Schlagwort-Archiv: Geschichte

Im Haus Vaterland ist man gründlich, hier gewittert’s stündlich

„Vergangener Glanz am Potsdamer Platz“ von Von HU-Gastblogger Steffen Bollmann

Donner war zu vernehmen, Blitze zuckten und es begann zu regnen. Unbeeindruckt zog ein Flugzeug weiter seine Bahn, fuhren Kähne den Wasserlauf entlang und Eisenbahnen durch das Rheintal. Nach einer Weile klärte das Wetter wieder auf, das Licht ging an und es wurde weiter Torte und Kaffee genossen.

Dies konnten die Berliner Ende der 20er Jahre mitten in ihrer Stadt erleben. Und so führten sie damals ihre Besucher aus der Provinz hierher, um sie durch diese Attraktion zu beeindrucken.

Denn beeindruckend muss es gewesen sein, jenes Schauspiel am Potsdamer Platz, welches damals stündlich den Besuchern in der „Rheinterrasse“ geboten wurde. Ganz nach dem Motto des Hauses: „Im Haus Vaterland ist man gründlich, hier gewitterts stündlich.“

In der Rheinterrasse, die berühmt für ihre Wettersimulationen war, gab es ein 6 Meter tiefes Modell des Rheintals zu bewundern, welches die Gegend bei der Stadt Sankt Goar mit der Burg Rheinfels darstellte. Auf dem Wasser fuhren Modellschiffe und mittels eines Seiles flog ein Modellflugzeug der Lufthansa durch diese Szenerie.

Doch die Rheinterrasse war nur eine von vielen Attraktionen im sogenannten „Haus Vaterland“, wie der ganze Gebäudekomplex am Potsdamer Platz bezeichnet wurde.

12 Restaurantbetriebe boten hier Erlebnisgastronomie für jeden Geschmack. Stand den Gästen der Sinn nach einem bayerisches Bierrestaurant, einem Besuch im Wiener Café, im Türkischen Café, der Entspannung einer japanischen Teestube oder etwas zünftiger der Bremer Kombüse? Das alles wurde hier geboten! Sogar noch mehr! So gab es auch eine Wild-West-Bar, ein italienisches Spezialitätenrestaurant, ein Tanzlokal- den Palmensaal– und ein Filmtheater mit 1200 Plätzen.

Dies alles war aufwendig, ja geradezu pompös ausgestattet. Was jedoch auch nötig war, um mit anderen Angeboten im Glanze des Berlins der „Goldenen Zwanziger Jahre“ mithalten zu können.

Die Chancen gegen die Konkurrenz zu bestehen, standen nicht schlecht, als das „Haus Vaterland – Betrieb Kempinski“ nach einem Jahr Umbau Ende August 1928 wieder eröffnet wurde.

Ursprünglich wurde der gesamte Gebäudekomplex am Potsdamer Platz im Februar 1912 als „Haus Potsdam“ eingeweiht. Das Haus beherbergte damals neben Büroräumen das Filmtheater „Kammerlichtspiele“ und das mit 2500 Sitzplätzen damals größte Caféhaus Berlins, das Café Piccadilly.

In der patriotischen Augustbegeisterung, in welcher die Deutschen nicht den Wahnsinn des ausbrechenden Weltkriegs erkannten, wurde 1914 das Cafe Piccadilly in „Kaffee Vaterland“ umbenannt, ein Name der sich schnell für den gesamten Komplex einprägte.

Den ersten Weltkrieg überstand das Haus Vaterland unbeschadet, das Dritte Reich jedoch nicht. Denn im Jahr 1937 wurde im Zuge der Arisierung den Kempinskis, die 1928 das Gebäude für 15 Jahre gepachtet hatten, das wunderbare Haus entrissen und es wurde von der Aschinger AG übernommen. Diese führten es unter dem Namen „Betrieb Borchardt“ weiter.

Nach Beginn des Zweiten Krieges ging das Geschäft zuerst normal weiter. Zwar wurden Lebensmittelkarten in den Restaurants und Cafés benötigte, aber daran waren die Deutschen gewöhnt, wie auch an die nächtliche Verdunkelung. Doch im August und November 1943 wurde das Gebäude von mehreren Fliegerbomben getroffen und schwer beschädigt. Danach stand das vom gesamten Komplex nur noch nutzbare „Kaffee Vaterland“ als Wehrmachtsheim für durchreisende Soldaten zur Verfügung. Hier fanden jede Nacht Unterhaltungsveranstaltungen statt, wo die Soldaten die Realität für einige Stunden zu vergessen suchten.

Im Februar 1945 brannte schließlich auch das Kaffee aus. Nach dem Ende des Krieges lag das halbzerstörte Gebäude im russischen Sektor Berlins.

Daher übernahm auch die HO, die Handelsorganisation der DDR, den Komplex und führte sogar den Namen „Haus Vaterland“ weiter. Mit dem Glanz der ehemaligen Erlebnisgastronomie war es jedoch vorbei, auf schlichtem Mobiliar nahmen nun die Gäste Platz.

Doch nicht allzu lange. Denn beim Volksaufstand des 17. Juni 1953 entlud sich der Zorn der Menschen auch hier, sie legten Feuer und das Haus Vaterland stand in Flammen. Diesmal dachte niemand mehr an einen Neuaufbau. Zurück blieb eine trostlose Ruine, die mit dem Mauerbau 1961 mitten auf dem Grenzstreifen stand.

Zusammen mit dem Gelände des stillgelegten Potsdamer Bahnhofs kam die Ruine 1972 durch einen Gebietstausch im Rahmen des Viermächteabkommen über Berlin in den Besitz Westberlins. Das alte Haus Vaterland stand nun mitten in der riesigen Brache, den Kopf zur Mauer geneigt. 1976 kam dann das endgültige Aus und die Ruine wurde abgerissen.

Heute, 34 Jahre später, steht an derselben Stelle ein großes, modernes Bürogebäude, die Parkkolonnaden. Entfernt soll die Stirnseite des Gebäudes an das ehemalige Haus Vaterland erinnern. Und bei Sonnenschein glänzt auch die verspiegelte Fensterfront. Doch ist dies ein völlig anderer als der vergangene Glanz.

Die Potsdamer Straße in Flickerbildern

Von HU-Gastbloggerin Ilona Scholl

Montagnachmittag der 13. September 2010.

