Über das Verkaufen von Genuss – eine Begegnung mit Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie (Potsdamer Straße 97)

Dieser Beitrag ist Teil des Artikels: Kunst an der Potsdamer Straße: Begegnungen mit Künstlern, Galeristen und Besuchern

von Christian Kaiser

Was mag das bloß für ein Geschäft sein, über dessen Schaufenstern in großen Schreibschrift-Lettern prangt „Vincenz Sala“? Dessen Schaufenster bisweilen mit Pergamentpapier zugehängt werden, bis auf ein extra ausgespartes, kleines rechteckiges Guckloch, das die Sicht ins Innere ermöglicht, auf eine große, dunkelbraune Regalwand an der rechten Seite?

Ein Din-A4-Blatt neben dem Guckloch erläutert mir: Eine neue Ausstellung werde gerade aufgehängt, am kommenden Mittwochabend sei Vernissage!

Galerie KlosterfeldeEinige Tage später nimmt sich Alfons Klosterfelde, Galerist der Helga Maria Klosterfelde Galerie, Zeit für ein Gespräch mit mir. Dabei klärt sich auch, was es mit der rätselhaften Namensbezeichnung und der alten hölzernen Einrichtung auf sich hat. „Die Einrichtung stammt von dem Schreibwarenladen, der hier vorher war, ‚Vincenz Sala‘ steht ja noch draußen dran, sie ist hier geblieben, weil sie hier einfach gut hineinpasst.“

Im Jahr 2009 ist die Klosterfelde Galerie hier eingezogen. Geleitet wird sie von Alfons Klosterfelde und seiner Mutter, Helga Maria Klosterfelde: „Ich bin damit aufgewachsen“, erzählt Herr Klosterfelde. „Meine Eltern haben sich für Kunst interessiert, das hat mich geprägt. Ich habe Jura studiert und nebenher in Galerien gearbeitet, bis ich irgendwann beschlossen habe, das ganz zu machen.“

Die Tätigkeit des Galeristen, die er heute ausübt, hat aus seiner Sicht zwei Facetten: „Man hat ein kaufmännisches Büro für die Buchhaltung, da müssen Lagerbestände auf dem Laufenden gehalten werden und es muss in die Zukunft geplant werden, und man hat einen Ausstellungsraum, da kommen Besucher herein und man leistet Vermittlungsarbeit. Ich glaube, dass Leute immer denken, es sei so anders als irgendeine andere Geschäftstätigkeit. Das ist es gar nicht, es ist nur so, dass der Gegenstand, mit dem man sein Geld verdient, Bilder oder Skulpturen sind.
Das Schöne und zugleich Schwierige ist, dass man mit etwas handelt, das zum Glück auch noch etwas mit Subjektivität zu tun hat, so dass die Bewertung anders funktioniert als sonst.“

Ähnlich wie andere Geschäfte kauft die Galerie Klosterfelde auch wieder Kunst von Käufern an. „Man handelt mit Kunst, so wie ein Möbelhändler mit Möbeln oder ein Autohändler mit Autos handelt.“ Nur mit einem Unterschied: „Das Auto ist vor allem ein Gebrauchsgegenstand, es hat einen anderen Nutzen und einen anderen Stellenwert. Ein Bild anzusehen hat ja im Grunde genommen mit Genuss zu tun, es soll ja anregen, so wie man ins Theater geht oder wie man ein Konzert hört oder ein Buch liest … Genuss ist vielleicht nicht so ein schönes Wort… Genuss klingt irgendwie nach Kaffeebohnen…“

Die Galerie Klosterfelde konzipiert etwa fünf Ausstellungen im Jahr. Eine solche Ausstellung betrachtet Herr Klosterfelde dann als gelungen, „wenn viele Leute sie gesehen und wir Reaktionen erhalten haben – und wenn wir etwas aus der Ausstellung verkauft haben. Denn eine Galerie ist ja ein kommerzieller Betrieb. Man macht die Ausstellung, um Kunstwerke aus der Ausstellung zu verkaufen. Man freut sich, wenn man noch mehr verkauft, als man vorher verkauft hat. Und man hat Freude daran, den Besuchern die Kunst zu vermitteln und die eigene Begeisterung auf andere Leute zu übertragen.“
Seine Kundschaft, auf die Herr Klosterfelde seine Begeisterung bereits übertragen hat, sei aber so heterogen, dass er diese nicht mit bestimmten Kategorien umschreiben kann.

Derzeit sieht Herr Klosterfelde vermehrte öffentliche Aufmerksamkeit und Berichterstattung über moderne Kunst. Denn „Ausstellungseröffnungen und Kunstmessen werden zusehends zu einem Life-Style-Thema“. Dass aber schlage sich nicht unbedingt in den Verkaufszahlen von Kunst wieder: „Der kleinste Teil der Künstler in Berlin kann von der Kunst leben. Auch für die Galerien ist es nicht einfach.“ Dennoch gibt es ja viele Galerien in Berlin, was Herr Klosterfelde darauf zurückführt, dass es auch viele Künstler in Berlin gibt. Diese Kunstszene habe sich hier entwickelt, „weil man hier günstig leben kann bzw. weil man hier günstig leben konnte – das ändert sich ja gerade massiv – und weil es schon immer eine interessante Stadt war, in der man sich gegenseitig angeregt hat“.

Der Kontakt zu den Künstlern ist wesentlicher Teil seiner Arbeit. Künstler für Ausstellungen in der Galerie auszuwählen, sei ein „laufender Prozess, man fängt an, mal mit neuen Künstlern zu arbeiten. Dann macht man mal wieder etwas mit jemandem, den man schon lange kennt“. Dabei spielen Künstler, die im Umfeld der Potsdamer Straße ihr Atelier haben, bisher keine Rolle im Programm der Klosterfelde Galerie.

Welche Künstler und welche Werke hier in der Galerie ausgestellt werden, entscheidet Herr Klosterfelde nach einem naheliegenden Kriterium: „Entweder es gefällt einem oder eben nicht.“

 

Hier geht`s weiter:

„Es geht darum, den Künstler in seiner ganzen Persönlichkeit zu verstehen“ – ein Gespräch mit Selina Lai, Managerin der Krome Gallery (Potsdamer Straße 98), über die Tätigkeit einer Galerie

Von ‚Nieeje‘ und der großen Liebe – Galerien-Besucher. Eine Momentaufnahme

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