Schlagwort-Archiv: Tiergarten

Was wir sehen, was wir benennen, was wir erkennen

Der Artikel ist entstanden im Rahmen des Winterkurses “Online Journalismus – Recherchieren und Bloggen” des Career Center der Humboldt Universität

Von HU-Gastbloggerin Natascha

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„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“
– Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Der Mensch erschafft seine Wirklichkeit. Er schafft Räume, Stadträume und Straßen, die er mit Leben und Funktion erfüllt. Dieses unterhält er fortwährend, neu erschaffend und die Natur drumherum spricht hierbei kontinuierlich mit. Wie nach jedem Schöpfungsakt steht man davor, betrachtet es und will es beschreiben und verstehen. Hierbei wird man überflutet von einem Meer aus Zeichen, Begriffen, Sinngehalten, Objekten – und der Geist versucht alles zu einem klaren Gedanken zusammenzuschmelzen, fast schon zu einer geistigen Sinnlichkeit.

Der Mensch: Schöpfer und Interpret

Dieser Augenblick hat zur Bedingung, dass Zeichen, die Begrifflichkeiten und Objekte in einem klaren Zusammenhang zueinander stehen. Schon die Hochkultur der Griechen, vertreten durch Aristoteles und Platon, haben diese Entschlüsselung erkannt und in Form des sogenannten semiotischen Dreiecks verbildlicht. Seither steht die Semiotik für die Lehre von der Bedeutung der Zeichen als Grundlage des Denkens und der Kommunikation.

Im Konkreten: Das Hier und Jetzt

Nehmen wir Berlin mit seinen Großstadtstraßen und sehen wir im besonderen auf die Potsdamer Straße, erfassen wir die Materialität der Straße und fragen danach, wie die Dinge, die wir sehen, zu den Bildern führen, die von ihr in uns entstehen.

Diese Fragen stellte sich auch Eva Reblin in ihrer Dissertation „Die Straße, die Dinge und die Zeichen – Zur Semiotik des materiellen Stadtraums“. Sie untersuchte die Potsdamer Straße auf eine nie zuvor beschriebene Art: Wann und wie materielle Dinge einer solchen Großstadtstraße zu einer eigenen Bedeutung und zu einer bestimmten spezifischen Straßeninterpretation führen. Aus einer Anzahl von Leitfadeninterviews gelingt es ihr, vielschichtige Bedeutungslinien zu den hinterfragten Stadterscheinungen offenzulegen. Gemessen an der fast unbegrenzten Zahl der möglichen Interpreten, dem unendlichen Universum der Semiose, kann diese Analytik, wie auch Eva Reblin darlegt, jedoch nur unter einschränkenden Modellierungen und Hypothetik zu entsprechenden Ergebnissen führen.

Also, dann lassen wir doch die Dinge verspielt im Geiste treiben, ohne sie allzu sehr auf die Probe zu stellen.

Zum Buch:
 Eva Reblin
„Die Straße, die Dinge und die Zeichen – Zur Semiotik des materiellen Stadtraums“
Transcript Verlag, 1. Aufl., 464 Seiten
ISBN 978-3-8376-1979-9

Galerie cubus-m – Kunst an der Potsdamer Straße

Geschrieben von Gastblogger Jan im Rahmen des Sommerkurses 2012 „Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ am CareerCenter der Humboldt-Universität

Das Bild der Potsdamer Straße befindet sich im Wandel. Einen festen Bestandteil  bilden dabei die vielen Galerien, die sich in den letzten Jahren rund um das Gebiert niedergelassen haben. Im Jahr 2010 wurde in der Pohlstraße 75 schließlich die Galerie cubus-m eröffnet. Auf zwei Ebenen und rund 80 m² finden hier pro Jahr bis zu acht Ausstellungen statt. Weiterlesen

Achilles Orthopädie Schuhtechnik – „die letzte Bastion“

Artikel von Gastbloggerin Anne geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 „Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen“ am Career Center der Humboldt Universität

Vom Adidas-Sneaker-Nachbau bis zum Diabetikerschuh stellt die Achilles Orthopädie Schuhtechnik in der Kluckstraße eigentlich fast alles her, solange es vom Patienten benötigt oder gewünscht wird. Es wird nur auf Bestellung und nur auf Maß angefertigt. Dabei hat das Geschäft den Spagat zwischen traditioneller Handwerkskunst und modernster 3D-Technik zu meistern.

Die Anfänge des Ladens führen weit zurück bis in die Nachkriegszeit. Zunächst befand sich das Geschäft in der Augsburger Straße. Nach einem kriegsbedingten Umzug ist es seit den 50er Jahren in einem denkmalgeschützten Haus, das im Jahr 1872 erbaut wurde, in der Kluckstraße ansässig. Diese Lage wurde allerdings später problematisch für den Laden. Als Durchgangsstraße bot die Kluckstraße zunächst reichlich Laufkundschaft, aber um die Prostitution zu unterbinden, wurde eine künstliche Sackgasse zwischen Pohlstraße und Kluckstraße errichtet.