Die Sonne kämpft sich noch hie und da durch graublauschwarze Wolkenfronten. Straßen und Plätze überzieht ein hartnäckig-feuchter Film, der Herbst markiert sein Revier.
Wir entbergen die Potse in Hinterhöfen, der Stadtverkehr lässt es nicht anders zu.
Zum urbanen Grundrauschen aus Motorengeräuschen, Polizeisirenen, Getrippel und Geplapper, addieren wir Geschichten aus der Potsdamer Straße.

Reichspietschufer.jpg

Reichpietschufer (Foto Scholl)

Wir machen fleißig Probebohrungen, extrahieren Spekulationsobjekte, Kunst- und Kitschräume, Banken, Casinos, Museen, Liebe, Sex, Alp- und Wunschträume.

Unser Untersuchungsgegenstand wehrt sich erfolgreich gegen rigide Kategorisierungsbestrebungen und mag nicht so recht in eine gemütliche Schublade passen.
Wir lassen ihm seinen Willen und attestieren ihm Diversität.
Wir tasten uns an seinen alten und neuen Wänden entlang, für manche bezahlen ehemalige Hausbesetzer inzwischen brav Miete, andere schützen Leere vor Wertverfall und sagen “Ihr müsst draußen bleiben, ihr verwohnt uns hier noch alles!“ Wieder andere sind nicht mehr da. Wir imaginieren sie kurz ins Jetzt und gehen dann an ihnen vorüber.

Fensterwüste.jpg

Fensterwüste (Foto Scholl)

Nationalgalerie.jpg

Nationalgalerie (Foto Scholl)

An der Nordseite der Neuen Nationalgalerie setzen wir uns. Den Potsdamer Platz im Rücken, bilden wir eine Reihe ( der Gedanke an die Hühner auf der Stange drängt sich dem geneigten Betrachter unwillkürlich auf ). Einer steht unbeeindruckt exponiert und spricht von Thomas Mann, dem’s hier schnell zu wuselig wurde. Dann hören wir etwas über Taube, die auf sich selbst nicht als ‚taubstumm‘ oder ‚gehörlos‘ referieren, und ich merke, wie ich mich leicht nach vorn beuge, weil etwas in diesem Vortag mein Interesse weckt. “Commitment“, denke ich, weil mir das deutsche Wort nicht sofort einfällt und in just in diesem Moment, hat sich die Exkursion für mich personalisiert. Meine erste Assoziation zu diesem Ort wird künftig die junge Frau sein, die mit großer Geste auf die großen Gesten verweist, derer man nächste Woche in der Potsdamer Str. ansichtig werden wird, wenn hier anlässlich der ‚Deaf Week‘ eine Demonstration stattfindet.

potseherbst.jpg

potseherbst (Foto Scholl)

Später ein pittoresker Park, menschenverlassen ist er und mit akkurat getrimmtem Gras; es bilden sich Zweier- und Dreiergrüppchen. Von Migration ist die Rede, von Studentenwohnheimen und von Lofts für Reiche, die noch nicht so richtig kommen wollen, aber es wird ja stadtentwickelt. Verweis auf Hotels, Kindergärten, Schulen, Ateliers, irgendwo dazwischen Pause in der Kaffee-Garage des Freien Museums. Einem großen Heizkörper wurden Bücher zwischen die Rippen gesteckt. Heizregal.

Heizregal.jpg

Heizregal (Foto Scholl)

Weiter im Projekt.
Westwärts: Rossmann, Asia Box, Ein Euro Shop, Nagelstudio, ein Juwelier – Harem steht auf dem Schild – Burger King, LSD. Informationen über Gentrifizierung und Prostitution.

An der Bülowstraße steige ich in die Bahn. Reizüberflutet.
Am Donnerstag kommen wir zurück – es ist noch reichlich Potse übrig.

Potse Eindrücke

Von HU Gastblogger Christian Döring

Potsdamer Straße 91 Freies Museum Berlin war die Adresse. Ich bin sowieso schon spät dran und nun find ich die Hausnummern nicht. Und das ganze Gewusel auf den Straßen und Bürgersteigen. Überall Läden im Erdgeschoss, und darüber Wohnungen. Die Straße wirkt wie ein Kanal für jegliche Bewegungen, es geht nur vorwärts. Hm Nr. 71, ich muss dran vorbei gelaufen sein. Also doch nochmal zurück. Ein Glück da hinten sind sie, ich hab sie noch erwischt. Und die Tour durch die Potse beginnt.

Man kann Orte erst richtig kennenlernen, wenn man sie durchläuft, durchquert und alles auf sich wirken lässt um ein Gefühl für das Lokale zu bekommen. Wir betreten Hinterhöfe, die spannender und geschichtsträchtiger sind, als sie im ersten Augenblick scheinen. Ein unscheinbarer Wohnblock Ecke Pallasstraße, der sog. Berliner Sozialpalast, ist der ehemalige Standort des Sportpalastes, einer im Jahr 1910 erbauten Mehrzweckhalle. Sie war Veranstaltungsort u. a. für Boxkämpfe, Reitturniere und Radrennen. Traurige Berühmtheit erhielt sie vor 67 Jahren als Joseph Goebbels seine berüchtigte Rede hielt, in welcher er den totalen Krieg ausrief. 1973 wurde die Halle abgerissen und der Sozialpalast errichtet.

Weiter geht’s auf unserer Tour. Doch halt! Warum ist es plötzlich so ruhig? Vor gut zweihundert Metern sind wir in eine quer zur Potse verlaufende Straße eingebogen. Der Stimmungswechsel auf so kurzer Distanz ist verblüffend. Nur vereinzelt befahren Autos die Straßen, die Anzahl an Bäumen sowie an Sträuchern hat sich vervielfacht und der Geräuschpegel ist drastisch gesunken. Ein Gefühl von Entspannung macht sich breit, das im völligen Gegensatz zum hektischen Gewusel auf der Potsdamer Straße steht.

