gastbloggerin Dafni Ragousa

Die Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien in der Potsdamerstraße 94

In der Potsdamerstraße 94 taucht vor mir eine große weiße Kirche auf, mit der Aufschrift „Syrisch Orthodoxe Kirche von Antiochien“. Ich bin sofort verwirrt, denn das kommt mir sehr widersprüchlich vor. Syrien, ein arabischer Staat;  Antiochien, die heutige türkische Stadt Antakya, und Christentum? Was könnte der Zusammenhang sein? Ich entscheide mich mit dem Pfarrer der Gemeinde zu treffen um mehr herauszufinden.

Antiochien ist der alte Name der türkischen Stadt Antakya, die sich an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei befindet, im sogenannten Kleinasien. Es war die frühere und seit Jahrhunderten Hauptstadt Syriens, wurde aber nach dem ersten Weltkrieg von dem Türkischen Staat übernommen. In Antiochien wurden die Anhänger von Jesus Christus zum ersten Mal Christen genannt. 

 

Heutzutage wohnen in Antakya vorwiegend türkische Muslime. Die Christen machen nur noch 0,2 % der Bevölkerung aus. Eine dieser christlichen Minderheiten sind die Syrisch-Orthodoxen. Ihre Sprache, syrisch-aramäisch, war die Sprache im antiken Syrien; die Sprache, die Jesus Christus gesprochen hat.

Der Gottesdienst

In der westlichen Diaspora wohnen sie überwiegend in Deutschland und in Schweden. Sie kamen nach Deutschland als Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren. Momentan gibt es in Deutschland etwa 40 bis 60.000 syrisch-orthodoxe Christen. 500 Familien von ihnen wohnen in Berlin. Viele Kinder sind hier geboren und beherrschen die deutsche Sprache besser als ihre eigene Muttersprache. Man fragt sich deswegen, ob eine Übersetzung des Gottesdienstes ins Deutsche, der eigentlich noch in der aramäisch-syrischen Sprache stattfindet, sinnvoll wäre.

Denn ein Gläubiger findet nur dann einen vollkommenen Zugang zu den Gebeten und Liedern, wenn er die Sprache beherrscht. Es ist deswegen wichtig eine Lösung dieser Problematik zu finden, weil die Syrisch-Orthodoxe Kirche nun weithin zu einer Kirche in fremden Ländern geworden ist. Und das ist darauf zurückzuführen, dass sie in ihrem historischen Herkunftsland an ihrer Religionsfreiheit gehindert sind.

Syrische Christen und Muslime sind zwar die längste Zeit Nachbarn gewesen. Es gibt allerdings ziemlich viele Probleme, denn die Situation der christlichen Minderheiten in der heutigen Türkei ist sehr unsicher. Religions- und Sprachunterricht ist dort verboten. Die Aramäische Sprache dürfen sie nicht sprechen und alle müssen als türkische Staatsbürger die Türkische Sprache lernen. Wegen der Gewalt trauen sie sich ferner nicht öffentlich das christliche Kreuz um den Hals zu tragen.

In Syrien dagegen sind diese Christen frei ihre religiöse Tradition auszuüben. Die Mehrheit der Syrer besteht zwar aus Muslimen, sogenannte Sunniten, und die Christen bilden nur eine Minderheit von ungefähr 2 Millionen. Die Regierung besteht jedoch aus muslimischen Alewiten, die sehr freundliche Beziehungen zu den syrischen Christen haben. Deswegen ist es den Aramäern dort erlaubt, aramäisch auch in der Schule zu lernen. Die Hauptsprache Syriens bleibt jedoch arabisch, denn es ist ein arabischer Staat.

Das Patriarchat in Damaskus

Die Syrisch-Orthodoxen sind „Monophysiten“, oder besser gesagt „Miaphysiten“ (aus dem griechischen Wort „monos“ oder „mia“, dass „einziger“ heißt). Sie nehmen an, dass Jesus Christus Gott und Mensch gewesen sei, im Unterschied zu den griechisch-orthodoxen, die diese zwei Naturen nicht als vermischt ansehen und wobei keine dominanter als die andere ist. Das hat im Jahre 451 n.Chr. zu einer Kirchentrennung im Vorderen Orient geführt, die zur Existenz einer selbständigen Syrisch-Orthodoxen Kirche neben der „griechisch-orthodoxen Kirche“ geführt hat. Für jede dieser Kirchen gibt es zwar ein eigenes Patriarchat. Hier werden die Bezeichnungen jedoch nicht wirklich getrennt, denn der Patriarch der „Syrer“ (gemeint sowohl griechisch-orthodoxe als auch syrisch-orthodoxe), Ignatius Zakka, der seinen Sitz nunmehr in Damaskus hat, trägt die Amtsbezeichnung „Syrisch-Orthodoxer Patriarch von Antiochien und des ganzen Osten“.

Hier in Deutschland fühlen sie sich frei und freuen sie sich darüber, dass sie einen Ort gefunden haben, wo sie ihre Religion ohne Angst ausüben können. Mittlerweile wird der Verein „Syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien in Berlin e.V.“ von vier Gemeinden in Berlin getragen (Tiergarten-Süd, Wedding, Charlottenburg und Neukölln). Hier in Berlin hält sich die Gemeinde dadurch zusammen, dass sie einen Frauenverein, ein Mädchenchor, einen Fußballverein gegründet hat und 3- bis 4-mal in der Woche Aramäischkurse anbietet.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmal bei dem Pfarrer der Gemeinde, Herrn Murat Üzel, und dem Theologen Dr. A. Mustakis für das freundliche und anregende Gespräch bedanken.

Künstler inszenieren eine Straße…

von HU-Gastbloggerin Rita Danz

Vor ein paar Wochen unternahm ich einen Spaziergang durch die Pohlstraße. Aus der Nummer 75 dringt weißer Staub, die Jalousie ist halb heruntergelassen und Baulärm erklingt. Ich frage nach und die Arbeiter erzählen mir: „Hier wird eine Weinhandlung und –bar eröffnet. Les Climats. Wir hoffen, dass wir es mit der Pre-Opening bis zu Pohl-Position schaffen!“ In einer benachbarten Galerie hängt ein passendes Plakat: „Künstler inszenieren eine Straße“ am 24. September. Ich frage mich, ob sie die Weinhandlung in nur einer verbleibenden Woche fertig bekommen.

Pohl-Position, im Vordergrund: Urban Chill von Uwe Tabatt

Initiator Andreas Kuhn, seine Galerie Kuhn & Partner befindet sich in der Pohlstraße 71, erzählt: „Ich wollte einfach ein Fest für den Kunst-Kiez ins Leben rufen, also kein klassisches Straßenfest als solches. Viele Menschen haben oft eine “Schwellenangst” und trauen sich nicht in die Galerien zu gehen. Ich wollte mit meiner Idee dieser Entfremdung von der Kunst entgegen treten und die Leute mit einbeziehen. Wenn die Leute nicht zur Kunst kommen, dann kommt die Kunst eben einfach zu den Leuten.“ Das macht mich neugierig auf mehr.