Arbeitsüberlastung trotz inzwischen etwas unvorteilhaft gewordener Lage in der Kluckstraße

Für Volkmar Dornick, der erst im Frühjahr 2011 die Geschäftsführung übernahm, ist sein Laden daher „die letzte Bastion in einer toten Straße“. Durch die Lage hat der Laden eine Sonderstellung in der Gegend inne und damit auch keinerlei Konkurrenz zu befürchten. Allerdings kann er schon lange nicht mehr mit Laufkundschaft im eigentlichen Sinne rechnen. „Wir versuchen uns daher mit Qualität zu etablieren. Damit gehört man schon zu der aussterbenden Gattung – und wir werden oft belächelt.“ Auf der anderen Seite kommt es durchaus auch vor, dass eine Kundin oder ein Kunde extra aus Hamburg anreist, um ihre oder seine Wunsch-Schuhe bei Achilles anfertigen zu lassen.

Werkstatt

Als Volkmar Dornick das Geschäft übernahm, war die Kunstszene der Gegend oder die dadurch stattfindende Aufwertung des Kiezes nicht von großer Bedeutung für ihn. Er schätzt den Kiez zwar als sehr bunt, aber lange noch nicht so alternativ wie man denken mag, ein. Vielmehr war die Arbeit des Vorbesitzers ausschlaggebend für ihn. Im Gespräch mit ihm habe ich den Gedanken, dass er seine Arbeit wirklich lieben muss, denn er erzählt mir von seiner 70 bis 80h-Woche. Trotz vier weiteren Mitarbeitern und zwei Halbtagskräften ist er ziemlich überlastet und Bürokratie sowie Organisatorisches nehmen viel Zeit ein. Er zeigt auf seine zwei Smartphones, ohne die sein Arbeitsalltag auch in dieser Branche kaum noch zu bewältigen wäre.

Skurrile und außergewöhnliche Schuhe wie nirgends sonst

Der Vorbesitzer Klaus Achilles war insbesondere für seine bunten, skurrilen Kreationen bekannt. „Das Skurrile war sein Markenzeichen“, erklärt Volkmar Dornick. Und so kam es nicht selten vor, dass Klaus Achilles eine Anfertigung mehrmals erledigen musste, denn nicht jeder bzw. jede war offen für seine eigenwilligen Kreationen. Mehr als 24 Jahre war Klaus Achilles der Geschäftsführer des Ladens und lebte zeitweise sogar in einer Wohnung hinter den Werkstatträumen. Auch heute noch zeugt die immense Auswahl an Leder in den unterschiedlichsten Farben und extravagantesten Mustern im Keller des Geschäfts von seiner Kunstfertigkeit.

Mehr als „nur“ Schuhe

Die Patienten kommen mit einem manchmal mehr, manchmal weniger schwerwiegenden Problem zu Volkmar Dornick. Oder er kommt eben zu ihnen, denn Hausbesuche stehen für ihn im Arbeitsalltag ebenso an der Tagesordnung. „Bei Hausbesuchen dringt man auch in die Privatsphäre der Personen ein und man lernt sehr viel von ihnen kennen. Teilweise ist es richtig finster.“ Die Beratung seiner Patienten steht für Dornick an oberster Stelle. Er erklärt, dass seine Arbeit bei vielen Patienten über das bloße Anfertigen von Schuhwerk hinausgeht und man häufig fast schon eine psychologische Betreuung leisten muss.

Von außen ist das Besondere an diesem Laden vielleicht nicht sofort auf den ersten Blick zu sehen. Mir wird bei meinem Besuch jedoch schnell klar, wie viel Akribie und Kreativität eigentlich in der Arbeit steckt, die in diesem Laden Tag für Tag ausgeführt wird. Der Laden in der Kluckstraße trägt viel an alter Tradition, aber auch an Individualität in sich. Es bleibt der Achilles Orthopädie Schuhtechnik zu wünschen, dass der Laden sich viele weitere Jahre als letzte Bastion in dieser Gegend halten kann – oder vielleicht gar nicht mehr die letzte Bastion sein muss.

Buchhandlung am Kleistpark – Ein Kleinod

Artikel von Gastblogger Moritz, geschrieben im Rahmen des Sommerkurses 2012 “Online-Journalismus – Recherchieren und Bloggen” am Career Center der Humboldt Universität

Fast an historischer Stelle gelegen, ist die Fachbuchhandlung am Kleistpark schon so etwas wie eine Rarität in der Potse. Nicht alleine wegen des Fokus auf Botanik und Zoologie, sondern schon weil es eine Buchhandlung ist, und diese sind in der Tat rar geworden.

Die Buchhandlung in der Potsdamer Straße 180 gibt es schon fast 60 Jahre, seit 1954 um genau zu sein. Und das Mobiliar ist genauso alt, was man ihm aber nicht ansieht. Wenn man das Geschäft betritt, so tritt man in einen Raum der Ruhe. Die hektische und lärmende Potsdamer Straße rückt in weite Ferne, der Duft von Büchern und Wissen umfängt einen, aber auch der von Beständigkeit mischt sich unter.

Wer sich in dem Geschäft ein wenig umschaut, findet auch den Grund für Letzteren. Zwischen den verschweißten Neuerscheinungen und den leuchtenden Buchrücken des neueren Bestands, erblickt das Auge auch die matten Buchrücken von Büchern aus anderen Zeiten. Bücher, die wegen des Inhalts gekauft wurden, nicht aufgrund von Marketingmaßnahmen. Hier stehen ein paar, dort stehen ein paar, fast versteckt, einfach herrlich.