Unser Rundgang führt uns zum Potsdamer Platz und in der Nähe gelegenen Haus Vaterland. Das Haus Vaterland war eine von der Firma Kempinski betriebene Vergnügungsstätte mit zwölf Restaurants, dem größten Café der Stadt, einem Ballsaal, einer amerikanischen Wild-West-Bar sowie musikalischen und artistischen Veranstaltungen. An selber Stelle befinden sich heute die Park Kolonnaden, ein Gebäudekomplex mit Raum zum Arbeiten, Wohnen und Einkaufen.
Wir beenden unsere Erkundungstour wieder südlich des Landwehrkanals mit der aktuellen Problemlage beim ehemaligen Wegert-Haus. Hier sollte über dem Erotikkaufhaus LSD ein Laufhaus entstehen, mit dem Ziel, die Prostitution von der Straße und aus dem Blickfeld der Anwohner zu holen. Dieser Ansatz war jedoch umstritten, da es keinen Beleg dafür gab, dass ein solches Laufhaus tatsächlich die Prostitution in die eigenen Betriebsräume verlagere. Vielmehr hatte man die Befürchtungen es entstünde lediglich ein neuer Zweig desselben Business und alles bliebe beim Alten oder verschlimmere sich sogar. Das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg lehnte den Bauantrag ab und wurde zuletzt vom Verwaltungsgericht bestätigt in seiner Entscheidung bestätigt.

Mit diesen vielfältigen, völlig unterschiedlichen, z. T. voneinander abweichenden Eindrücken verlassen wir die Potsdamer Straße. Hoffentlich schaff ich noch die nächste S-Bahn!

Die große Unbekannte

Von Gastbloggerin Stefanie Vogt

Die letzten Regentropfen trommeln auf das Blechdach, und schnell machen die dunklen Wolken der Sonne Platz. Der Hof des Freien Museums erhellt sich endlich wieder. Von dort aus starten wir unsere Tour durch die Potsdamer Straße. Eine Straße, von der ich bis jetzt nichts kenne, als den Potsdamer Platz und das bekannte Kulturforum, das irgendwie nicht so wirklich in das Bild der Umgebung passen will. Die Neue Nationalgalerie, eine Ikone der Klassischen Moderne, an der ich mir 5 Stunden die Beine in den Bauch stand, um ins MoMa zu kommen…am Ende doch vergeblich. Oder die Staatsbibliothek, die Bibliothek der Moderne, welche man sogar schon in Wim Wenders „Himmel über Berlin“ bewundern konnte. Mehr kenn ich nicht.

Die magische Schwelle Richtung Schöneberg habe ich nie überschritten. Wir laufen weg vom Kulturforum über den Landwehrkanal, wo damals, einige Meter weiter im Tiergarten, Rosa Luxemburg den Tod fand. Die Straße ist laut. Das Brummen der Autos dröhnt in meinen Ohren.

Schnell machen wir eine Abzweigung nach Links. Auf dem Straßenschild lese ich „Am Karlsbad“.

Plötzlich verstummt der Lärm, und vor uns tut sich eine kleine grüne Oase auf, die man dort wahrscheinlich nie vermutet hätte. Das beeindruckt mich. Weiter geht’s durch ein paar kleine Seitenstraßen, manche Häuser nett saniert, andere noch in ihrem alten Charme. Mark Twain soll hier kurz gelebt haben, aber der Dreck habe ihn schnell wieder vertrieben. Da muss ich schmunzeln. Inzwischen schieben sich wieder mehr Wolken vor die Sonne und aus der Ferne kann man ein leises Grollen hören.

Wir sind nun wieder auf der Potsdamer Straße. Der Lärmpegel ist hoch und man hat arge Mühe das Wort seines Vordermanns zu verstehen. Ein lautes Scheppern reist mich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich um und sehe Scherben, eine eingebeulte Motorhaube und wild gestikulierende Menschen. Eine Weile stehe ich da und gaffe, wie viele andere es auch tun.

Dann wende ich mich ab. In einer Großstadt wie Berlin ist das Alltag. Ich schlendere weiter. Vorbei an Dönerbuden und Pizzerias, an Obstständen und Geschäften. In dem Stimmengewirr, welches an mir vorbei rauscht nehme ich Fetzen von Türkisch, Arabisch, Französisch, Spanisch und Englisch war. Der Kiez scheint Multikulti. Doch die meisten Touristen schaffen es gar nicht bis hier her, zwischen Kurfürsten- und Bülowstraße. Hierher zum Erotikkaufhaus LDS, wo damals der Babystrich begann, auf dem auch schon Christiane F. anschaffen ging. Oder zum Gelände des ehemaligen Sportpalastes,

in welchem Joseph Goebbels einst den Totalen Krieg ausrief. Jetzt ziert ein zehnstöckiges Hochhaus dort die Straße, welches früher im Volksmund auch liebevoll Sozialpalast genannt wurde.

Die Tour ist beendet und ich schwinge mich auf mein Fahrrad zurück in Richtung Potsdamer Platz. Dabei lasse ich die Eindrücke noch einmal auf mich wirken und stelle fest, dass diese Straße sehr widersprüchlich ist.

Hier treffen sich unterschiedliche Kulturen und Lebensstile, Restaurants von Schwäbischen Maultaschen bis zu äthiopischer Küche laden zum Verweilen ein. Ateliers und Galerien in Hinterhöfen, versteckte Schätze der Architektur und stille Zeitzeugen der Geschichte.

Ich bin wieder am Potsdamer Platz angekommen. Dort wo die Touristen wild mit ihren Kameras knipsen, die gläsernen Hochhäuser in den Himmel ragen und alles so steril und sauber zu sein scheint. Ich habe einen Eindruck gewonnen von der Straße, die ich vorher nicht kannte. Ob wir Freunde werden kann ich noch nicht sagen, doch hat sie irgendwie Charme. Die Sonne hat sich nun wieder durch die Wolken gekämpft und lässt die letzten Pfützen verschwinden.

Führung „Verruchte Potse“ am Sonntag, den 19. September 11 Uhr

Die Psychoanalytikerin Verena Kast beschreibt das Dunkle, den Schatten als „die subversive Lebenskraft.“

Der Verkauf seines Schattens bringt Peter Schlehmil in Adelbert Chamissos Märchenerzählung kein Glück, sondern Einsamkeit. Hätte er ihn nur behalten, sinniert er immer wieder.

Was hat Adelbert Chamisso mit der Potsdamer Straße zu tun? Und zu welchem Glück und Fortschritt trägt die „subversive Lebenskraft“ an der Potsdamer Straße bei?

In meiner Führung „Verruchte Potse – Lichtschatten Schattenlicht“ gehe ich auf diese und andere Fragen ein. Ich werfe Licht in die dunklen Ecken der Vergangenheit und lasse das Licht hinter dem Schatten der Gegenwart sichtbar werden.