Peter Herrmann, Sonja Zunker und Andreas Kuhn

Bei der Pohl-Position sind neben den Ausstellungen in den Galerien etwa 40 Objekte von Künstlern aus aller Welt auf der Straße und zum Teil in den Fenstern und Hauseingängen der anliegenden Wohnungen zu sehen. Die Anwohner wurden mit Hilfe von Handzetteln um Ihre Mithilfe gebeten. Ich erfahre, dass die Pohl-Position das Ergebnis einer etwa 3 Monate langen Planungsphase ist. „Die Hauptarbeit hatte hierbei Sonja Zunker von Zunker Kongresse & Events. Es gab eigentlich kaum wirkliche Rückschläge bei der Planung, da hatten wir Glück. Peter Hermann, mit seiner Galerie in der Potsdamer Straße 98a, ist als Mitveranstalter eingesprungen.“ Am 24. September ist die Pohlstraße selbst halbseitig für den Verkehr gesperrt; die Aufbauarbeiten beginnen bereits um 8 Uhr.

Les Climats…eine Weinhandlung mit Charme

Nach nur 6 Stunden Aufbauzeit geht es los. Es ist ein sonniger Nachmittag und einige Leute sind schon auf der Pohlstraße unterwegs. Männer, Frauen, Alte, Junge aller Couleur bestaunen die Objekte auf der Straße. Mein erster Weg führt mich zu Les Climats, ich möchte wissen, was sich seit meinem Spaziergang getan hat. Statt Staub sehe ich Champagnerkübel - Inhaber Roland Kretschmer begrüßt mich freundlich. Im Fenster ist eine Installation aus Flügeln der finnischen Künstlerin Terhi Heino zu sehen. Seit meinem letzten Besuch hat sich einiges verändert. Der alte Dielenboden, teilweise noch original von 1895 erhalten, glänzt dunkelbraun in der Sonne. Neben der Eingangstür eine Backsteinwand, vor der Wein und Kuchen verkauft wird und wo man sich angeregt unterhalten kann. Die restlichen Wände sind gestreift – bunt oder in warmem schokobraun und beige. Der Stuck an der Decke ist bis zur offiziellen Eröffnung am 15. Oktober noch verhangen. „Wir sind eine Weinhandlung mit Bar, die sich fast ausschließlich auf burgundische Weine und französische Delikatessen spezialisiert hat.“, erzählt mir Roland Kretschmer. „Natürlich gibt es auch ein kleines, ausgewähltes Sortiment mit Weinen aus anderen Regionen. Wir arbeiten ohne Zwischenhändler, der Importeur bin ich. Um die Weine auszusuchen fahre ich ungefähr 5 mal im Jahr nach Frankreich.“ Bei diesem Satz sticht mich kurz das Fernweh.

Roland Kretschmer, Besitzer von Les Climats

Bei der Pohl-Position beteiligt sich Les Climats vor allem um die Nachbarschaft besser kennenzulernen. Sich in der Pohlstraße anzusiedeln war eine ganz bewusste Entscheidung. „Ich wohne hier in der Gegend und sie gefällt mir einfach. Es ist eine sehr kunstaffine Ecke, vor allem die Pohlstraße. Ich war begeistert von diesem Haus, im Juli haben wir bereits mit den Renovierungs- und Abrissarbeiten begonnen. Der Kiez ist einfach noch sehr heterogen und besitzt trotzdem eine ganz spezielle eigene Struktur.“ Noch mit dem Geräusch eines Korkens, der sich mühsam aus einer Weinflasche windet, im Ohr, beginne ich meinen Rundgang durch die Galerien.

„Es gibt nichts, was es nicht gibt.“

Die Ausstellung "Sex, Crime, Beasts &Tenderness" bei Gilla Lörcher

Bei Schulz & Schulz sind Werke von Henry Anno zu sehen. Im Fenster liegt eine Kettensäge mit weißer Aufschrift auf dem Sägeblatt: „With Love“ ist auch gleichzeitig Name der Ausstellung. Kuhn & Partner zeigt „Kong at Work“ mit Werken von Sandra Rauch und Jens Becker, die die Eindrücke einer gemeinsamen USA-Reise in Bildern und Installationen verewigt haben. Zwei Becken rotieren und empfinden scheppernd den Lärm auf New Yorks Straßen nach. Die beiden großformatigen Bilder im Raum ziehen sofort die Blicke auf sich. Eines zeigt ein großes Poster von King Kong vor einer Häuserfront. Gleich nebenan bei Gilla Lörcher sind Objekte von Iris Musolf zu sehen, die bei der Auseinandersetzung mit dem Thema „Sexpuppen“ entstanden sind. Während ich die Tiere aus Beton bestaune, stelle ich fest: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Die Galeristin muss lächeln und sagt, dass Kunst da ist, um genau das zu zeigen.

Schließlich bietet sich bei cubus.m in der Hausnummer 75 ein völlig konträres Bild. Gezeigt wird die Installation „IF hope exist…there is no wasted land“ von Anne Duk Hee Jordan. Ein Pfad durch einen Urwald aus Pflanzen führt mich in den ersten Stock. Schon vom Flur aus duftet es nach Erdbeeren. Eine Familie macht sich im Raum an der „Erdbeerkanone“ zu schaffen – ein umgebautes Fahrrad mit dessen Hilfe die köstlichen Früchte auf ein weißes Laken gefeuert werden. Das Leinentuch repräsentiert hierbei die Unschuld, während die Erdbeeren mit Sinnlichkeit assoziiert werden. Die Inspiration war ein Gedicht von Bertolt Brecht.

"Erdbeerkanone" in der Galerie cubus.m

Mit vielen neuen Impressionen und bei einem kühlen Getränk betrachte ich die Objekte auf der Straße. Ein riesiges Mobile mit Augen und Spiegelfolie hängt von einem Balkon auf die Straße und wird neugierig bestaunt. LISTROS e.V. zeigt die namensgebenden Schuhputzerkästen aus Afrika. Wolf Klein gibt den Gärtner und verkauft Blumen aus Plastik. Daneben noch vieles mehr, das mal mit einem Schmunzeln, mal ernst auf die guten und schlechten Seiten der Menschen und der Welt hinweist.