Es sei so schon häufiger vorgekommen, dass Kunden beim Anblick eines älteren Buches ein freudiges „genau dieses Buch habe ich lange gesucht“ entfährt.

Fachbuchhandlung für Botanik und Zoologie mit Geschichte

Es ist zwar eine Fachbuchhandlung, aber das war die Buchhandlung am Kleistpark nicht immer. Am Anfang war es eine „normale“ Buchhandlung, und keine Fachbuchhandlung, zwar in derselben Räumlichkeit, allerdings mit gesonderten Büros, einem Keller und einem begehbaren zweiten Stock im Hauptraum dazu.

Die heutige Inhaberin, Frau Gajewsky, leitet das Geschäft zwar erst sei Mai letzten Jahres, aber das Datum täuscht. Sie hat das Geschäft von ihrem Mann übernommen, der dies schon 1995 von den damaligen Eigentümern übernahm, bei denen er seit 1974 angestellt war. Kein Wunder also, dass sie über das Geschäft, aber auch über Berlin, so einiges erzählen kann. Und eigentlich kommt sie gar aus Schweden, aber das ist schon mehr als 40 Jahre her. Auch wenn sie jetzt das Geschäft leitet, so ist ihr Mann weiter mit dabei und kümmert sich vor allem um die älteren Schätze, nur eben nicht mehr den ganzen Tag. Wer also einen speziellen Wunsch hat, sollte sich vormittags auf den Weg in die Buchhandlung machen.

Kleiner aber feiner

Das gleiche Angebot konnte nicht behalten werden, dafür war nach dem Verkauf des die Buchhandlung beherbergenden Gebäudes einfach nicht genügend Platz. Eine neue Ausrichtung musste her und da der andere Buchladen in der Straße sich auf Karten und Atlanten spezialisiert hatte, entschied man sich eben für Botanik. Dass dies auch genau dem Interesse des Ehepaars Gajewsky entsprach, wird hier wohl den Ausschlag gegeben haben – und weniger die Tatsache, dass dann eine Fachbuchhandlung für Botanik und Zoologie wieder fast an historischer Stelle stünde.

Denn der Heinrich-von-Kleist-Park, der auch der Buchhandlung seinen Namen verlieh, war tatsächlich früher ein botanischer Garten. Der Bestand an Pflanzen und Bäumen wurde zwar bis auf einen vor längerem bereits nach Berlin-Dahlem gebracht, um den dortigen Botanischen Garten aufzubauen, trotzdem schließt sich der Kreis. Immer dann, wenn dort eine Ausstellung oder ein Markt stattfindet, ist auch die Buchhandlung mit einem Stand vertreten.

Buchhandlung bleibt Buchhandlung

Trotz der Fachausrichtung hat die Buchhandlung natürlich auch das normale Angebot an Büchern im Sortiment. Wer eine Sprache lernen will oder kochen möchte, findet hier sein Nachschlagewerk, und wer Spannung mag, dem wird mit einer guten Auswahl an Krimis gedient.

Erörterungsveranstaltung Kurfürstenzentrum

Donnerstag, 9. August von 19 – 21 Uhr
Gemeindehaus Adolf-Kurtz-Haus
An der Apostelkirche 1, 10783 Berlin

Auf dem jetzigen Möbel-Hübner-Parkplatz soll mit dem „Kurfürstenzentrum“ ein Nahversorgungszentrum und Parkhaus entstehen. Die öffentliche Auslegung des Bebauungsplanentwurf nimmt der Quartiersrat Magdeburger Platz zum Anlass, mit interessierten BürgerInnen und den beteiligten Verantwortlichen zu diskutieren.

Bereits im Jahr 2008 hat der Quartiersrat qualifizierte und produktive Anregungen zu dem Nahversorgungszentrum und zu seiner städtebaulichen Planung gesammelt und diese dem Bezirksamt und dem Investor zur Verfügung gestellt. Damals wurde auch eine weiterführende Einbeziehung der BürgerInnen zugesagt. Von den damals gemachten Vorschlägen finden sich nur wenige in dem jetzt ausgelegt Bebauungsplanplan wieder. Dazu haben die Quartiersräte Madgeburger Platz und Schöneberger Norden bereits eine Stellungnahme verfasst.

Nun möchten wir allen Beteiligten eine weitere Möglichkeit zu einer öffentlichen Erörterung des Planes geben. Folgende Fragen stellen sich uns: Sind die im Erdgeschoss geplanten Ladenflächen im Gebiet notwendig? Auf welchen Erkenntnisse beruht die Planung von 370 Plätzen in dreigeschossigen Parkhaus? Wie soll eine Nutzung des Parkhauses als Vollzugsort der Prostitution verhindert werden oder kann das überhaupt verhindert werden? Ist die Fassadengestaltung geeignet an dieser Stelle der Kurfürstenstraße eine offene Atmosphäre zu schaffe? Inwieweit geht die städtebauliche Planung auf die nahe Umgebung ein?