Weitere Infos unter Verruchte Potse

Die nächste Führung findet statt am

19. September, 11 Uhr – Dauer circa 1.5 Stunden
Treffpunkt: Potsdamer Straße 192 (nähe Kleistpark)
Anmeldung: potseblog/@/wosnitza-berlin.de
Kosten:  € 9 pro Person

Ich würde mich freuen, Ihnen die Potsdamer Straße näher bringen zu können.

Hochbunker Pallasstraße am Tag des offenen Denkmals zu besichtigen

Ich danke dem QM Schöneberger Norden für den Hinweise – den ich hier gerne weiter gebe:

SDC10993.JPG

Seit der letzten großen Kunstausstellung von Rafael Rheinsberg und Lilly Engel ist der Hochbunker in der Pallasstraße wieder geschlossen. Nun wird das schlummernde Monument für einen Augenblick geweckt, denn am Tag des offenen Denkmals besteht die Möglichkeit, das Gebäude im Rahmen von zwei Führungen für maximal 20 Personen von innen zu besichtigen. Eine rare Gelegenheit, von Herrn Bodo Förster, einem ausgewiesenen Fachmann, Interessantes über den Ort und seine Geschichte zu erfahren. Interessierte müssen sich bis zum 10. September anmelden.

Im Hochbunker ist eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes zu sehen, im vergangenen Jahr hat das Kunstamt Tempelhof Schöneberg mit Mitteln des Programms Soziale Stadt ein Faltblatt mit interessanten Fakten und Abbildungen herausgegeben. Das Umfeld des Bunkers ist heute ein „Ort der Erinnerung“.

Hochbunker Pallasstraße und ehemalige Augusta-Schule (heute: Sophie Scholl-Schule)

Elßholzstraße 34-37, 10781 Berlin Schöneberg

Die Führungen finden statt am 11. und 12. September, jeweils ab 14.00 Uhr, der Treff wird bei der Anmeldung bekannt gegeben

Anmeldung erforderlich bei: Gabriele Springfeld, Tel.: 030 902776163, Fax.: 030 902776329, E-Mail: mail@museentempelhof-schoeneberg.de

Ich hab‘ am Sonntag die Langenscheidts besucht

SDC12378.JPG

In den letzten Wochen finde ich mich unverhältnismäßig oft auf Friedhöfen wieder. Am Sonntag auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, circa 25 Fahrradkilometer von der Potsdamer Straße. Angeregt wurde dieser Besuch durch die Ausstellung Kunstraum Mausoleum, die vor kurzem auf dem St. Matthäi-Kirchhof eröffnet wurde. Die beiden Begräbnisorte verbindet eine gemeinsame Geschichte.

Schon einmal vorab: der 1909 eröffnete Friedhof in Stahnsdorf ist wunderschön. Eine 206 Hektar große Waldlandschaft, mit wunderbar ruhigen Wegen, mit Unterholz, in der man außer viel Grün und Holz auch alte und neue Grabsteine sieht.

SDC12374.JPG

Doch erstmal zurück zu den Langenscheidts. Ja, die Langenscheidts aus der Crellestraße, die mit den gelben Wörterbüchern. Im Jahr 1856 gründete der Kaufmannssohn Gustav Langenscheid (1832 – 1895) in Schöneberg zunächst die Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung, die 12 Jahre später durch eine Buchdruckerei und Buchbinderei ergänzt wurde.

Ursprünglich begraben wurden er, viele seiner Familienangehörige und weitere honorige BerlinerInnen auf dem St. Matthäi-Kirchhof in der Großgörschenstraße. Dieser gehörte ursprünglich zur Gemeinde der St. Matthäi-Kirche auf dem heutigen Kulturforum. Das war damals keine Kulturbrache sondern dicht bebautes und von gut situierten BürgerInnen bewohntes Tiergarten-Süd.

Fast wäre der Friedhof der Welthauptstadt Germania, das heißt den größenwahnsinnigen Bauplänen Albert Speers, zum Opfer gefallen. Denn die Umgestaltung Berlins beinhaltete unter anderem den Bau einer Nord-Süd-Achse. Da war der Friedhof im Weg.

Deshalb wurden 1938/39 über 200 große Erbbegräbnisse und über 3.000 Grabstellen von Schöneberg nach Stahnsdorf verbracht. Die Erbbegräbnisse befinden sich in der sogenannten „Alten Umbettung“ an einer Längsseite des Friedhofes. Darunter sind übrigens auch Lebensmittelhändler Otto Reichelt (1854 – 1899), der Namensschöpfer des Begriffes Seidenstrasse und Geograph Ferdinand von Richtholfen (1833 – 1905) und viele mehr zu finden.

Es gibt noch zwei weitere Schöneberger Abteilungen mit schlichten Grabsteinen. Dort befinden sich alte und neue Grabstätten, denn auch heute noch finden SchönebergerInnen dort ihre letzte Ruhe.

Grabsteine werden in Stahnsdorf nicht entsorgt, viele stehen dort schon seit über 100 Jahren. Manche sind umgefallen, auf vielen die eingemeißelten Buchstaben verblasst. Die ewige Ruhe währt bei ihnen schon über 100 Jahre. Sie werden der Zeit übergeben.

SDC12381.JPG

—— Wie anders als eine Entdeckung, die ich vor zwei Wochen auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln machte. Dort fand ich viele Grabsteine völlig lieblos auf einen Haufen geworfen. Teilweise waren sie zerbrochen. Sie stammten offensichtlich von Grabstellen, deren 25-Jahres-Frist abgelaufen war. Als ich bei der Verwaltung mündlich darauf aufmerksam machte und nachfragte, wurde mir erklärt, dass eben alles ganz schnell gehen müsse, wenn erst einmal die Aufträge kämen, die Gräber einzuebnen. Da wäre keine Zeit. Ich habe inzwischen eine email-Anfrage an eine weitere kirchliche Stelle geschickt, jedoch noch keine Antwort erhalten. ——

Zurück nach Stahnsdorf, wo die Gräber und das Angedenken in Ruhe gelassen werden. Neben ganz alten Grabsteinen, befinden sich völlig neue Grabstätten. Das gab mir ein unendliches Zeitempfinden.