Michaele Brüll – „Riesenhose II, Gespannte Intimität“

Die Künstlerin

Fasziniert bin ich vor allem von der „Riesenhose II, Gespannte Intimität“ von Michaele Brüll. Zwischen zwei Bäumen aufgehängt, erinnert das Objekt an einen riesigen Tanga und ist mit Ausmaßen von 2,30×2,50m wohl das größte auf der Straße gezeigte Kunstwerk. Michaele Brüll hat das Objekt extra für die Pohl-Position geschaffen. „Ich wollte Sinnlichkeit und Intimität auf die Straße bringen. Die Riesenhose besitzt eine bunte Tagesseite, die das Sinnliche, aber auch Fröhliche und Authentische der Sexualität zeigt. Die in schwarz-weiß gehaltene Nachtseite weist nicht zuletzt auf den Straßenstrich im Kiez hin und repräsentiert, mit Schwarzlicht angeleuchtet, das Verruchte und Verführerische der „Dunklen Seite“.“, erzählt sie mir.

Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke

Auch dem Schirmherrn der Pohl-Position, Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke, laufe ich noch über Weg. Seine Rede hält er aufgrund technischer Probleme aus dem Polizeiauto heraus. „Hallo, hallo, hier spricht der Bezirksbürgermeister von Mitte.“, beginnt er. Die Leute bleiben überrascht stehen und beginnen zu schmunzeln. „Die Schirmherrschaft habe ich übernommen, weil ich es gut finde in Tiergarten-Süd ein niveauvolles Kunstfest zu veranstalten. Es zeigt das Potential & die Kreativität hier im öffentlichen Raum. Die Vernetzung der Galerien hat zahlreiche positive Effekte für die Szene.“, erzählt er mir fröhlich. „Ich glaube, dass die Pohl-Position das Lebensgefühl hier positiv beeinflussen kann und auf die Veränderungen in der Gegend hinweist – die Leute übernehmen hier Verantwortung.“

Dr. Christian Hanke und Andreas Kuhn hoffen, mit der ersten Pohl-Position den Auftakt für eine jährliche Veranstaltung gebildet zu haben. Als ich mich von der Potsdamer Straße aus noch einmal umdrehe und das bunte Treiben von Galeristen, Künstlern und Anwohnern sehe, dann wünsche auch ich mir nächstes Jahr wieder zurückzukehren.

Grünes “Klück”

von HU-Gastbloggerin Dafni Ragousa

Diese Straße wurde nach Alexander von Kluck benannt, der im ersten Weltkrieg preußischer Armeeoberbefehlshaber war. Die Kluckstraße ist eine ruhige und stille Seitenstraße. Im Gegensatz zu den anderen Straßen des Lützowviertels ist sie eine reine Wohnstraße. Starken Publikumsverkehr und überfüllte Straßencafés gibt es hier ebenso wenig wie vorbei brausende Autos, Lärm und Abgase.

In der Nummer 11 gab es schon immer einen öffentlichen Garten, der früher allerdings verwildert und ungepflegt war und besonders gerne von Drogenabhängigen, Obdachlosen und Straßenprostituierten benutzt wurde. Kein Wunder, denn der Bezirk Tiergarten-Süd ist einer der siebzehn sozialen Brennpunkte Berlins. Ein Wohngebiet, in dem Faktoren, die die Lebensbedingungen ihrer Bewohner und insbesondere die Entwicklungschancen beziehungsweise Sozialisationsbedingungen von Kindern und Jugendlichen negativ bestimmen, gehäuft auftreten. Zur Verbesserung des Alltags und der Lebensqualität der Bewohner werden verschiedene Vereine sowie Quartiersmanagement tätig. Interessierte Anwohner/innen und Vertreter/innen aus dem Kinder- und dem Jugendtreff haben gemeinsam mit einer Stadtplanerin den „Garten für alle“ geplant. Aus dem Projekt Familiengarten ist ein neuer und größerer Garten mit Grillplatz und Flächen für Ballspiele entstanden. Teil davon ist der sogenannte interkulturelle Garten, in dem – wie der Name schon verrät – Pflanzen und Blumen aus aller Welt zu finden sind. Auch ein Pizza- und Kräutergarten ist hier zu finden, wo die Kinder alle diesen Kräuter und Pflanzen pflegen, die man für die Zubereitung einer leckeren Pizza braucht. Damit der Garten nicht mehr von Drogensüchtigen als willkommener Druck-Platz missbraucht wird oder von Prostituierten als „Vollzugsplatz“, schließt ein Zaun das Gesamtareal um.

Diesen Sommer war der Familiengarten zum ersten Mal mit einer Bühne auf der Fete de la Musique dabei.

Am gegenüberliegenden Magdeburger Platz kam am 15. Juli 1892 der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin zur Welt, der in seinen Erzählungen aus dem Berlin der 1920er Jahre der Markthalle einen mitbestimmenden Einfluss auf seine politische Sozialisation zuschreibt. Heute stellt sich auch dieser Platz als kleine grüne Oase mitten im Berliner Häusermeer dar.

Ein paar Schritte weiter, in der Kluckstraße 3 befindet sich mit 100 Zimmern die größte Jugendherberge Deutschlands. Als ich vorbei laufe, sehe ich eine Gruppe von Schülern, die mit ihrem Lachen die Ruhe der Gegend durchbrechen und lebendiger machen. Der Tag ist sonnig und warm, untypisch für diese Jahreszeit und die Jugendlichen genießen die Sonnenstrahlen auf dem grünen Gelände.

Die Kluckstraße erscheint – zumindest bei Tageslicht, als ich sie besucht habe – sehr friedlich und erinnert nicht an ihre nachbarschaftliche Potsdamerstraße und an die mit der Gegend verbundenen Probleme. Das Lachen der Jugendlichen, die weißen Schmetterlinge und die bunten Vogelscheuchen im Kräutergarten hinterlassen einen durchaus positiven Eindruck.

Die Potsdamer Privatstraße oder eine Terraingesellschaft zieht durch

Wie alle Terraingesellschaften so war auch die Gmbh „Potsdamer Straße“ nicht auf Dauer angelegt. Ihr Zweck war der Bau und Verkauf, nicht der Unterhalt von Häusern. Bereits 1905 befand sich die GmbH in Liquidation. Die Häuser gingen vorübergehend in das Privateigentum der (mutmaßlichen) Gesellschafter über.
Adolf Gradenwitz und seine Frau zogen allein in eine Wohnung am Landwehrkanal; die Töchter und Söhne hatten ihre Familien gegründet. Die Baugesellschaft wurde um 1910 aus dem Handelsregister gelöscht. Sie hatte ihre Aufgaben erfüllt. Geschaffen war eine hochklassige Wohnlage, im Besitz von bekannten Namen der Berliner Gesellschaft. Den Gründern dürft sie eine ausreichende Rendite beschert haben.(92)

So enden acht spannende Seiten in dem Buch „Die Schwarzen Schafe bei den Gradenwitz und Kuczynski“, auf denen Hans Hinrich Lembke, Hochschullehrer für Betriebswirtschaft und Verfasser mehrerer unernehmenshistorischer Arbeiten, die Entwicklung eines Teils der Potsdamer Straße an einer Jahrhundertwende beschreibt.