Folgende Verantwortliche bei der Veranstaltung anwesend sein werden:

Franz Josef Glotzbach, Investor und Mitarbeiter des beauftragten Planungsbüros
Steffen Klette, Stadtplanungsamt Bezirk Mitte
Andreas Fuhr, Pfarrer der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde

Möchten Sie sich vor der Veranstaltung über den vorhabenbezogenen Bebauungsplans II-125-1VE „Kurfürstenzentrum“ für die Grundstücke Kurfürstenstraße 41-44 im Bezirk Mitte, Ortsteil Tiergarten informieren, können Sie dies im Büro des Quartiersmanagement in der Pohlstraße 91, 10785. Öffnungszeiten sind Montag – Donnerstag 9 – 16 Uhr und Freitag 9 – 12 Uhr.

Einsicht ist auch möglich im Bezirksamt Mitte von Berlin, Abteilung Stadtentwicklung, Bauen, Telefon 9018-45873 während der Dienststunden Montag bis Mittwoch von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr, Donnerstag von 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr und Freitag von 8.00 Uhr bis 14.00 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung.

Im Rahmen des öffentlichen Beteiligungsverfahrens können Sie auch noch bis zum 23. August 2012 eine Stellungnahme zum Bebauungsplan abgeben, entweder durch Einsenden an die o.g. Adresse des Bezirksamts, durch Abgabe im Büro des Quartiersmanagements oder auch Online .

Rettung des Kiezmosaiks

Zwischen 2009 und 2012 entstand an der Mauer des Seniorenheims der Evangelischen Elisabeth Klinik in der Lützowstraße auf einem circa 1 Meter hohen und 15 Meter langen Fries das „Kiezmosaik“, ein Projekt von Anita Staud und Regine Wosnitza.

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KiezbewohnerInnen, SchülerInnen der Allegro Grundschule, BewohnerInnen des Seniorenstiftes der Ev. Elisabeth Klinik, Klinikpersonal, Mitglieder der Malkurse von Anita Staud, BesucherInnen des Frauentreffs Olga, PassantInnen und KünstlerInnen aus dem Kiez Tiergarten-Süd bemalten einzelne Backsteine mit historischen und zeitgenössischen Motiven.

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Anfang 2012 ereilte uns die Nachricht, dass das Seniorenheim abgerissen werden sollte. Dies war nicht nur aufgrund der gemeinsamen kreativen Arbeit von so vielen Menschen am Kiezmosaik zu bedauern, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass das Gebäude eines der ältesten im Kiez ist. Denn die Evangelische Elisabeth Klinik ist nach der Charité das zweitälteste Krankenhaus Berlins. Errichtet wurde das Gebäude im Zuge der Bebauung der Potsdamer Straße Ende des 19. Jahrhunderts.

Glücklicherweise konnten wir während der Abrissarbeiten, die im April 2014 begannen, einen Stopp erwirken und zogen so mit Hammer, Meißel, Handschuhen und Muskeln dorthin, um wenigstens einen Teil der Backsteine zu retten. Herzlichen Dank an die Bauleitung und die Leitung der Evangelischen Elisabeth Klinik, die dieses möglich gemacht hat.

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Von freilaufenden Kaninchen und Diskriminierung

von HU-Blogger Christoph

Das Freizeitzentrum in der Kluckstraße ist ein Ort der Begegnung unterschiedlichster Menschen. FiPP, KomBi und Gladt – von einer Initiative zur Gartenarbeit mit Kindern, über eine Selbst-Organisation zur Hilfe bei Diskrimierung bis hin zu einer Fortbildungsinitiative für Lehrkräfte.

Wenn man in dem großen Garten in der Kluckstraße unterwegs ist, sieht man überall fleißige Gärtner_innen. Auch hinter mir raschelt es im Gebüsch. Sophia ist gerade dabei einen kleinen Graben auszuheben. Das aktuelle Projekt heißt „Bauerngarten“, wie ich erfahre.

Doch gibt es da ein kleines Problem: die freilaufenden Kaninchen. Wenn man etwas ernten will, muss also ein Zaun her. In Zusammenarbeit mit dem ‚Produktionsschule Sägewerk Grunewald‘ soll in dieser Woche ein traditioneller Lattenzaun gesetzt werden.

Bereits seit zwei Jahren läuft das Projekt „Wachsen lassen“, was man dem eindrucksvollen Garten ansieht. Das Angebot ist sehr vielfältig. Von der Arbeit mit Kleinkindern, dem Brotbacken im Lehmofen, über kleinere Gartenprojekte von Anwohner_innen bis zum Anbauen von Gemüse. Bei vielen kreativen Projekten hilft eine Künstlerin mit. So soll der neue Zaun auch später von den Kindern bemalt werden, erzählt mir Gabriele und ihre Augen leuchten dabei.

Gemeinsam Freizeit haben

Nicht weit entfernt hört man Kinder. Es wird gerade Fußball gespielt. Das Match wird kurz unterbrochen. Jan muss sich die Schuhe zumachen und Olé will einen Schluck trinken. Auch Jasmin spielt mit. Eine bunt gemischte Truppe eben.

Die großen Doppeltüren des Gebäudes stehen zum Hof hin offen, jede_r ist in den Räumlichkeiten willkommen. Einige Kinder sitzen und basteln, andere sind am Kicker aktiv. Es ist eine herzliche und vergnügte Atmosphäre.