SDC12403.JPG

Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, doch noch ein Hinweis: in Stahnsdorf sind sehr viele berühmte Persönlichkeiten begraben. Die Geschichte des Friedhofes dokumentiert auch Bestattungskultur in Deutschland. Wer möchte, kann mit dem folgenden Fotoalbum einen kleinen virtuellen Fotospaziergang machen, der jedoch die direkte Erfahrung, Besinnlichkeit, Gedanken über Tod und Leben nur anklingen lassen kann.

SDC12411.JPG

Per Klick - Eindrücke vom Südwestkirchhof

In Stahnsdorf sind naturnahe Bestattungen unter Bäumen möglich. Auf den kleinen Steinen steht der Name und die Lebensdaten. Manche Familien kommen zu Besuch, haben sich eine Bank in die Nähe des Baumes gestellt. Andere wählen diese Bestattungsform, weil sie zu weit entfernt sind, um regelmäßig zu kommen oder weil für sie das Gedenken auf dem Friedhof nicht die angemessene Form ist.

SDC12347.JPG

Heute vor fünf Jahren ist mein Vater Walter Wosnitza gestorben. Ich widme ihm diesen Artikel. Und meiner noch lebenden Mutter, Irmgard Wosnitza.

SDC12344.JPG

Die Clai-re, die Lene und die Lina

Ich möchte von den Frauen an der potse schwärmen. Weil es unzählige, Bekannte und Unbekannte sind, die seit mehr als 100 Jahre hier an der Potsdamer Straße in Sachen Aufklärung, freie Liebe, Soziales, Bildung, Kunst und Leben unterwegs sind.

Ich picke mir Claire Waldoff und Lina Morgenstern heraus. Beide sind dieser Tage wieder in der Gegend – kabarettistisch, kulinarisch, kulturell sozusagen. Zwei Veranstaltungen sind ihnen gewidmet.

Kleine Kalenderpause – gleich geht’s weiter:
Für Kurzentschlossene: Heute abend, 21. August, 19.30 Uhr, Theater O-TonArt, Kulmer Straße 20a
„Ich will aber gerade vom Leben singen“ – Claire Waldoff – Eine musikalische Bigorafie von und mit Sigrid Grajek
Dann noch mal am 3. Oktober, 7. November, 5. Dezember jeweils 15 Uhr am selben Ort.

Zum Vormerken: Kommenden Freitag, 27. August um 19 Uhr, Café Palladin, Pallasstraße 8/9
„Lina Morgenstern – Gründerin der Berliner Volksküchen“
Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Die Potsdamer Straße. Eine Charme-Offensive“.
Ende Kalenderpause – Jetzt geht’s weiter

Die lebenslustige, lesbische Claire Waldoff sang wie ihr der Schnabel gewachsen war. Als einer ihrer ersten Auftritte im „Roland von Berlin“ von der Zensur bedroht war (sie wollte nach 22 Uhr im Anzug anti-militaristische Liedern singen!!!) sah es so aus, als gäbe sie klein bei. Sie wollte doch unbedingt auf die Bühne, ihre Karriere nicht beenden, bevor sie angefangen hatte. Also kaufte sie sich ein hochgeschlossenes braunes Samtkleid aus dem kein kleiner Zeh herauslugte. Sie bekam von Hermann Frey (Text) und Walter Kollo (Musik) „Das Schmackeduzchen“ – da konnte man doch wirklich nicht meckern, nur schnatternd lachen.

Das war so um 1906. Walter Kollo wohnte damals in der Potsdamer Straße 54, kurz vor der Bülowstraße. Claire Waldoff war unbekannt, doch er hatte sie schon längst „entdeckt“. Schmackeduzchen machte beide berühmt.

Und dann sang sie wieder, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Und lebte auch so. Mit ihrer Freundin Olly Roeder eine lesbische Liebe, was in Schöneberg zu der Zeit gar nicht so ungewöhnlich war, denn hier tummelte sich die Bewegung der Homosexuellen und Frauen. Zum Beispiel in der „Pyramide“ in der Schwerinstraße, einer der vielen Nachtclubs im Kiez, wo nachts auch Anita Berber und andere Zelibritäten auftauchten.

Komisch und zu Herzen gehend offen und ernsthaft sensibel ist dieser biographische Abend von Sigrid Grajek alias Claire Waldoff im Theater O-Ton-Art, das passenderweise im gleichen Haus in der Kulmer Straße lokalisiert ist wie die Lesbenberatung Berlin – die wohl älteste Kontaktstelle dieser Art in jüngerer Zeit.

Und Sigrid Grajek alias Claire Waldoff erzählen auch von Armut. Eine Situation, die Jahrzehnte zuvor Lina Morgenstern umtrieb und in Aktion brachte. Die Schriftstellerin, Redakteurin, Verlegerin und Frauenrechtlerin hatte den Spitznamen „Suppenlina“, denn 1866 gründete sie die Berliner Volksküchen, in denen arme Menschen zum Selbstkostenpreis eine warme Mahlzeit erhielten. Dann sammelte sie über 80 Rezepte für Großküchen und veröffentlichte ein Buch über Leitung und Management der Volksküchen. Aus der Rezeptesammlung entstand später das „Illustrierte Universal-Kochbuch.“

Ob am kommenden Freitag wohl die französiche Kartoffelsuppe von Lina Morgenstern kredenzt wird, wenn mit der Veranstaltung „Lina Morgenstern – Gründerin der Berliner Volksküchen“ die Veranstaltungsreihe „Die Potsdamer Straße. Eine Charme-Offensive“ eröffnet wird. Zu verdanken haben wir diese Leckerbissen den AutorInnen Sibylle Nägele und Joy Markert. In der Pause gibt es Kulinarisches à la Morgenstern von den Azubis des Palladins, denn des ist ein Ausbildungscafé.

Über Lina Morgenstern wird da noch viel mehr zu erfahren sein. Sie war eine unglaublich produktive Frau, unter anderem Mitgründerin der Fröbelschen Kindergärten, des ersten Bildungsvereins für Arbeiterinnen, des Berliner Hausfrauenvereins und und und. Und sie lebte zuletzt in der Potsdamer Straße 82A (heute 177) und zuvor in der Potsdamer Straße 92 (heute 139).

