Widersprüche erleben – der Pfarrer und sein Kiez

Pfarrer Burkhard Bornemann

Pfarrer Burkhard Bornemann im beschaulichen Hofgarten des Gemeindetreffpunktes

Von Gastblogger Kay

Pfarrer in Berlin-Schöneberg sein. Das hat Burkhard Bornemann (50) sich ausgesucht. Der Ur-Berliner, in Steglitz geboren, wusste, worauf er sich einlässt, als er vor einem Jahr seine Dorf-Kirche in Alt-Reinickendorf verließ und die Stelle an der Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde übernahm . Vor der Haustür der Straßenstrich, Drogenabhängige tummeln sich rund um die imposante Zwölf-Apostel-Kirche, im Süden erhebt sich der Bahnhof Nollendorfplatz. Westlich davon beginnt der Regenbogenkiez. Im Osten die geschichtsträchtige Potsdamer Straße.

Seit 150 Jahren existiert die Gemeinde, die auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist, für die Musik, die hier gemacht wird, aber eben auch, weil sie in diesem Spannungsfeld liegt, in dem Alt und Neu, Arm und Reich auf engstem Raum aufeinander treffen.

Das Gemeindegebiet erstreckt sich bis zum Kulturforum, reicht bis an die Siegessäule heran. In ihm sammeln sich Menschen aller Couleur, Alteingesessene, die bewahren wollen und eben die, die Neues bringen und den Kiez damit verändern. Das alles gehöre zusammen, findet Bornemann. „Eine Gemeinde zu haben, die sich bewusst damit versteht.“ – so nennt er es. „Die Herausforderungen hier sind viel disparater, vor allem was das Soziale anbelangt. Das finde ich sehr herausfordernd, weil es unwahrscheinlich bunt, unwahrscheinlich krass an manchen Stellen ist.“

Zwei Mal die Woche öffnet die Gemeinde ihre Türen und lädt zum Essen ein. Die Mittwochsinitiative will vor allem den Prostituierten und Drogenabhängigen ein Forum sein. Am Donnerstag findet die Suppenküche statt. Kommen kann jeder, eine Spende geben auch. Nachgefragt wird nicht. Missioniert auch nicht. Es geht um „das Erlebnis von Sinn und von Frieden, von Stimmigkeit in einer Gemeinschaft“, so Bornemann.

Schon als Kind kannte er den Kiez, fuhr mit dem Bus „ans Ende von Berlin damals. Da war die Mauer. Weiter ging es nicht.“ Der Straßenstrich war noch viel größer. Es gab Stundenhotels, Pensionen. Wenn er heute durch die Straßen läuft, ist für ihn der Wandel greifbar. Geschichte sei hier lebendig, an jedem dritten Haus finde man ein Schild, wer dort mal gewohnt habe. „Es macht einfach Spaß, hier lang zu gehen“. Weil er genau dies bewahren will, freut er sich über die Arbeit von Interessengruppen wie der IG Potsdamer Straße, die sich dafür einsetzt, dass dem Kiez seine Vielfältigkeit nicht verloren geht.

Die Vielfältigkeit, damit meint er die Galerien in den Hinterhöfen, neben den tristen Neubauten und den prunkvollen Stuckfassaden, die Menschen aus aller Herren Länder, und die Urberliner, die schon seit mehreren Generationen den Kiez ihr Zuhause nennen, die Touristen, die sonntags durch Berlin flanierend in die Kirche hinein spazieren. All die und noch viele andere trifft er beim Gottesdienst, bei der Gemeindearbeit. „Es helfen ja nicht nur Mitglieder der Apostelgemeinde, sondern auch Muslime, Konfessionslose oder Katholiken„, so Bornemann. So bunt wie die Gegend, so vielfältig sind auch die Leute, die zusammenkommen, um die Gemeinschaft zu stärken und inmitten des Trubels einen Ort der Solidarität zu schaffen.

„Wenn sich hier das Leben im Kiez stark verändert, dann verändert sich auch das Leben der Kirchengemeinde, aber sie kann eben auch das hochhalten, was der Auftrag von Kirche ist.“ Er sieht die besondere Stellung seiner Gemeinde, die helfen kann und helfen will, den Bedürftigen Zuflucht bietet und mit den so unterschiedlichen Menschen im Kiez im Dialog steht.

„Es ist eine spannungsvolle, aber auch sehr tolle Aufgabe.“ Er weiß es zu schätzen, dass er hier seine Arbeit verrichten kann. So dürfe man eben auch bei aller Ernsthaftigkeit nicht vergessen, zu feiern und die Widersprüche, die ein solch bunter Kiez mit sich bringt, zu genießen, weil man teilhaben darf an seiner Entwicklung, seinen Menschen, seinen Geschichten.

„Im Herzen einer Stadt will man keine Vorstadtidylle.“ So fasst Bornemann zusammen, was den Reiz des Kiezes ausmacht. Er freut sich sich auf die Zukunft und er glaubt fest daran, dass es in den nächsten 10 bis 15 Jahren ein so lebenswertes Pflaster bleibt, sicher noch länger, wenn die Leidenschaft der Anwohner für ihren Kiez auch weiterhin nicht erlischt.

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