Hier treffen sich vor allem Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil. Es ist ein Spiegel der Kulturen im Kiez. Ein Ort der Vielfalt, indem Menschen mit unterschiedlichen sozialen Herkünften, Sprachkompetenzen, geschlechtlichen Identitäten, Befähigungen und religiösen Anschauungen aufeinander treffen. Sicher nicht immer reibungslos.

Fotos: Gabriele Koll

Hilfe bei Diskriminierung – die Initiativen Gladt und KomBi

Im ersten Stock des Mehrzweckhauses sind die Initiativen Gladt und KomBi zuhause. Beide Organisationen setzen sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LSBT) ein.

Gladt ist die einzige unabhängige Selbst-Organisation, von türkeistämmigen LSBTs in Deutschland. Das Angebot richtet sich nicht nur explizit an queere Migrant_innen, sondern auch speziell an deren Angehörige und Freunde. Es werden kostenlose Beratungen zu zahlreichen Themen angeboten, die anonym und bei Bedarf auf verschieden Sprachen durchgeführt werden können.

Die Referent_innen sind unterwegs in unterschiedlichen Einrichtungen im Kiez, von der geschlechtsneutralen Erziehung in Kitas bis hin zu Gesprächsrunden in Seniorenresidenzen.

Entscheidend ist der Ansatz der Mehrfachdiskriminierung erläutert Tuğba, als eine der Projektkoordinator_innen. Die Betroffenen sind oft Opfer verschiedener Formen von Diskriminierungen, wie Homophobie, Rassismus oder Transphobie.

Die Organisation ist international aufgestellt, veröffentlicht Infomaterialien unter anderem dreisprachig und arbeitet momentan mit einer Gruppe aus Spanien zusammen.

Fortbildung von Lehrer_innen bei KomBi

Das Angebot von KomBi (Kommunikation und Bildung) richtet sich neben Schulklassen vor allem an Sozialarbeiter_innen, Erzieher_innen oder Lehrer_innen. In ein- bis zweitägigen Seminaren wird konkret zu Themen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt fortgebildet. Gefördert werden die Projekte im Rahmen der Abgeordnetenhaus-Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz Sexueller Vielfalt“. Dies geschieht im Rahmen der Bildungsinitiative QUEERFORMAT, einem Trägerverbund von KomBi und Abqueer (Aufklärung und Beratung zu queeren Lebensweisen).

Was kann ich als Pädagog_in gegen Diskriminierung unternehmen? Wie kann ich Jugendliche beim Coming Out unterstützen? Wie kann ich Themen sexueller Vielfalt angemessen in meiner Arbeit berücksichtigen? Auf diese Fragen wird in den Seminaren eingegangen.

Im letzten Jahr veranstaltete QUEERFORMAT viele Seminare für Pädagog_innen im Bezirk Mitte.

Bei ihrer Arbeit treffen die Mitarbeiter_innen nicht nur auf Gegenliebe, aber umso wichtiger ist die Sensibilisierung der Pädagog_innen für diese Themen.

Mein Besuch in der Kluckstrasse war ein interessanter Auflug in die Arbeit mit Kinder und Jugendlichen. Es wird bestimmt nicht der letzte gewesen sein, da es noch andere spannende Initiativen unter dem Dach kennenzulernen gibt.

 

Nischensuche

von HU-Gastbloggerin Jennifer Borth

Bereits Franz Hessel und Walter Benjamin schufen Bilder der Genthiner Straße und Umgebung, den Orten ihrer Kindheit um neunzehnhundert. In den Bildern reihen sich Lebensgeschichten der Läden, Gasthäuser, Hauswände und Passanten aneinander. Eine besonders lebendige Szenerie findet sich in Benjamins Erinnerung an die damalige Markthalle auf dem Magdeburger Platz. Aus Erzählungen dieser Art entsteht der „Rhythmus“ einer Gegend – ein Rhythmus und eine Lebendigkeit, die der Genthiner Straße heute fehlen.

Wie gestaltet sich die kulturelle und architektonische Tristesse der unscheinbaren Straße im Süden Tiergartens? Existieren Nischen der Ästhetik und des sozialen Lebens? Biegt man von dem begrünten Ufer des Landwehrkanals ab, gelangt man in die Genthiner Straße: es eröffnet sich eine Blickachse, deren Fluchtpunkt die Zwölf-Apostel-Kirche am Ende der Straße ist. Besonders nach Überqueren der Lützowstraße bietet sich dem Flaneur ein eintöniger Anblick von sich aneinanderreihenden Neubaukomplexen und Möbelhausgiganten. Die baulichen Strukturen der Möbelhäuser dominieren die Atmosphäre der Straße. Im Fall von Möbel Hübner ist fast das gesamte Areal von Genthiner Straße bis Pohlstraße in Firmenbesitz, während Krieger seit den 1960er Jahren den gesamten vorderen Teil der Straße bebaute. Es ist diese räumliche Komponente, welche hier Macht symbolisiert. Denn der Raum, der von den Unternehmen beansprucht wird, negiert den Nutzungsanspruch anderer- dies betrifft Bewohner sowie individuelle Architektur. Infolgedessen wirkt die Genthiner Straße verlassen, der öffentlich-soziale Raum der Straße scheint zerstört, es fehlt die Struktur von kleinen Geschäften, Cafés, etc. Erst auf den zweiten Blick lassen sich Inseln der Ästhetik und des sozialen Raums aufspüren. So findet sich auf dem Magdeburger Platz zwar kein Markthallentrubel mehr, eine Grünfläche mit Bäumen und Spielplatz bietet jedoch Ruhe und Gelegenheit für die Anwohner miteinander zu interagieren.