Da schließt sich ein weiterer Kreis, denn auch heute ist die Potsdamer Straße 139 ein rein von Frauen bewohntes Haus. Bekannt hauptsächlich durch die Begine – Treffpunkt und Kultur für Frauen und das Reisebüro Frauen unterwegs. Bereits seit 1986 sind beide Fraueninitiativen dort tätig. Einige Jahre zuvor hatte im Zuge der Hausbesetzerszene die Hydra – die Beratungsstelle für und von Prostituierten – das Haus zugesprochen bekommen.

Claire Waldoff, Lina Morgenstern, Hydra, Lesbenberatung, Begine, Frauen unterwegs. Ihnen ist gemeinsam, dass sie nah dran waren am Leben von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Not litten und die normalen Bahnen nicht gehen wollten. Die also etwas Besonders waren.

Doch wer ist Lene aus der Titelzeile?

Na wegen ihr kamen Frauen in Bildung, auch Claire Waldoff, die 1896 die ersten Mädchengymnasialkurse von Helene Lange in Hannover besuchte. Da war die revolutionäre Bildungsoffensive bereits weit gereist. Denn die ersten Kurse fanden 1889 in der Pohlstraße 60-62 statt – ja, genau dort wo heute das Lernhaus und die fusionierte Grundschule ist (ehemals Fritzlar Homberg und Grips, bis dato noch ohne neuen Namen).

Wenn die Jungs mittags nach Hause gingen, dann kamen die Mädchen wissbegierig und enthusiastisch, um nun endlich auch für sich den Stoff zu bekommen, aus dem Bildung ist. Die Pohlstraße hieß noch Steglitzer Straße. Heute ehrt der Name Ottilie Pohl, Berliner Stadtverordnete der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) im Bezirk Tiergarten. Im November 1942 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach Theresienstadt deportiert und starb dort 76-jährig im Dezember 1943. Denn sie war eine entschiedene und trotz Gefängnisaufenthalt unbeugsame Gegnerin der Nazis.

Unter anderem war sie in der „Roten Hilfe“ aktiv. Wie andere Frauen – zum Beispiel Claire Waldoff – organisierte sie die Betreuung von Kindern, bei denen ein Elternteil verhaftet worden war und sammelten Geld für Angehörige Inhaftierter oder Untergetauchter.

Auch bei Claire Waldoff stand die Staatsmacht deshalb irgendwann vor der Tür und beschuldigte sie der Hilfe von Kommunisten. Schlagfertig entgegnete sie, dass sie Kindern hülfe und dabei nicht nach dem Parteibuch der Eltern frage. Claire und Olly verließen dann Berlin, nicht nur zur eigenen Sicherheit, sondern auch aus Trauer darüber, dass so viele ihrer jüdischen FreundInnen emigrieren mussten oder ermordet wurden.

Doch von 1907 bis 1935 waren die Gassenhauer von Claire Waldoff die Hits der Berliner Straßen. Heute gehört, sind sie noch hochaktuell. Sie sang von dem Unsinn der Schönheitschirugie aufgrund „Emil seine unanständige Lust“, von Zille „das war sein Milljöh“, pries „die Zwiebelkur“ als Hausmittelchen und empfahl „Raus mit den Männern“ aus dem Reichstag. Und sie war sich ganz sicher: „Die praktische Berlinerin“ – det war die super Nummer.

Wie, ich hab ihn doch grad‘ noch gesehen!

Bruno S. ist tot.

Als ich dies in einer Redaktionssitzung heute erzählte, glaubten sie mir nicht. „Vor ein paar Tagen noch ist er doch hier vorbeigegangen.“ Dann ging es an die Computer, um es nachzuprüfen. Auf Wikipedia – da ist es schon eingetragen. Da war es auch für die Zweifler amtlich, obwohl Bruno Schleinstein. nie auf Wikipedia zu Hause war.  Auch nicht in der New York Times doch er schaffte es auch dorthin: From Berlin’s Hole of Forgottenness, a Spell of Songs

Bruno S. wurde bekannt als Kaspar Hauser in Werner Herzogs Film „Jeder für sich und Gott gegen alle„. Dann noch „Stroszek.“ Das ist schon lange, seitdem ist viel passiert und nachzulesen, zum Beispiel im Nachruf von Thomas Loy im Tagesspiegel „Welche Farbe hat das Gewissen? Wissen Sie das?“.

Bruno S. lebte in der Kurfürstenstraße und war in dieser Gegend und elsewhere ständig mit Akkordeon und Glockenspiel unterwegs. Kam spätnachts nach Hause. Machte sich seine Gedanken, malte sie, schrieb sie nieder, sprach und spielte sie aus. Hier bei einer Ausstellung von Miron Zonwir im Bongout im Prenzlauer Berg am April 22, 2009.

Ich kannte Bruno S. nicht persönlich. Dank der modernen Technik ist eine Begegnung mit Bruno S. auch jetzt noch möglich machen. Hier ein faszinierendes Portrait von Tom Littlewood für VBS.tv ( Klick Bild – skip ad – oben links – dann geht’s gleich zum Film)

Denunziationen im Pfarrhaus waren an der Tagesordnung ODER Die ersten Türken an der Potsdamer Straße waren Juden

Ein langer Titel. Wo sich doch über die Enthüllung einer Gedenktafel kurz und knapp berichten ließe:

Sonntag, 14. März, 10:00 Uhr in der Zwölf-Apostel-Kirche
Gedenkgottesdienst, die Predigt hält Pfarrer Dr. Andreas Fuhr
Anschließend Enthüllung der Gedenktafel für Pfarrer Adolf Kurtz am Pfarrhaus und Empfang.

SDC11605.JPG

So könnte es sein. Doch der Geehrte hat für mich die Potsdamer Straße noch einmal in ganz andere Zusammenhänge gesetzt. Was passierte?

1922 kam der damals 31jährige Adolf Kurtz an die Zwölf Apostel Kirche in Berlin-Schöneberg. Er fand eine florierende Gemeinde, die 1880 um einen Kirchenneubau am Dennewitzplatz hatte erweitert werden müssen. Die Potsdamer Straße war die große Ausfallstraße nach Süden. Die Bevölkerung des Gebietes mischte sich aus allen sozialen und kulturellen Schichten. Christen und Juden lebten Haus an Haus.

Am Landwehrkanal war die Tiergarten-Synagoge e.V., eine orthodoxe Synagoge für circa 100 Mitglieder, eine markante Landmarke. Zu ihren Mitgliedern gehörte u.a. der Vater des Malers Max Liebermann. Doch die Gemeindemitglieder zogen weiter in den Westen Berlins. 1928 verkaufte der Verein an die Firma Loeser und Wolff, die das heute noch stehende Geschäftshaus dort erbaute.