Wer war Adolf Gradenwitz und um welche Straße handelt es sich?

Adolf Gradenwitz, 1841 geboren, war Bankier, zunächst Direktor der Niederlausitzer Bank AG in Cottbus. Nach deren Liquidation zog der 1889 nach Berlin in einen Neubau in der Rathenowerstraße, den er 1886 erworben hatte. Seine Berufsbezeichnung war zunächst Kaufmann, später Rentier. Nach sechs Jahren verkaufte er das Haus und zog mit der Familie in die Lessingstraße. Außerdem entschloss er sich zur Karriere des Immoblienkaufmannes – im damaligen Sprachgebrauch „Terrainspekulant“. … Die erste große Investition tätigte er in dem Karree zwischen Potsdamer Straße, Lützowstraße und Am Karlsbad (85).

An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass das minutiös recherchierte Buch ungemein interessante Fußnoten enthält. So zum Beipiel Fußnote 263, die Auskunft gibt über den Verkehrszustand der Potsdamer Straße zu dieser Zeit: „Verkehrszählungen aus dem Januar dieses Jahres haben ergeben, daß die Potsdamer Straße an einem Tage während der Zeit von 6 Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts rd. 8700 Fahrzeuge passieren.“ Diese Erkenntnis gab noch im selben Jahre (1897) den Anstoß für eine Verbreiterung der Straße, die zuvor zwischen Lützowstraße und Potsdamer Platz nur eine Dammbreite von 11 – 12 Meter hatte. Deutsche Bauzeitung, 31 (1897) 43, S. 269

Die Potsdamer Straße selbst war zu dieser Zeit bereits dicht bebaut. Hier fanden wohlhabende Bürger keine ruhigen Wohnbedingungen mehr und zogen eher weiter nach Westen. Wenn sie blieben, dann in Privatstraßen, die heute zum Teil noch erhalten sind.

So residierten Am Karlsbad der Maler Carl Begas der Ätlere seit den 1830er Jahren. Sein Sohn Reinhold, ebenfalls Maler und die Bildhauer Friedrich Drake und August Wredow waren ihm gefolgt.

Im sogenannten „Begaswinkel“ ( = zu erreichen von der Genthiner Straße) ließ sich der andere Sohn, Adalbert Begas, nieder. Derselbe Architekt, der diese – noch erhaltenen Villen – baute, also Ernst Klingenberg, baute dann eine Gruppe von sechs Hofvillen auf dem Gelände, das wir heute noch gerne Ex-Tagesspiegel nennen, obwohl es schon längst nur noch drei Villen hat und auch andere Besitzer. Dort lebten und arbeiteten u.a. der Akademiepräsident Anton von Werner und der Kunsthändler Fritz Gurlitt. Diese Villen wurden vom Lärm der Straße durch das Quergebäude Nr. 133 abgeschirmt.

Durch diese Ausgangslage spazierte Adolf Gradenwitz im Jahr 1895. Er wird um die vielen Künstler gewusst haben, deren Anwesenheit das Viertel aufwerten. Um die Königliche Kunsthochschule für Musik, die seit 1883 im Haus Nr. 120 gezogen war und wo u.a. Friedrich Kiel unterrichtete, der in der Lützowstraße 92 wohnte. Auf der anderen Seite hatten die Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens eine neue Mal- und Zeichenschule eröffnet ( = heute Camaro-Stiftung) . Es gab Privatschulen, Ateliers, Kunsthandlungen und Geschäfte für Künstlerbedarfe.

Allein den Villenwinkel in der heutigen Bissingzeile gab es noch nicht. Hierzu Lemke: Die Idee, dieses Potential für den Bau eines „Villen-Winkels“ zu nutzen, hatte vermutlich nicht Gradenwitz, sondern vor ihm ein anderer Bauunternehmer entwickelt. Ein Baugeschäft Garnn & Krantz kaufte zwischen 1892 und 1895 die beiden Häuser 121 und 122 (alte Zählung), die schon an der Einmündung der Privatstraße erbaut waren. Die Pläne zur Entwicklung dieser Straße tragen die Namen Garnn & Krantz (für die Grundrisse) sowie Cremer & Wolffenstein (für die Fassaden). Ein dritter Name findet sich erstmals 1896 im Adressbuch: Eine „Potsdamer Straße Baugesellschaft GmbH“ ist als Eigentümerin der beiden Grundstücke genannt (laut Fußnote 267 waren sie ab 1896 nicht mehr eingetragen). Die Firma war im Vorjahr ins Handelsregister eingetragen worden, mit dem „Rentier“ Adolf Gradenwitz als allein vertretungsberechtigtem Geschäftsführer. (86)

Laut Berliner Börsen-Zeitung Nr. 276 vom 15. Juni 1895 (Fußnote 269) war der benannte Unternehmenszweck die Errichtung von Gebäuden und der Verkauf der Gebäude und Grundstücke. Das Stammkapital belief sich auf 1 Million, ein Hypothekendarlehen auf 4,5 Millionen Mark.

Gesellschafter der GmbH sind laut Lemke nicht bekannt und er stellt Überlegungen an inwieweit Gradenwitz vielleicht doch mit Garnn & Krantz kooperierte oder konkurrierte. Im Zusammenhang mit der Frage nach Konkurrenz oder Kooperation (s.o.) ist bemerkenswert, dass bei Auflösung der Baugesellschaft sowohl ein Baumeister Garnn als auch eine Frau Garrn Hauseigentümer in dem Straßenwinkel wurden – für nur wenige Jahre. Auffällig ist auch, dass Gradenwitz’ zweite Gesellschaft, die Zehlendorf-West Terrain AG kurzzeitig die Potsdamer Straße 6 (alte Zählung) als Adresse auswies, wo vorher der Baumeister Garnn gewohnt hatte. Möglicherweise wurde er für diese Gesellschaft tätig – Konkurrenz oder Kooperation? (Fußnote 272)

Die zwölf vierstöckigen Mietshäuser mit mehreren Wohneinheiten wurden gebaut vom Architektenbüro Cremer & Wolffenstein, die zeitgleich auch die 1898 in der Lützowstraße eingeweihte Synagoge errichteten. Die zwei bereits bestehenden Häuser wurden umgebaut und ebenfalls in das Ensemble integriert. Das Projekt wurde in einem Artikel „Berliner Wohnbaublöcke“ als ein vornehmes Beispiel mit herrschaftlichen Mietwohnungen“ beschrieben. (Fußnote 274)

Und auf Seite 203f im dritten Band von „Berlin und seine Bauten“ wurden die Privatstraße im Bereich der Potsdamer Straße nicht nur ausführlich beschrieben, sondern die Verfasser resümierten: Wohnungen in derart gelegenen Häusern pflegen wegen der Ruhe, die sie bieten, sehr gesucht zu sein. (Fußnote 274)

So mußte auch Adolf Gradenwitz nicht lange auf Mieter warten. Sie kamen aus dem gehobenen Bürgertum, nur wenige Industrielle mieteten sich ein. Bankbeamte hingegen kamen viele. Die Immobilienbranche war vertreten, etwas Kunstgewerbe, eine damals noch unbekannte Kunsthandlung und der Mitinhaber eines alteingeesessenen Kunsthauses. Ein Jurist und zwei Architekten. Ein Professor für Malerei und eine Malerin nahmen ebenfalls Quartier. Und auch die links-bürgerliche Intelligenz fand ein zu Hause.