Ein paar Meter weiter bedarf es nur dem Abweichen vom Bürgersteig, um hinter der Neubaufassade Kontraste zu entdecken. Durchquert man die Toreinfahrt des Dänischen Bettenlagers, betritt man einen begrünten Hof, um den sich eine Gebäudegruppe im spätklassizistischen Stil ringt: ein Stadtvillenensemble aus dem 19. Jahrhundert, bezeichnet als Begaswinkel nach dem Maler Adalbert Begas.

Hier ansässig sind unter anderem ein Hotel, ein Studentenhaus und ein Verlag, der Begaswinkel ist also inhaltlich und architektonisch  eine verborgene Variation im Kontrast zur einseitigen Straßenfassade. Ein weiterer Ort kultureller Aktivität verbarg sich bis vor einigen Monaten im Vox Möbel Salon in Form der Galerie Beletage– das Gebäude steht jedoch inzwischen komplett leer.

Es wird sich zeigen, inwiefern im Rahmen des Quartiersmanagement die kulturellen Entwicklungen der Umgebung auch die Genthiner Straße zunehmend erfassen werden. Nicht zuletzt weil Geschichte und Straßenbild niemals statisch sind, bleibt es spannend die Veränderungen in Struktur und Erscheinung der Genthiner Straße zu verfolgen.

Poetische Potse – Teil 4 und Ende – literarischer Streifzug durch drei Jahrhunderte

Von Gastblogger Alexander Skrzipczyk
er studiert Germanistik und Philosophie an der TU
Fortsetzung vom 1. Oktober 2011

In allen Farben schillern wir die belebte Potsdamer Straße in südliche Gefilde hinunter, zwar nicht bis Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, aber doch bis zur Ecke Kurfürstenstraße. Nicht nur Joseph Roth, sondern auch unser zeitversetzter Audio-Guide Walter Benjamin emigriert zu düster weltkriegerischer Zeit nach Frankreich, nachdem er seine Kindheit in Berlin-Tiergarten verbringt. Am Magdeburger Platz wird er in die Welt geworfen und zieht nach einem Jahr – bis etwa zu seinem siebten Lebensjahr – in die Kurfürstenstraße 154. Angekommen am Hort seiner kostbaren Kindheit benötigen wir ja die Kopfhörer nicht mehr, setzen sie ab, und fast ist es so, als hörten wir weiter eine Stimme zu uns über erste erotische Erfahrungen oder das unvergleichliche Flair der umliegenden Treppenhäuser sprechen. Schweift der Blick nach rechterhand sieht man sie wieder stehen; hochbehackte Frauen osteuropäischer Herkunft. Auch der mittlerweile in die Adoleszenz gekommene Benjamin kann, libidinös erweckt, der geschlechtlichen Versuchung nicht widerstehen: „Stunden konnte es dauern, bis es dahin kam, auf offener Straße eine Hure anzusprechen. Das Grauen, das ich dabei fühlte, war das gleiche, mit dem mich ein Automat erfüllt hätte, den in Betrieb zu setzen, es an einer Frage genug gewesen wäre. Und so warf ich denn meine Stimme durch den Schlitz. Dann sauste das Blut in meinen Ohren und ich war nicht fähig, die Worte, die da vor mir aus dem stark geschminkten Munde fielen, aufzulesen. Ich lief davon, um in der gleichen Nacht – wie häufig noch –
den tollkühnen Versuch zu wiederholen. Wenn ich dann, manchesmal schon gegen Morgen, in einer Toreinfahrt innehielt, hatte ich mich in die asphaltenen Bänder der Straße hoffnungslos verstrickt, und die saubersten Hände waren es nicht, die mich freimachten.“