SDC11596.JPG

In der Lützowstraße 16 war 1898 eine große liberale Synagoge mit 2.000 Sitzplätzen eingeweiht worden. An ihrer großen Orgel wurde 1932 die bedeutende Freitagsabend Liturgie von Heinrich Schalit uraufgeführt.  Als in den 20er Jahren die Sitzplätze nicht ausreichten, mietete die Jüdisch Gemeinde zusätzlich den Blüthner- und Feurichsaal in der Lützowstraße 76 (nahe Genthiner Straße), ein Konzert- und Vorführraum der Klavierfabriken.

SDC11597.JPG

SDC11588.JPG

Ecke Flottwellstraße mietete der Israelitisch-Sephardische Verein sich 1905 in einer Wohnung der Familie Wertheim ein. 1891 war bereits der erste Gottesdienst nach sephardischem Ritus in Berlin abgehalten worden und dies war nun die erste Synagoge osmanischer und türkischer Juden in der Stadt. Als Nachkommen spanischer und portugiesischer Juden waren sie während der Inquisition des 13. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal in die Türkei geflüchtet und dann von Wilhelm II. als Handwerker, Gewerbetreibende und Handelsleute nach Berlin geholt worden. Zu Beginn zählte die Gemeinde nicht viel mehr als ein Dutzend Mitglieder, doch seit 1915 besuchten 70 SchülerInnen die Schule und in den 30er Jahren wuchs die Mitgliederzahl auf 500.

Außerdem fand Pfarrer Adolf Kurtz in der Umgebung der Zwölf Apostel Kirche Mietkasernen, Nachtlokale, Vergnügungsetablissements und aufgrund der Inflation so viel Armut, dass er bereits 1923 Notküchen in der Kirche eröffnete.

So wie in ganz Berlin erstarkte auch in den christlichen Gemeinden entlang der Potsdamer Straße das anti-demokratische Gebaren. Die Mehrzahl der Christen begrüßte das Ende der Weimarer Republik mit einem Aufatmen und gingen freiwillig eine Verbindung zu den Nationalsozialisten ein.

Gleichzeitig wurde die Potsdamer Straße Ende der 20er Jahre zur nationalsozialistischen Einfallsschneise. 1927 eröffnete die zweite Geschäftsstelle der NSDAP in Berlin in der Lützowstraße 44. (Ecke Derfflinger Straße). Mit der Machtergreifung verboten die Nazis alle politischen Kundgebungen im Sportpalast (auf dem Gelände des heutigen Pallasseum), um den Ort ausschließlich für ihre eigenen Propagandazwecke nutzen zu können.

SDC11613.JPG

Aufmärsche der SA und der NSDAP waren auf den breiten Straßen an der Tagesordnung. Während des Krieges befand sich das von Adolf Eichmann geleitete „Judenreferat“ IV B 4 in der Kurfürstenstraße 115/116 (heute Hotel „Sylter Hof“). Die Deutsche Arbeitsfront befand sich in der Potsdamer Straße 182 (heute PallasT) und im Krankensaal des „Deutschen Frauenordens“ in der Kurfürstenstraße wurden verwundete SA-Männer wieder gesund gepflegt.

In der Zwölf Apostel Kirche fanden Massentrauungen von SA-Mitgliedern statt. „Die damalige Kirche stand nicht ZWISCHEN  Kreuz und Hakenkreuz sondern FÜR Kreuz und Hakenkreuz“,“ sagte Pfarrer Heinz-Hermann Tschaikowsky in einem Vortrag am 11. März 2010 im Gemeindehaus.

Am 13. November 1933 tagten die Deutschen Christen im nahen Sportpalast. Sie forderten die restlose Durchführung des Arierparagraphen, einen Verzicht auf das „undeutsche“ alte Testament, da es sowieso nur „jüdische Lohnmoral, Viehhändler- und Zuhältergeschichten“ enthalte und die Verkündung eines heldisch, germanischen Jesus.

Auch ein Pfarrer der Zwölf Apostel Kirche war unter den 20.000 begeisterten Zuhörern. Er wurde zu einem vehementen Widersacher von Adolf Kurtz und versäumte keine Gelegenheit ihn zu denunzieren.

Und derer ergaben sich viele. Adolf Kurtz‘ Ehefrau Eva war die Tochter des jüdischen Chirurgen Moritz Borchardt und in Zwölf Apostel getauft.

Adolf Kurtz war von Anfang an aktives Mitglied der Bekennenden Kirche und damit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Im April 1934, als SA-Führer Peter Voss unter Fahnen und mit großem Aufgebot in der Zwölf Apostel Kirche beigesetzt wurde, ließ Kurtz sich nicht von Gestapo und SS beirren und trat in lauter, offener Fürbitte für die verfolgten Brüder und Schwestern der Bekennenden Kirche ein.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 eröffnete Kurtz für Christen jüdischer Herkunft ein Hilfsbüro (Vorläufer „Büro Grüber“) und richtete eine Schule für vertriebene Kinder jüdischer Herkunft in der Oranienburger Straße ein. Seit 1935 hielt er ständig Kontakt mit Widerstandsgruppen und mit ausländischen kirchlichen Persönlichkeiten aus der Ökumene.

Die Bekennende Kirche protestierte erst im Mai 1936 – im Jahr der Olympiade in Berlin – das erste Mal öffentlich gegen die Rassenpolitik der Nazis. In einer von Friedrich Weißler und Ernst Tillich verfassten Denkschrift, die an die ausländische Presse verteilt wurde, stellten sie das christliche Gebot der Nächstenliebe gegen die Verpflichtung zum Judenhass, prangerten die Konzentrationslager an und sahen in Juden den hilfsbedürftigen Bruder und nicht den Rassefeind. Pfarrer Kurtz organisierte die Bekenntnisversammlungen mit Rednern aus dem Ausland.

Doch die Bekennende Kirche schwieg im Verlauf der Reichspogromnacht im November 1938. Wie überall in Berlin tobte der Mob auch an der Potsdamer Straße. In der Synagoge Lützowstraße randalierte sie hauptsächlich im Inneren, denn die umstehenden Häuser wären bei einem Brand in Mitleidenschaft gezogen worden. So blieb das Gotteshaus erhalten und im April 1942 wurde der letzte Festgottesdienst dort abgehalten.