Terraingesellschaften und Architekten gehörten zum Berufsmilieu des Adolf Gradenwitz, Künstler zur Zukunftswelt seiner älteren Tochter. Als die Familie in den Villen-Winkel zog, war Berta Gradenwitz 18 Jahre alt. Über ihre Ausbildung ist wenig bekannt; in den Erinnerungen ihres Sohnes war sie ein (nicht überragend) begabte Malerin. ….. Zu vermuten ist auch, dass sie dort [im Haus des Künstlerinnenvereins in der Potsdamer Straße] eine Zeitlang Schülerin war. (89)

Als das Werk vollendet war, wandte sich Adolf Gradenwitz endgültig der Region um den Schlachtensee zu, den er schon seit 1894 im Auge hatte.

Und die Straße? Fußnote 268: Die „Potsdamer Privatstraße“ (inoffizieller Name) wurde 1936 nach einem General Bissing benannt („Bissingzeile“). Bissing war im 1. Weltkrieg der deutsche Generalgouverneur in Belgien; er zielte auf eine Angliederung der flämischen Gebiete an das Deutsche Reich. Erst 1955 wurde die Zeile zur öffentlichen Straße; die Benennung blieb unverändert.


Die AnwohnervertreterInnen zum Gleisdreick sind gewählt

Ich übernehme hier den Bericht von Matthias Bauer – der auf dem Gleisdreieck-Blog darüber berichtet:

Kontinuität und Neuanfang
Anwohnervertreter/innen Gleisdreieck neu gewählt
27. 05. 2011
Die Veranstaltung zur Neuwahl der Anwohnervertreter/innen am vergangenen Mittwoch im Gemeindesaal Wartenburgstraße war gut besucht und ist in sachlicher und konstruktiver Atmosphäre verlaufen. Das Ergebnis der Wahl ist eine Mischung aus Kontinuität und Neuanfang. Gewählt wurden Klaus Trappmann, Norbert Rheinlaender und Volkmar Wohlgemuth als Anwohnerverteter, Matthias Seidenstücker, Elisabeth Meyer-Renschhausen und Edelgard Achilles als Stellvertreter/innen.
Weitere Infos zu Wahl findet Ihr hier:

“Wo im Keller noch Käthe Kollwitz spukt”: …

Von Gastbloggerin Fotografin und Journalistin Susanne Wolkenhauer

Die Gegend rund um die Potsdamer Straße wird mehr und mehr zur Kunstmeile: Galerien und Künstler/innen siedeln sich an, auch in Medienberichten ist zunehmend vom „Kunst-Hotspot Potsdamer Straße“ die Rede, an dem die Kulturszene den „rauen Charme“ schätzt.

Wie läuft die Entwicklung weiter und was bedeutet das für den Kiez?

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Moderatorin Regine Wosnitza verliest ein Grußwort von Professor Hans-Hendrick Grimmling

Dass diese Frage viele beschäftigt, zeigte sich am 12. Mai 2011 bei einer Gesprächsrunde in der LISTROS-Galerie, die innerhalb der Ausstellung “im listrosjahr” von Hans-Hendrik Grimmling stattfand.

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Viel Interesse für Perspektiven an der Potsdamer Straße.JPG

Direkt vor Ort an der Kurfürstenstraße hatte sich eine bunte Mischung an Kulturinteressierten und Anwohner/innen zusammen gefunden, die fast die schönen Räumlichkeiten sprengte. Gemeinsam wollten sie mit Professorin Talja Blokland, Bezirksbürgermeister Christian Hanke MMM und dem Galeristen Peter Herrmann als Afrika-Kunst-Spezialisten nach einer Lesung der Potsdamer-Straße-Spezialisten Sibylle Nägele und Joy Markert dieser Fragestellung auf den Grund gehen.

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Autoren Sibylle Nägele und Joy Markert

Mit ihrer Lesung spannten Nägele und Markert einen kulturhistorischen Baldachin auf: Das Besondere der Potsdamer Straße gegenüber anderen Kunstquartieren Berlins ist eine zweihundertjährige Kunst-Geschichte, die immer noch spürbar ist und fortwirkt. Kunsthandlungen, Galerien und Verlage säumten die Straße, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Publizisten und Bildende Künstler/innen saßen hier neben Lithographen, Vergoldern oder anderen Kunsthandwerkern – ein Sammelbecken für jene, die wir heute als „Kreative“ und „Medienschaffende“ bezeichnen.

Damals wie heute trägt das „Halbseidene“ zum Charakter des Kiezes bei: Wo früher engagierte Schriftsteller gegen soziale Ungerechtigkeit oder für die Rechte der Frauen schrieben und heute Bilder und Skulpturen in ehemaligen Werkstätten ausgestellt werden, wo sich Künstler-Vereine gründeten und Kunsthochschulen niederließen, waren Cabarets und Vergnügungsstätten nie weit.

Eine spannende Mischung mit Geschichte, die die Journalistin Carmen Gräf in Markerts und Nägeles Broschüre „Charme-Offensive Potsdamer Straße“ so beschreibt: „Die Potsdamer Straße ist für mich wie Berlin: keine aufgetakelte Madame, sondern eine aufregende Frau, die gern gelebt hat und das offensichtlich immer noch tut.“

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Foto: Recep Aydinlar

In den letzten Jahren sind sehr viele neue Galerien ins Gebiet rund um die Potsdamer Straße gezogen, da stimmte Dr. Talja Blokland, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der HU Berlin, mit Nägele und Markert überein. Ein Unterschied zu früher sei aber die stärker internationale Ausrichtung der Neuankömmlinge, und dass heute, in Zeiten des Internets und des „schnellen“ Lebens, soziale Bezüge weniger an das lokale Umfeld gebunden seien. Der Effekt: Es bilde sich eine Gruppe von Leuten mit weniger Kiezbezug als bei den Alteingesessenen heraus, von Leuten, die mit ihrem Arbeits- oder Wohnort nicht so sehr das Verlangen nach netter, sauberer Kuscheligkeit verknüpfen und gerade deswegen sehr tolerant gegenüber dem Geschehen vor der eigenen Türe sind. Ein guter Mittelbau zwischen dem „Schmuddel-Kiez“ mit Straßenstrich und Trinkern und der Kleinbürgerlichkeit, vielleicht könnten die Zugezogenen sogar einen Mediatorenrolle einnehmen.