Noch kurz heften wir den Hausgeistigen ans Klingelbrett – wäre es nicht reizvoll in einer Welt ohne Argwohn das Anheften eines Familienbildes an den Klingelschildern zur Regel werden zu lassen? Wie unendlich spannungsvoll, persönlich, und über-raschungsfreudig wäre dies wohl? Natürlich ist die Welt, wie sie ist, aber solange man noch träumen darf, ist auch nichts verloren.
Die Spannung von Faktizität und Utopie ist auch der inhaltliche Dreh- und Angelpunkt der Poesie Nelly Sachs’: Nun endet also unser Labyrinthengang mit einer Nobelpreisträgerin, der sich eigens ein nach ihr benannter Park gewidmet hat, den man fußläufig von Walter Benjamin straßenabwärts rechts liegen findet. Abendsonne, Wasserreflexionen, Vogelgeschrei vom Zoo herüber, Lärm aus den unter der U1-Trasse befindlichen „Akademischen Bierhallen“, wo vor hundert Jahren der Berliner Bär steppte, und die sich nunmehr in ein tristes Wohnhaus verformt haben. Und dieses Etablissement am Ende der Straße des Benjamin, dem die Universität die Habilitation nicht anerkennen wollte, denken wir. Dies ist wohl der Preis dafür, dass sie ihn einhundert Jahre später mit Vorliebe zitiert.
Nelly Sachs – eine Dame mit schwarzer Haube und schönen Augen – können wir im Parke allerdings nirgendwo erspähen. Lediglich einen Stein mit ihrer Namensgravur sitzt gemütlich auf der Wiese. Ein Mann hastet an uns vorüber zur nahegelegenen Bahnstation hin, erblickt unsere suchenden Köpfe und ruft uns, rückwärts vorwärts laufend, zu: „Wenn sie Nelly Sachs suchen – die ist in Schweden. Ich fahre sie heute besuchen…“ Schöne Grüße! – irgendwie kommt uns der Mann bekannt vor; seine hohe, eindringliche Stimme und sein stechschwarzes Augenpaar erinnern an Paul Celan.
Mit buchstäblich einem der letzten Flüge entgeht Nelly dem sicheren Fall ins Grab, als sie mit ihrer Mutter 1940 nach Stockholm flieht, und dem bereits ausgestellten Deportations-Befehl nicht Folge leistet. Nationalschriftstellerin Selma Lagerlöf hatte es der fünfzehnjährigen Nelly angetan, ein jahrelanger Briefwechsel und eine zentrale geographische Veränderung der Lebenslinie nehmen ihren Lauf. Ihren unbekannten Geliebten muss sie in Deutschland zurücklassen und ihn dem Sterben im Konzentrationslager überantworten. Es ist bezeichnend für den Charakter Nelly Sachs, dass die akribisch detektive Forschung es nicht vermocht hat, den Namen ihres „toten Bräutigams“, aus dessen Tod ihre „ganze Dichtung erwachsen ist“, zu ermitteln, denn das mystische Nicht-Sagen, Aussparen und Verschweigen gehört ganz fest zu ihrem Wer, welches hier an die Negative Theologie gemahnt. „Aus dem Schweigen“ erstehe die Kraft, die der Schöpfung und sämtlichen Lebenslinien ihren Lauf gibt. „Im Park Spazierengehen – /die Eingeweihten/ nur vom Stimmband des Blitzes aufgeklärt/ an den Kreuzwegen das unbeschriebene Pergament/ der Schöpfung einatmend/ wo Gott wie ein fremder Saft im Blute/ seine Herrlichkeit anzeigt.“

Auch diesen Gott durften wir heute schließlich noch kennenlernen, umrankt von letzten Abendstrahlen, die perlweinerne Flasche grundlos immer von neuem mit rauschhafter Poesie leerend. Flankiert von allen Köpfen, Lasker-Schüler, Wedekind, Arno und Joseph Roth, die heute über unseren Weg rollten, setzen wir uns freigeistig in Richtung Nelly Sachs’ Geburtshaus in der Maaßenstraße in Bewegung, und fast ist es so, als hörte man sie allesamt Wörter biegen, als hörte man zwanzig Radiosendungen gleichzeitig. Mal spielt sich die eine Stimme in den Vordergrund, bald eine andere, teils singen sie Duett. Am Nollendorfplatz sehen wir wieder die Kinder mit den Schulmappen rennen „Hier ist aus einem Kellerlokal einmal ein Betrunkener  auf die Kinder zugetorkelt und hat sie gestreichelt und dann plötzlich geschlagen, ein weinig weiter, auf dem Platz schon, ist gerade neben ihnen eine Frau zusammengebrochen, eigentlich in sich zusammengesunken, kreideweiß, knochenlos und die rasch herbeigeeilten Erwachsenen haben die Köpfe geschüttelt, haben Hunger, nichts als Hunger gemurmelt und nach der Polizei gerufen.“
Wir können die Kinder nicht mehr weit verfolgen, denn „hier biegen sie schon in die Kleiststraße und rennen wieder, aber mit aufmerksam nach links gewendeten Köpfen, um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem die rote U-Bahn aus der Tiefe auftaucht oder sich vom hohen Damm in die Tiefe hinabstürtzt, der Station Wittenbergplatz zu.“ Die in sich zusammensinkende Frau und die zahllosen sich vor dem Bahnhofsgebäude verlebenden Obdachlosen haben den eben noch in seiner vollen luziden Größe vor unserem inneren Auge oszillierenden mystischen Gott binnen Sekunden aus unserem Bewusstsein gedrängt, und eine andere Stimmkurve schallt mehr und mehr angesichts des grauen omnipräsenten Unglücks durch unsere angefüllten Köpfe – die Georg Heyms, die den Tauben Gehör und den Stummen Rede schenken möchte. Ganz einhellig stimmen wir zu und ein, in das Stimmengeflecht, das sich wie von fern gesteuert auf unsere Stimmbänder überträgt, und wir unwillkürlich zu Mitpoeten werden, die Ganzheit unseres momentanen und geistigen Gesichtsfeldes zu Worten gerinnen lassend, klagt auch der andere Gott, oder seine tiefschwarze Seite ihr Recht ein: „dort flattern und schwingen sie/ mit müdem und doch so nervösem/ flügelschlag und warten dass ihnen/ die zwölfteste stunde schlägt –/ die tauben vom nollendorfplatz/ laut dröhnend lachend sitzt er/ hoch oben auf seinem thronigen/ turm umrauscht von schwarzen/ günstlingen krähend verkünden/ sie sein credo – gott der stadt/ taubstumm unterwerfen sich alle/ tauben seinem richtspruch, sie die/ immer untergeben sind stimmlos/ vergebens hausen sie unter eisernen/ unterführungen und ducken/ geworfenheitig unter gottes/ führung ihr haupt/“