Die sephardischen Juden hatten bis weit in die Nazizeit hinein ihre türkischen Pässe behalten, was sie als Ausländer für einige Jahre vor der Deportation schützte. Doch dann fielen sie der türkischen Politik zum Opfer. Diese bürgerte ihre in Deutschland lebenden Juden aus, und sie wurde zu Freiwild in Nazideutschland. Am 25. Januar 1943 wurde Rabbiner Eli J. Uziel ins Ghetto Riga deportiert und getötet. Von anderen Gemeindemitglieder gibt es keine genauen Angaben.

Pfarrer Adolf Kurtz tat sein Möglichstes um getaufte Juden zu schützen. Am 16. Oktober 1941 sprach er zusammen mit dem katholischen Bischof Heinrich Wienken bei Adolf Eichmann vor. „Wir beschlossen, wie wir es schon öfters getan hatten, in die Höhle des Löwen zu gehen und mit dem Höchstverantwortlichen in der Gestapo zu verhandeln. […] Man warnte uns dringend, zu Eichmann zu gehen. […] Die wildesten Gerüchte kursierten über ihn, schlimmer noch als über Himmler. Allgemein wurde er als der ‚Judenmörder‘ bezeichnet,“ erinnerte sich Kurtz 1960.  Der Besuch war erfolgreich und die Schule in der Oranienburger Straße konnte vorerst weitergeführt werden.

Die Zwölf Apostel Kirche wurde zur Bekennenden Kirche mit circa 1.000 Mitgliedern, von denen etwa 250 getaufte Christen waren. Noch in der Karwoche 1942 ließ Kurtz Christen mit und ohne Judenstern am Abendmahl teilnehmen. Die (deutsche) Mutter eines gerade konfirmierten Jungens protestierte dagegen bei der Partei, denn sie war schockiert, dass ihr Sohn so etwas erleben musste.

Die Nazis sahen den Ereignissen in Zwölf Apostel teils ohnmächtig zu und nannten sie „Synagoge am Nollendorfplatz.“ SA-Trupps besuchten die Gottesdienste und forderten, dass der „Judenknecht“ Kurtz von der Kanzel herunter steigen sollte.

SDC11603.JPG

Doch 1942 drohte auch Kurtz die Deportation nach Dachau. Dank der Verbindungen seines Schwiegervaters zum später ermordeten Rechtsanwalt Carl Langbehn und zu einem Kreis von Prominenten – darunter Theodor Heuss, Otto Dibelius, Ferdinand Sauerbruch – wurde er gerettet.

Nicht so die jüdischen Gemeindehäuser. Das Gelände, auf dem sich das Haus mit der Synagoge der sephardischen Gemeinde befand, ist seit Kriegsende eine Brache. Nichts erinnert mehr an das, was dort einmal stattfand.

SDC11591.JPG

Die Reste der zerbombten liberalen Synagoge wurden 1954 abgetragen.

SDC11594.JPG

SDC11592.JPG

SDC11598.JPG

1948 übersiedelte Adolf Kurtz nach Oxford und wurde dort Pfarrer der deutschen Gemeinde. Von hier gründete er Tochtergemeinden – unter anderem in Coventry – und leistete Versöhnungsarbeit.

Doch die Versöhnungsarbeit und die Begegnungen zwischen Juden und Christen in Deutschland gestaltete sich schwierig. In Berlin gründeten die Amerikaner 1949 die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Pfarrer beteiligten sich daran zunächst nur sehr zögerlich.

Der Berliner Kirchentag 1961 war der erste mit einer Arbeitsgemeinschaft von Christen und Juden. Sie wollten über Gemeinsamkeiten und Trennendes. Das Aufeinandertreffen war so heftig, dass der Dialog schon kurz nach Beginn fast wieder beendet war.

1991 bekannten sich die Christen zur Mitschuld am Holocaust. Im Jahr 2000 wurde die Judenmission – durchaus gegen Widerstand – definitiv verworfen. Erst seit 2006 treffen sich in Deutschland einmal jährlich Vertreter von katholischer Bischofskonferenz und evangelischer Kirche mit Repräsentanten der beiden Rabbinerkonferenzen.

1975 verstarb Adolf Kurtz in England und wurde auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in der Kolonnenstraße begraben. Im Juni 2001 folgte ihm seine Frau.

Das Gemeindehaus der Zwölf Apostel Kirche wurde schon vor einiger Zeit nach diesem besonderen Pfarrer benannt. Im Jahr 2008 begannen die ersten Überlegungen für einen Gedenktafel Diese wurde am 14. März 2010 im Rahmen eine Gedenkgottesdienst enthüllt.

SDC11606.JPG

Nachklang:
Auf Initiative der Quartiersmanagements treffen sich seit 2006 VertreterInnen der verschiedenen Religionsgemeinschaften in Tiergarten-Süd und Schöneberg Nord. Sie alle wollen eine stärkere Mitverantwortung für das soziale Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen im Kiez übernehmen. Hierzu gehören:
Zwölf Apostel Gemeinde
Lukas Gemeinde
Syrisch-Orthodoxe Gemeinde
Semerkand Moschee
American Church
St. Matthias
Anadolu Moschee
Eine Synagoge ist nicht dabei, denn es gibt kein jüdisches Gemeindeleben mehr an der Potsdamer Straße.
Hinweis:
Vom Bosporus an die Spree – Türkische Juden in Berlin
Eine Ausstellung des Centrum Judaicum
4. Februar bis 3. Mai 2010
Oranienburger Straße 20, 10117 Berlin
Reminiszenzen
SDC11610.JPG
SDC11618.JPG
Quellen:
* Wikipedia
* Evangelische Zwölf-Apostel-Kirchengemeinde
* Vorträge von Pfarrer Heinz-Hermann Wittrowsky und Dr. Harmut Ludwig
* Sibylle Nägele und Joy Markert: Literatur-Salon Potsdamer Straße: »Die Potsdamer Straße. Geschichten, Mythen und Metamorphosen« Frühzeit und Entwicklung der Gemeinden
* Jüdische Zeitung
* Ulrich Eckhardt /Andreas Nachama: Jüdische Orte in Berlin, Nicolai Verlag 1996
* Jörg Krohmer: Foto Stolperstein Abraham Fromm, Potsdamer Straße 102