Zwei weitere Möglichkeiten warf Blokland in ihrer engagiert vorgetragenen Rollensuche für die Galerien in die Runde: Von der Arzt-Empfehlung bis zum Ausflugstipp – an allen Treffpunkten für Gruppen mit einem gleichen Interesse, in Sportclubs ebenso wie in Galerien, findet ganz nebenher ein Austausch auch über „fachfremde“ Themen statt, die Leute vernetzen sich. Galerien als Treffpunkte: Ob das funktioniere, sei nicht klar, aber jedenfalls eher als bei Veranstaltungen direkt unter dem Motto „vernetzt euch!“
Und nicht zu vernachlässigen seien die Galeristen als Unternehmer: Schließlich kommen ihretwegen Kunden mit Geld oder hohem sozialen Engagement in den Kiez – das gilt es zu nutzen, für Projekte oder als Fundraising-Quelle. Mal davon abgesehen, dass ja auch die Galerien selbst Arbeit schüfen: Den Boden zu putzen oder das Catering für die Vernissage zu machen bedeutet Jobs – im besten Falle für Leute aus dem Kiez.

Vor der viel befürchteten Gentrifizierung, der Vertreibung ärmerer Nachbarn aus einem sich verteuernden Kiez wie im Prenzlauer Berg, müsse man in Tiergarten Süd eher weniger Angst haben: „Hier ist die Ausgangslage ganz anders: Es gibt viele einzelne Hausbesitzer, die jeweils für sich handeln, hoffentlich auch verantwortungsbewusst gegenüber ihren Mietern.“ Wichtig sei einen Weg zu finden, um die Diversität, die Unterschiedlichkeit im Stadtteil zu behalten, die ja gerade auch seinen großen Reiz ausmache.

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Bezirksbürgermeister Mitte - Dr. Christian Hanke Foto: Recep Aydinlar

Die Vielfalt erhalten und die Nachbarschaften stärken – das sind auch für Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke entscheidende Ziele für „seinen“ Stadtteil. Dass Künstler und Galerien Einzug halten, gerade auch die kleineren, ärmeren mit Kiezbezug, begrüßt er sehr. „Die Leute finden das schön und interessant, so gewinnt ihre eigene Gegend für sie an Wertschätzung.“ Nach dem Schock über den Wegzug des Tagesspiegels sei das auch bitter nötig gewesen: Allen Unkenrufen zum Trotz ist das Gebiet auch dank der wachsenden Kunstszene nicht abgerutscht. Aber die Gegend hier lebe auch gerade vom bunten „Außenrum“ mit Läden, Cafés, dem Kiosk an der Ecke. „Die Potsdamer Straße ganz ausschließlich mit aneinandergereihten Galerien – bei dem Gedanken bekomme ich ja Depressionen, die Mischung hier ist das Schöne!“

Zur Mischung innerhalb der Kunstszene trägt auch die wachsende afrikanische Community im Bezirk bei, die auch mit afrikanischer Kunst im Gepäck kommt – und nicht nur mit typischer „Ethnokultur“. So bietet sich die Möglichkeit, afrikanische Literatur, Musik und Kunst besser kennen zu lernen und das eurozentrische Bild „Afrika gleich Hunger, AIDS, Malaria und Bürgerkriege“ zu erweitern. Eine Möglichkeit in gerade entstehenden Netzwerken, die Hanke durchaus auch durch Kommunalpolitik stärken möchte.

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Galerist Peter Herrmann

Peter Herrmann, dessen Galerie an der Potsdamer Straße den Schwerpunkt Afrika hat, kann da auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen. Ein großes Problem sei die mangelnde Wertschätzung eigener Kunst und Kultur in den afrikanischen Ländern. Die Vermittlungsebene fehle, auch Verbindungen über Botschaften in Berlin – für andere Länder oft selbstverständlich – seien mager.

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Dawit Shanko - Initiator und Leiter der LISTROS Galerie

Eine Einschätzung, die Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie teilt. Beide wünschen sich, dass Kunst und Kultur dazu beiträgt, Afrika eine ganz normale Rolle in Berlin spielen zu lassen. Herrmann: „Gerade in der Potsdamer Straße, wo Käthe Kollwitz noch im Keller der Häuser spukt, sehe ich da gute Möglichkeiten.“

Was macht einen Kunst-Ort aus? Diese Frage trieb die Beteiligten an einer kleinen Diskussionsrunde um: Ist das Kulturforum eine wüstenartige Brache, auf der man etwas Neues schaffen muss, und sei es, indem man – so Bloklands Idee – bunte Karussells dort aufstellt? Oder sind solche „unfertigen“, ungeregelten Orte etwas Wunderbares, an denen von selber etwas entstehen kann und die man auch mal ganz anders nutzen könnte?

Wie werden Kunst-Orte zu Begegnungs-Orten? Indem man auf dem Kulturforums-Platz ein Barbecue veranstaltet? Oder wie im Verein Berliner Künstler Führungen und Programm für ein gemischtes Publikum anbietet? Oder wenn man nach der diesjährigen „Kindermagistrale“, auf der im Sommer an mehreren Tagen Kunstaktionen mit Kindern stattfinden werden, eine Ausstellung der entstandenen Werke in einer „echten“ Galerie macht, die so zum Projektraum wird, den auch Eltern und Verwandte besuchen? – Für letztere Idee ließ sich Dawit Shanko von der LISTROS-Galerie spontan begeistern: Wir dürfen also schon jetzt gespannt sein!

Alle Anwesenden konnten von dem ungemein anregenden Abend im schönen Rahmen der LISTROS-Galerie etwas mitnehmen: Das zeigte sich schon an den zahlreichen Grüppchen von Leuten, die trotz der vorgerückten Stunden noch eifrig weiter diskutierend mit einem Glas Wein oder einem Tässchen äthiopischen Kaffees zusammen standen.

