Über Erinnerung stolpern

Von HU-Gastbloggerin Hannah Frühauf

Eine Musiklehrerin die den Freitod wählt um einer Verschleppung nach Theresienstadt zu entkommen. Ein Geschäftsmann der mit seinen beiden Söhnen deportiert und ermordet wird. Eine Familie die im Widerstand aktiv war und dafür sterben musste.

Über diese drei Schicksale kann man – neben vielen anderen – rund um die Potsdamer Straße „stolpern“. Kleine Messingplatten, die in den Boden gesetzt wurden erinnern als „Stolpersteine“ an das Leben von Maria Leo, an das von Abraham Fromm und an das von Betty, Peter und Hans Lippmann. Sie alle wurden von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ermordet.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat mit der Verlegung von so genannten „Stolpersteinen“ in den 90er Jahren begonnen. Er möchte so an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Die „Stolpersteine“ enthalten die biographischen Eckdaten einzelner Personen. Ihr Name, ihr Geburtsjahr, das Datum ihrer Deportation oder der Ort ihrer Ermordung – werden in eine Messingplatte eingraviert und von Demnig in den Boden gesetzt. Die Steine werden meist dort verlegt, wo die Menschen gelebt oder gearbeitet haben – bevor sie deportiert beziehungsweise ermordet wurden.

Vor den Hausnummern 3 und 12 der Pallassstraße (Berlin-Schöneberg) findet man die „Stolpersteine“ die an Betty, Peter, Hans Lippmann und an Maria Leo erinnern. Der Stein, der in Gedenken an Abraham Fromm gesetzt wurde, befindet sich in der Potsdamer Straße 102 (Tiergarten-Süd).

Hinter den „Stolpersteinen“ verbergen sich zahlreiche ergreifende Biographien – wie beispielsweise die von Maria Leo (1873-1942). Maria Leo war eine engagierte Musiklehrerin und gründete das erste private Musik-Seminar für Frauen. Diesen war um 1911 offiziell der Zugang zum Institut für Kirchen- und Schulmusik verwehrt. Lange war das Seminar die einzige Möglichkeit für Frauen, ein Musikstudium zu absolvieren. Unter der Nationalsozialistischen-Herrschaft musste Maria Leo all ihre Ämter aufgeben, da sie Jüdin war. 1942 wählte sie den Freitod, um einer Verschleppung in das Konzentrationslager Theresienstadt zu entkommen.

Wer sich genauer über einzelne Schicksale informieren möchte, für den ist die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ im Rathaus Schöneberg eine interessante Anlaufstelle. Hier werden Biographien von Menschen vorgestellt, die im Zweiten Weltkrieg aus dem Bayerischen Viertel – genauer aus Schöneberg und Friedenau – deportiert wurden oder geflüchtet sind. Kleine Markierungen, die an einigen Portraits zu finden sind, deuten daraufhin, dass für diese Person auch ein Stolperstein verlegt wurde.

Eine Karteikartensammlung gehört ebenfalls zu der Ausstellung. Im Stil der „Stolpersteine“ findet man auf den Kärtchen biographische Eckdaten von 6.069 jüdischen Frauen und Männern, die während des Zweiten Weltkriegs gezwungen waren das Bayerischen Viertel zu verlassen. Die Informationen stammen aus Unterlagen der Geheimen Staatspolizei. Die Gestapo hatte damals ausführlich dokumentiert, welches Vermögen die Menschen bei ihrer Deportation aus Schöneberg zurückließen.  

Die Straßen und Hausnummern in denen die Jüdischen Familien zuletzt wohnten sind ebenfalls auf den Kärtchen vermerkt. Eine Mitarbeiterin der Ausstellung erzählt, dass viele Menschen aus der heutigen Nachbarschaft des Bayrischen Viertels die Ausstellung besuchen. Sie kommen um nachzusehen ob und wer aus dem Haus – in dem sie jetzt wohnen – deportiert wurde. Von manchen Adressen aus – wie zum Beispiel aus der Bozenerstr. 9 – wurden bis zu 30 Familien deportiert. Berührt von den Geschichten, die sich in ihren Häusern und Wohnungen abgespielt haben, entschließen sich einige der Besucher Stolpersteine für die Deportierten verlegen zu lassen. Aus bloßen Namen und Daten werden so lebendige und berührende Geschichten, die an den Schrecken und den Terror des Nationalsozialistischen Regimes im Zweiten Weltkrieg erinnern.

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