Die Wellen der Stimmenflut interferieren, das Knäuel umspannt uns in Lebenslinien und Stimmfetzen wie einen Kokon, auf der obersten Schallwelle wellenritten wir noch bis ganz in den Moment selbststimmig mit, die Stimmenflut zieht wie ein Gewitter weiter ins Nirgendwo, verhallenderweise setzt sie sich wie ein Tee-Satz in unsere sandbänkenen Köpfe ab und wir, – wir kehren unterdes gedankenversunken Heym.
unter Verwendung von „Literarisches Berlin“ Michael Bienert, Verlag Jena1800.
Ende

Das Schöneberger Ufer

Von HU-Gastbloggerin Uta

Das Schöneberger Ufer hat seinen Namen nach der Neuanlage des Landwehrkanals durch Bezug auf die nach Westen erstreckte Schöneberger Straße erhalten. Ein Königlicher Hofschauspieler, von Lavallade, wollte erst dem Ufer den Namen „Prinzeß-Augusta-Promenade“ geben, das konnte er aber nicht durchsetzen Am 5. Juni 1935 erhielt das Ufer dann den Namen „Großadmiral-von-Koester-Ufer“. Im Juli 1947 wurde die Straße aber wieder nach dem alten Namen unbenannt.

Mein Spaziergang beginnt an der Ecke Potsdamer Straße, direkt an der Kreuzung sehe ich das griechische Restaurant Dionysos. Damals war es ein bekannter Anlaufpunkt für Künstler, heute sieht es eher weniger glamourös auf. Hätte ich vorher nicht im Internet darüber gelesen, wäre es mir gar nicht aufgefallen. Die Fassade ist etwas in die Jahre gekommen und das Restaurant erscheint eher unauffällig. Von der Innenansicht macht man sich am besten selbst ein Bild. Unweit davon entfernt, Richtung Lützowufer, befindet sich der Verein Berliner Künstler. Er wurde 1871 gegründet und ist der älteste Künstlerverein Deutschlands. Dort stellen, unter anderem, auch verschiedene Bildende Künstler in wechselnden Ausstellungen ihre Werke aus. Wer mehr Informationen möchte schaut einfach hier nach.

Im Laufe meines Spazierganges nehme ich die Lautstärke der vorbeifahrenden Autos immer stärker wahr. Von einer schönen Ufer-Atmosphäre kann man hier nicht sprechen. Auch wenn vor einigen alten Gebäuden hier noch kleine Vorgärten, meistens praktisch angelegt mit kleinen Sträuchern, vorhanden sind und dem Ganzen ein wenig Charme verleiht. Es ist laut und dunkel. Die Lautstärke ist wohl der dreispurigen Einbahnstraße geschuldet und die Lichtverhältnisse den hohen Gebäuden auf der einen und den hohen Bäumen am Ufer auf der anderen Seite der Straße. An einem der Altbauten sehe ich ein Schild mit den Schriftzug Hans Albers 1892-1960. Der Volksschauspieler lebte in diesem Hause“. Da der deutsche Schauspieler und Sänger anscheinend gern ein wenig jünger wirken wollte, nahm er es mit seinem Geburtsjahr wohl auch nicht so genau, denn eigentlich ist er 1891 geboren. Vor dem Haus steht außerdem ein großer gelb-grün angestrichener Berliner Bär verziert mit einzelnen kleinen Bildern – einem Zauberer, vielen kleinen Spielkarten, ein weißer Hase der aus einem Zylinder springt und weitere kleine Hinweise auf die wunderbare Welt der Magie. Der Grund dafür ist bei einem Blick auf das Klingelschild schnell gefunden, denn hier befindet sich der Sitz des Magischen Zirkel Berlin e.V. , ein Interessenverband für Zauberer.

Die Straße weiter entlang, am Schöneberger Ufer 78, findet man erneut eine Gedenktafel, diese ist in Erinnerung an den Kunsthändler Ferdinand Möller angebracht worden. Er bewahrte „viele Kunstwerke vor ihrer Vernichtung durch die Verfolgungsaktion ‘Entartete Kunst’ der Nationalsozialisten“.

Mein „Rundgang“ ist damit für das Erste beendet. Die Buslinie bis fast direkt vor meine Haustür war dann doch verlockender als der unendlich lang wirkende Straßenverlauf mit seinen riesigen Gebäudekomplexen von Altbauten bis hin zu neu gebauten Geschäftskomplexen. Am anderen Ende des Schöneberger Ufers sehe ich noch vom Busfenster aus das ehemalige Dienstgebäude der Königlichen Eisenbahndirektion Berlins. Es diente früher der Deutschen Reichsbahn als Sitz der Reichsbahndirektion Berlin, seit Anfang 2006 ist es der Hauptsitz von Bombardier Transportation. Ein Unternehmen, das Lokomotiven, Triebwagen, Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und Reisezugwagen herstellt.