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Dr. Hanke erhält die Listros-Box

Eine Besonderheit zum Anfassen bekam Bürgermeister Hanke mit auf den Weg: Ihm überreichte Dawit Shanko eine echte abgegriffene LISTROS-Schuhputzerbox. Diese Boxen ermöglichen Straßenkindern im äthiopischen Adis Abeba, mit ihrer Arbeit zum eigenen Unterhalt und dem ihrer Familien beizutragen – und im Rahmen eines Kunstprojekts sind über 3.000 von ihnen, mit Sätzen von den Kindern selbst im Inneren, als Kultur-Botschaften in der Galerie gelandet.

Hankes Box enthält den kurzen Brief eines fünfzehnjährigen Mädchens: „Liebe Welt, ich freue mich, dass ich dir schreiben kann! Aber hörst du mich auch?“

Camaro in der Philharmonie – ein Brückenschlag

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Am vergangenen Sonntag lud die Camaro-Stiftung in die Philharmonie zur einer Ausstellungseröffnung über den Künstler Alexander Camaro (1901 – 1992) und ermöglichte eine bewußte Betrachtung der wunderbaren Glasfenster, die er dort schuf.

Geht man abends in die Philharmonie, sieht man sie von außen leuchten, doch am diesem Sonntagmorgen ließ der Sonnenschein das Foyer in blau, grün und rot erstrahlen.

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Camaro, so wurde er beschrieben, war immer Tänzer und Komödiant geblieben. Seine Erlebnisse als Tänzer hat er in Bilder umgesetzt. Seine Vielseietigkeit als Maler ließ ihn abseits aller Kategorisierungen stehen. Er war ein Solitär in der Kunstgeschichte. Seine Heiterkeit, Liebenswürdigkeit, sein Charisma, seine Melancholie und auch Sturheit wurde beschrieben.

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Seine Frau Renata konnte vor ihrem Tod im Jahr 2009 noch die Stiftungsurkunde entgegen nehmen. Sichtlich bewegt sprach ihr Bruder Theodor Gentner, der die Alexander und Renata Camaro Stiftung leitet.

Dann waren die Gäste zu einer „Preview“ in die neuen Stiftungsräume eingeladen. Per Rikscha, zu Fuß und im Auto ging es über die Brücke hinein in die Potsdamer Straße.

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Das Gebäude in der Potsdamer Straße 98 wurde 1892/93 erbaut und beherbergte zunächst eine Zeichen- und Malschule, da Frauen an Akademien nicht zugelassen waren. 1911 wurde für sie und den Verein der Künstlerinnen zu Berlin (VKKB) am heutigen Schöneberger Ufer 71 ein Haus gebaut. Später arbeitete Camaro dort in seinem Atelier. Und nun schließt die Stiftung sozusagen wieder den Kreis zu einem Ort, wo auch Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker lernten und arbeiten.

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Die räume der Camaro Stiftung sind zunächst nur kurze Zeit der Öffentlichkeit zugänglich. Es lohnt sich jetzt schon vorbeizuschauen. Wunderbar hergerichtet die großen lichten Räume in der dritten Etage. Die offizielle Eröffnung ist dann im Herbst.

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„Beide wären jetzt wahrscheinlich hoch zufrieden,“ vermutete Theodor Gentner über seine Schwester Renata und ihren Mann Alexander Camaro.

STADT-entwicklung und Entwicklung-sPOLITIK

Eine Veranstaltung bei Listros zum Thema „Kunst und Entwicklungspolitik“ brachte mich auf den Gedanken, einige der an dem Abend vorgestellten Ideen doch mal auf das Thema Stadtentwicklung und Potsdamer Straße zu übertragen.

Doch bevor ich dazu komme, noch ein Hinweis auf die Veranstaltung „Kiezperspektiven – Erst Kunststraße jetzt Kunstmeile“, zu der LISTROS am 12. Mai um 19 Uhr gemeinsam mit dem Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke einlädt. Hier wird es um Perspektiven an der Potsdamer Straße im Angesicht der gegenwärtigen Entwicklung zur Galerieszene gehen.

Zurück zum Thema: Bei der Gründung Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vor 50 Jahren wurde klargestellt, dass Kulturpolitik als Begriff in keinem BMZ-Papier zu erscheinen habe. Die kulturelle Dimension menschlichen Lebens war per definitionem kein Bestandteil von Entwicklungspolitik.

Mit diesem Hinweis auf eine heute unvorstellbare Herangehensweise eröffnete Konrad Melchers, (eh. Chefredakteur der “Zeitschrift Entwicklungspolitik” – heute “Welt-Sichten“) die Veranstaltung KUNST UND ENTWICKLUNGSPOLITIK, die im Rahmen der Ausstellung “im listrosjahr 2010″ von Prof. H. H. Grimmling in der letzten Woche stattfand. Natürlich ist immer noch zu fragen, ob Kunst in solch einen Funktionszusammenhang gestellt werden sollte. Denn es besteht die Gefahr der Instrumentalisierung, manche Künstler beschreiben solch ein Vorgehen als Propaganda.

Beim Quartiersmanagementverfahren ist es doch ganz ähnlich. Nach einer langen Zeit der Bauprojekte, wurde der Fokus doch erst in den letzten Jahren auf das Erreichen nachhaltiger Strukturen durch Kultur und Bildung gelegt.

Foto: Thabo Thindi - Jozi.tv

Deshalb war es umso spannender zu hören, wie Annette Braun (eh. Kunstbeauftragte des Evangelischen Entwicklungsdiensts – eed ), Randa Kourieh-Ranarivelo, Koordinatorin für Kultur und Entwicklung, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit – GIZ ) und Cornelia Dümcke, Kulturökonomin und Projektentwicklerin, Culture Concepts auf dem LISTROS-Panel diskutierten, inwieweit sich die alten Positionen überholt haben und wie Kunst und Entwicklungspolitik heute zusammen gehen.

Während die United Nations - Milleniumsziele im Jahr 2000 Kultur noch überhaupt nicht mit einschlossen, gab es zehn Jahre später die Vereinbarung, dieses Versäumnis nachzuholen. Der Evangelische Entwicklungsdienst (eed) hingegen befasst sich schon länger mit der Vereinbarkeit von Kultur und Entwicklungspolitik. „Kultur ist eine ergänzende Dimension und vermag etwas, das Entwicklungspolitik nicht kann,“ sagte Annette Braun. „Kunst geht über die kognitive Dimension hinaus und kann unter die Haut gehen. Kulturelle Vielfalt kann Menschen helfen, ihre eigenen Stärken zu entdecken und zu leben. Gleichzeitig initiiert Kunst gegenseitige Wertschätzung und kann durch den Abbau von Vorurteilen Heilungsprozesse anstoßen.“

Foto: Thabo Thindi - Jozi.tv

In ihrem Beitrag kam Cornelia Dümcke sehr schnell zu den noch existierenden Stolpersteinen zurück. „Das Begriffspaar Kultur und Entwicklung hat an Bedeutung gewonnen und es wird nicht mehr bestritten, dass Kultur in den Entwicklungszusammenhang gehört,“ bestätigte sie zunächst, um gleich hinzuzufügen, dass eine strategische Verankerung noch immer unendlich schwierig sei. „Viele politische Beamte betrachten die kulturellen Sektoren als untergeordnet, denn sie verbrauchen mehr Geld als sie generieren. Aber diese Arbeit und Beschäftigung nur auf Umsatz abzuklopfen, reduziert die Debatte. Es entspricht nicht der Arbeitsweise von Kunst, immer Resultate zu erzeugen.“ Hier sei Übersetzungsarbeit nötig, denn Künstler und Entwicklungspolitiker sprächen völlig unterschiedliche Sprachen.

