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„Hallo, du süße Klingelfee“ – die Zeiten sind vorbei

Am 29. Januar 1974 wird in der Winterfeldtstraße 21 ein Rekord gebrochen.
4.956 BerlinerInnen haben sich zu nachtschlafender Zeit über das Telefon wecken lassen. Mehr als jemals zuvor bei den amerikanischen Apollo-Raumfahrten oder zu Beginn der Sommerferien.
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Von der Pallasstraße aus gesehen

Der Weckdienst war nur einer von vielen Dienstleistungen, die die Deutsche Post zu der Zeit in der Winterfeldtstraße anboten. Hinter der 90 Meter langen Fassade arbeiteten zeitweise bis zu 5.000 Menschen. 240 Fräuleins vom Amt sassen in einem Raum. Sie handvermittelten über bis zu 50.000 Gespräche täglich, sagten bis zu 30.000 Anrufer/innen wie späte es sei und schauten bis 20.000 nach einer Telefonnummer.

Die Fräuleins vom Amt waren beliebt. Der Ohrwurm „Hallo, du süsse Klingelfee“, komponiert 1919 von Robert Stolz, huldigte ihnen.

Von Beginn an war das Fernmeldeamt in der Winterfeldtstraße war ein Projekt der Superlative. Als der expressionistische Bau am 18. Mai 1929 eröffnet wurde, hatte seine Konstruktion sechs Jahre gedauert und 6,2 Millionen Mark verschlungen. Die Architekten Spalding und Kuhlow hatten hinter dem mit rotbraunem Klinker verblendeten Vordergebäude einen kreuzförmigen Grundriss geplant. Das Kernstück waren zwölf riesisge Säle, viele so groß wie ein Tennisplatz, alle sieben Meter hoch.

Eingang Winterfeldtstraße

Es galt als modernstes Fernamt der Welt. Während der Olympiade 1936 fand die Rundfunkübertragung aller Reportagen zu den ausländigen Rundfunkanstalten hier statt. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurden Stahlbetondecken eingezogen, denn auch alle dienstliche Verbindungen wurden von hier geschaltet. Ab 1943 mussten Zwangsarbeiter unter brutalsten Bedingungen einen Schutzbunker in der Pallasstraße errichten. Er wurde nie vollendet, denn am 28. April 1945 traf die Rote Armee in Schöneberg ein.

Als die Amerikaner den Sektor drei Monate später übernahmen, stellten sie fest, dass die Russen zwei Drittel der technischen Anlagen mit einem Wert von 13 Millionen Mark demontiert und ostwärts verschifft hatten.

Schnell nahm der „Drahtfunk im amerikanischen Sektor (DIAS – Vorläufer des RIAS) seinen Betrieb und blieb bis 1948. Der Anlaß für die Gründung des Senders war die Weigerung der sowjetische Besatzungsmacht, den anderen Siegermächten Sendezeiten im Programm des Berliner Rundfunks einzuräumen.

„Am 7. Februar 1946 nahm der neue Sender als „Drahtfunk im amerikanischen Sektor“ (DIAS) im Fernmeldeamt Berlin-Schöneberg in der Winterfeldtstraße, einem technisch nur notdürftig für diesen Zweck hergerichteten Gebäude, seinen Sendebetrieb mit einem siebenstündigen Tagesprogramm auf,“ schreibt Wilfried Rogasch in „Ätherkrieg über Berlin – Rundfunk als Instrument politischer Propaganda“. „Der Drahtfunk war für die Berliner eine Erinnerung an die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges: „Luftlagemeldungen“ wurden während der Endphase des Krieges über Drahtfunk verbreitet, weil auf diesem Wege keine vom Feind über den Äther verbreiteten Falschmeldungen empfangen werden konnten. Technisch konnte der DIAS aber keine Konkurrenz für den „Berliner Rundfunk“ bedeuten. Während letzterer bereits am 1. Oktober 1945 wieder 483.000 angemeldete Rundfunkteilnehmer verzeichnen konnte, gab es nach Auskunft des Fernmeldeamtes im amerikanischen Sektor Anfang 1946 nur etwa 500 intakte Drahtfunk- und 1000 Telefonanschlüsse, so daß der DIAS zunächt nur auf maximal 1500 Empfängern zu hören war. Wie die amerikanischen Programmacher aus Umfragen erfuhren, fanden in den Geburtsstunden des DIAS tatsächlich nur ganz wenige Hörer unter rasselnden und pfeifenden Geräuschen das DIAS-Programm.“

Die Blockade von Berlin unterband auch die Funkverbindungen nach Westdeutschland. Statt dessen zog der Telegrammdienst ein. 1950 dann das Funkamt, dass die Aufgaben des Richtfunks, der Funkmeßdienste, des Rundfunk und der Fernsehübertragung, sowie des Autotelefons übernahm.

Bevor am 1. Mai 1959 der vollautomatische Fernsprechdienst begann, stieg die Zahl der handvermittelten Ferngespräche stetig an, teilweise bis zu insgesamt 13.142 Vermittlungen am Tag. gegeben. Die Zeiten der süssen Klingelfee waren endgültig vorbei.

Von nun an nimmt das Telefonieren eine rasante Entwicklung. Doch im Fernmeldeamt 1 in Schöneberg werden noch andere Dienste angeboten. 30.000 BerlinInnen rufen täglich an und wollen wissen, wie spät es sit. Und wer 118 wählte landete im Halbdunkel bei der Fernsprechauskunft, denn die Mikrolesegeräte waren bei gedämpften Licht besser zu bedienen. Jeder Auskunftsplatz hatte all 18 Millionen Nummern aus dem Bundesgebiet und Berlin parat. Die 850 Mikrofilmkarten in Schulheftformat waren handlicher als die insgesmat 70 Kilogramm schweren und 1.50 Meter hohen Stapel Telefonbücher.

Die Westalliierten reservierten während der Teilung der Stadt eine Etage für sich, zu der Mitarbeiter der damaligen westdeutschen Bundespost keine Zutritt hatten. Die Briten gingen hier ein und aus, allerdings in geheimer Mission. Bis zu ihrem Abzug hörten sei von hier aus die Telefone der halben Stadt ab.

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Inzwischen ist es still geworden in und um das Gebäude herum. Fast alle gehen an der 90 Meter langen Fassade vorbei. Fermeldetechniker betreten das Haus und warten die Computer, über die die Datenleitungen aller Schöneberger Haushalte laufen. Und sie verrichten von hier aus ihren Außendienst.

Außerdem ist seit Anfang 2010 eine Abteilung der Telekom Laboratories, ein Forschungs- und Entwicklungslabor untergebracht. Aus Sicherheitsgründen ist das Gebäude nicht öffentlich zugänglich.