Na, das haben wir ja gerade bei den (immer noch andauernden) Kürzungsdebatten erlebt. Liest man die Verlautbarungen aus dem Bauministerium, ist eine gemeinsame Sprache nicht zu erkennen. Vermittlungs- und Übersetzungsarbeit ist auch hier dringend notwendig.

Foto: Thabo Thindi Jozi.tv

Alle waren sich einig, dass durch die Besinnung auf den Begriff der aktiven kulturellen Teilhabe einiges erreicht werden könne. Cornelia Dümcke verwies auf Studien, die klar zeigen, dass Individuen sich durch kulturelle Teilhabe verändern, dass ein enger Zusammenhang zwischen kultureller Teilhabe und Wohlbefinden besteht und dass sich all dies positiv auf die Volkswirtschaft auswirkt. Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen kultureller Partizipation, Bildung und Ökologie. Und nicht zuletzt bedeutet lebenslanges Lernen eine kulturelle und darüber hinaus eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft.

Da gäb es aus allen QM-Gebieten zahlreiche praktische Beispiele zu liefern.

Über die Kreativwirtschaft, so Konrad Melchers in einem weiteren Gedankengang, sei es möglich deutlich zu machen, dass alle Kulturen ihre eigenen Kulturstärken haben. „Damit sind Begegnungen auf Augenhöhe möglich,“ fügte er hinzu. „So können Veränderungen leichter erreicht werden.“

Diesen Gedanken finde ich ja gerade in Hinblick auf die sich ansiedelnden Galerien spannend. Bei meinem Spaziergang durch die Potsdamer Straße am Gallery Weekend hatte ich nicht den Eindruck, dass die Nachbarschaft unterwegs war. Die Frage ist, wie zwischen diesen beiden Welten vermittelt werden kann.

(Nebenbemerkung: Leider hat das örtliche Gewerbe auch nicht die Chance genutzt, die BesucherInnen willkommen zu heißen. Sonntag um 15 Uhr war kein Krümelchen Kuchen mehr zu finden.)

All dies ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Transformation,“ ist Randa Kourieh-Ranarivelo überzeugt. „In unseren Projekten geht es allerdings nicht um reine Kultur. Diese steht immer im Zusammenhang mit strukturellen Bedingungen. Doch ist Kultur die vierte Dimension einer nachhaltigen Entwicklung. Wenn man sich in Afrika nicht um Kultur kümmert, kann man Ziele nicht erreichen. Das ist eine international anerkannte Tatsache.“

Dito Potsdamer Straße.

Inwieweit internationale und damit auch deutsche Hilfe in Afrika wichtig ist, dazu gab es abschließend zwei gegensätzliche Bemerkungen. „Im südlichen Afrika sind es die internationalen Organisationen, die gerade auch kritischen Künstlern die Möglichkeit einer Stimme geben, indem sie finanzielle Unterstützung für Projekte zur Verfügung stellen,“ sagte Cornelia Dümcke.

Annette Braun hingegen vertraut eher auf die Eigenständigkeit. „Wir brauchen keine Sorge zu haben,“ sagte sie. „Künstler in Afrika machen das auch ohne GIZ und eed.“

Frage bleibt, wie wir es hier ohne Quartiersmanagementverfahren machen. Doch da bahnen sich ja mit dem Projekt INITIATIVE Bürgerstiftung auch neue Wege an.

Afrika zieht um

oder: ein Bretterzaun, eine Künstlerin, viele Jugendliche, ein Besuch im Völkerkundemuseum und zwei Kiezaktionen

Kapitel 1
Wie Afrika in die Pohlstraße kam

In den Sommerferien kann man auf viele Weise verreisen. Die Künstlerin und die Jugendlichen gingen ins Völkerkundemuseum und schauten auf den Kontinent namens Afrika. Welche Länder, welche Sitten, welche Menschen? Dann gingen sie an einen Bretterzaun in der Pohl11. Malten mit gelb, orange, blau, grün farbenfroh was sie gesehen hatten.

So kam Afrika 2009 in die Pohlstraße 11 und wollte eigentlich dort bleiben.

Afrika - Pohl11

Kapitel 2
Wie Afrika in Gefahr geriet

Nun ist es soweit, hieß es vor einigen Monaten. Alle hatten es gewusst, doch niemand hatte es wahrhaben wollen, dass die Freifläche mit Beachvolleyball, Festen und Open Air Kino eines Tages wirklich einmal bebaut würde. Mit Wohnungen für Kinder, die nie in dem großen Sandkasten spielen und NeuwohnerInnen, die sich dort nie zum Grillen treffen würden. Die Bagger kamen und Afrika war in Gefahr zersägt und zu Müll zu werden.

Kapitel 3
Wie Afrika gerettet wurde

Eines Tages radelte eine Frau durch die Pohlstraße. Blickte auf Afrika in der Pohl11. Wurde wehmütig. Radelte weiter, kam noch nicht mal ganz bis zur Pohl52 und wusste: das isses, hier kanns hin. KiezbewohnerInnen waren schnell von der Idee begeistert und auch Retter zur Stelle.

berieten

schraubten

kippten

kippten

sägten

sägten

Kapitel 4
Wie Afrika auf Transport ging

Und dann kam der große Moment. Afrika war schwer, doch mit zwei Schubkarren und kräftigen Männern rollte es bald die Pohlstraße entlang.


los geht's

los geht's

fast da

Ebe Ano

Pohl52

Kapitel 4
Wo Afrika ein neues Zuhause fand

Denn was liegt näher als Afrika dorthin zu bringen, wo nix ist als eine weiße kahle Stelle und „wo es passiert“. Das ist die deutsche Übersetzung für Nigerianisch „Ebe Abo.“ Doch noch war Afrika nicht ganz am Ziel.

Es

es

wurde

aufgerichtet

aufgerichtet

ausgebessert

eingepasst

eingepasst

zurecht gerückt


Danke an alle, die geholfen haben. Stellvertretend für alle: dem Oberbaumeister Josef Lückerath.

Oberbaumeister

Afrika - Pohl52